Johann Carl Adam Murhard

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Johann Carl Adam Murhard (1781 – 1863) wurde am 23. Februar 1781 als fünftes Kind des Regierungs-Procurators Henrich Murhard (1739 – 1809) und dessen Ehefrau Maria Magdalena geb. Fischer (1747 – 1807) in Kassel geboren.

Näheres unter: Familie Murhard


Schulbildung und Studium

Zusammen mit seinem etwas mehr als zwei Jahre älteren Bruder Friedrich Murhard wurde er zunächst von Privatlehrern erzogen. Mit fünf Jahren besuchte er elf Jahre das Kasseler Lyceum Fridericianum mit Erfolg, so dass er anschließend mit 16 Jahren das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Georg-August-Universität in Göttingen aufnehmen konnte. Dort hatte bereits sein Bruder Friedrich Mathematik und Physik studiert; er war zu dieser Zeit an der Göttinger Universität als Privatdozent tätig.

Während seines Studiums in Göttingen lernte KM auch die revolutionären Ideen von Adam Smith über das Funktionieren der Marktwirtschaft kennen, die sein gesamtes späteres Denken und sein publizistisches Werk bestimmt haben.

Murhard schloss sein Studium mit dem juristischem Examen und einer Promotion nicht in Göttingen, sondern an der hessischen Landesuniversität in Marburg ab, weil er sich damit einen besseren Einstieg in den hessischen Staatsdienst erhoffte. Dies gelang ihm auch mit einer Bewerbung, die er in acht (!) verschiedenen Sprachen verfasst hatte.


Im hessischen Staatsdienst

In den Jahren 1800 bis 1806 war der promovierte Jurist KM Archivar an der Ober-Rentkammer in Kassel, einer Art zentralem Finanzamt der hessischen Landgrafschaft bzw. ab 1803 des hessischen Kurfürstentums. Die stupide Archivarbeit (Akten ordnen und ablegen) befriedigte den einzigen Akademiker dieser Behörde in keiner Weise, ihn packte der wissenschaftliche Ehrgeiz; so veröffentlichte er in diesen Jahren mehrere volkswirtschaftliche Artikel in überregionalen Zeitschriften, in denen er sich auch kritisch mit der kurhessischen Wirtschaftspolitik auseinandersetzte. Außerdem begab er sich mit seinem Freund Philipp Ferdinand Brede (1781 – 1807) auf ausgedehnte Bildungsreisen: Noch während des Studiums im Jahr 1799 eine Fußwanderung nach Dresden, Leipzig, Jena, Weimar und Gotha, und eine Fahrt über Holland und Flandern nach Paris. Im Stammbuch Karl Murhards findet sich eine Reiseskizze und zahlreiche Einträge von Persönlichkeiten, die sie im Verlauf ihrer Wanderung getroffen haben. Eindrücke der Parisreise hielt Murhard in einem sehr netten Büchlein fest: „Blicke auf Paris von einem Augenzeugen“, Altenburg 1804.

Königreich Westphalen

Die napoleonische Herrschaft und die Gründung des Königreichs Westphalen im Jahr 1806 begrüßte KM wie sein Bruder Friedrich und zahlreiche liberal denkende kurhessische Bürger vehement. Sie versprachen sich mehr Freiheit und Gerechtigkeit im Lande durch eine liberale Verfassung, ein neues Rechtssystem und die Einführung der Gewerbefreiheit. Es gelang KM, im westphälischen Finanzministerium die Position eines Abteilungsleiters zu erhalten, außerdem wurde er Auditeur im Staatsrat, eine Art Assistent des Ministers in den Sitzungen der Regierung. Im Jahr 1810 übernahm KM die Leitung der Abteilung für das Münz- und Bankwesen im Finanzministerium, eine Schlüsselstellung. Weil der westphälische Staat durch seine Subsidienzahlungen an Napoleon in ständiger Geldnot war. In dieser Zeit veröffentlichte KM sein Buch „Über Geld und Münze“, in dem er einen Vorschlag zur Verminderung der Geldknappheit vorlegte: Man solle den Zahlungsverkehr im Inland mit ungedecktem Papiergeld abwickeln, um die Subsidien in Gold leichter zahlen zu können. Der Vorschlag wurde nicht beachtet.

Restauration und Frankfurter Exil

Nach dem Zusammenbruch des napoleonischen Reichs und der Wiederherstellung der alten Verhältnisse (Restauration) durch Kurfürst Wilhelm I. standen KM und sein Bruder Friedrich als „Französlinge“ im Abseits, wurden von der Kasseler Bevölkerung gemieden. Im September 1816 verließ KM den hessischen Staatsdienst, weil er nach Fulda zwangsversetzt werden sollte,einem politisch höchst schwierigem Gebiet: Der Nordwesten des Fürstbistums Fulda war erst im Zuge der Beschlüsse des Wiener Kongresses im Jahr 1816 dem Kurfürstentum Hessen zugeschlagen worden, sicher gegen den Willen der katholischen Bevölkerung. Zwei Jahre später folgte Karl seinem Bruder Friedrich in die freie Reichsstadt Frankfurt am Main, dem Sitz der Bundesversammlung.

Privatgelehrter in Kassel

In den Jahren 1814 bis 1817 arbeitete KM als Privatgelehrter auf dem Gebiet der Geldtheorie, um sich wissenschaftlich zu qualifizieren, hat aber einen Ruf der Universität Heidelberg auf den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft vom 30. September 1821 abgelehnt. Diesen Lehrstuhl hatte ab 1822 dann der bekannte Nationalökonom Karl Heinrich Rau (1792 - 1870) inne. 1824 kehrte KM in das „dumpfe“ Kassel zurück.

