Inflation und Weltwirtschaftskrise

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Wirtschaftliche Not, Inflation und die Auswirkungen der Weltwirtschaftskreise kennzeichneten die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in den 1920-er Jahren.

1923: Wertloses Geld mit reichlich Nullen

Die Inflation machte aus den Menschen erst Millionäre und später Milliardäre. Die Preise stiegen ins Uferlose. Henschel und andere brachten Notgeld heraus.

Im November 1923 kostete in Kassel ein Brot 192 Milliarden Mark. Dieser Preis sei nach eingehender Prüfung und langen Verhandlungen mit dem Bäckergewerbe festgelegt worden, so die Mitteilung des städtischen Nachrichtenamtes im Casseler Tageblatt. Diese Meldung markiert den Höhepunkt der Inflation. Schon zu Jahresbeginn stiegen die Preise sprunghaft. Im Januar kostete ein Roggenbrot noch 136 Mark, im Juni waren es schon 555 Mark, danach gab es kein Halten mehr. Ein am 4. Dezember 1923 abgestempelter Brief von Kassel nach Eschwege war mit Briefmarken im "Wert" von 100 Milliarden Mark frankiert.

Die Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg und die längst außer Kontrolle geratene Inflation hatten alle Bereiche des täglichen Lebens erfaßt. Waschkörbeweise wurden die Scheine transportiert, die Kreditinstitute kamen mit dem Zählen kaum noch nach. Das macht eine Anzeige der Reichsbankstellen und Sparkassen in den "Kasseler Neueste Nachrichten" deutlich: "Die dauernde Arbeitsüberlastung und völlige Erschöpfung der Angestellten und die dadurch in unseren Betrieben eingetretenen Schwierigkeiten zwingen uns, vorläufig am Sonnabend jeder Woche unsere Schalter für jeden Verkehr geschlossen zu halten." Die Entwicklung wurde immer dramatischer. Am 20. August 1923 brachte die Stadt Kassel erstmals eigene Geldscheine heraus. Sie trugen die Unterschriften von Oberbürgermeister Philipp Scheidemann und Bürgermeister Karl Brunner. Andere Institutionen wie die Handwerkskammer oder die Firma Henschel und Sohn ließen ebenfalls "Notgeld" drucken.

Den Kasseler Alltag während der Inflation beschreibt ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1938. Die zehnjährige Marie hatte in einer Truhe auf dem Dachboden jede Menge Geld gefunden, lauter 100000-Mark-Scheine. Die Freude währte nur kurz. "Liebes Kind, das sind wertlose Papierschnipsel, Inflationsblüten", so die Erklärung der Mutter, die sich 15 Jahre zurückversetzt: "Mein Kind, das war eine schreckliche Zeit. Da wurde das Geld von Tag zu Tag wertloser, und wenn du am Morgen noch glaubtest, viel Geld zu haben, am Abend war es schon zu einem Nichts zusammengeschrumpft. Am schlimmsten war der Währungsverfall im Jahre 1923. Bald jeden zweiten Tag brachte dein Vater eine Nachzahlung auf sein Gehalt nach Hause. Ganze Bündel von Banknoten, für die man am anderen Morgen kaum noch etwas kaufen konnte. Was so die einfachsten Einkäufe waren, da mußte man erst mit Millionen, dann mit Milliarden und schließlich mit Billionen rechnen."

Der Artikel ist gleich in zweifacher Hinsicht ein zeitgeschichtliches Dokument. Den Erinnerungen an die Inflationszeit folgt - ganz im Sinne der Nazipropaganda - üble antijüdische Hetze und ein Loblied auf den Führer.

Durch die Umstellung der Währung auf Goldbasis ("Goldmark") im November 1923 wurde der Inflation ein Ende bereitet. Aber die weitere Stabilisierung der Währung und die Kreditkrise schafften neue Probleme. Oberbürgermeister Philipp Scheidemann wandte sich im Juli 1924 hilfesuchend an die preußische Regierung und bat um 150000 Goldmark zur Behebung der finanziellen Krise der Stadt. Die zahlreichen Pensionäre seien völlig verarmt, es gebe 10000 Arbeitslose und 40000 Empfänger von Wohlfahrtsunterstützung, die Stadt habe Grundbesitz verkaufen müssen. Weil Kassel damit nicht allein und nicht sonderlich schlecht dastand, gab es jedoch kein Geld aus der Staatskasse.

Hunger, Krankheit und keine Arbeit

Anfang des Jahres 1932 erreichte die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt. Arbeitslöhne wurden mehrmals gekürzt, und die Menschen begannen zu hungern.

