Hugenotten

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Landgraf-Karl-Denkmal vor der Karlskirche in Kassel

Das größte Verdienst Landgraf Karls ist, dass er die richtigen Menschen nach Kassel und in die Umgebung der Stadt geholt hat. Den Hugenotten, französischen Glaubensflüchtlingen, gewährte er nicht nur Asyl, sondern sicherte ihnen wirtschaftliche Unterstützung, Glaubensfreiheit sowie den Gebrauch der eigenen Sprache in der Kirche und der Verwaltung zu.

Ganz uneigennützig war das nicht, denn der Dreißigjährige Krieg hatte für einen enormen Aderlass an Handwerkern und Baumeistern in der Landgrafschaft gesorgt. Da kamen die Hugenotten mit ihren Fähigkeiten gerade recht. Nirgendwo sonst in Deutschland wurden sie im Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung so zahlreich aufgenommen wie in Nordhessen.

Hugenotten im Norden von Hessen

Hugenottenpaar am Haus der Sparkasse in Bad Karlshafen

Am 3. August 1688 legte Landgraf Karl den Grundstein für die Oberneustadt in Kassel. Hier sollten sich die Hugenotten eine neue Heimat aufbauen. Neben Bad Karlshafen (ab 1699) war das die zweite Neugründung einer Stadt in der Landgrafschaft Hessen-Kassel.

Hinzu kamen 19 kleinere Orte, beispielsweise das Dorf Carlsdorf als älteste hessische Hugenottenkolonie, oder ab dem Jahr 1699 die Dörfer Kelze oder Schöneberg, nahe der Stadt Hofgeismar.

Seitdem haben die hugenottischen Namen einen festen Platz in der Geschichte des Landes und der früheren Hauptstadt Kassel.

Zu ihnen gehört etwa die Baumeisterfamilie du Ry. Über drei Generationen waren sie in Kassel, aber auch in der übrigen Landgrafschaft tätig; besonders der letzte, Simon Louis du Ry, prägte die Architektur Kassels von Friedrichsplatz und Königsplatz bis zum Schloss Wilhelmshöhe.

Der Physiker Denis Papin kam ebenso aus Frankreich wie die Familie der bekannten Märchenerzählerin Dorothea Viehmann (geborene Pierson) oder die Vorfahren von George André Lenoir.

Insgesamt fanden 2.000 Hugenotten in Kassel eine neue Heimat, in der Landgrafschaft Hessen-Kassel waren es 4.000.

Bis zum Jahr 1867 wurde in der Karlskirche in Kassel noch an jedem zweiten Sonntag die Predigt in französischer Sprache gehalten.

Hugenotten in Kassel

Die Oberneustadt in Kassel

Die Oberneustadt wurde auf dem alten Kasseler "Festungsrücken" - der Stadtbefestigung vorgelagert - bewusst in Neuanlage geplant und gebaut. Es enstand ein quadratisches Stadtarreal für die hugenottischen Neubürger.

Von diesen französischen Religionsflüchtlingsfamilien, stammte auch ein späterer oder besser "Der Hofarchitekt" Simon Louis du Ry ab; sein Großvater war von Landgraf Karl mit dem Bau der Oberneustadt beauftragt worden.

Paul du Ry sollte ab 1685 Wohnsiedlungen für die hugenottischen Einwanderer schaffen. So entstand auch die Oberneustadt vor der Südwestfront der Festung Kassel. Als breiteste Straße wurde die Frankfurter Straße (damals Weinberger Straße oder "Grande Rue") gebaut.

Später war dann sein Enkel Simon Louis du Ry sehr erfolgreich für den Landgrafen Friedrich II. tätig (siehe u. a. Friedrichsplatz).

Die Oberneustadt "arrondiert" sich um einen zentralen rechteckigen Platz, den Karlsplatz; um diesen wurden seinerzeit Gebäude zum Wohnen und Arbeiten für die hugenottischen Flüchtlinge gebaut.

Ebenso wurde die nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg und dem Wiederaufbau mit einem "zentralen" laternenartigen Turm "gekrönte" Karlskirche errichtet. Der Turm der Kirche beherbergt ein bedeutendes Glockenspiel, das regelmäßig erklingt und dabei manuell und professionell gespielt wird.

