Jüdische Gemeinde in Helmarshausen und Karlshafen

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In Helmarshausen (mit Karlshafen) bestand eine jüdische Gemeinde bis nach 1933. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel.

Geschichte

Jüdische Einwohner und jüdische Geschichte

Die Entstehung der Gemeinde geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück, vereinzelt lebten Juden hier aber bereits im Mittelalter. Auch 1639 werden im "hessischen Manschaftsregister" bereits drei jüdische Einwohner in Helmarshausen genannt: Sostmann, Salomon und Meyer. [1]

Im Jahr 1817 werden die Namen von vier jüdischen Familien (mit insgesamt 29 Personen) in Helmarshausen genannt mit den Familienvorständen: Lefmann Siemon Oppenheimer, Moses Thal, Jacob Herz Wertheim und Hirsch Herzfeld. Bis zum Jahr 1861 wuchs die Zahl der jüdischen Einwohner auf 43, 1905 waren es 30 Personen.

Die jüdischen Familien in beiden Orten lebten vom Vieh- und Warenhandel. Es gab eine jüdische Metzgerei und seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere jüdische Geschäfte.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in Helmarshausen eine Synagoge der kleinen jüdischen Gemeinde in einem Fachwerkhaus (Steinstr. 21). Daneben bestanden an Einrichtungen in Helmarshausen eine Schule (zeitweise als Israelitische Elementarschule, dann als Religionsschule), ein rituelles Bad und ein Friedhof. Der jüdische Friedhof in Helmarshausen wurde um 1870 angelegt; auf dem Gelände befinden sich heute ca. 60 Gräber. Der jüdische Friedhof befindet sich aufgrund des Eingreifens der Nazis zwar nicht mehr an seinem ursprünglichen Standort am Hang zwischen Poststraße und Krukenburg, aber einige der alten Grabsteine findet man heute noch auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Gottsbürener Straße vor. So auch Grabsteine der Familie Wertheim, wobei zwar die Grabsteine 1936 verlegt wurden, nicht jedoch die Gebeine der Toten.

Der Synagogengemeinde angeschlossen waren auch die jüdischen Familien aus Karlshafen. Um 1924 war Emil Wertheim der Gemeindevorsteher der "Synagogengemeinde Helmarshausen - Karlshafen", zu der 15 jüdische Personen aus Helmarshause gehörten (1,2 % von insgesamt etwa 1.300 Einwohnern) hinzu kamen 16 jüdische Einwohner aus Karlshafen.

Überliefert ist auch, dass Julia Hohenberg (Poststraße 47) in Helmarshausen ein Kolonialwarengeschäft besaß, Robert Wertheim eine Schlachterei und Emil Wertheim (Poststraße 54) einen Gemischtwarenladen.

In den Erinnerungen von Meta Frank [2] aus Karlshafen heißt es zur Synagoge:

„ ... Die Synagoge „stand in Helmarshausen in einer schmalen Seitenstraße an einem stillen Platz. ... Sie war nur noch an den hohen Feiertagen geöffnet. Am Schabbat gab es dort schon lange keinen Gottesdienst mehr. Zu allen Festen kam ein Vorbeter von außerhalb, ich weiß noch seinen Namen, Isi Israel aus Beverungen. Er war kaum älter als wir jungen Leute, aber im Unterschied zu uns hatte er eine Talmud-Thora-Schule besucht. ... Das Innere der Synagoge habe ich noch genau vor Augen. Einige der Glasfenster waren bunt, an anderen hingen weiße Gardinen aus Stoff. Unten saßen nur die Männer. Sie trugen an Rosch-Ha-Schana und auch am Jom Kippur ihr weißes Totengewand, den Kittel. Uns als Kinder erschien das ausgesprochen seltsam, aber meine Mutter stand auf dem Standpunkt, so lange wir nicht erwachsen wären, hätte es keinen Zweck, uns den Sinn dieser Kleider zu erklären. Wenn wir ankamen, dann durften wir nur einmal zu den Männern gehen, um unserem Vater, unserem Onkel und auch den übrigen 'Frohes Fest' zu wünschen. Der Anblick der heiligen Lade mit dem Samtvorhang davor war für mich immer ein besonderes Ereignis. Wenn man sie öffnete und die Thorarolle herausnahm, um sie auf das breite, abgeschrägte Lesepult inmitten des Gottesdienstraumes zu legen, war ich immer wieder aufs neue beeindruckt. Ich verstand damals noch nicht, warum jede Thorarolle mit einem anderen Samtmantel eingehüllt war; aber die Gold- und Silberstickerei auf ihm ist mir im Gedächtnis geblieben. Derjenige, der die Rolle herausnehmen durfte, übergab sie einem anderen, der sie bis zur Bima, einem Podest in der Mitte des Raumes, tragen durfte. Dort legte er sie auf die schräge Platte und nahm den Thoramantel mit einer gewissen Feierlichkeit und sehr vorsichtig ab. Die nun entblößte Rolle war noch mit einer langen weißen Binde umwickelt, die ebenfalls sehr vorsichtig abgenommen und ordentlich aufgewickelt wurde. ... Die Frauen saßen oben auf der Empore allein für sich. Auch wir Kinder mußten dort sein. ...“

Die Zeit der NS-Diktatur

Zu antijüdischen Ausschreitungen kam es bereits 1933. In Bad Karlshafen kam es am 10. Juni 1933 zu erheblichen Ausschreitungen, als der Viehhändler Adolf Levy und die (nichtjüdische) Tochter eines Reserveleutnants, Lina Gebser heiraten wollten. Am Tag vor der geplanten Hochzeit holten etwa 40 SA-Leute Adolf Levy aus seiner Wohnung in der Mündener Straße, setzten ihn rückwärts auf eine Kuh und brachten ihn unter Drohrufen zum Rathaus. Seine Verlobte musste den Zug zu Fuß begleiten. Adolf Levy kam in "Schutzhaft" nach Kassel und von dort in das KZ Breitenau. Er konnte danach offenbar über die Niederlande in die USA, nach anderen Angaben nach Australien emigrieren.