Kassel zählte zu den sechs von der Weltwirtschaftskrise am stärksten betroffenen Großstädten des Deutschen Reichs. Die Ursache lag hauptsächlich in der einseitig auf Lokomotiv- und Waggonbau ausgerichteten Industrie. So baute Henschel ab Mitte 1930 die Zahl seiner Beschäftigten von 4000 auf 1500 Ende 1931 ab.

Am 31. Dezember 1931 stellte Henschel die Arbeit dann vollständig ein, und die verblieben 1000 Arbeiter wurden nach Hause geschickt. Am 9. Mai wurde die Produktion wieder aufgenommen, allerdings zu stark gekürzten Löhnen. So verdiente ein Facharbeiter über 23 Jahre nur noch 69 Pfennig pro Stunde. Zum Vergleich: Fünf Liter Milch kosteten zu dieser Zeit 1,10 Reichsmark.

Hohe Dunkelziffer

Rund 20000 Menschen waren beim Arbeitsamt durchschnittlich als arbeitslos gemeldet. Doch verschleierte diese Zahl das Ausmaß der Arbeitslosigkeit mehr, als daß sie es enthüllte. Nicht mitgezählt wurden nämlich jene Menschen, die die Suche nach Arbeit aufgegeben hatten, sich den Nichtseßhaften anschlossen, ohne Lehrstelle waren oder sich als Bürstenverkäufer durchschlugen sowie alle, die sich zu freiwilligen Arbeitsdiensten gemeldet hatten.

Auch wenn es keine exakten Zahlen gibt, so dürften Ende des Jahres doch rund 26000 Menschen und 60000 von ihnen abhängige Familienangehörige ohne Arbeit gewesen sein.

Etwa 40000 dieser Menschen waren auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen, der damaligen Sozialhilfe. 13 Reichsmark bekam eine fünfköpfige Familie in der Woche. Doch damit konnte sie gerade mal die notwendigen Lebensmittel kaufen. Miete, Kohlen, Kleidung waren aber noch nicht bezahlt.

Auch die Kommunen selbst hatten immer weniger Geld. So begannen Kaufungen und Ochshausen, nur noch Teilbeträge und Abschlagszahlungen bei der Wohlfahrtshilfe auszuzahlen.

Die Folge: Ein Drittel der Kasseler hungerte. Hinzu kam Fehlernährung, da die Nahrung hauptsächlich auf Brot und Kartoffeln beschränkt war. Rachitis, allgemeine Schwächezustände und Tuberkulose wegen der schlechten Wohnsituation waren die Folge. Das Kasseler Volksblatt zitierte im Mai eine Statistik der Stadt Kassel, wonach 35 Prozent der Kleinkinder, die Hälfte der Schulkinder sowie vier von fünf Schulabgängern an Tuberkulose leiden würden.

Eine wirksame Hilfe boten den Hungernden kostenlose öffentliche Speisungen im städtischen Wohlfahrtsheim in der Luisenstraße, bei der Arbeiterwohlfahrt in der Mühlengasse und als größte und wichtigste Ausgabestelle das Karlshospital. (Die Ruine steht neben dem ehemaligen Polizeipräsidium an der Weserstraße). Dort gab es Suppe für zehn bis zwanzig Pfennig. Das Geld für die Mahlzeiten kam aus Spenden sowie aus Einnahmen einer Theatergruppe der Arbeitslosen. Täglich wurden dort zwischen 1000 und 2000 Essen ausgegeben.

Diebstahl aus Hunger

Doch die Speisungen reichten bei weitem nicht aus. Viele Menschen sahen sich gezwungen, Brot, Wurst, Käse und Kohlen zu stehlen. Darauf lassen zumindest zahlreiche Polizeimeldungen in den Kasseler Zeitungen schließen. Wer erwischt wurde, landete im Gefängnis.

In ihrer Not wurden die Arbeitslosen im Wohlfahrtsamt immer wieder handgreiflich. Sie griffen Beamte mit Stühlen an und beschimpften sie. In einem Akt der Verzweiflung besetzten sie am 19. November sogar das Kasseler Wohlfahrtsamt. Bei der Räumung des Rathauses durch die Polizei ließen die Eltern ihre Kinder zurück. Es kam zu erschütternden Szenen wie die "Kasseler Post" berichtete: "Da sich die Kinder völlig verlassen fühlten, begannen sie weinend nach ihren Eltern zu rufen." Eine Frau habe sogar ihren in eine Decke gewickelten Säugling im Dienstzimmer des Wohlfahrtsdezernenten zurückgelassen. Die Forderung nach zusätzlichen Lebensmittelhilfen für ihre Kinder wurden jedoch nicht erfüllt. Fünf Tage später kam es deshalb erneut zu Tumulten.

