Hugenotten und Waldenser in und um Hofgeismar

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Kelze - Hugenottenkirche

Zum Ende des 17. Jahrhunderts fanden zahlreiche französische Glaubensflüchtlinge Aufnahme in der Landgrafschaft Hessen-Kassel, besonders in den nach dem Dreißigjährigen Krieg nur noch dünn besiedelten nördlichen Landesteilen.

Geschichte

Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes am 18. Oktober 1685 durch Ludwig XIV. von Frankreich verließen etwa 200000 Hugenotten und Waldenser ihre Heimat, etwa 3800 Glaubensflüchtlinge fanden im nördlichen Hessen eine neue Heimat, besonders ärmere "Réfugiés", die in den beliebteren großen Städten Europas keine Zuflucht fanden.

Auch die ehemalige Ackerbürgerstadt Hofgeismar gehörte zu den Orten, in denen Landgraf Karl zum Ende des 17. Jahrhunderts französische „Réfugiés“ ansiedelte. Etwa 265 französische Flüchtlinge trafen Anfang Februar 1686 in Hofgeismar ein. Die Mühen und Sorgen in den Niederlassungen der Hugenotten und Waldenser in und um Hofgeismar hat der ehemalige Hofgeismarer Dekan Jochen Desel in verschiedenen Schriften festgehalten. Nur schwer gelang die Gründung einer neuen Existenz, obwohl die Neubürger Lebensmittel, Bau- und Saatgut und vieles andere aus staatlichen Mitteln erhielten, was nicht selten die Missgunst der einheimischen Bevölkerung hervorrief.

Bereits am 22. Februar 1686 wurde eine französisch-reformierte Gemeinde in Hofgeismar an der Neustädter Kirche gegründet. Der erste Pfarrer der Gemeinde war der Waldenserpfarrer David Clément, der 1685 seine Heimat im Pragelatal verlassen musste und über die Schweiz mit drei Flüchtlingsbrigaden (den Brigaden "Elsaß", "Val Cluson" und "Queyras") nach Hessen gekommen war.

Carlsdorf - Hugenottenkirche

Das landgräfliche Siedlungsprogramm

Noch 1686 begann das Siedlungsprogramm des Landgrafen in den nach dem Dreißigjährigen Krieg vielfach zerstörten und entvölkerten Landstrichen. Hugenotten (aus dem französischen Staatsgebiet, vor allem aus den Dörfern des Vivarais und der Cevennen) und Waldenser (aus den Alpentälern Savoyens, Piemonts und der Dauphiné) siedelten sich nicht nur in Hofgeismar an. Neue Dörfer entstanden auch in der Umgebung der Stadt, als erstes Carlsdorf (benannt nach Landgraf Carl) oder Mariendorf bei Immenhausen (benannt nach seiner Ehefrau Maria Amalia). Insgesamt 500 hessische Acker (119,35 ha) standen zum Beispiel in Carlsdorf für die Neuansiedler zur Verfügung, die auf ihren kleinen "Portionen" allerdings wirtschaftlich nur schwer Tritt fassen konnten.

Von dem „landgräflichen Flüchtlingskommissar“ Pierre Feuquière d`Aubigny ist die vorgesehene Hauskonstruktion der ersten Siedlungshäuser im Jahre 1686 bekannt. Während das untere Stockwerk aus Steinen bestand, wurde für das obere Stockwerk eine Fachwerkkonstruktion gewählt. Ebenso erhielten die neugegründeten Kolonien mit landgräflicher Hilfe eigene Kirchen, die zumeist im hessischen Fachwerkstil errichtet wurden. Sehenswert ist die Carlsdorfer Fachwerkkirche, die – wie der Ort selbst – offenbar von Paul du Ry geplant und in den Jahren 1699 bis 1704 errichtet wurde. Als hugenottischer Glaubensflüchtling war Paul du Ry von Landgraf Carl nach Kassel, der Residenzstadt der Landgrafschaft Hessen-Kassel zum Hofbaumeister berufen worden.

