Sternengucker litt lange

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Frühjahr 1933: Die Demütigungen des Juden Julius Heilbronn begannen

von Thomas Schattner

Er hieß „der Sternengucker“, weil er immer erhobenen Hauptes durch Homberg ging: der Jude Julius Heilbronn. Vom Frühjahr 1933 an hatte der Mann mit den grauen Augen viele Demütigungen ertragen müssen. Die Zeit war von persönlichen Rachefeldzügen der NSDAP-Genossen gekennzeichnet.

Zwei Homberger, die sich vor 1933 bei der Schutzpolizei beworben hatten, rächten sich an Julius Heilbronn, weil er damals ihre Einstellung verhindert hatte. Sie holten ihn aus der Wohnung, gaben ihm ein Schild zu tragen und führten ihn durch Hombergs Straßen – begleitet von vielen Jugendlichen. Auf dem Schild stand geschrieben: „Ich habe veranlasst, dass deutsche Jugend nicht zur Schupo kann.“

Ehrenkreuz nutzte nichts

Noch öfter sollte Julius Heilbronn später auf diese Weise durch Homberg geführt werden. Er, der im Ersten Weltkrieg an der Westfront durch einen Gasangriff schwer verwundet und 1934 mit dem „Ehrenkreuz der Frontkämpfer“ ausgezeichnet wurde. Er wurde 1937 nach Recherchen von Friedrich Dreytza auf offener Straße von zwei SS-Männern als „Saujude“ beschimpft. Da er eine starke Persönlichkeit besaß und 1934 zudem mit dem „Ehrenkreuz der Frontkämpfer“ ausgezeichnet wurde, wehrte er sich und zeigte die beiden SS-Männer bei der Polizei in Homberg an. „Diese Anzeige aber wird nicht angenommen und er selbst wird als Störer aus dem Polizeiwachlokal des Rathauses hinausgeworfen“, recherchierte Dreytza. Zu dieser Zeit litt Julius Heilbronn schon stark an der Diabetes. Er brauchte Insulin zum Überleben. Auf die Reichspogromnacht reagierte er ähnlich. Erneut versuchte er bei der Polizei Strafanzeige zu stellen.

Seine Bemühung führte dazu, dass ihm ein Schild mit der Aufschrift: „Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren!“ um den Hals gehängt und er von einem Polizeibeamten durch die Stadt Homberg geführt wurde. Das Gleiche geschah am 16. Januar 1942, als sich Heilbronn dagegen wehrte, dass Juden zum Spenden von Winterkleidung gezwungen wurden.

Wegen Aufsässigkeit gegen die Polizei wurde Julius Heilbronn im Februar 1942 in die Landesarbeitsanstalt Breitenau eingewiesen. Erst zwei Monate später wurde er wieder freigelassen.

Zu schwach für Transport

Die Gründe für seine Inhaftierung sind aus den Akten nicht ersichtlich. Sie geben nur eine Ahnung von den Leiden des Hombergers: Die Geheime Staatspolizeistelle Kassel wies den Direktor der Landesarbeitsanstalt schriftlich an, Julius Heilbronn „besonders scharf zur Arbeit heranzuziehen“. Am Tag seiner Entlassung ordnete die Geheime Staatspolizeistelle Kassel den Landrat in Fritzlar schriftlich an, Heilbronn sei „bei der nächsten Evakuierung mit abzuschieben“.

Wie sehr er durch die Internierung gesundheitlich geschwächt war, geht aus einem Schreiben des Staatlichen Gesundheitsamtes in Fritzlar vom 28. Mai 1942 an den Homberger Bürgermeister hervor. Als Fazit formuliert ein Mediziner im Hinblick auf die bevorstehende Deportation von Julius Heilbronn, dass „ein Abtransport, wenn überhaupt, nur jetzt möglich ist. Wegen des Schwächezustandes wird empfohlen, den Abtransport im Liegen, am besten auf einer Trage vorzunehmen.“

Julius Heilbronn wurde am 7. September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, Offiziell gilt er als verschollen. Fritz Dreytza geht davon aus, dass Julius Heilbronn schon während des Transportes verstorben ist.

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