Überliefert ist auch der Fall des Zahnarztes Dr. Julius Heilbrunn und seiner Frau Stella (Praxis im Landefeld'schen Eckhaus an der Weserstraße/Ecke Friedrichstraße) im Sommer 1933, der auf offener Straße durch SA-Männer überfallen, in ein Auto gezerrt und zu den Franzosenwiesen gefahren wurde, wo Dr. Heilbrunn nackt an einen Baum gefesselt und mit Stahlruten bis zur Ohnmacht ausgepeitscht wurde. Seine Frau wurde an einen anderen Baum gefesselt und musste zusehen.

Nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945" sind aus Helmarshausen in der NS-Zeit umgekommen: Julia Hohenberg, Pina Wallhausen geb. Wertheim, Berta Wertheim geb. Goldschmidt, Emil Wertheim, Julius Wertheim, Kurt Wertheim, Moritz Wertheim und David Wilzig.

Aus Karlshafen sind in der NS-Zeit umgekommen: Ella Goldschmidt geb. Königsthal, Henriette Hohenberg, Friederike Keßler geb. Königsthal, Meta Keßler geb. Königsthal, Marta Königsthal, Selma Königsthal, Frieda Kugelmann und Therese Marienthal geb. Hohenberg. In Ausschwitz ermordert wurde zudem Dr. Paul-Richard Brück, ein zum christlichen Glauben konvertierter und mit einer nichtjüdischen Frau verheirateter Arzt und Geburtshelfer (Praxis in Karlshafen, Conradistraße 2). [3]

In dem Buch "Schalom, meine Heimat - Lebenserinnerungen einer nordhessischen Jüdin" hat Meta Frank, geb. Königsthal die lange Geschichte ihrer jüdischen Familie in Bad Karlshafen und die Flucht nach Palästina im Jahre 1934 dargestellt. Die Hofgeismarer Ausgabe der HNA berichtete am 22.8.2007 von einer Lesung aus der Biografie der Karlshafenerin in der Aula der Hofgeismarer Albert Schweitzer – Schule. In der Biografie spielt die dramatische Wandlung der geliebten nordhessischen Heimat in das gefürchtete und todbringende Nazi-Deutschland eine wesentliche Rolle. Glücklichen Jahren in der Karlshafener Familie Königsthal folgten die menschenverachtende Politik in der Zeit des Nationalsozialismus und schließlich die Emigration nach Israel.

Literatur

  • Meta Frank, "Vergiß niemals, daß Du eine Jüdin bist!" - Erinnerungen an Karlshafen, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 1988, S. 97 ff.
  • Meta Frank, Schalom, meine Heimat. Lebenserinnerungen einer hessischen Jüdin 1914 - 1994, 3.Aufl., Hofgeismar 1997
  • Meta Frank, „Gut Purim, ihr lieben Leut'...“. Die Helmarshäuser Synagoge und ihre Feste, in: Helmut Burmeister/ Michael Dorhs, Vertraut werden mit Fremdem - Zeugnisse jüdischer Kultur im Stadtmuseum Hofgeismar, Hofgeismar 2000
  • Meta Frank, "Kaddisch" - oder: Mein letztes Konzert, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 2001, S. 13
  • Michael Dohrs, Ein Leben zwischen zwei Welten: Zum Tode von Meta Frank (1914 - 2004), in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 2006, S. 61 ff.
  • Magda Thierling, Vergessene Geschichte. Jüdisches Leben in Helmarshausen und Karlshafen, Bad Karlshafen 2011 (Die Autorin hat nach umfangreichen Recherchen in öffentlichen und privaten Archiven eine 150 Seiten umfassende Schrift über die Geschichte jüdischer Familien der Synagogengemeinde Helmarshausen/Bad Karlshafen verfasst, die schon vor dem Beginn der NS-Gewaltherrschaft eine Jahrhunderte währende gesellschaftliche Ausgrenzung, oft Entrechtung und Schikanierung erfahren haben und hat dies durch Dokumente aus verschiedenen Epochen belegt. Die Häuser und ehemaligen Geschäfte der jüdischen Mitbürger werden auf Plänen und alten Fotos dokumentiert. Weiterhin beschäftigt sie sich ausführlich mit der Auslöschung der jüdischen Gemeinde im Weser-Diemel-Dreieck während der Zeit des Nationalsozialismus - beginnend mit Diskriminierung, endend in Verfolgung, Vertreibung und Ermordung ihrer Mitglieder. [4])

siehe auch

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. Informationen af http://jinh.lima-city.de
  2. Meta Frank, Schalom, meine Heimat. Lebenserinnerungen einer hessischen Jüdin 1914 - 1994
  3. Quelle: www.alemannia-judaica.de
  4. Informationen auf www.dtoday.de

Weblinks