Auch in dem benachbarten und nur dünn besiedelten Dorf Hombressen wurden in den Jahren 1686 und 1687 französische Flüchtlinge untergebracht, denen - wie in Carlsdorf - Parzellen zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zugewiesen wurden.

Nach einem Zwischenaufenthalt in der Schweiz kamen 1699 weitere Glaubensflüchtlinge in die Landgrafschaft Hessen-Kassel.

Ab dem Jahre 1699 entstanden die Hugenottendörfer Kelze und Schöneberg, nachdem mit einer zweiten Flüchtlingswelle weitere Glaubensflüchtlinge aus Frankreich nach Hofgeismar gekommen waren.

Friedrichsdorf - Hugenotten-Kirche und altes Schulhaus

In Kelze entstand im Anschluss an diese zweite Ausweisung eine Kolonie an der Stelle eines ehemaligen mittelalterlichen Dorfes, das unter der Bezeichnung Oberkelze bereits im Jahre 1146 urkundlich erwähnt wird.

Und das heutige Schöneberg entstand im Bereich des ehemaligen Dorfs Büngheim (auch: Bünichheim) - urkundlich bereits im Jahre 965 erwähnt. Für 24 "Réfugiés" hatte Landgraf Carl hier einen Platz für die Anlage einer "Kolonie" im Nordosten von Hofgeismar bestimmt, mit deren Bebauung ab 1700 begonnen wurde.

Weitere Hugenottendörfer entstanden mit Leckringhausen (bei Wolfhagen) und St. Ottilien (bei Helsa).

Im Jahre 1699 erfolgte auch die einzige Stadtgründung für Hugenotten in Hessen, in Sieburg, dem späteren Karlshafen. 1722 wurden dann mit Gewissenruh und Gottstreu zwei weitere neue Waldenser-Dörfer an der Weser gegründet.

Als letzte Neugründung entstand in der Nähe der Stadt Hofgeismar – bereits unter der Regentschaft des Landgrafen Friedrich II. – das Dorf Friedrichsdorf im Jahre 1775.

Französische Dörfer und Kultur

Die neu gegründeten Kolonien bildeten das "ländliche Refuge" mit eigenen Gesetzen, Privilegien und Strukturen sowie der Garantie des Landgrafen für die Bewohner, ihren reformierten Glauben frei ausüben zu können.

Da die Privilegien nur für die Neusiedler galten, war es den Einheimischen lange Zeit verboten, in den neu entstandenen Siedlungen zu wohnen. Die Neuankömmlinge blieben bis zum 19. Jahrhundert "unter sich" und bewahrten so zunächst ihre Kultur und Sprache.

So fand besipielsweise achtzig Jahre nach der Gründung des Ortes Kelze im Jahre 1779 eine Volkszählung statt. In Kelze wurden seinerzeit 131 Personen in 36 Haushalten erfasst, davon waren noch 22 Haushalte rein französisch und bei weiteren 8 Haushalten war noch ein Ehepartner französischer Abstammung.

Die deutsche Sprache setzte sich erst nach 1822 in den örtlichen Kirchen und Schulen durch, nachdem der Sonderstatus der ehemaligen "Franzosen-Dörfer" durch landgräfliche Verordnung gänzlich aufgehoben wurde.

Manche Tradition hat sich aber bis heute erhalten. So knüpft beispielsweise auch der Landgasthof in Kelze an die hugenottische Tradition des Ortes an. Und bis heute wird dort das Fest der Kelzer Mayence am ersten Sonntag im Mai begangen, ein Kinderfest aus den Gründerjahren des Hugenottendorfs.

