JVA Wehlheiden

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Panoptikum
Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Kassel-Wehlheiden befindet sich in der Theodor-Fliedner-Straße - Mauer, Zaun und Beobachtungsturm prägen auch das Straßenbild der Windmühlenstraße.

Der Gefängnisbau wurde bereits 1873-1882 als 'Königlich-Preußische Strafanstalt Cassel-Wehlheiden' errichtet und 1882 eröffnet.

Im Interesse einer zentralen Überwachung sind die vier Unterbringungsflügel strahlenförmig angeordnet (panoptisches System) und im Stadtplan als eine Art Stern schnell ausfindig zu machen. Das Gelände befindet sich auf einer Anhöhe, sodass die weithin sichtbare Kapelle der JVA ein prägendes Element in Kassels Stadtpanorama darstellt.

Die JVA Kassel l, eine JVA höchster Sicherheitsstufe, hat etwa 650 Haftplätze für männliche Erwachsene mit Freiheitsstrafen oder Untersuchungshaft; angegliedert ist auch das Zentralkranhenhaus für den gesamten hessischen Justizvollzug.

Chronologie: Die JVA von 1882 bis 1945

Ein Blick in die Geschichte der JVA I:

1. November 1882: Das Gefängnis mit Platz für 498 Häftlinge wird eröffnet. Karl Krohne ist erster Direktor. Sein Ziel: Straftäter sollen nicht einfach mehr weggesperrt, sondern so erzogen werden, dass sie als Mitglied in der Gesellschaft leben können.

Die sternförmige Architektur des Gefängnisses ist für diese Zeit mustergültig. In der Mitte ist die Zentrale der Aufseher untergebracht. Von dort aus können sie alle Gebäudeflügel überwachen.

Januar 1883: 421 Häftlinge sitzen hinter Gittern.

Folgejahre: Gefangene werden zum Arbeiten auch außerhalb der Mauern eingesetzt: etwa im Druseltal zum Brechen von Steinen. Zudem arbeiten sie auf der Müllhalde nahe des Gefängnisses.

JVA Wehlheiden, Foto: R.Stiehl

1883 bis 1896: Ärger über die Aufseher. Der damalige Direktor Kaldewey berichtet von „Gleichgültigkeit, Stumpfsinn und mangelhaftem Verständnis“, dazu Charakterlosigkeit. Die Gründe dafür nennt er auch: „Unzureichende Besoldung, Nahrungssorgen, zu lange Dienststunden ...“

Erster Weltkrieg, 1914: Das Klientel verändert sich schlagartig. 414 Belgier und 15 Franzosen sitzen im Gefängnis - vor allem politische Gefangene.

1915: Lebensmittel werden knapp, die tägliche Brotration wird von 550 Gramm auf 220 Gramm herabgesetzt. Einige Häftlinge senken ihr Hungergefühl mit Kautabak.

Weimarer Republik: Strafe als Vergeltung - dieser Gedanke wird immer mehr von der Idee der Besserung und Erziehung verdrängt. Die Persönlichkeit eines Insassen rückt in den Vordergrund. Die Insassen dürfen nun auch Zeitung lesen und Zigaretten rauchen.

1. März 1926: Der Stufen-Strafvollzug startet. Je nach Verhalten können sich die Insassen hocharbeiten. Und so wachsen die Vergünstigungen - etwa mehr Stunden im Freien, eigenes Geld, Schreib- und Zeichenerlaubnis.

Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg: In dieser Zeit dient der Strafvollzug vor allem der Abschreckung, er soll ein „empfindliches Übel“ darstellen.

März 1933: 66 Regimegegner sind inhaftiert. Zwei Jahre später sind es 269 Häftlinge.

1939 bis 1945: In dieser Zeit sterben 417 Gefangene durch Erschöpfung und Krankheit.

1943: Als die Bombenangriffe auf Kassel stärker werden, sucht die Anstalt nach Freiwilligen unter den Gefangenen, die die Blindgänger entschärfen. Obwohl es bei dieser Arbeit Tote gibt, mangelt es an Freiwilligen nicht.

