Jonathan Borofsky

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Das documenta-Lexikon
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Jonathan Borofsky ist ein US-Künstler (Jahrgang 1942), der an der documenta 7, documenta 8 und der documenta IX teilgenommen hat.

Werk

Die Werke Borofskys sind gekennzeichnet durch einen weit gespannten Bogen von Ausdrucksformen, deren Vielgestaltigkeit sich in kein stilistisches Konzept fügen lässt. Sein künstlerisches Schaffen ist über die Jahrzehnte einerseits stets von Elementen und vorherrschenden Ideen der Kunstwelt beeinflusst worden, andererseits durch die Suche nach künstlerischer Einzigartigkeit bestimmt.[1]

Borofsky ist ein besessener Zeichner. Seine Ideen holt er aus seinen Träumen, die er schon früher regelmäßig notierte. Aus den Zeichnungen entwickelte er Großskulpturen, die mittlerweile weltweit die Innenstände prägen. Im Zentrum stehen dabei häufig Menschen und Figuren, die wie Maschinenwesen erscheinen.

Seine Rärne, die er für die Biennale in Venedig (1980) und die Kölner „Westkunst“-Ausstellung (1981) gestaltet hatte, erregten Aufsehen und Bewunderung. Es waren riesige, begehbare Bilder, in denen man sich angesichts der meist direkt auf die Wand gemalten Figuren, Zeichen und Zahlen verlieren, in denen man aber auch stundenlang lesen und träumen konnte; all die Bildbotschaften zwischen Fußboden und Decke beherrschte die riesenhafte Figur eines fluchten- den (Ur-)Menschen (,‚das kann ich selbst sein oder die Menschheit“).

Borofsky, der zu Beginn seiner künstlerischen Arbeit Skulpturen gefertigt und dann auf Leinwand gemalt hatte, empfindet Freude und Genugtuung bei dem Gedanken, dass er seine Bilder, indem er sie auf den Raum bezieht, für die Betrachter öffnen kann und dass er dem Publikum damit auch einen Weg in seine Vorstellungswelt aufschließt.

Viele dieser Bildbotschaften kommen direkt von innen, aus der Traumwelt. Jeden Morgen setzt sich der Künstler hin, beschreibt in seinem dicken Notizbuch die Träume der vergangenen Nacht und skizziert eindrucksvolle Traumbilder - gehörnte Köpfe, doppelte Gesichter und kleine Szenen. Die irrationale Welt der Träume ist die eine große Quelle für Borofskys Arbeit. Eine zweite sind die täglichen Eindrücke - Begegnungen, die Tageszeitung, Raumerlebnisse. Die dritte Quelle ist streng rational: Borofsky, der von der Konzept-Kunst herkommt, schreibt seit Jahren, in einer Art strenger Selbstdisziplinierung fortlaufend zählend, Zahlenfolgen nieder. Wo sich nun Traumbilder und Zahlenreihen treffen, da springt die nächstliegende Zahl in das Bild hinein. Das Mystische dieser Bildwelt wird durch diese überall wiederauftauchenden siebenstelligen Zahlen gesteigert, die Ziffernfolge wird zum Code.

Indem Borofsky seine Bildräume voll eindringlich-einfacher Figuren spontan entwickelt, indem er die herkömmlichen Bild- und Objektformate weit hinter sich läßt und seine vergängliche Konzeption ganz auf den Ausstellungsort zuschneidet, ist er der Prototyp der neuen Künstler-Generation. Wie Borofsky, den Kontrast zwischen rationaler und irrationaler Bildwelt liebt, so schätzt er auch die Spannung zwischen unübersichtlicher Fülle eines Raumes und karger Ordnung. Seine vor wenigen Tagen im Rotterdamer Boymans-van-Beuningen-Museum eröffnete Ausstellung ist eine der kargen Ordnung: In einer großen, weißen Halle stehen fünf schwarze, scherenschnitthafte, fünf Meter hohe Skulpturen aus Holz, Stahl, Aluminium und Fiberglas: „Arbeiter“ heißt diese Installation; die hammerschwingenden Arme der Riesen werden von Motoren bewegt.

Man walking to the Sky

Jan Hoet war überwältigt als endlich auf dem Friedrichsplatz das schräg in den Himmel weisende Rohr stand, auf dem eine Figur kräftig ausschreitend nach oben läuft, hatte der belgische Museumsdirektor das Gefühl, nun sei seine documenta IX gelungen. „Ist es nicht großartig?“ fragte er mit Blick auf die von Jonathan Borofsky (Jahrgang 1942) geschaffene Skulptur. Eine Antwort erwartete Hoet nicht, weil die Frage sowieso nur rhetorisch gemeint war.

