Jüdische Gemeinde

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unter dem Dach des Zentralrats der Juden sind 23 Landesverbände mit insgesamt 102 jüdischen Gemeinden organisiert, darunter auch die jüdische Gemeinde in Kassel (Bremer Str. 3, 34117 Kassel).

Gemeinden mit wechselvoller Geschichte

Jüdische Gemeinde in Kassel

Während der Hitler-Diktatur wurde die Jüdische Gemeinde in Kassel vernichtet - heute wieder 1200 Mitglieder

Am Tag nach der Kasseler Pogromnacht entstand diese Aufnahme an der Großen Rosenstraße.

Es waren die dunkelsten Stunden, die die Jüdische Gemeinde in Kassel am 7. November 1938 über sich ergehen lassen musste. Hunderte Menschen sahen am Abend an der Bremer Straße/Ecke Untere Königsstraße zu, wie ein aufgebrachter brauner Mob die 1839 eingeweihte große Synagoge stürmte. Männer schleppten Gebetsrollen und andere Gegenstände auf die Straßen und zündeten sie an.

In der Großen Rosenstraße im Schul- und Verwaltungsgebäude der Gemeinde mit Altersheimplätzen und der benachbarten orthodoxen Synagoge kannte der Pöbel auch keinen Halt mehr. Während die beschädigte große Synagoge abgetragen wurde und 1939 verschwunden war, durfte in dem orthodoxen Gotteshaus noch bis 1942 weitergebetet werden. In jenem Jahr, am 7. September, musste die letzten Juden in Deportationszügen die Stadt verlassen. Damit war nur noch jüdische Geschichte in Kassel zurückgeblieben, deren erste Synagoge auf das Jahr 1398 zurückgeht. Sie stand in der Judengasse in der Altstadt.

Nach 1600 wurde der Gottesdienst in der Marktgasse abgehalten. Mitte des 17. Jahrhunderts durfte die wohlhabende Familie Goldschmidt Gottesdienste in ihrem Haus am Judenbrunnen in der Nähe des Altmarkts feiern. 1715 wurden alle Privatgottesdienste verboten; lediglich ein Bet-Raum an der Fliegengasse stand der Gemeinde zur Verfügung. Ab 1755 gab es am Töpfenmarkt einen Erweiterungsbau mit 109 Plätzen. Den stärksten Zulauf hatte die Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts mit 3500 Mitgliedern. Nach dem Terror der Hitler-Diktatur gab es nur kurz nach Kriegsende am 15. Mai 1945 den ersten jüdischen Gottesdienst in der Turnhalle der heutigen Friedrich-Wöhler-Schule.

Die Gemeinde erholte sich lange nicht von den Greueln des Dritten Reiches. Von 250 Personen in den 50ern schmolz sie in den 80er-Jahren auf gerade mal 80. Danach begann die Welle der Zuwanderung aus dem Osten, und heute bekennen sich wieder 1200 Menschen in Kassel zum jüdischen Glauben. Seit Mai 2000 nutzt die Gemeinde ihre neue Synagoge an der Bremer Straße, die Platz für 180 Menschen bietet. Zur feierlichen Einweihung kam auch Paul Spiegel nach Kassel, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Jüdische Gemeinde in Hofgeismar

Eine jüdische Gemeinde in Hofgeismar ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts belegt, die im Jahre 1764 im Bereich Petriplatz/ Loggenhagen eine Synagoge errichtete. Einzelne Stadtbewohner jüdischen Glaubens wurden bereits 1470 in Hofgeismar urkundlich erwähnt. Sie gehörten zunächst zur Gesamtgemeinde aller Juden in der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Im Jahre 1783 gehörten der Hofgeismarer jüdischen Gemeinde 107 Gemeindemitglieder an, ihre Zahl stieg bis zum Jahre 1861 auf 219 Personen.

Ein jüdischer Friedhof entstand in Hofgeismar ab dem Ende des 17. Jahrhunderts. Im Jahre 1695 wurde von der jüdischen Gemeinde "auf dem Schanzen“ vor dem Sälber Tor (in der Nähe des Kantor Rohde - Parks und der heutigen Kreisklinik) ein Grundstück für einen Friedhof erworben.

Die Hofgeismarer Synagoge aus dem Jahre 1764 wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 innen vollständig verwüstet.

Im Stadtmuseum Hofgeismar wird an 453 jüdische Opfer der Nazi-Zeit erinnert, die aus den Städten und Gemeinden der früheren Landkreise Hofgeismar, Kassel und Wolfhagen stammen.

Deportationen jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger

1941 begannen vom Kasseler Hauptbahnhof aus die Deportationen der Juden aus der Stadt und dem Umland. Sie wurden in Lager abgeschoben, in denen die meisten umkamen.

