Jüdische Gemeinde in Hofgeismar

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Hofgeismar - Standort der ehemaligen Synagoge

Die Jüdische Gemeinde in Hofgeismar errichtete im Jahre 1764 im Bereich von Petriplatz und Loggenhagen eine Synagoge.

Im Jahre 1783 gehörten der Hofgeismarer jüdischen Gemeinde 107 Gemeindemitglieder an, ihre Zahl stieg bis zum Jahre 1861 auf 219 Personen.

Geschichte

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde

Einzelne Stadtbewohner jüdischen Glaubens wurden in Hofgeismar schon im Jahre 1470 urkundlich erwähnt. Sie gehörten zunächst zur Gesamtgemeinde aller Juden in der Landgrafschaft Hessen-Kassel.

Im Jahre 1695 erwarb die jüdischen Gemeinde "auf dem Schanzen“ vor dem Sälber Tor (in der Nähe des Kantor Rohde - Parks und der heutigen Kreisklinik) ein Grundstück für einen Friedhof.

Bis zum Jahre 1937 waren auf diesem Friedhof nach einem Verzeichnis rund 300 Gräber vorhanden, der älteste Grabstein stammte damals aus dem Jahre 1737. In der NS-Zeit wurde auf Veranlassung des damaligen Bürgermeisters ein Teil der Grabsteine zur Ausmauerung des ehemaligen Wippeteichs verwendet.

Ab dem Jahre 1937 wurden jüdische Mitbürger mit einem "J" auf ihrer Kennkarte stigmatisiert, später mussten sie die Zusatzvornamen "Sara" oder "Israel" führen.

1938 kam es auch in Hofgeismar während der lange als "Reichskristallnacht" verharmlosten Nacht der Synagogenschändung und Geschäftezerstörung zu massiven Übergriffen auf jüdische Mitbürger. Die Hofgeismarer Synagoge (Petriplatz 5/ Loggenhagen) aus dem Jahre 1764 wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 innen vollständig verwüstet.

Mit den Deportationen begann auch die physische Vernichtung der Juden. Im Stadtmuseum Hofgeismar wird an 453 jüdische Opfer der Nazi-Zeit erinnert, die aus den Städten und Gemeinden der früheren Landkreise Hofgeismar, Kassel und Wolfhagen stammen.


Auf der Flucht vor SA und SS

Übergriffe gegen Juden auch in Hofgeismar

Hofgeismar. Am 9. November vor 70 Jahren brannten in Deutschland und Österreich die Synagogen. Hunderte von Juden wurden ermordet und jüdische Geschäfte und Wohnhäuser demoliert. Was in der Presse damals als spontane Empörung der Bevölkerung über das Attentat eines jungen jüdischen Emigranten auf den Legationssekretär vom Rath dargestellt wurde, geschah tatsächlich auf Anweisung der NSDAP-Führung.

Ob sich in Hofgeismar auch Menschen an dem Pogrom beteiligt haben, die nicht in SA, SS oder auch der Hitlerjugend organisiert waren, ist nicht bekannt. Aber nur wenige hatten den Mut zur aktiven Hilfe für ihre jüdischen Nachbarn.

Trotz der Dunkelheit am Abend des 9. November 1938 beobachten Zeitzeugen: Die Schaufensterscheiben des Textilgeschäftes Löwy, das spätere "Grüne Warenhaus", werden eingeschlagen. Hofgeismarer SA-Männer dringen in das Haus ein auf der Suche nach dem jüdischen Inhaber Gustav Goldschmidt.

Dieser versucht nach hinten zur Westheimer Straße zu fliehen. Keiner der Nachbarn will ihn aufnehmen, um ihn zu verstecken. Er wird festgenommen und schwer misshandelt.

Seine Frau Paula und ihre 72-jährige Mutter Johanna Löwy werden gezwungen, die Scherben aus dem Fensterrahmen zu ziehen, damit die SA unverletzt einsteigen kann, um den Laden zu verwüsten.

Den Kindern Lore, Ruth und Erwin hat sich dieses Erlebnis für immer eingebrannt. Noch im Alter erinnern sie sich an ihr Entsetzen im Versteck, die Schläge und die spätere Flucht nach Warburg.