Die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und Hunger waren fatal. Immer häufiger brachen notleidende Menschen in Lebensmittelgeschäfte ein oder stahlen auf Äckern Kartoffeln. Wenn Großfamilien den ganzen Tag in ihren kleinen und kalten Wohnungen saßen, kam es häufig zu Streit, der oftmals in Handgreiflichkeiten mündete. Viele Menschen sahen sogar überhaupt keinen Ausweg mehr und brachten sich um.

Die Informationen stammen überwiegend aus der Veröffentlichung von R. Wilmsmeier, "Die Zerschlagung der Freien Gewerkschaften in Kassel 1933".

Inflation in Northeim

Deutsche Milliardäre in der Krise

Auf dem Höhepunkt der Inflation gab die Sparkasse der Stadt Northeim am 31. Oktober 1923 einen Scheck über eine Billion Mark heraus. Repro: HNA

Wirtschaftliche Not erlitt das Deutsche Volk in den zwanziger Jahren, als die Menschen mit einer Hyperinflation und den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu kämpfen hatten. Auch in Northeim hatten die Menschen ihre Probleme.

Wer am 30. Oktober 1923 die Ausgabe der Northeimer Neuesten Nachrichten lesen wollte, musste Milliardär gewesen sein. Genau eine Milliarde kostete das begehrte Druckerzeugnis auf dem Höhepunkt der deutschen Inflation.

Was ist eigentlich eine Inflation? Der Begriff Inflation ist von dem lateinischen Wort "inflatio" abgeleitet, was soviel wie Aufblähung bedeutet. Gemeint ist damit die Vermehrung der Zahlungsmittel durch ungedeckte und somit in der Kaufkraft ständig sinkende Banknoten. Genau diese Entwertung konnte man beispielsweise an den Preisen der Heimatzeitung im Jahr 1923 verfolgen. Während am 3. Januar der Preis für eine Einzelausgabe bei 25 Mark lag, betrug dieser sechs Monate später schon 200 Mark.

Freibleibende Preise

Der Verein Deutscher Zeitungsverleger sah sich im Juli wegen explodierender Preise und Kosten sowie der Einführung wertbeständiger Löhne außer Stande, die Preise für einen Monat im Voraus freizuhalten. Der Gesamtvorstand entschied die Bezugspreise, ebenso wie alle anderen Industrie- und Handelszweige freibleibend zu gestalten. Damit sollen die Verlage die Möglichkeit bekommen, den enormen Preissteigerungen zu folgen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Am 1. August waren die Preise auf das zehnfache geklettert und 3. Oktober musste man schon zwei Millionen Mark "hinblättern". Der Höchststand war mit dem beschriebenen 1-Milliarde-Mark-Preis erreicht. Die Wertlosigkeit des Papiergeldes wurden jedem klar, wenn er im Juli an Gastwirtschaften, Altwarenhandlungen und Zigarettengeschäften Schilder entdeckte, auf denen täglich die Preise für ein kupfernes Pfennigstück und Zehnpfennigstücke aus Nickel, Zink oder Eisen verzeichnet wurden. Ein Kupferpfennig, so konnte man am 5. Juli in der Zeitung lesen, kostete 25 Mark, ein Groschen aus Eisen vier, aus Zink zehn Mark und ein 50-Pfennig-Stück aus Aluminium 25 Mark. Goldwährung.

Vor dem Krieg waren die meisten Währungen in Europa noch durch Gold gedeckt. Dieses Edelmetall fehlte aber in den zwanziger Jahren, da der Krieg den teilnehmenden Ländern 730 Milliarden Goldmark verschlang. Gerade die wirtschaftliche Kraft Deutschlands war zerstört. Die widersinnigen Bestimmungen des Versailler Vertrages, welcher Milliardensummen als wiedergutmachende Reparationsleistungen festlegte, und der ruinöse Ruhrkampfes beschleunigten den Niedergang der Wirtschaft.