30. März 1945: Zwölf Häftlinge werden von der Gestapo aus dem Zuchthaus auf den Wehlheider Friedhof geführt und dort erschossen. Ein Gerichtsurteil hatte nicht vorgelegen. Die Gestapo-Mörder wurden nicht oder nur gering bestraft.

Das Wehlheider Gefängnis nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach den Bombenangriffen: Die Gefängnismauer ist zerstört, das Verwaltungsgebäude komplett ausgebrannt, die Heizkörper funktionieren nicht, einige Zellentüren lassen sich nicht mehr schließen.

Nach dem Kriegsende 1945: Zwölf bis 15 amerikanische Soldaten haben das Kommando über die JVA übernommen. Im Umgang mit den Gefangenen sollen sie nicht allzu streng gewesen sein. So kam es auch, dass sich die Insassen selbst organisierten, sich gar Schlüssel für das Gefängnis besorgten.

1954: Erst jetzt ist ein regulärer Dienstbetrieb möglich.

1971: Die Gefangenenzeitschrift mit dem Namen Postfach 71 wird gegründet.

1. Januar 1977: Das Strafvollzugsgesetz tritt in Kraft. Es bestimmt die Rechte und Pflichten der Gefangenen, und welche Pflichten die Vollzugsbehörde hat, und wann sie wie eingreifen darf.

23. Februar 2013: José C., ein 54-jähriger Häftling, starb am Morgen des 23. Februar an Herzversagen. Die Umstände seines Todes werfen Fragen auf. Denn der Spanier hatte kurz vor seinem Tod noch die Rufanlage in seiner Zelle betätigt, und niemand hatte daraufhin nach dem Rechten gesehen.[1] Der Spanier war ein wichtiger Zeuge in einem Tötungsdelikt, das sich im September 2012 in der JVA Wehlheiden ereignet hat.[2]

Gefängnisregeln

Gefängnisregeln von 1914 im Vergleich zur heutigen Situation (2007):


Die Toiletten

Früher: Bis in die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es in Gefängniszellen Eimer als Toiletten. An ein Abwasser-System waren die Zellen nicht angeschlossen. Morgens und abends mussten die Kübel im Kübelraum geleert werden. Das wurde von den Gefangenen Kübeln genannt.

Heute: Seit den 70er-Jahre gibt es in den Zellen frei stehende Toiletten. Gefangene nennen ihren Haftraum daher Wohnklo. Eingebaut wurden zudem Waschbecken. In Gemeinschaftszellen gab es vor dem WC lediglich eine Schamwand, ein Sperrholzbrett. Das schützte zwar den Toilettengänger vor den Blicken seiner Zellengenossen, Letztere jedoch nicht vor dem Gestank. 2004 dann die Erlösung: In Gemeinschaftshafträumen wurden Nasszellen eingebaut.


Freizeit

Früher: Die Gefangenen durften nur Lesestoff und Genussmittel besitzen. Karten- und Brettspiele etwa waren verboten. Die Insassen sollten sich nicht ablenken, sondern sich mit ihrer Straftat auseinandersetzen.

Heute: Gegenstände zur Freizeitbeschäftigung sind nicht mehr verboten. Gefangene dürfen auch Radio und Fernseher aufstellen.


Hofgang

Früher: In der Hausordnung von 1914 ist geregelt, dass Gefangene täglich auf den Hof dürfen, an die frische Luft. Aber: Sie mussten dort in einer Reihe laufen, durften sich dabei nicht umsehen und nicht sprechen. Kontakt zu Mitgefangenen war streng verboten.

Heute: Mindestens eine Stunde dürfen Gefangene auf den Hof. Wie sie die Zeit dort gestalten, können sie selbst entscheiden. Sport ist möglich, ebenso Spiele und Gespräche.


Besuch

Früher: Gefangene durften alle drei Monate Angehörige empfangen.

Heute: Mindestens eine Stunde im Monat darf ein Gefangener Besuch empfangen.


Briefe

Früher: Insassen durften einmal im Monat einen Brief absenden und empfangen - in deutscher Sprache.

Heute: Die Zahl der Briefe ist nicht begrenzt. Briefe an Gremien wie EU-Parlament und EU-Kommission für Menschenrechte dürfen nicht vom Aufsichtspersonal gelesen werden.


