James Lee Byars

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Das documenta-Lexikon
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Amerikanischer Performance-Künstler (1932-1997) der an der documenta 5, documenta 6, documenta 7, documenta 8 und der documenta IX teilgenommen hat.

Werk

Byars war ein Philosoph und Poet. Er zelebrierte seine Auftritte in Weiß oder Schwarz beziehungsweise in Gold oder Rot in priesterlicher Manier. Er trat als lebende Skulptur auf, schuf Räume des Zaubers und der Schönheit und stellte die Verbindungen zwischen Leben


Philosoph, Poet und Provokateur

Erinnerungen an spektakuläre Aktionen zur documenta werden wach, wenn ab Samstag das Kasseler Museum Fridericianum die Ausstellung James Lee Byars Briefe an Joseph Beuys zeigt.

Es waren die Feuerwehr und die Polizei, die als Erste in Kassel den Namen des amerikanischen Künstlers James Lee Byars (1932 - 1997) dokumentierten. Mit Hilfe einer Feuerwehrleiter hatten sie 1972 Byars im Trubel der ersten documenta-Tage von einem Baum an der Neuen Galerie auf die Erde zurückgeholt. Dort oben hatte er gesessen und durch ein Megafon Namen und Worte wie trees (Bäume) gerufen. Brave Kasseler Bürger ahnten nicht, dass dies Teil einer neuer Kunstform war, für die sich der Begriff Performance (geplante Aufführung) erst noch durchsetzen sollte. Daher alarmierten sie die Einsatzkräfte. Byars beschäftigte damals tagelang die Öffentlichkeit, weil er sich immer wieder erhöhte Standorte aussuchte, darunter wiederholt den Giebel des Museums Fridericianum, wo er zeitweise zum stummen Ausrufezeichen wurde mal ganz in Weiß, mal in leuchtender Farbe. Zehn Jahre später war Byars wieder in Kassel dabei. Doch bei dieser documenta war er nicht länger der Außenseiter. Rudi Fuchs hatte ihn vielmehr zum Zeremonienmeister seiner Ausstellung gemacht, die sich der Schönheit und Poesie verschrieben hatte. James Lee Byars hatte in dem Jahr, in dem vor dem Museum Fridericianum der Keil aus Basaltsäulen für das Beuys-Projekt 7000 Eichen lag, die Eingangshalle für seine Arbeit erhalten. Dort hatte er in der Mitte des Raumes eine goldene Säule platziert. Größer hätte der Kontrast nicht sein können zwischen der die Stadt überziehenden sozialen Plastik von Joseph Beuys (1921 - 1986) und der auf einen Punkt konzentrierten Arbeit von Byars. Beide haben die Kunst in unterschiedlichen Richtungen erweitert. Aber beide trafen sich in dem Bemühen, die Grenzen zwischen Kunst und Leben aufzuheben. Global Player James Lee Byars war das, was man heute einen Global Player" nennen würde. Er war ein Vagabund, der fast ohne festen Wohnsitz durch die Welt reiste und sich dem Zugriff durch den Markt dadurch entzog, dass er oft flüchtige und vergängliche Werke schuf. Er war ein Künstler, der den perfekten Moment liebte und wusste, dass die perfekte Arbeit schwer zu erreichen ist. Wenn er Formen gestaltete, dann bevorzugte er das Vollendete und Edle die Kugel oder die Säule aus Gold, den leuchtenden Farbraum oder das stille Weiß. Dabei stellte er immer auch die Kunst und das Leben in Frage. Kein zweiter Künstler hat in unserer Zeit so oft seinen eigenen Tod thematisiert. Byars war aber nicht nur Poet und Philosoph. Er war auch Provokateur, der durch seine zahllosen schriftlichen Botschaften andere beglückte und herausforderte. Das Kasseler Museum Fridericianum präsentiert jetzt in einer Ausstellung 151 Briefe, die Byars allein an Joseph Beuys schickte. Wer die Ausstellung besucht, wird schnell feststellen, dass dies keine normalen Briefe sind, sondern Objekte der unterschiedlichsten Art. In einem der Briefe schrieb Byars: Hey Joe, wir sollten die documenta 6 gemeinsam machen! Das klingt spielerisch. Doch nach der documenta 7 (1982), bei der sie in unmittelbarer Nachbarschaft agiert hatten, ging Byars einen Schritt weiter. Am 7. Juni 1983 erschien er beim damaligen Kasseler Oberbürgermeister und heutigen Bundesfinanzminister Hans Eichel im Rathaus mit der Aufforderung, Joseph Beuys für 1987 die documenta-Leitung zu übertragen. Anonyme Skulptur Er trat im goldenen Anzug mit schwarzen Handschuhen, schwarzem Zylinder und mit schwarz verhülltem Gesicht als anonyme Skulptur auf und überreichte Eichel ein tellergroßes schwarzes Seidenpapier, auf das in Goldlettern gedruckt war: Mr. Joseph Beuys makes the documenta 8 (Herr Joseph Beuys leitet die documenta 8). Byars begründete seinen Vorschlag wortreich: Beuys habe mit seiner Aktion 7000 Eichen ein Wunder geschaffen, und eine von ihm gestaltete documenta könnte genauso wundervoll werden wie die von Harald Szeemann im Jahre 1972. Der Vorschlag war ebenso ernst wie spielerisch gemeint. Er wurde aber nicht weiter diskutiert. Und Joseph Beuys sollte die documenta 8 gar nicht mehr erleben.