Der von Hoet gezündete Funke sprang über. Sehr schnell wurde die Borofsky-Skulptur zum Markenzeichen der documenta. Auch dauerte es nicht lange, bis ein Name für das Lieblingsobjekt vieler Besucher und Passanten gefunden war: Himmelsstürmer. Ja, dieser Maschinenmensch scheint nicht aufzuhalten zu sein. Geraden Weges marschiert er in den Himmel, und er wirkt so, als würde er jedes Hindernis überwinden. Der Himmelsstürmer wurde so zum Symbol des Fortschritts. Von nun an könne es nur noch aufwärts gehen, meinten viele. Und wenn ein Zeichen für die hoffnungsvolle Zukunft gesucht wurde, greift man bis heute gern zum Bild des Himmelstürmers. Auch die Industrie- und Handelskammer, deren Zentrale am Vorplatz des Kulturbahnhofs steht, auf dem jetzt die Borofsky-Skulptur ihren Standort hat, wählte den nach oben stürmenden Mann zu ihrem Lieblingszeichen.

Jonathan Borofsky, dem zusammen mit der neuen Malergeneration 1980 in der Biennale von Venedig der internationale Durchbruch gelungen war, dachte allerdings nicht so eindimensional. Der Mann, der da auf dem steil in den Himmel weisenden Rohr nach vorne schritt, war für ihn nicht nur eine Verkörperung des Optimismus. Der Künstler, der anfangs mit großen Wandzeichnungen bekannt geworden war, sah diese Figur als Grenzgänger. Ja, der Mann war auf dem Weg nach oben. Aber er musste die Balance halten, und irgendwann endete das Rohr. Das heißt: Der Mann hatte nur noch einen begrenzten Weg vor sich, und würde er am Ende nicht stoppen, würde dem Aufstieg der Absturz folgen. Nur dann, wenn man diese Spannung zwischen Aufstieg und Absturz, zwischen Hoffen und Bangen sieht, gewinnt das Werk seine künstlerische Dimension.

Die öffentliche Sympathie für die Borofsky-Skulptur war so groß, dass noch während der documenta IX der Plan entstand, durch eine breit angelegte Sammel- und Spendenaktion das Werk für Kassel anzukaufen. Es wurde auch erfolgreich gesammelt, auch wurde ein Telefonkarten-Set zu Gunsten des Ankaufs aufgelegt. Allerdings wären auf diese Weise kaum die mehr als 600 000 Mark aufgebracht worden, hätten sich nicht auch Kulturstiftungen an dem Ankauf beteiligt.

Fast noch schwieriger als der Ankauf gestaltete sich die Suche nach dem dauerhaften Standort, denn von Anfang an war klar gewesen, dass der Friedrichsplatz bis zur nächsten documenta wieder frei geräumt werden musste. Der Künstler selbst hätte seine Arbeit gern im Parkgelände der Fuldaaue gesehen – also als ein Gegenüber zur Stadt. Dass schließlich das Werk auf dem Bahnhofsvorplatz landete, hatte mit der Entscheidung zu tun, den Hauptbahnhof in einen Kulturbahnhof umzuwandeln. Das war keine schlechte Idee. Allerdings kann bis heute die Lösung nicht überzeugen, dass das Stahlrohr aus einer Art Kleingarten-Anlage aus dem Boden wächst.


Seinen ersten Auftritt in Kassel hatte Borofsky in der documenta 7 gehabt. Da hatten sich vor allem seine in der Neuen Galerie aufgestellten Roboterfiguren, die Hammermänner, eingeprägt, die das Vorbild für die Großskulptur liefern sollten, die heute vor dem Frankfurter Messeturm steht. Borofsky ist ein Künstler, der seinen Figurenvorrat seinen Notizbüchern entnimmt, in denen er seine Träume skizziert hat. Mittlerweile ist er zu einem Bildhauer geworden, der ähnlich wie Claes Oldenburg vielen Metropolen zu ihren Stadtzeichen verholfen hat. So schuf er auch eine riesenhafte Skulpturengruppe für Berlin.

Dass er seine Kasseler Skulptur „Man walking to the Sky“ als Modell für weitere vergleichbare Arbeit verstand, hatte in der documenta-Stadt Irritationen ausgelöst. So schuf Borofsky für Straßburg ein Gegenstück – eine Frau, die in den Himmel läuft. Die Idee, Figuren himmelwärts wandern zu lassen, ließ Borofsky nicht los. So ist jetzt in New York von ihm ein nach oben strebendes Rohr zu sehen, auf dem gleich mehrere Figuren hintereinander nach oben laufen.


Aus: Meilensteine - documenta 1-12


siehe auch

Weblinks und Quellen

  1. Wikipedia-Eintrag zu Jonathan Borofsky