"Im Regierungsbezirk Kassel werden zur Zeit etwa 3.000 Juden gezählt. Hiervon leben in Kassel 1.300." Das bilanzierte SS-Hauptsturmführer Klingelhöfer von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) schon im Frühjahr 1940. Ende 1941 wurde daraus eine furchtbare Konsequenz gezogen: Nachdem immer neue Gruppen von Juden aus dem Umland nach Kassel gebracht worden waren, wurden sie deportiert.

Der erste Transport, so wird es in dem vorzüglichen Werk "Volksgemeinschaft und Volksfeinde - Kassel 1933 bis 1945" von Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar dokumentiert, ging am 9. Dezember 1941 nach Riga. Andere nach Theresienstadt und Lubin/Majdanek folgten 1942. Dies war, wie sich später herausstellte, das Ende der jüdischen Gemeinde in Kassel. Niemand weiß, wieviele Kasseler Juden den Endlösungs-Wahn der Nazis überlebten. In dem zitierten Buch wird erwähnt, von den 99 Kasselern, die im Sommer 1942 nach Majdanek geschafft worden waren, gebe es bis heute kein Lebenszeichen.

Das Ghetto Riga war kein Vernichtungslager; dennoch kamen die meisten Kasseler um - durch Unterernährung, durch Weitertransport in Vernichtungslager oder durch Aktionen der SS.

Auch die in ihrer Heimatstadt Zurückgebliebenen, so heißt es, waren Demütigungen aller Art ausgesetzt; ihr Leben war bestimmt von ständiger Angst, ins Konzentrationslager abtransportiert zu werden. Sie waren gebrandmarkt, weil sie in "Mischehe" mit einem "Arier" lebten oder als "jüdische Mischlinge" nicht gleich ins Visier der Häscher gerieten.

Die Jahre zuvor waren für die Kasseler Juden - im Mai 1933 gehörten der hiesigen jüdischen Gemeinde 2301 Personen an - schon qualvoll genug gewesen. Wie überall im "Reich" wanderten diejenigen, die auf den "schwarzen Listen" der Nazis standen, möglichst bald aus. Die meisten indes wollten in der Heimat bleiben - betrachteten sie sich doch als Deutsche. Auch als spätestens 1935 mit den "Nürnberger Gesetzen" auch dem letzten klar geworden war, daß sie Bürger zweiter Klasse waren, zogen sie lieber anderswohin und hofften auf bessere Zeiten, statt ins Ausland zu fliehen.

1937 wurden die Juden mit dem "J" auf der Kennkarte stigmatisiert, später mußten alle den Zusatzvornamen "Sara" und "Israel" führen, 1938 zeigte die lange als "Reichskristallnacht" verharmloste Nacht der Synagogenschändung und Geschäftezerstörung, daß der Marsch ins Verderben längst losgegangen war. Die Juden wurden aus dem Geschäftsleben ausgeschaltet, sie trauten sich kaum noch auf die Straße. 1941 begann mit den Deportationen die physische Vernichtung.

Vom Hauptbahnhof aus

Der Kasseler Hauptbahnhof wurde zum Schicksalsort der Kasseler Juden. Das ganze Unternehmen war aufs hinterlistigste organisiert. Wenige Tage vor den Transporten - die jeweilige Transportstärke sollte 1000 Personen betragen, um die Kapazitäten der Bahn auch gut auszunutzen - wurden die Opfer informiert und Auswärtige nach Kassel gebracht. Ihnen wurde vorgeschwindelt, sie kämen zum Arbeitseinsatz und sollten Nähmaschinen und Werkzeuge mitbringen.

Sammelstelle vor der Abfahrt war der Schulkomplex Schillerstraße. Dort filzten Mitarbeiter des Judenreferats der Gestapo die Ankömmlinge und beraubten sie ihres Schmuckes und Bargelds sowie ihrer Papiere. Dann wurden sie in einem Zug zum Bahnhof getrieben. Ein Teil des Gepäcks und Arbeitsgerät kamen in einen Extrawaggon - der noch auf dem Bahnhof abgekoppelt wurde, während die Juden ihrem Schicksal entgegenfuhren.

Literatur

Synagogen

Ehemalige Synagoge in Kassel

Die Geschichte jüdischen Lebens in Kassel reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Aber aus dem Jahr 1398 ist erstmals überliefert, dass es eine jüdische Gemeinde mit Synagoge am Rande der Altstadt zwischen Fuldaufer und Kloster Ahnaberg gegeben hat.

1754 wurde eine kleine Synagoge errichtet, von außen nicht als Gotteshaus zu erkennen und etwas versteckt hinter anderen Gebäuden gelegen.

Obwohl man immer wieder daran dachte, ein größeres Haus zu bauen, wurden entsprechende Pläne nicht realisiert. 1827 musste die Synagoge geschlossen werden, weil sie einsturzgefährdet war. Die Gläubigen trafen sich danach in engen Zimmern, vermutlich in Privaträumen, zum Gottesdienst – ein Zustand, der höchst unbefriedigend war.