Aus der HNA vom 20. 10. 2000


Endlos-Briefe um Liebe und Tod

Eine ebenso liebenswürdige wie kunsthistorisch spannende Ausstellung präsentiert das Kasseler Museum Fridericianum: Briefe von James Lee Byars (1932-1997) an Joseph Beuys (1921-1986).

Man stelle sich vor: Man erhält per Post einen dicken Brief. Hat man ihn geöffnet, holt man ein zerknülltes schwarzes Seidenpapier heraus. Das erweist sich, wenn man es entfaltet, als endlos lang. Hat man es schließlich geglättet, entdeckt man darauf einen mit Goldstift geschriebenen Text, der in großen Buchstaben wie ein Gedicht zu lesen ist. Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt steht da unter anderem: Sagenhafter Joseph, jetzt gebe ich Dir meinen genialen Brief. Documenta 6 prustet und schnauft. Lass uns sie eröffnen, als eine neue Feiertagszeremonie der Menschheit..... Der Düsseldorfer Künstler Joseph Beuys hat in seinen letzten zwölf Lebensjahren weit über hundert solcher Briefe von dem Performance-Künstler James Lee Byars erhalten. Jeder dieser Briefe hatte eine andere Form, ist also ein Objekt. Mal hatte Byars unterwegs zum Briefpapier der Hotels oder Galerien gegriffen, in denen er sich gerade befand, noch häufiger wählte er aber sorgsam weiße, rote oder schwarze Papiere. Er beschrieb endlose Bänder und zerknüllte sie, formte ein Herz oder einen Phallus und faltete die Papiere oder schnitt (in Erwartung der documenta 7) eine Schwarze Sieben aus. Die Texte, die Byars schrieb, waren genauso feierlich, pathetisch und ironisch wie seine Performances, die er vor und in den Museen zelebrierte. Vor allem waren die Briefe überschwängliche Liebeserklärungen an die Kunst und an Beuys. Wüsste man nicht, dass jeder der vielen Briefe (auch an andere) Teil seiner künstlerischen Aktion war, könnte man meinen, James Lee Byars hätte um Beuys geworben. Doch genau solche Täuschungen waren Teil des Spiels. Joseph Beuys übrigens hat diese Briefe nie beantwortet. Schon deshalb nicht, weil er kein Schreiber war. Er redete und telefonierte lieber. Aber er hat die Briefe ernst genommen und sie sorgsam seinem Archiv überlassen. So blieb für uns das Zeugnis einer Künstlerfreundschaft erhalten, die merkwürdig einseitig erscheint. Doch dieses Bild trügt. Die beiden Aktionskünstler kannten und schätzten sich seit Ende der 60er-Jahre. Sie planten gemeinsam öffentliche Auftritte und fühlten sich durch den gemeinsamen Wunsch verbunden, die Grenzen zwischen Kunst und Leben zu überwinden. Sehr starke gemeinsame Erinnerungen verknüpften sich für beide Künstler mit der documenta 5 (1972) von Harald Szeemann. Joseph Beuys diskutierte während dieser documenta 100 Tage lang im Fridericianum über Politik und Kunst, während Byars die Stadt mit seinen Performances auf dem Dach des Fridericianums und auf Bäumen und Denkmälern in Atem hielt. Byars strickte aus diesen Erinnerungen eine Legende, aus der er den Wunsch und die Forderung ableitete, die Künstler und allen voran Joseph Beuys sollten die documenta selbst in die Hand nehmen. Byars steigerte sich derart in diese Idee hinein, dass er schließlich 1983 dem damaligen Kasseler Oberbürgermeister Hans Eichel vorschlug, Joseph Beuys solle die documenta 8 leiten. Es fasziniert, im Katalog nachzulesen, wie oft und intensiv Byars Gedanken die documenta umkreisten und wie viele Varianten seines Vorschlags er fand. Schon aus diesem Grunde musste diese Ausstellung auch nach Kassel kommen. Erklärlich wird dieses Klammern an Großausstellungen wie documenta und Biennale von Venedig dadurch, dass der durch die Welt vagabundierende Künstler im Grunde heimatlos war. Die Ausstellungen verhalfen ihm nicht nur zur Bühne, sondern auch zur Erfüllung der Existenz. Genauso erschütternd ist aber auch, wie sehr und existenziell seine Gedanken und Visionen um den Tod kreisten um den Tod von Beuys (zu dessen Lebzeiten) und seinen eigenen.

Links und Quellen