Hausregeln aus dem Jahr 1882

Auszüge aus dem Vorwort der „Hausregeln für die Zuchthaus- und Gefängnisgefangenen der Strafanstalt Wehlheiden“ aus dem Jahr 1882:

„Du bist nun ein gefangener Mann. Die eisernen Stäbe deines Fensters, die geschlossene Thür, die Farbe deiner Kleider sagt dir, daß du deine Freiheit verloren hast. Gott hat es nicht leiden wollen, daß du länger deine Freiheit zur Sünde und zum Unrecht mißbrauchst, darum rief er dir zu: Bis hierher und nicht weiter!

Die Strafe, die der menschliche Richter dir zuerkannt, kommt von dem ewigen Richter, dessen Ordnung du gestört und dessen Gebot du übertreten hast. Du bist hier zur Strafe, und alle Strafe wird als ein Uebel empfunden; vergiß nie, daß niemand daran Schuld ist, als du allein.

Aber aus der Strafe soll für dich ein Gutes hervorgehen. Du sollst lernen, deine Leidenschaften beherrschen, schlechte Gewohnheiten ablegen, pünktlich gehorchen, göttliches und menschliches Gesez achten, damit du in ernster Reue über dein vergangenes Leben Kraft gewinnest zu einem neuen, Gott und Menschen wohlgefälligen.“

Bekannte Insassen

Zu den bekannten Häftlingen der JVA Wehlheiden gehören der "Kannibale von Rotenburg", Armin Meiwes, und RAF-Terrorist Andreas Baader. Meiwes sitzt noch immer. Baader saß im Gefängnis in Schwalmstadt, bevor er ins Gefängnis Stammheim verlegt wurde. In dieser Zeit lag er einige Tage im Gefängniskrankenhaus in Wehlheiden. Fritz Erler, 1938 wegen Hochverrats zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, saß seit 1941 in Wehlheiden. Er hatte seit Anfang der 1930er-Jahren für die SPD und ihr nahe stehende linke Gruppen gearbeitet. Erler, der 1961 als Kanzlerkandidat der SPD im Gespräch war, arbeitete in der JVA als Brotschneider.

Filmdreh im Gefängnis

Für den Film „Die Schuld des Dr. Homma“ (1951) waren viele Szenen im Kasseler Gefängnis, der JVA Kassel I in Wehlheiden, gedreht worden. Die Gefängnischronik des früheren Anstaltspfarrers Adolf Dörmer (1895-1970) brachte diese Geschichte wieder zu Tage. Die Kaufunger Historikerin Barbara Orth beschäftigte sich jahrelang mit den Aufzeichnungen des Geistlichen, um diese zu veröffentlichen. Dabei stieß sie auch auf die Notizen zu Dreharbeiten im Gefängnis.

Der deutsche Regisseur Paul Verhoeven (1901-1975) - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen niederländischen Hollywood-Regisseur - war für sein Kriminaldrama auf der Suche nach Drehorten gewesen und in Kassel fündig geworden. Regisseur Verhoeven spielte in seinem Film eine kleine Nebenrolle als Gefängnispfarrer. Unter Mitwirkung von Kasseler Statisten, die vor allem Gefangene spielten, drehte Verhoeven in den Mauern der Strafanstalt. Sein Film erzählt die Geschichte des Dr. Homma (gespielt von Werner Hinz), der wegen Mordes an seiner Frau zum Tode verurteilt wird, aber seine Unschuld beteuert. Man sieht Hinz in der Zelle des Kasseler Gefängniskrankenhauses, wie er verzweifelt seiner Hinrichtung entgegensieht. Auch ein Geschäft an der Theaterstraße taucht als Apotheke im Film auf.[3]

Links

  1. Aus HNA.de vom 7. März 2013: Toter Häftling in JVA: Versehen folgte auf Versehen
  2. Aus HNA.de vom 8. März 2013: Enthüllung: JVA-Toter war ein wichtiger Zeuge
  3. Aus HNA.de vom 29. November 2014: Kassels fast vergessener Film „Die Schuld des Dr. Homma"

Quellen