Die Regierung in Berlin musste unbegrenzt Papiergeld ausgeben, um das Wirtschaftsleben überhaupt noch in Gang halten zu können. Da aber außer Geld kaum etwas produziert und somit kein Gegenwert geschaffen wurde, hatten die Banknoten keine Kaufkraft. Der Wert sank mehr und mehr und immer schneller. Und je schneller er sank, desto mehr musste nachgedruckt werden. 133 Druckereien und 30 Papierfabriken wurden von der Reichsbank beschäftigt, diese Nachfrage zu decken. Es reichte aber nicht, den Geldbedarf zu befriedigen, so dass Länder, Kommunen und Privatunternehmen mit einspringen mussten. 1923 erreichte der Bargeldumlauf die astronomische Summe von fast 500 Trillionen Mark (Eine Zahl mit 15 Nullen).

Es ist heute für die jüngeren Deutschen kaum vorstellbar, was ihre (Ur-)Großeltern miterlebten. Welche Not damals herrschte und welche Auswirkungen eine galoppierende Inflation haben kann.

Täglich neue Preise

Aus dem hiesigen Papiergeld ließ sich der rapide Wertschwund ablesen. Jeden Tag wurden Löhne und Preise neu festgesetzt. Am 14. August 1923 gab die Sparkasse der Stadt Northeim noch Gutscheine für 500.000 und 1.000.000 Mark aus. Bereits am 25. Oktober erschienen bereits 5- und 10-Milliarden-Papiere, unter anderem auch vom Bankhaus A. H. Müller. Der Höhepunkt wurde am 31. Oktober 1923 erreicht, als die Sparkasse neben Scheinen über 5,10, 20, 50, 100 und 500 Milliarden einen Scheck über 1 Billion herausbringt. "Ein Paar Socken kostete 1923 zwei Billionen Papiermark", erinnerte sich Fritz Drake, der 1922 seine Lehre beim Northeimer Bankhaus A. H. Müller anfing. Die Inflation ging soweit, dass für die Lohnauszahlung die Geldbeträge in Wäschekörben abgeholt worden, so der 95-Jährige.

Lohn eines Jahres

Auch die Landwirtschaft hatte mit der Geldentwertung zu kämpften. Ein Landwirt mußte mit dem Erlös seiner Ernte das ganze folgende Jahr haushalten. Das Geld muß für Lebensunterhalt und für die Produktion der folgenden Jahre reichen. Hatte der Landwirt im Herbst 1922 zur Sicherung der Volksernährung seine gesamte Produktion verkauft, wurden seine Geldreserven durch die Inflation vernichtet, sofern er sich nicht Saatgut zurückgelegt hatte. Fast kein Landwirt kam darum herum, in dem Inflationsjahr bereits frühzeitig vor der Ernte im größeren Maße Kredite aufzunehmen, um den Betrieb weiterzuführen. "Es sei nicht verwunderlich, dass weite Kreise der Landwirtschaft jetzt keine Neigung mehr haben, sich mit den geringen vorhandenen Nahrungsmittel im wahrsten Sinne des Wortes arm zu verkaufen", heißt es in einem Zeitungsbericht vom 11. August.

Am 20. November wurde dem Spuk mit der Einführung der Rentenmark ein Ende gesetzt. Es wurden zwölf Nullen am Geldwert gestrichen: Eine Billion Papiermark wurden zu einer Rentenmark umgetauscht. Für sage und schreibe zehn Pfennig konnte man die Northeimer Neueste Nachrichten am 28. November kaufen.

Wucherpolizei

Von der Regierung wurde eine Wucherpolizei eingesetzt, um die Währungsumstellung zu kontrollieren. Dank dem energischen Vorgehen dieser Ordnungshüter machte der Preisabbau ab Ende November große Fortschritte. Preissenkungen waren in verschiedenen Gebieten zu verzeichnen. Von größter Wichtigkeit für die Wirtschaft war es, dass die Preise für den Energieträger Nummer eins, die Kohle, sanken.

Auf dem Höhepunkt der Inflation gab die Sparkasse der Stadt Northeim am 31. Oktober 1923 einen Scheck über eine Billion Mark heraus.

Eine Milliarde mussten die Leser der Northeimer Neuesten Nachrichten an diesem Tag für eine Ausgabe hinblättern.

Auch in Hardegsen gab ein Geldinstitut Geldscheine aus.

Wussten Sie schon ...

... dass am 5. Sonntag nach Trinnitatis, dem 1. Juli 1923 (Inflationszeit), im Klingelbeutel der Kirche in Hammenstedt ein 100 000-Mark-Schein gefunden wurde? Im Protokollbuch des Kirchenvorstandes heißt es hierzu: „Er wurde sofort an vier Bedürftige im Ort verteilt“.

Karl Nolte, Hammenstedt

(Erschienen: HNA / Northeimer Neueste Nachrichten, 10.04.2007)