Hugenottenkirche in Mariendorf

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Die Hugenottenkirche in Mariendorf

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde mit dem Bau der Hugenottenkirche in Mariendorf begonnen.

Erst 1705 konnte der Rohnbau fertiggestellt werden, weitere Jahre dauerte der Innenausbau, bevor der dritte Mariendorfer Pfarrer, Louis de Lescure die Kirche am 9. Juni 1710 einweihen konnte.

Im Jahre 2010 wurde mit mehreren Veranstaltungen an den 300. Jahrestag der Kircheneinweihung in Mariendorf erinnert, im Jahre 2012 feiert der Ort sein 325-jähriges Jubiläum.

Geschichte

Landgraf Carl siedelte im 17. Jahrhundert französische Glaubensflüchtlinge (Hugenotten) auch in der Stadt Hofgeismar sowie in der Umgegend der Stadt an. Etwa 265 Flüchtlinge trafen Anfang Februar 1686 in Hofgeismar ein.

1686 begann auch das Siedlungsprogramm des Landgrafen in den nach dem Dreißigjährigen Krieg vielfach zerstörten und entvölkerten Landstrichen. Neue Dörfer entstanden, als erstes Carlsdorf (benannt nach Landgraf Carl) und Mariendorf (benannt nach seiner Ehefrau Maria Amelia).

Die Erbauung der zweiten nordhessischen Hugenottenkolonie in Mariendorf begann 1686 vorwiegend für Flüchtlinge, die aus Vars und anderen Orten im Dauphiné nach Hessen gekommen waren. Unter den Erstsiedlern befanden sich auch einige Waldenser aus dem Val Cluson. Die eigentliche Geschichte des Ortes beginnt aber erst im April 1687 mit dem Umzug der bis dahin in Immenhausen untergebrachten ersten 110 Réfugiés.

Mariendorf wurde in Kreuzform angelegt, wie das benachbarte Carlsdorf wahrscheinlich nach Plänen von Paul du Ry, an den heute eine Straße im Dorf erinnert.

Schon bald wurde auch mit dem Bau der Dorfkirche begonnen. Sie entstand als schlichtes Gotteshaus aus Bruchsteinen mit einem Mansarddach und achteckigem Dachreiter.

Eine lateinische Inschrift über dem Portal der zwischen 1701 und 1705 erbauten Mariendorfer Saalkirche verweist auf Landgräfin Maria Amelia, geborene Prinzessin von Kurland.

Zuvor hatte der erste Mariendorfer Pfarrer, Jean Laget aus Traverses im Pragelastal für die französischen Siedler in der Stadtkirche in Immenhausen gepredigt. Der französische Gottesdienst fand hier im Anschluss an deutschen Gottesdienst statt.

Erst unter Pfarrer Jacob le Blanc wurde mit dem eigenen Kirchbau in Mariendorf begonnen, der 1705 im Rohnbau fertiggestellt werden konnte.

Noch lange weitere Jahre dauerte der Innenausbau, bevor der dritte Mariendorfer Pfarrer, Louis de Lescure die Kirche am 9. Juni 1710 einweihen konnte.

Die Kirche ist bekannt wegen ihres einmaligen Baustils. Ein Dachziegel, dem das Vaterunser in französischer Sprache eingebrannt ist, war bereits in vielen Ausstellungen zu sehen.

Im Jahre 2010 wurde mit mehreren Veranstaltungen an den 300. Jahrestag der Kircheneinweihung erinnert, nachdem bereits vor fast einem Vierteljahrhundert das 300-jährige Bestehen der einstigen Hugenotten- und Waldenserkolonie gefeiert worden war. Das Gemeindefest „300 Jahre Kirche Mariendorf“ stand am Sonntag, 13. Juni, auf dem Programm und am den 4. Juli ein Pilgerweg durch Mariendorf.

Artikel aus HNA-online vom 22.1.2010

Der lange Weg zum „Temple“

von Dorina Binienda-Beer

Mariendorf. Erst die lang ersehnte Einweihung des unter großen finanziellen Opfern erbauten eigenen Gotteshauses, unmittelbar darauf eine doppelte Trauung: Der 9. Juni 1710 muss für die Menschen in Mariendorf ein großer Tag gewesen sein. 300 Jahre später rückt dieses Datum aus Anlass des Kirchenjubiläums wieder ins öffentliche Bewusstsein. Der exakte Termin ist dank einem kurzen Eintrag im ältesten Kirchenbuch der Gemeinde überliefert.