Zerstört wird in dieser Nacht noch das Schuhgeschäft in der Johannesstraße 2. Auch Siegfried Mathias, der Inhaber, ist Jude. Sein Mieter verhilft ihm zur Flucht. Die Synagoge im heutigen Loggenhagen ist, wie SS-Rottenführer Christians in einem Bericht am 17. September '38 wiedergibt, "leider schon in arischen Händen". So muss man sich damit begnügen, die Inneneinrichtung zu zerschlagen.

Vor 1933 hatten jüdische und christliche Bürger selbstverständlich miteinander gelebt, wie heute beispielsweise Bürger katholischen und evangelischen Glaubens. Jedoch die Übergriffe, Schikanen und Misshandlungen der Nationalsozialisten gegen Andersdenkende zeigten ihre Wirkung: Man hatte Angst.

Für die Juden bekam die Verfolgung nach dem öffentlichen Novemberpogrom einen neuen Charakter: Nun begann ihre stille Eliminierung. Noch 20 jüdische Menschen lebten 1938 in Hofgeismar. Gustav Goldschmidts Familie gelang die Auswanderung. Viele Familien trennten sich von ihren Kindern um sie ins Ausland zu retten.

Zurück blieben oft die Alten, wie Johanna Löwy, die von Bielefeld aus den qualvollen Gang in die Vernichtung antreten musste. Mindestens 35 Männer und Frauen unserer Heimatstadt wurden teilweise mit ihren ganzen Familien ermordet. Ihnen und ihren Einzelschicksalen ist der Gedenkgottesdienst am 9. November 2008 in der Altstädter Kirche gewidmet.

Das Erinnern an die Opfer ist der wichtigste Schritt, um Erniedrigung, Verfolgung und schließlich Vernichtung von Menschen aus unserer Nachbarschaft nie wieder möglich werden zu lassen.

Artikel von Julia Drinnenberg (HNA-online vom 7.11.2008)

Literatur

Jüdischer Friedhof in Hofgeismar
  • Julia Drinnenberg, Stätten der Erinnerung - Gedächtnis einer Stadt, Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde 2009; das Buch beschreibt Opfer des Nationalsozialismus in Hofgeismar und Umgebung
  • Alfred Heilbrunn, Aus der Geschichte der Synagogengemeinden des Altkreises Hofgeismar, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 1978, S. 86
  • Spurensicherung in Hofgeismar - Geschichte(n) unserer Stadt, Hofgeismar 1984 (mit einer Aufstellung über die jüdische Bevölkerung in Hofgeismar im Jahr 1933 - S. 123 ff.)
  • Michael Dohrs, Jüdische Opfer der Nazi-Zeit, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 1988, S. 111 ff.
  • Michael Dorhs: Der "gute Ort" am Schanzenweg. Der jüdische Friedhof Hofgeismar in den Jahren 1939-1944, in: Das achte Licht - Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in Nordhessen, Hrsg. von Helmut Burmeister und Michael Dorhs aus der Reihe: Die Geschichte unserer Heimat, Band 39, Hofgeismar 2002, S. 248-259
  • Michael Dorhs, Weltbürger wider Willen - Ein Nachruf auf Alfred Heilbrunn aus Hofgeismar (1908-1994), in: Das achte Licht - Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in Nordhessen, Hrsg. von Helmut Burmeister und Michael Dorhs aus der Reihe: Die Geschichte unserer Heimat, Band 39, Hofgeismar 2002, S. 288-292
  • Helmut Burmeister, Salomon Schadewitz, Buchtrücker - Ein hessischer Buchdrucker in Grebenstein, Hofgeismar, Kassel und Marburg 1636-1682, Hofgeismar 2002
  • Magda Thierling, Vergessene Geschichte - Jüdisches Leben in Helmarshausen und Karlshafen, Bad Karlshafen 2011
  • Chaim/Imek Segal, Chaim heißt Leben - Ein jüdisches Schicksal in Boryslaw und ein Neuanfang in Hofgeismar (Redaktion: Julia Drinnenberg), Hofgeismar/Toronto 2012

Menschen und Häuser in Hofgeismar

Fotodokumentation

Auf der Homepage des Hofgeismarer Stadtmuseums [1] werden Fotografien gezeigt, die anlässlich des 70. Jahrestags der Reichspogromnacht von der Museumsmitarbeiterin und Buchillustratorin Julia Drinnenberg im Rahmen einer Fotoausstellung zusammen gestellt wurden und die Häuser der jüdischen Bürger damals und heute zeigen.