Hugenottenmuseum Bad Karlshafen

Ausschnitt des Ausstellungsplakats aus 2011

Das im Jahre 1989 in einem ehemaligen Fabrikgebäude der Stadt (ehemalige Tabakfabrik) eröffnete Hugenottenmuseum gibt Einblicke in das Leben der französischen Glaubensflüchtlinge, die ab dem Jahre 1701 in die neugegründete Stadt zogen. [1]

Mit der Ausstellung "Franzosen up´n Dorpe" erinnerte das Hugenottenmuseum im Jahre 2011 an die bedeutsame Geschichte der Hugenotten- und Waldenserdörfer in Nordhessen. [2]

siehe auch

Weblinks, Literatur und Quellen

Literatur

  • Jochen Desel, „Hugenotten und Waldenser in und um Hofgeismar“ in: Hessische Heimat – Sonderheft Hofgeismar, Marburg 1978, S. 70 ff.
  • Jochen Desel, Die 300-Jahrfeiern in Carlsdorf und Mariendorf 1986 und 1987, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 1988, S. 77 ff.
  • Jochen Desel, Französische Dörfer - deutsche Zuwanderer 1669 - 1779: 300 Jahre Kelze und Schöneberg, Band II, Hofgeismar 1999
  • Jochen Desel, Asyl für 265 aus dem Queyrastal, Artikel in der HNA (Ausgabe Hofgeismar) vom 22.2.1986


aus einem Beitrag des ehem. Hofgeismarer Dekans Jochen Desel im Kasseler Sonntagsblatt vom 18.7.1999:

"Es waren überwiegend Waldenser aus den savoyischen Alpentälern bei Torre Pellice und Hugenotten, die ihre südfranzösische Heimat schon 1686 nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes verlassen hatten, die 1699 als "verspätete Hugenotten" nach Hessen kamen. Beide Gruppen hatten zunächst in der benachbarten Schweiz Asyl gesucht und auch gefunden. 1698 waren die schweizerischen Kantone nicht mehr bereit, die immer zahlreicher einwandernden französischen Réfugiés in ihrer Gesamtzahl zu behalten. Ein Teil von ihnen - vor allem die mittellosen Waldenser - wurde ausgewiesen und mußte das Land wieder verlassen.

Um ihre geplante Einbürgerung in Deutschland zu erleichtern, zahlten die Schweizer und die Niederländer beträchtliche Summen an die aufnahmewilligen deutschen Fürsten. Auch Landgraf Carl von Hessen erhielt Hilfszahlungen, weil er nach anfänglichem Zögern seine Bereitschaft zur Ansiedlung einer zweiten Flüchtlingswelle der Réfugiés in Hessen-Kassel erklärte. Die für Hessen bestimmten Glaubensflüchtlinge schlossen sich im Sommer 1699 in der Schweiz zu sogenannten Brigaden zusammen, um gemeinsam nach Deutschland zu reisen. Schweren Herzens verließen sie die Schweiz, eine ungewisse Zukunft vor Augen. Sie bestiegen in Bern und in anderen Schweizer Städten Schiffe, mit denen sie auf der Aare und dem Rhein über Basel bis Gernsheim fuhren. Von dort zogen sie über Frankfurt und Marburg auf dem Landweg weiter in das nördliche Hessen.

Die Flüchtlingskommissare des Landgrafen hatten schon vor der Ankunft der Flüchtlinge ihre Unterbringung vorbereitet und Details der Ansiedlung mit den Brigadeführern der französischen Réfugiés abgesprochen. Trotzdem waren die ersten Jahre der Flüchtlinge in der neuen hessischen Heimat schwierig für alle Betroffenen. Die Flüchtlinge hatten großzügigere Hilfeleistungen erwartet, die Einheimischen dagegen beneideten die Neuankömmlinge um ihre Privilegien und die Befreiung von Steuern und Abgaben. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Verhältnisse in den "neuen Dörfern" normalisierten und rund ein Jahrhundert, bis aus den Réfugiés Deutsche geworden waren."

Quellen

  1. HNA-online vom 19.7.2013: Auf den Spuren der Hugenotten in Bad Karlshafen
  2. Zur Sonderausstellung 2011 im Hugenottenmuseum Bad Karlshafen: "Franzosen up´n Dorpe"

Weblinks

Schöneberg - Hugenottenkirche