Im Alter von 43 Jahren zog er sich endgültig in ein komfortables Leben in Kassel zurück, das er mit seinem Bruder Friedrich in häuslicher Gemeinschaft führte, ohne Frauen, mit wenigen Freunden und einem treuen Hausdiener. Man baute auch auf einem großen Grundstück an der Wilhelmshöher Allee gemeinsam ein Sommerhaus, das erst 1938 abgerissen worden ist.

Mit Friedrich unternahm KM auch zahlreiche mehrmonatige Bildungsreisen, die ihn in fast alle europäischen Länder geführt haben. Noch im Alter von 62 bzw. 64 Jahren unternahmen die Brüder Murhard eine beschwerliche Reise u.a. im Schlitten über die stark verschneiten Alpen nach Mailand, Florenz, Rom, Neapel bis Sizilien, selbst die Inseln Korsika und Elba haben sie besucht, um Napoleons Geburtshaus und sein Haus im Exil zu sehen. KM starb zehn Jahre nach seinem Bruder Friedrich im Jahr 1863 im Alter von 82 Jahren blind und vereinsamt in Kassel in der Wilhelmstraße 25. Sein Grab auf dem Hauptfriedhof ist heute nicht mehr auffindbar.

Veröffentlichungen

Als Privatgelehrter versuchte KM die Lehre der klassischen Nationalökonomie nach Adam Smith (1723 - 1790) und David Ricardo (1772 – 1823), von der er überzeugt war, sie sei vollkommen und nicht mehr zu verbessern, in seinen Büchern in Deutschland zu verbreiten und zu erklären. Seine Hauptwerke sind die Handbücher:

  • Theorie des Geldes und der Münze, 1817,
  • Theorie und Politik des Handels, 1831,
  • Theorie und Politik der Besteuerung, 1834.

Außerdem verfasste er 88 Stichwortartikel für die 4. bis 7. Auflage der Allgemeinen deutschen Real-Enzyclopädie für die gebildeten Stände (Conversations-Lexicon), die ab 1817 im Brockhaus-Verlag in Leipzig erschienen ist, und zahlreiche Zeitschriftenbeiträge.

Mit diesem Werken wollte KM die klassische ökonomische Theorie einem breiten Publikum vertraut machen, d.h. er hat die klassische ökonomische Theorie popularisiert und ideologisiert. Dem Popularisierer geht es nicht mehr um die analytisch-logische Erklärung der Realität durch Theoriebildung, sondern um logische Erklärung der theoretischen Erkenntnisse im Rahmen der Ideologiebildung. Dieses Ziel verfolgte er auch über seinen Tod hinaus:


Das Testament

Mit seinem Bruder Friedrich vermachte KM seiner „Geburts- und Heimatstadt Kassel“ testamentarisch sein gesamtes Vermögen mit der Auflage, eine öffentliche Bibliothek mit dem Sammlungsschwerpunkt Wirtschafts- und Staatswissenschaften zu errichten. Das Murhardsche Testament legt detailliert und realistisch fest, wie die Stadt Kassel dabei vorzugehen hatte, immerhin handelte es sich um ein Vermächtnis von 100.000 Thalern, das Durchschnitts-Jahreseinkommen von 500 Arbeitern. Zu heutigen Löhnen berechnet sind dies etwa 15 Millionen Euro. An die Vorschriften des Testamentes haben sich die Verantwortlichen in Kassel nur bedingt gehalten, insbesondere die Festlegung des Sammlungsschwerpunktes wurde nicht beachtet, sonst würde Kassel heute über eine bedeutende wirtschafts- und staatswissenschaftliche Bibliothek verfügen. Die Murhardsche Bibliothek ist heute in die Universitätsbibliothek integriert.

Literatur:

Olten, Rainer: Karl Murhard. Gelehrter und liberaler Nationalökonom, in: Friedrich und Karl Murhard, gelehrte Schriftsteller und Stifter in Kassel, hrsg. von der Stadtsparkasse Kassel, Kassel 1987, S. 53 – 75).

Olten, Rainer: Karl Murhard. Gelehrter und liberaler Nationalökonom in Kassel. Leben und Werk. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte der klassischen Nationalökonomie im Übergang zur Industriegesellschaft in Kurhessen. Hessische Forschungen zur geschichtlichen Landes- und Volkskunde, H. 20, hrsg. v. Helmut Burmeister, zugleich Schriften der Gesamthochschul-Bibliothek, Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel, Bd. 3, hrsg. v. Hans-Jürgen Kahlfuß, Kassel 1990, mit einer vollständigen Bibliographie Karl Murhards.

Olten, Rainer: Die Familie Murhard. Eine der ältesten Beamtenfamilien in Hessen, in: Die Brüder Murhard. Leben für Menschenrechte und Bürgerfreiheit. Katalog zur Ausstellung im Stadtmuseum Kassel in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Kassel (30. November 2003 bis 18. April 2004) / Hrsg. v. Axel Halle, Karl H. Wegner u. Jörg Westerburg, Kassel 2004, S. 19 - 47.

Olten, Rainer: Das schriftstellerische Werk von Karl Murhard, in: Die Brüder Murhard : Leben für Menschenrechte und Bürgerfreiheit. Katalog zur Ausstellung im Stadtmuseum Kassel in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Kassel (30. November 2003 bis 18. April 2004) / Hrsg. v. Axel Halle, Karl H. Wegner u. Jörg Westerburg, Kassel 2004, S. 203 - 226.

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