Hugenottenkirche in Schöneberg

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Die Hugenottenkirche in Schöneberg

Die Hugenottenkirche in Schöneberg stammt aus den Anfangsjahren des Hugenottendorfs Schöneberg - heute ein Stadtteil von Hofgeismar im Landkreis Kassel - westlich am Rande des Reinhardswalds.

Die Gründung des heutigen Straßendorfs Schöneberg erfolgte im Jahre 1699 für Glaubensflüchtlinge aus Frankreich.

Landgraf Carl von Hessen-Cassel gab ihnen im 17. Jahrhundert auch in der Umgebung der Stadt Hofgeismar neuen Siedlungsraum, nachdem sie durch das Edikt von Fontainebleau und die Aufhebung der Religionsfreiheit in Frankreich im Jahre 1685 ihre Heimat verloren hatten. Ebenso fanden hier waldenser Flüchtlinge eine neue Heimat, die 1698 auf Befehl Ludwig XIV. aus Frankreich vertrieben worden waren.

Nirgendwo sonst in Deutschland wurden Hugenotten im Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung so zahlreich aufgenommen wie in Nordhessen. Am 3. August 1688 legte Landgraf Karl den Grundstein für die Kasseler Oberneustadt. Neben Karlshafen war das die zweite Neugründung einer Stadt in Hessen-Kassel, hinzu kamen 19 kleinere Orte. Mit dem Siedlungsprogramm in den nach dem Dreißigjährigen Krieg vielfach zerstörten und entvölkerten Landstrichen der Landgrafschaft wurde im Jahre 1686 begonnen. Neue Dörfer entstanden, als erste Carlsdorf (benannt nach Landgraf Carl) und Mariendorf (benannt nach seiner Ehefrau Maria Amelia).


Aus der Ortsgeschichte

Hugenottenkirche

Im Bereich des ehemaligen Dorfs Büngheim (auch: Bünichheim) - urkundlich bereits im Jahre 965 erwähnt - bestimmte Landgraf Carl von Hessen für 24 "Réfugiés" einen Platz für die Anlage einer "Kolonie" im Nordosten von Hofgeismar, mit deren Bebauung ab 1700 begonnen wurde. Viele Erstsiedler kamen aus dem Pragelas- und Queyrastal nach Zwischenaufenthalten in der Schweiz und in der Pfalz nach Schöneberg.

Für die Ortsplanung in Schöneberg war Paul du Ry verantwortlich, der - ebenfalls hugenottischer Glaubensflüchtling - 1685 von Landgraf Carl zum Hofbaumeister berufen worden war.

Aus den Gründerjahren stammt auch die Hugenottenkirche in Schöneberg, die in den Jahren 1705 und 1706 erbaut wurde.

Das neu gegründete Dorf entstand durch die Ansiedlung von 24 Familien. Bei einer Volkszählung achtzig Jahre später - im Jahre 1779 - hatte sich die Zahl der Dorfbewohner noch nicht wesentlich verändert. Verständlich wird dies durch die damals hohe Kindersterblichkeit, zudem hatten sich einige Nachkommen aus den Hugenotten-Siedlungen in Kelze, Schöneberg und Gewissenruh inzwischen in der neu gegründeten Siedlung Friedrichsdorf am Wattberg niedergelassen.

Neben 16 französischen Haushalten mit 76 Personen wohnten im Jahre 1779 bereits 12 deutsche Familien mit 48 Personen in Schöneberg. Die Dorfbewohner waren vorwiegend in der Landwirtschaft tätig. Im Laufe der Jahre waren aber auch eine tonverarbeitende Ziegelei, einige Töpfereien sowie andere Handwerksbetriebe hinzu gekommen, darunter ein Strumpfwirker, zwei Schneider, zwei Schumacher oder ein Seifenmacher.


Die Hugenottenkirche in Schöneberg

Aufnahme der Kirche vor der letzten Restaurierung

Die Kirche in Schöneberg wurde in den Jahren 1705 und 1706 erbaut und am 24. Oktober 1706 von Pfarrer Jacques le Fèvre eingeweiht (die an der Kirche angebrachte Tafel nennt das Jahr 1705). Die Fachwerkkirche wurde in schlichter Saalbauweise errichtet. Ihr Baustil gleicht der Hugenottenkirche im nahegelegenen Dorf Kelze.

Auf dem Dach der Kirche wurde ein verschieferter Dachreiter platziert mit einer leicht geschweiften Haube und einer Wetterfahne (aus jüngerer Zeit).

Zum Eingangsportal führt eine kleine Freitreppe. Auf einem der Querbalken im oberen Giebelbereich heißt es in einer französischen Inschrift "Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden".

Mit einer weiteren Inschrift über dem Eingang aus dem Jahre 1705 (offenbar das Jahr des Richtfestes) wird die Großherzigkeit des Landgrafen Karl gerühmt.

Im Innern befindet sich hinter dem schlicht gehaltenen Altartisch die Kanzel. Nach der Tradition der ersten Siedler gibt es keinen Altar, im Vordergrund stand für sie die Verkündung des Wortes.

Gegenüber der Kanzel gelegen ist die Orgelempore unterhalb der man in die Kirche eintritt.

Orgel

Die Orgel der Kirche wurde zwischen 1806 und 1813 erbaut. Sie stand ursprünglich in Lingelbach bei Alsfeld und befindet sich erst seit 1965 in der Schöneberger Kirche.

Umfangreiche Sanierungsarbeiten an der Kirche fanden im Juni 2010 ihren vorläufigen Abschluss, bevor sich die Innensanierung anschloss.

Nach rund drei Jahren mit umfangreichen Renovierungs-Arbeiten wurde die Kirche dann am Sonntag, 18. November 2011 mit einem Festgottesdienst wieder eingeweiht. Pfarrerin Dr. Alwine Slenczka hielt den Gottesdienst und Pröpstin Katrin Wienold-Hocke die Festpredigt.

Von ihren Erbauern war das Gotteshaus mit einfachen Materialien errichtet worden, wie Ortsvorsteher Lothar Grandjot aus alten Unterlagen berichtete. Unter anderem wurden verfaulte Balken und eine ausgebeulte, einsturzgefährdete Wand erneuert und Gefache neu ausgemauert. Die Wetterseite erhielt eine Verkleidung aus Schieferschindeln.

Und die Farbgebung im Innenraum wurde der hugenottischen Tradition entsprechend zurückgenommen und auch ein neuer Fußboden verlegt.


Literatur

Innenraum der Kirche vor der Restaurierung ...
... und nach der Restaurierung 2010/11
  • Kreis Hofgeismar, Handbuch des Heimatbundes für Kurhessen, Waldeck und Oberhessen III, Marburg/ Lahn 1966, S. 192
  • Gerhard Selb, Fachwerkkirchen im Landkreis Kassel, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 1978, S. 67 ff.
  • Jochen Desel, Hugenottenkirchen in Hessen-Kassel, Bad Karlshafen 1992, S. 52 ff.
  • Jochen Desel, Französische Dörfer - deutsche Zuwanderer 1669 - 1779: 300 Jahre Kelze und Schöneberg, Band II, Hofgeismar 1999
  • Siegfried Lotze, Die Weihe der Hugenottenkirche in Schöneberg vor 300 Jahren, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 2007, S. 107 ff.

siehe auch

Weblinks