Inflation in Northeim

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Deutsche Milliardäre in der Krise

Auf dem Höhepunkt der Inflation gab die Sparkasse der Stadt Northeim am 31. Oktober 1923 einen Scheck über eine Billion Mark heraus. Repro: HNA

Wirtschaftliche Not erlitt das Deutsche Volk in den zwanziger Jahren, als die Menschen mit einer Hyperinflation und den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu kämpfen hatten. Auch in Northeim hatten die Menschen ihre Probleme.

Wer am 30. Oktober 1923 die Ausgabe der Northeimer Neuesten Nachrichten lesen wollte, musste Milliardär gewesen sein. Genau eine Milliarde kostete das begehrte Druckerzeugnis auf dem Höhepunkt der deutschen Inflation.

Was ist eigentlich eine Inflation? Der Begriff Inflation ist von dem lateinischen Wort "inflatio" abgeleitet, was soviel wie Aufblähung bedeutet. Gemeint ist damit die Vermehrung der Zahlungsmittel durch ungedeckte und somit in der Kaufkraft ständig sinkende Banknoten. Genau diese Entwertung konnte man beispielsweise an den Preisen der Heimatzeitung im Jahr 1923 verfolgen. Während am 3. Januar der Preis für eine Einzelausgabe bei 25 Mark lag, betrug dieser sechs Monate später schon 200 Mark.

Freibleibende Preise

Der Verein Deutscher Zeitungsverleger sah sich im Juli wegen explodierender Preise und Kosten sowie der Einführung wertbeständiger Löhne außer Stande, die Preise für einen Monat im Voraus freizuhalten. Der Gesamtvorstand entschied die Bezugspreise, ebenso wie alle anderen Industrie- und Handelszweige freibleibend zu gestalten. Damit sollen die Verlage die Möglichkeit bekommen, den enormen Preissteigerungen zu folgen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Am 1. August waren die Preise auf das zehnfache geklettert und 3. Oktober musste man schon zwei Millionen Mark "hinblättern". Der Höchststand war mit dem beschriebenen 1-Milliarde-Mark-Preis erreicht. Die Wertlosigkeit des Papiergeldes wurden jedem klar, wenn er im Juli an Gastwirtschaften, Altwarenhandlungen und Zigarettengeschäften Schilder entdeckte, auf denen täglich die Preise für ein kupfernes Pfennigstück und Zehnpfennigstücke aus Nickel, Zink oder Eisen verzeichnet wurden. Ein Kupferpfennig, so konnte man am 5. Juli in der Zeitung lesen, kostete 25 Mark, ein Groschen aus Eisen vier, aus Zink zehn Mark und ein 50-Pfennig-Stück aus Aluminium 25 Mark. Goldwährung.

Vor dem Krieg waren die meisten Währungen in Europa noch durch Gold gedeckt. Dieses Edelmetall fehlte aber in den zwanziger Jahren, da der Krieg den teilnehmenden Ländern 730 Milliarden Goldmark verschlang. Gerade die wirtschaftliche Kraft Deutschlands war zerstört. Die widersinnigen Bestimmungen des Versailler Vertrages, welcher Milliardensummen als wiedergutmachende Reparationsleistungen festlegte, und der ruinöse Ruhrkampfes beschleunigten den Niedergang der Wirtschaft.

Die Regierung in Berlin musste unbegrenzt Papiergeld ausgeben, um das Wirtschaftsleben überhaupt noch in Gang halten zu können. Da aber außer Geld kaum etwas produziert und somit kein Gegenwert geschaffen wurde, hatten die Banknoten keine Kaufkraft. Der Wert sank mehr und mehr und immer schneller. Und je schneller er sank, desto mehr musste nachgedruckt werden. 133 Druckereien und 30 Papierfabriken wurden von der Reichsbank beschäftigt, diese Nachfrage zu decken. Es reichte aber nicht, den Geldbedarf zu befriedigen, so dass Länder, Kommunen und Privatunternehmen mit einspringen mussten. 1923 erreichte der Bargeldumlauf die astronomische Summe von fast 500 Trillionen Mark (Eine Zahl mit 15 Nullen).

Es ist heute für die jüngeren Deutschen kaum vorstellbar, was ihre (Ur-)Großeltern miterlebten. Welche Not damals herrschte und welche Auswirkungen eine galoppierende Inflation haben kann.

Täglich neue Preise

Aus dem hiesigen Papiergeld ließ sich der rapide Wertschwund ablesen. Jeden Tag wurden Löhne und Preise neu festgesetzt. Am 14. August 1923 gab die Sparkasse der Stadt Northeim noch Gutscheine für 500.000 und 1.000.000 Mark aus. Bereits am 25. Oktober erschienen bereits 5- und 10-Milliarden-Papiere, unter anderem auch vom Bankhaus A. H. Müller. Der Höhepunkt wurde am 31. Oktober 1923 erreicht, als die Sparkasse neben Scheinen über 5,10, 20, 50, 100 und 500 Milliarden einen Scheck über 1 Billion herausbringt. "Ein Paar Socken kostete 1923 zwei Billionen Papiermark", erinnerte sich Fritz Drake, der 1922 seine Lehre beim Northeimer Bankhaus A. H. Müller anfing. Die Inflation ging soweit, dass für die Lohnauszahlung die Geldbeträge in Wäschekörben abgeholt worden, so der 95-Jährige.

Lohn eines Jahres

Auch die Landwirtschaft hatte mit der Geldentwertung zu kämpften. Ein Landwirt mußte mit dem Erlös seiner Ernte das ganze folgende Jahr haushalten. Das Geld muß für Lebensunterhalt und für die Produktion der folgenden Jahre reichen. Hatte der Landwirt im Herbst 1922 zur Sicherung der Volksernährung seine gesamte Produktion verkauft, wurden seine Geldreserven durch die Inflation vernichtet, sofern er sich nicht Saatgut zurückgelegt hatte. Fast kein Landwirt kam darum herum, in dem Inflationsjahr bereits frühzeitig vor der Ernte im größeren Maße Kredite aufzunehmen, um den Betrieb weiterzuführen. "Es sei nicht verwunderlich, dass weite Kreise der Landwirtschaft jetzt keine Neigung mehr haben, sich mit den geringen vorhandenen Nahrungsmittel im wahrsten Sinne des Wortes arm zu verkaufen", heißt es in einem Zeitungsbericht vom 11. August.

Am 20. November wurde dem Spuk mit der Einführung der Rentenmark ein Ende gesetzt. Es wurden zwölf Nullen am Geldwert gestrichen: Eine Billion Papiermark wurden zu einer Rentenmark umgetauscht. Für sage und schreibe zehn Pfennig konnte man die Northeimer Neueste Nachrichten am 28. November kaufen.

Wucherpolizei

Von der Regierung wurde eine Wucherpolizei eingesetzt, um die Währungsumstellung zu kontrollieren. Dank dem energischen Vorgehen dieser Ordnungshüter machte der Preisabbau ab Ende November große Fortschritte. Preissenkungen waren in verschiedenen Gebieten zu verzeichnen. Von größter Wichtigkeit für die Wirtschaft war es, dass die Preise für den Energieträger Nummer eins, die Kohle, sanken.

Auf dem Höhepunkt der Inflation gab die Sparkasse der Stadt Northeim am 31. Oktober 1923 einen Scheck über eine Billion Mark heraus.

Eine Milliarde mussten die Leser der Northeimer Neuesten Nachrichten an diesem Tag für eine Ausgabe hinblättern.

Auch in Hardegsen gab ein Geldinstitut Geldscheine aus.

Wussten Sie schon ...

... dass am 5. Sonntag nach Trinnitatis, dem 1. Juli 1923 (Inflationszeit), im Klingelbeutel der Kirche in Hammenstedt ein 100 000-Mark-Schein gefunden wurde? Im Protokollbuch des Kirchenvorstands heißt es hierzu: „Er wurde sofort an vier Bedürftige im Ort verteilt“.

Karl Nolte, Hammenstedt

(Erschienen: HNA / Northeimer Neueste Nachrichten, 10.04.2007)