Jägerhaus

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Ekkehart Bippig (65) hat ein besonderes Verhältnis zu einem der früher beliebtesten Ausflugslokale der Stadt. Das Jägerhaus an der Rasenallee in Harleshausen bot an schönen Sommertagen bis zu 200 Gästen Platz im großen Garten. Vier Jahrzehnte, von 1906 bis 1947, bewirteten die Großeltern von Ekkehart Bippig das Gast- und Pensionshaus.

Aus dieser Zeit hat er uns Bilder zur Verfügung gestellt, die sie hier in der HNA-Serie "Zeitreisen" finden. Vom Familientreffen, der großen Konfirmandenrunde und der resoluten Oma Luise, die den Laden fest im Griff hatte. Das war auch nötig, denn insbesondere an den Wochenenden brummte das Geschäft im Gasthaus. In den zwei Sälen feierten dann schon mal mehrere Hochzeitsgesellschaften, für die Ausflügler im Garten mussten riesige Bleche mit Kuchen vorbereitet werden. Wenn dann das Wetter im letzten Moment doch noch umschlug, blieb man auf dem Kuchen sitzen. „Den mussten wir dann die ganze Woche essen“, erinnert sich Ekkehart Bippig.

Ohnehin war die Vorratshaltung sehr viel schwieriger als heute. Kühlschränke und Gefriertruhen gab es noch nicht. Die Brauerei lieferte Stangeneis, das in mit Blech ausgekleideten Holzkisten zwischengelagert wurde. Mit dem zerkleinerten Eis konnte man die Bierleitungen und die Nahrungsmittel kühlen.

Alle Familienmitglieder mussten mit anpacken, darunter auch die sechs Geschwister von Oma Luise. An typischen Ausflugstagen wie dem 1. Mai, Pfingsten und Himmelfahrt drängten sich die Gäste so eng, dass die Bestellungen durch die Fenster aus dem Gasthaus in den Garten gereicht wurden. Ekkehart Bippigs Vater sorgte schon als Schüler für Stimmung im Saal und im Garten. Er spielte Klavier, sein Freund Willi Gunkel Geige - und das oft bis in die frühen Morgenstunden.

Besonders beliebt war der Sonntagsausflug zum Jägerhaus. „Familien können Kaffee kochen“, lautete das Angebot, das früher auch in anderen Gaststätten üblich war. Die Gäste brachten ihren gemahlenen Malz- oder Bohnenkaffee mit. Im Gasthaus wurde das Pulver dann mit kochendem Wasser aufgebrüht, für 10 Pfennig pro Kanne. Ein preiswertes Vergnügen, das viele Anhänger hatte. „Man musste aber höllisch aufpassen, dass niemand das Geschirr oder das Besteck mitgehen ließ“, erinnert sich Ekkehart Bippig. In der Grauen Katze habe es deshalb nur noch Besteck mit einer Gravur gegeben. „Gestohlen in der Grauen Katze“, sei darauf zu lesen gewesen.

Luise Bippig starb 1947, ihr Mann war bei einem der zahlreichen Bombenangriffe auf Kassel ums Leben gekommen. Verschiedene Pächter versuchten in den 50er-Jahren, ohne Erfolg, das Gasthaus weiterzuführen. Es wurde mehrfach umgebaut und ist heute ein Wohnhaus.