1828 beschloss der Gemeindevorstand, neu zu bauen. Nach jahrelangen Diskussionen über den richtigen Entwurf wurde die Errichtung eines den Vorstellungen aller Gläubigen entsprechenden Gebetshauses dem Gemeindemitglied Albrecht Rosengarten übertragen. Es war ein stattliches Gebäude, das im August 1839 eingeweiht werden konnte.

Fast hundert Jahre später, am 7.11.1938, verwüsteten die Nationalsozialisten die Synagoge und steckten Gebetsrollen und Kultgegenstände in Brand. Vier Tage später beschloss die Stadtverwaltung den Abriss des fast unversehrten Gebäudes.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nach Jahren der Improvisation 1952/1953 ein Betsaal eingerichtet. 1964 begann man, an der Bremer Straße eine neue Synagoge zu bauen, die im Dezember 1965 eingeweiht wurde. Da das Gebäude für die Gläubigen bald schon wieder zu klein wurde, errichtete die jüdische Gemeinde unweit davon einen Neubau, den sie im Mai 2000 feierlich in Besitz nahm.

Quelle:

  • Uwe Feldner: Stadt-LEXIKON - (Fast) alles über KASSEL, erschienen im Herkules Verlag

Jüdische Synagoge in Kassel

Seit Mai 2000 nutzt die Jüdische Gemeinde ihre neue Synagoge an der Bremer Straße in Kassel, die Platz für 180 Menschen bietet. Zur feierlichen Einweihung kam auch Paul Spiegel nach Kassel, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Der 28. Mai 2000 war für die Stadt Kassel ein herausragender Tag. Mit der Einweihung der neuen Synagoge verfügt die Jüdische Gemeinde Kassels und der Region wieder über ein eigenes Gebäude, einen Ort der Andacht, Raum für kulturelle Aktivitäten und für das Feiern fröhlicher Feste.

siehe auch

Jüdischer Friedhof in Hofgeismar

Personen

Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Landkreis Kassel

Landkreis Waldeck-Frankenberg

Schwalm-Eder-Kreis

Werra-Meißner-Kreis

Stadt Kassel

Südniedersachsen

Weitere Informationen

Spurensuche und Informationen

eine Auswahl:

  • AG Spurensuche an der Jakob-Grimm-Schule, Rotenburg a.d.F.: www.ag-spurensuche.de
  • Arbeitskreis Landsynagoge Roth e.V.: www.landsynagoge-roth.de
  • Arbeitskreis Rückblende - Gegen das Vergessen e.V., Volkmarsen: www.rueckblende-volkmarsen.de
  • Die Synagoge in Vöhl: www.synagoge-voehl.de
  • Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen: www.vor-dem-holocaust.de
  • Fritz Bauer Institut - Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust: www.fritz-bauer-institut.de/
  • Gedenk- und Begnungsstätte Rotenburg a.d. Fulda: www.mikwe.de
  • Gedenkstätte Breitenau: www.gedenkstaette-breitenau.de
  • Gemeinde Schenklengsfeld: www.schenklengsfeld.de
  • Geschichte der Jüdischen Gemeinde Schenklengsfeld: www.judaicamuseum.de
  • Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Bad Hersfeld: www.christenjuden.de
  • Jüdische Friedhöfe in Hessen - Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen: web.uni-marburg.de/hlgl/lagis//juf.html
  • Jüdische Liberale Gemeinde Emet weSchalom e.V., Nordhessen, Gemeinderaum in Felsberg: www.emetweschalom.de
  • Jüdische Opfer des Nationalsozialismus aus den Gemeinden der Altkreise Hofgeismar, Kassel und Wolfhagen: www.museum-hofgeismar.de/judaica/listi.htm
  • Jüdisches Leben in Hessen vor dem Holocaust: www.before-the-holocaust.net
  • Online Gedenkbuch Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg: www.gedenkbuch.neu-isenburg.de
  • Stadt Gudensberg: www.gudensberg.de
  • Stadtmuseum Hofgeismar: www.museum-hofgeismar.de
  • Stolpersteine Melsungen: www.stolpersteine-melsungen.de
  • Synagoge Guxhagen- Förderverein Ehemalige Synagoge": e.V.: www.synagoge.guxhagen.net
  • Stolpersteine in Bad Wildungen: www.bad-wildungen.de/stolpersteine

Ehemalige Synagogen in Nordhessen

Eine Auflistung zu ehemaligen Synagogen in Nordhessen findet sich unter:

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. HNA-online vom 1.9.2013: Wie die Kasseler Widerstand gegen die Nazis leisteten
  2. HNA-online vom 25.9.2013: Jüdische Friedhöfe im Wolfhager Land

Weblinks