Es handelt sich um die Häuser der Familien

  • Adler, Johannesstraße 1
  • Bastheim, Petristraße 1
  • Berg, Marktstraße 1
  • Brandenstein, Petristraße 3
  • Eichwald, Mühlenstraße 3
  • Eisenberg, Petristraße 5
  • Hakesberg, Marktstraße 7 - 9
  • Heilbrunn, Hermann, Bahnhofstraße 21
  • Heilbrunn, Louis, Markt 3
  • Heilbrunn, Louis, Markt 9
  • Löwy, Sally, Neue Straße 2
  • Mathias, Albert, Töpfermarkt 5
  • Mathias, Siegfried, Johannesstraße 2
  • Regensberg, Mühlenstraße 8
  • Schild, Steinweg, zwischen 1 und 3
  • Wallach, Petriplatz 4
  • Weinberg, Apothekenstraße 10
  • Wertheim, Mühlenstraße 9
  • Wolf, Marktstraße 19

Lebensweg eines Hofgeismaraners

Der Lehr und Kantor Albert Levi

Der Lehrer und Kantor Albert Levi wurde im Januar 1879 in Hofgeismar (im Haus des heutigen Café am Markt) als Sohn des Lehrers Moses Levi und der Rachel geb. Lilienfeld geboren. Er besuchte die Jüdische Schule in Hofgeismar, ging von 1888 bis 1896 auf das Hofgeismarer Realgymnasium und studierte im Israelitischen Lehrerseminar in Kassel, bevor er als Lehrer in Salzkotten und Nieheim arbeitete und dann in Mayen (Eifel) eine Stelle als Lehrer und Kantor annahm. Im Januar 1939 konnte er mit seiner Frau Ida Levi nach Amerika emigrieren, wo sich bereits die Kinder Max, Hans, Ruth und Walter befanden[2].

Letzte Emigrantin verstorben

Laura Mon, geborene Lore Goldschmidt, musste 1939 Hofgeismar verlassen

nach einem Artikel in HNA-online vom 7.8.2012:

Laura Mon, die in Hofgeismar geborene Lore Goldschmidt, starb am 31. Juli 2012 in San Francisco. Mit ihr starb die letzte der Emigranten, die Hofgeismar verlassen mussten, weil sie jüdischen Glaubens waren. Lore Goldschmidt war 14 Jahre alt, als sie im März 1939 mit ihren Eltern Gustav und Paula Goldschmidt und ihrer Schwester Ruth ihre Heimatstadt Hofgeismar und ihr Haus in der Petristraße verlassen musste. Zurück blieb die Großmutter, Johanna Löwy, die im Alter von 73 nicht die Chance hatte, ein Ausreisevisum zu bekommen. Sie wurde 1942 deportiert und starb nach wenigen Monaten in Theresienstadt. Vorausgegangen war am 9. November 1938 ein Überfall Hofgeismarer SA-Leute auf das Bekleidungsgeschäft Löwy in der Petristraße 3, wobei die Scheiben zerschlagen und die Waren auf die Straße geworfen wurden. Lore und ihre Schwester Ruth versteckten sich auf dem Dachboden des Hauses. Der Vater wurde gejagt und brutal zusammengeschlagen. Ihr Leben lang konnte Lore nicht vergessen, wie sie mit der Mutter und ihrer Schwester Ruth auf den Vater wartete, ohne zu wissen, wo er sich versteckt hatte. [3]

siehe auch

Weblinks und Quellen

Historische Fotos

Quellen

  1. Zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Hofgeismar - www.museum-hofgeismar.de
  2. Julia Drinnenberg, Lebensweg eines Hofgeismaraners jüdischen Glaubens, 2012
  3. Artikel in HNA-online vom 7.8.2012

Weblinks