Hugenottenkirchen im Altkreis Hofgeismar

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hugenottenkirchen
im Altkreis Hofgeismar
Carlsdorf-Hugenottenkirche.jpg
HofgeismarFriedrichsdorf03.jpg
Hugenottenkirche-Mariendorf.JPG
Kelze-Hugenottenkirche.JPG
Schöneberg-Hugenottenkirche.JPG
Gewissenruh-Kirche-1JPG.jpg
Kirche Gottstreu.jpg

Zum Ende des 17. Jahrhunderts fanden zahlreiche französische Glaubensflüchtlinge Aufnahme in der Landgrafschaft Hessen-Kassel, besonders in den nach dem Dreißigjährigen Krieg nur noch dünn besiedelten nördlichen Landesteilen.

Auch die ehemalige Ackerbürgerstadt Hofgeismar gehörte zu den Orten, in denen Landgraf Karl im 17. Jahrhundert französische „Réfugiés“ ansiedelte. Etwa 265 französische Flüchtlinge trafen Anfang Februar 1686 in Hofgeismar ein, nachdem König Ludwig XIV. in Frankreich schon 1685 das Toleranzedikt von Nantes aufgehoben hatte.

Bereits am 22. Februar 1686 wurde eine französisch-reformierte Gemeinde in Hofgeismar an der Neustädter Kirche gegründet. Der erste Pfarrer der Gemeinde war der Waldenserpfarrer David Clément, der 1685 seine Heimat im Pragelatal verlassen musste und über die Schweiz mit drei Flüchtlingsbrigaden (den Brigaden "Elsaß", "Val Cluson" und "Queyras") nach Hessen gekommen war.

Hugenottenkirchen im ehemaligen Kreis Hofgeismar

In kaum einer anderen Region ist hugenottisches Wirken in Ortsbildern und Einzelbauten so anschaulich erlebbar wie nördlich von Kassel. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es Gebiete mit solch konzentrierter hugenottischer Dorflandschaft wie hier.

Noch 1686 begann das Siedlungsprogramm des Landgrafen in den nach dem Dreißigjährigen Krieg vielfach zerstörten und entvölkerten Landstrichen. Hugenotten (aus dem französischen Staatsgebiet) und Waldenser (aus den französischen Alpentälern und den Alpentälern Savoyens) siedelten sich nicht nur in Hofgeismar an. Neue Dörfer entstanden auch in der Umgebung der Stadt, als erstes Carlsdorf (benannt nach Landgraf Carl) oder Mariendorf bei Immenhausen (benannt nach seiner Ehefrau Maria Amelia).

Besonders sehenswert ist die Carlsdorfer Fachwerkkirche, die – wie der Ort selbst – offenbar von Paul du Ry geplant und in den Jahren 1699 bis 1704 errichtet wurde. Als hugenottischer Glaubensflüchtling war Paul du Ry von Landgraf Carl nach Kassel, der Residenzstadt der Landgrafschaft Hessen-Kassel zum Hofbaumeister berufen worden.

Auch in dem benachbarten und nur dünn besiedelten Dorf Hombressen wurden in den Jahren 1686 und 1687 französische Flüchtlinge untergebracht, denen - wie in Carlsdorf - Parzellen zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zugewiesen wurden.

Später entstanden - im Jahre 1699 - die Hugenottendörfer in Kelze und Schöneberg, nachdem mit einer zweiten Flüchtlingswelle weitere Glaubensflüchtlinge aus Frankreich nach Hofgeismar gekommen waren. In Kelze entstand im Anschluss an diese zweite Ausweisung eine Kolonie an der Stelle eines ehemaligen mittelalterlichen Dorfes, das unter der Bezeichnung Oberkelze bereits im Jahre 1146 urkundlich erwähnt wird.

Im Jahre 1699 erfolgte auch die einzige Stadtgründung für Hugenotten in Hessen, sieht man von der Neuanlage der Oberneustadt in Kassel einmal ab. Die neue Stadt an der Mündung der Diemel in die Weser wurde in Sieburg gegründet, dem späteren Karlshafen.

Mit dem Bau der Hugenottenkirche in Mariendorf wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts begonnen. Im Jahre 1705 wurde der Rohnbau fertiggestellt, weitere Jahre dauerte der Innenausbau, bevor der dritte Mariendorfer Pfarrer, Louis de Lescure die Kirche am 9. Juni 1710 einweihen konnte.

1722 wurden dann mit Gewissenruh und Gottstreu zwei weitere neue Waldenser-Dörfer an der Weser gegründet.

Als letzte Neugründung entstand in der Nähe der Stadt Hofgeismar – bereits unter der Regentschaft des Landgrafen Friedrich II. – das Dorf Friedrichsdorf im Jahre 1775.


Hintergrund:

aus einem Beitrag des ehem. Hofgeismarer Dekans Jochen Desel im Kasseler Sonntagsblatt vom 18.7.1999:

"Es waren überwiegend Waldenser aus den savoyischen Alpentälern bei Torre Pellice und Hugenotten, die ihre südfranzösische Heimat schon 1686 nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes verlassen hatten, die 1699 als "verspätete Hugenotten" nach Hessen kamen. Beide Gruppen hatten zunächst in der benachbarten Schweiz Asyl gesucht und auch gefunden. 1698 waren die schweizerischen Kantone nicht mehr bereit, die immer zahlreicher einwandernden französischen Réfugiés in ihrer Gesamtzahl zu behalten. Ein Teil von ihnen - vor allem die mittellosen Waldenser - wurde ausgewiesen und mußte das Land wieder verlassen.