In französischer Sprache vermerkte darin Pasteur Louis de Lescure die Trauungen vom 9. Juni 1710 mit dem Hinweis, sie seien am Tag der Einweihung des „temple de mariendorf“ vorgenommen worden. Fast eine Generation hatte es für die Glaubensflüchtlinge seit Gründungsbeginn der Kolonie Mariendorf (1687) bis zur Feier der Kircheneinweihung gedauert. An diesem Tag konnten die Reformierten, Hugenotten und Waldenser, in ihrer neuen Heimat auch geistlich Wurzeln schlagen.

Ohne eigenen Seelsorger
Einen eigenen Seelsorger im Ort hatten sie allerdings erst nach Fertigstellung des ebenfalls nur unter massiven finanziellen Schwierigkeiten errichteten Pfarrhauses, das im September 1712 bezugsfertig war. Die gut 25 Jahre zuvor, seit Eintreffen der Flüchtlinge in Immenhausen, wohnten die französischen Geistlichen in der Stadt. Hier war im März 1686 die französisch-reformierte Gemeinde Immenhausen gegründet worden. Sie durfte ihre Gottesdienste in der Stadtkirche feiern. Von diesem Benutzungsrecht machten die nach Mariendorf Abgewanderten noch bis 1814 einmal jährlich Gebrauch.

Finanzieller Kraftakt
Die Errichtung eines eigenen Kirchengebäudes in der neu gegründeten Kolonie muss ein finanzieller Kraftakt gewesen sein. So lässt sich die immense Zeitspanne zwischen dem Baubeginn, den die Jahreszahl 1701 über dem Portal markiert, und der Einweihung erklären. Die Fertigstellung fiel laut einer Inschrift unter dem Giebel ins Jahr 1705. Fünf weitere Jahre aber gingen ins Land. Vermutlich fehlte das Geld für die Innenausstattung, über die heute wenig bekannt ist.

Orgelklang erfüllte die aus Bruchsteinen erbaute, später aber verputzte Kirche erstmals im Jahr 1849. Bis zum Einzug des von den Orgelbauern Euler (damals Gottsbüren) gefertigten Instruments hatte ein Vorsänger den Kirchengesang angestimmt.

Die Gemeinde war von 1739 für mehr als hundert Jahre mit ihrer französischen Nachbarkolonie Carlsdorf verbunden. Noch länger, von 1840 bis 1963, bestand ein Verbund mit Udenhausen.

Den schwärzesten Tag ihrer Geschichte dürfte die Mariendorfer Kirche im Herbst 1944 erlebt haben: Nach dem Abwurf einer Luftmine am 3. Oktober wurden hier die aus den Trümmern geborgenen Toten des Dorfes aufgebahrt. Das Bauwerk war durch den Luftdruck der Explosion so schwer an Dachstuhl und Decke beschädigt worden, dass vier hölzerne Stützen eingezogen werden mussten. Erst vier Jahre später konnte mit den Reparaturen begonnen werden.

Anstelle des zerstörten Pfarrhauses wurde Anfang der 1960-er Jahre das Gemeindehaus errichtet. Die pfarramtliche Versorgung erfolgt seitdem wieder von Immenhausen aus.

Infos: Ausführungen zur Geschichte der Kirche sind in einer 1987 zum 300-jährigen Bestehen Mariendorfs herausgebrachten Broschüre nachzulesen. Ansprechpartner, auch für Kirchenbesichtigungen, ist Pfarrer Reinhard Runzheimer, Tel. 05673/4275.

Literatur

  • 300 Jahre Mariendorf 1687–1987 - Eine Huge­notten­gemeinde im Wandel der Zeit, hrsg. vom Magistrat der Stadt Immen­hausen, der evan­gelisch-refor­mierten Kirchen­gemeinde Marien­dorf und dem Fest­aus­schuss 300 Jahre Marien­dorf, Redak­tion: Fried­rich-Karl Baas, Immen­hausen - Marien­dorf 1987
  • Jochen Desel, „Hugenotten und Waldenser in und um Hofgeismar“ in: Hessische Heimat – Sonderheft Hofgeismar, Marburg 1978, S. 70 ff.
  • Jochen Desel, Die 300-Jahrfeiern in Carlsdorf und Mariendorf 1986 und 1987, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 1988, S. 77 ff.
  • Jochen Desel, Hugenottenkirchen in Hessen-Kassel, Bad Karlshafen 1992, S. 90 ff.
  • Website der evangelisch-reformierten Gemeinde

siehe auch

Mariendorf-Hugenottenkirche

Weblinks