Josef Köcher

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Josef "Jupp" Köcher (* 15. März 1907, gestorben 22. April 1997) führte als Landrat von 1951 bis zur Gebietsreform[1] 1972 die Geschicke des Landkreises Kassel.[2]

Vor allem wird ihm zugeschrieben, in den 1950er-Jahren das VW-Werk, Nordhessens größten Arbeitgeber, nach Altenbauna vor die Tore Kassels geholt zu haben. In das Dorf, das bald zur Keimzelle Baunatals wurde, heute drittgrößte Stadt der Region.[3]

Leben

Josef Köcher wird 1907 als drittes von acht Kindern einer Bauernfamilie in Bleiswedel im Sudetenland geboren. 1923, mit 16 Jahren, tritt Köcher in die SPD ein.

Den Beruf des Kaufmanns erlernt er im Arbeiter-Konsumverein Tetschen-Bodenbach.

Nach dem Einmarsch der Nazis 1938 ins Sudetenland wird der Sozialdemokrat für mehrere Monate im Zuchthaus Bautzen inhaftiert. Den Krieg erlebt Köcher als Soldat der Wehrmacht, verweist aber später darauf, nie einen Schuss abgegeben zu haben. Von den Nazis verfolgt und als politischer Gefangener inhaftiert­ kam er nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Vertriebenen-Transporten aus dem Sudetenland nach Nordhessen. Der gelernte Kaufmann siedelte sich zunächst in Weimar an, zuletzt lebte er in Lohfelden. 1948 zog er für die SPD in den Kreistag ein.

Verdienste

In der Zeit des Wiederaufbaus, machte sich Josef Köcher, der seinen sudetendeutschen Zungenschlag nie verlor, für die Integration der Heimatvertriebenen stark, deren Schicksal er aus eigenem Erleben nachempfinden konnte. Köcher rief die jährlichen Seniorentage ins Leben, damals bundesweit Neuland. Sie zählen seitdem fest zum Jahresprogramm des Kreises. Während der 21 Jahre, die Josef Köcher auf dem Chefstuhl im Landratsamt saß, verbuchte seine Partei, die SPD, stetig Zuwachs. Von anfangs gut 50 auf um die 70 Prozent bei verschiedenen Wahlen. Die Einwohnerzahl des Kreises stieg während der zwei Jahrzehnte von 60.000 auf 90.000 Menschen. Heute leben inklusive der Kreisteile Hofgeismar und Wolfhagen, die 1972 mit der Gebietsreform hinzukamen, knapp 244.000 Bewohner in 29 Kommunen.

Wenig Freude hatte die Stadt Kassel an Köcher. Er schnappte ihr das VW-Werk weg. Er verhinderte zum Ende seiner Amtszeit hin auch eine echte Gebietsreform. Der so genannte Speckgürtel um die Fuldastadt entstand und entwickelte sich prächtig. Dort und im übrigen alten Landkreis ist viel Handfestes geblieben aus der Ära Köchers, der auch 20 Jahre als Landtagsmitglied für seine Dörfer stritt: Schulbauten, Altenheime, die Jugendburg Sensenstein und nicht zuletzt das Jugendseeheim auf der von ihm so geliebten Insel Sylt, wohin es ihn regelmäßig für längere Aufenthalte zog.

Ruhestand

Im Ruhestand engagierte sich der Landrat a.D. vor allem im Roten Kreuz. So trieb er maßgeblich die Umwandlung der früheren Kaufunger Lungenheilstätte zum DRK-Langzeitkrankenhaus und Altenheim voran. Für seine Aufbauleistung erhielt Jupp Köcher viele hohe Auszeichnungen. Darunter das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland mit Stern.

Anekdoten

Manche Anekdote rankt sich um seine ebenso engagierte wie teils autoritäre Amtsführung als Landrat, die immer vom Sinn fürs Praktische geprägt war. Gestandene Männer, die vor Jahrzehnten Stifte in der Kreisverwaltung waren, zum Beispiel die früheren Bürgermeister Gerhard Iske (Kaufungen) und Kurt Stückrath (Vellmar), wissen davon ein Lied zu singen. Aber, davon ist nicht nur Iske überzeugt: „Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit.” In Wiesbaden soll sogar der Schreckensruf „Der Köcher kommt!” durch die Flure gehallt sein, wenn der hochgewachsene Mann wieder einmal wegen Zuschüssen an die Türen der Ministeriumsstuben klopfte. Denn man wusste: Der lässt nicht locker, bevor er das Geld im Sack hat.

siehe auch

Weblinks

  1. Aus HNA.de vom 23. Juni 2010: Dörfliche Planspiele im Fuldatal
  2. Aus HNA.de vom 30. November 2010: Aus 13 wurden sechs
  3. Aus HNA.de vom 7. Dezember 2010: Eine junge Stadt mit Zukunft


Quellen

Jünemann, Ingrid: Vor 100 Jahren geboren: Der legensäre Landrat Josef Köcher. In: Hessische/Niedersächsische Allgemeine vom 15. März 2007.