Jakob-Wittgenstein-Straße

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Die Jakob-Wittgenstein-Straße in Korbach

Die Stadt war Universal-Erbin

Jakob Wittgenstein vererbte sein Vermögen Ende des 19. Jahrhunderts an die Stadt Korbach. Nach seinem Wunsch wurde damit ein Altenheim gebaut. Im dritten Reich wurde der Name des jüdischen Stifters verschwiegen. Die Jakob-Wittgenstein-Straße ist eine Verbindung von der Enser Straße zum Westwall. Sie wurde ausgebaut, nachdem die frühere Verbindungsstraße, die von der Linde am Enser Tor nördlich an den Schulen vorbei bis zum alten Finanzamt führte, eingezogen und das Gelände in den Bereich der Westwallschule integriert wurde. Die Jakob-Wittgenstein-Straße war bis nach dem 2. Weltkrieg eine einfach ausgebaute Straße, die zu den anliegenden Gärten führte. Die einseitige Bebauung begann, als nach dem Wirtschaftswunder in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein allgemeiner Bauboom in Korbach eingesetzt hatte.

Ihren Namen erhielt die Straße von einem Korbacher Wohltäter. Jakob Wittgenstein, am 1.April 1819 in Korbach geboren, war zuletzt als Kaufmann in Berlin tätig gewesen. Er war das einzige Kind seiner Eltern Simson und Rebecca Wittgenstein. Von ihnen hatte er einen beträchtlichen Teil seines Vermögens geerbt. Zusammen mit dem von ihm selbst Erwirtschafteten hatte er am Ende seine Lebens ein ansehnliches Vermögen angesammelt. Sein einziges Kind war früh gestorben. So starb er am 3. Juni 1890 kinderlos. Bereits fünf Jahre vor seinem Tod hatte er die Stadt Korbach in seinem Testament als Universalerbin eingesetzt. Nach Abzug der Steuer und einiger Legate verblieb der Stadt die stolze Summe von etwa einer halben Million Mark. Wittgenstein hatte seine Stiftung mit der Auflage verbunden, dass das Geld als Sondervermögen verwaltet und ein Heim für alte, mittellose Einwohner eingerichtet werden sollte. Der Bau des Altersheims war 1894 vollendet.

Das Heim hatte zunächst 20, später 40 Plätze. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Kapazität auf 80 Plätze erhöht. Etwa 90 Jahre später erwies sich die Unterbringung der alten Leute als nicht mehr zeitgemäß. Die Bewohner wurden 1984 in das Altenheim am Nordwall umquartiert. Nachdem man die Stiftungssatzung geändert hatte, zog die Verwaltung des Krankenhauses in das Haus der Wittgenstein-Stiftung ein. Seit 1997 wird ein Teil der Gebäudes als Kindergarten genutzt. Man würde dem Andenken des Stifters nicht gerecht, wenn man unerwähnt ließe, dass er jüdischen Glaubens war. Im Dritten Reich wurde daher bestimmt, dass der Name des Stifters nicht mehr genannt werden sollte. Das Heim hieß während dieser Zeit Städtisches Altersheim.

Die Serie

Straßennamen sind wichtig. Nicht nur, weil durch sie dem Ortsunkundigen, der Post, dem Paketzusteller, dem Arzt, dem Rettungsdienst und Lieferanten das Auffinden bestimmter Personen erleichtert wird. Sie ermöglichen den Anwohnern auch eine gewisse Identifikation. Mögen sich Nachbarn noch so sehr von einander unterscheiden, eins verbindet sie: Sie alle sind Bewohner der gleichen Straße. Straßennamen hat es nicht immer gegeben. Offiziell wurden sie in Korbach erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Bis dahin gab es viele namenlose Straßen. Natürlich hatte man Standortbezeichnungen schon früher. Sie waren aber recht allgemeiner Art: An der Neustädter Kirche etwa, oder Am Markt. Andere bezeichneten ein ganzes Stadtviertel. Flurname oder Zielort Bei der Namengebung griff man zurück auf Flurbezeichnungen (Am Waldecker Berg) oder auf die Lage der Straße (Oberstraße). Die Ausfallstraßen bezeichnete man nach ihren Zielorten (Wildunger Landstraße). Viele Straßen tragen aber auch den Namen einer bekannten oder bedeutenden Persönlichkeit, von Stadtältesten oder Ehrenbürgern. Bei Vergabe von Namen aus Politik und Regierung ist man heute in Korbach vorsichtig geworden, um späteren Umbenennungen aus dem Weg zu gehen. So wurde aus dem Adolf-Hitler-Platz nach 1945 wieder der Berndorfer Torplatz, aus der Litzmannstraße die Friedrichstraße, aus der Hindenburgstraße wieder wie früher die Bahnhofstraße. Zur Diskussion standen nach 1945 auch die an Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges erinnernden Skagerrakstraße, Langemarckweg und Flandernweg. Neue Namen mussten her Die enorme Entwicklung der Stadtbebauung nach dem Zweiten. Weltkrieg brachte es mit sich, dass zahlreiche neue Straßen entstanden. Sie alle brauchten neue Namen. So entstand ein Blumenviertel, in jüngster Zeit auch ein Dichterviertel. Zahlreiche westdeutsche Städte, in die es einst Korbacher verschlagen hatte, standen Pate, aber auch mitteldeutsche Städte. Auch ehemalige ostdeutsche Städte und Gebiete, aus denen viele Korbacher Neubürger vertrieben worden waren, gaben neuen Straßen ihre Namen.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer eine Serie über die Namen Korbacher Straßen verfasst. diese ist ab April 2001 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen.