Hugenottische Siedlerstellen in Carlsdorf

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fachwerkhäuser in Carlsdorf

Der kreuzförmig angelegte Ort Carlsdorf - heute ein Stadtteil von Hofgeismar im Landkreis Kassel - entstand im Bereich einer Wüstung. Dieses ursprüngliche Dorf wird mit den Namen Gotresdeshusun oder Gothardessen (später auch Gauze) schon im Jahre 965 erwähnt und wurde bereits vor dem Jahr 1430 von seinen Bewohnern aufgegeben.

Das heutige Dorf geht zurück auf die erste Ackerkolonie in Hessen für Glaubensflüchtlinge aus Frankreich im Jahre 1686. Ein Großteil der Erstsiedler stammte aus der Waldensergemeinde Abriès im Queyrastal. Landgraf Carl von Hessen siedelte im 17. Jahrhundert auch in der Umgebung der Stadt Hofgeismar zahlreiche Hugenottenfamilien an, die nach dem Edikt von Fontainebleau und der Aufhebung der Religionsfreiheit in Frankreich im Jahre 1685 ihre Heimat verloren hatten. Carlsdorf wurde nach Landgraf Carl, das benachbarte Mariendorf nach dessen Gattin Maria Amelia benannt.

In Carlsdorf - im Lempetal zwischen dem Dorf Hombressen im Reinhardswald und Hofgeismar gelegen - entstanden zunächst 12 strohgedeckte Häuser. Während das untere Stockwerk aus Steinen bestand, wurde für das obere Stockwerk eine Fachwerkkonstruktion gewählt.

Insgesamt 500 hessische Acker (119,35 ha) standen in Carlsdorf für die Neuansiedler zur Verfügung, die auf ihren kleinen "Portionen" allerdings wirtschaftlich nur schwer Tritt fassen konnten. Neben dem vorhandenen "Staatsland" erhielten die neuen Siedler Flächen zum Roden, so Teile des Waldes am Strauchberg und an der Lichten Heide.


Auf den Spuren hugenottischer Siedler

Pfad mit Landstellen-Steckbriefen in Carlsdorf eingeweiht - Gäste aus Frankreich nahmen teil

Artikel in HNA-online vom 7.6.2011

Carlsdorf. Mehr als 30 Tafeln informieren jetzt an Gebäuden in Carlsdorf über die Geschichte dieser Landstellen von der Gründung des Ortes 1686 bis 1700. Die Siedlungsplätze wurden von Landgraf Carl an hugenottische Glaubensflüchtlinge vergeben. Jetzt fand die Einweihung des Steckbrief-Pfades statt und knapp 30 Besucher aus dem Queyras, der französischen Region Hautes Alpes, nahmen an dem Rundgang teil. Sie waren für fünf Tage in dem ältesten Hugenottendorf Hessens zu Gast. Auf dem Programm standen zudem eine Stadtführung, der Viehmarktbesuch und Ausflüge in die Region.

Das Projekt Landstellen-Steckbriefe wurde vom Geschichtskreis Carlsdorf initiiert und von der Stadt Hofgeismar finanziell unterstützt. Die Recherchen leisteten Walter Hofmeyer und Konrad Bellon.

„Es ist bewegend, wenn Menschen herkommen, wo auch die ersten Carlsdorfer herkamen und es in der Gegenwart eine Begegnung gibt“, sagte Pfarrer Björn Slenczka zur Begrüßung in der Carlsdorfer Kirche. Auf die Herkunftsgebiete ging Dr. Renate Buchenauer (Marburg) ein.

Die Leiterin des Projekts Hugenotten- und Waldenser-Pfade berichtete über den Fortgang der Arbeiten an beschilderten ehemaligen Fluchtwegen. Sie führen unter Anderem aus dem französischen Dauphine oder Piemont auf der italienischen Seite bis Bad Karlshafen und darüber hinaus - Geschichte zum Erwandern. Das Hauptziel sei es, das Kulturerbe in Erinnerung zu rufen und zu stützen. Migration und Exil seien Themen, die Europa auch zukünftig bewegen würden, stellte Buchenauer fest. Die Arbeit an den Hugenotten- und Waldenser-Pfade in Hessen soll bis zum September dieses Jahres abgeschlossen sei.

Einen kurzen Abriss zur Geschichte der ersten Carlsdorfer Siedler gab Jürgen Lips aus dem Geschichtskreis. Die Familien seien in zwei Brigaden eingetroffen - Elsaß und Val Cluson. Darunter seien auch Familien aus Queyras gewesen, erklärte Lips.

Schwieriger Start

Die Bewirtschaftung der zugewiesenen Ländereien hätte sich als schwierig erwiesen, so dass ein Großteil der Familien nach wenigen Jahren weitergezogen sei.

Die verbliebenen Querassiner hatten hugenottische Freunde nach Carlsdorf geholt, um die leerstehenden Häuser und verwaisten Äcker zu übernehmen. „Ab 1691 gab es deshalb fast ausschließlich Einwohner aus Queyras“, so Lips. (ziv)

siehe auch