Um ihre geplante Einbürgerung in Deutschland zu erleichtern, zahlten die Schweizer und die Niederländer beträchtliche Summen an die aufnahmewilligen deutschen Fürsten. Auch Landgraf Carl von Hessen erhielt Hilfszahlungen, weil er nach anfänglichem Zögern seine Bereitschaft zur Ansiedlung einer zweiten Flüchtlingswelle der Réfugiés in Hessen-Kassel erklärte. Die für Hessen bestimmten Glaubensflüchtlinge schlossen sich im Sommer 1699 in der Schweiz zu sogenannten Brigaden zusammen, um gemeinsam nach Deutschland zu reisen. Schweren Herzens verließen sie die Schweiz, eine ungewisse Zukunft vor Augen. Sie bestiegen in Bern und in anderen Schweizer Städten Schiffe, mit denen sie auf der Aare und dem Rhein über Basel bis Gernsheim fuhren. Von dort zogen sie über Frankfurt und Marburg auf dem Landweg weiter in das nördliche Hessen.

Die Flüchtlingskommissare des Landgrafen hatten schon vor der Ankunft der Flüchtlinge ihre Unterbringung vorbereitet und Details der Ansiedlung mit den Brigadeführern der französischen Réfugiés abgesprochen. Trotzdem waren die ersten Jahre der Flüchtlinge in der neuen hessischen Heimat schwierig für alle Betroffenen. Die Flüchtlinge hatten großzügigere Hilfeleistungen erwartet, die Einheimischen dagegen beneideten die Neuankömmlinge um ihre Privilegien und die Befreiung von Steuern und Abgaben. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Verhältnisse in den "neuen Dörfern" normalisierten und rund ein Jahrhundert, bis aus den Réfugiés Deutsche geworden waren."

Karlshafen

Bereits im Jahre 1699 erfolgte die einzige Stadtgründung für Hugenotten in Hessen, in Sieburg, dem späteren Carlshafen. Der Name Sieburg wurde offenbar nach einer alten Fliehburg gewählt. Die Hochfläche liegt im Osten oberhalb der Stadt auf etwa 270 m Höhe. Vermutlich lag hier eine alte Fliehburg und frühmittelalterliche Wallanlage.

Nach dem Willen des Landgrafen Carl sollte eine neue Fabrik- und Handelsstadt entstehen, wobei der Capitän Friedrich Conradi, Ingenieur und Baumeister des Landgrafen, von 1699 bis 1750 als Bauleiter verantwortlich war. Die Planung des im Jahre 1717 in "Carlshaven" umbenannten Orts erfolgte durch den Hofbaumeister Paul du Ry.

An breiten Strassen entstanden zumeist zweigeschossige, weiße Häuser mit barocken Giebeln. Schon bald kamen aber auch besonders ausgebildete Gebäude hinzu, wie das „Hotel des Invalides“, das Invalidenhaus für verletzte und ausgeschiedene hessische Soldaten, das in den Jahren 1704 bis 1710 entstand und in dessen Kapelle die ersten Gottesdienste für die angesiedelten französischen Glaubensflüchtlinge stattfanden.

Heute gibt das im Jahre 1989 in einem ehemaligen Fabrikgebäude (ehemalige Tabakfabrik) eröffnete Hugenottenmuseum in Karlshafen Einblicke in das Leben der französischen Glaubensflüchtlinge, die ab dem Jahre 1701 in die neugegründete Stadt zogen.

Oberhalb der Stadt auf einem steilen Berghang befindet sich der Hugenottenturm, der im Jahre 1913 im Auftrag des Kaufmanns Johann Joseph Davin aus Bremen errichtet wurde, dessen hugenottische Vorfahren in der Stadt Aufnahme fanden.

Und zu einer festen Größe und zum Stadtfest von Karlshafen hat sich inzwischen das Hugenottenfest entwickelt, das an die ersten Siedler der Stadt, aber auch das hugenottische Erbe in Deutschland erinnern soll.

Literatur

  • Jochen Desel, „Hugenotten und Waldenser in und um Hofgeismar“ in: Hessische Heimat – Sonderheft Hofgeismar, Marburg 1978, S. 70 ff.
  • Jochen Desel, Die 300-Jahrfeiern in Carlsdorf und Mariendorf 1986 und 1987, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 1988, S. 77 ff.
  • Jochen Desel, Französische Dörfer - deutsche Zuwanderer 1669 - 1779: 300 Jahre Kelze und Schöneberg, Band II, Hofgeismar 1999
  • Jochen Desel, Asyl für 265 aus dem Queyrastal, Artikel in der HNA (Ausgabe Hofgeismar) vom 22.2.1986
  • Siegfried Lotze, Die Weihe der Hugenottenkriche in Schöneberg vor 300 Jahren, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 2007, S. 107 ff.

siehe auch

weitere Hugenottendörfer und -kirchen im heutigen Landkreis Kassel entstanden in

im benachbarten Landkreis Waldeck-Frankenberg entstanden

Weblinks