Einen großen Teil des seinerzeitigen Stadtbereichs nimmt heute die Verwaltung der Stadt Kassel ein, das "Altes Rathaus Kassel" und die technischen Erweiterungsbauten.

- H.-J.Schulz, 4/ 06 -

Die Karlskirche in Kassel

Karlskirche

Erbe der Hugenotten

Die Karlskirche wurde für Glaubensflüchtlinge aus Frankreich erbaut und im Jahre 1710 fertig gestellt. Landgraf Karl hatte das damals noch als Tempel bezeichnete Gotteshaus für die hugenottischen Flüchtlinge aus Frankreich inmitten der eigens für sie geschaffenen französischen Oberneustadt erbauen lassen, vermutlich nach seinen Vorstellungen und unter dem Eindruck mehrerer Reiseerlebnisse.

Hugenottische Architektur

In bewußter Abkehr von den mittelalterliche Kirchen in Frankreich bauten die Architekten der Hugenotten schlichte Saalbauten ohne aufwändigen Kirchturm, die in Anlehnung an das Alte Testament "Tempel" genannt wurden.

Auch die Karlskirche entstand als schlichte, wenn auch eindrucksvolle Predigtkirche. Für die Bauleitung der achteckigen Kirche war Paul du Ry verantwortlich, die Entwürfe stammten vermutlich aus dem Hofbauamt. Der Grundstein der Kirche wurde am 3. August 1698 gelegt, am 45. Geburtstag des Landgrafen und spätere Namensgebers. Am 12. Februar des Jahres 1710 weihte der französische Pfarrer Paul Joly die Karlskirche ein. Im Unterschied zum heutigen Nachfolgebau öffenete sich das Hauptportal der Kirche zur Frankfurter Straße hin.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Karlskirche stark zerstört, lediglich die Außenmauern blieben stehen. Beim Neuaufbau nach dem Krieg wurde die Ausrichtung der Kirche umgekehrt: Der Altar steht jetzt im Südosten, der Haupteingang befindet sich im Nordwesten.

300 Jahre Hugenotten in Hessen

Im Jahre 1985 übernahm die Stadt Kassel die Aufgabe, mit einer großen zentralen Ausstellung in Deutschland an die Bedeutung der Hugenotten für das Sozial-, Wirtschafts- und Kulturleben der Einwanderländer zu erinnern. Nach 1685 fanden fast 8000 Franzosen eine neue Heimat im heutigen Bundesland Hessen. Dorothea Pierson z.B., besser bekannt als Dorothea Viehmann, ist eine Hugenottin und vielleicht das beste Beispiel für gelungene Integration. Die Kasseler Oberneustadt war nach Berlin die bedeutendste Hugenottengemeinde Deutschlands. Um 1700 war jeder fünfte Kasseler ein Hugenotte.

Viele Wissenschaftler, Fabrikanten und andere gelehrte Einwanderer konnten den Landgrafen Karl und seinen Nachfolgern helfen, aus Hessen ein modernes und fortschrittliches Land zu machen.

Die Ausstellung "300 Jahre Hugenotten in Hessen - Herkunft und Flucht, Aufnahme und Assimilation, Wirkung und Ausstrahlung" fand seinerzeit unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Holger Börner und des Bischofs der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck, Dr. Hans-Gernot Jung, vom 12. April bis 28. Juli 1985 im Museum Fridericianum statt.

47. Deutscher Hugenottentag in Kassel

Mit einem Festgottesdienst, Vorträgen und einem französischen Markt feierte die Kasseler Karlskirche vom 11. bis 13. Juni 2010 ihr 300-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass fand auch der 47. Deutsche Hugenottentag in Kassel statt.

Die Jubiläums-Feierlichkeiten unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) standen unter dem Motto „Angekommen - wie aus Fremden Freunde werden“. Nach dem Festgottesdienst am Sonntag mit Bischof Martin Hein war vor der Kirche ein Markt mit französischen Spezialitäten geöffnet.

Hugenotten in Hofgeismar

Die Ansiedlung von Hugenotten und Waldensern in und um Hofgeismar

Carlsdorf - Hugenottenkirche

Auch die ehemalige Ackerbürgerstadt Hofgeismar gehörte zu den Orten, in denen Landgraf Karl französische Glaubensflüchtlinge ansiedelte. Die Mühen und Sorgen in den Niederlassungen der Hugenotten und Waldenser in und um Hofgeismar hat der ehemalige Hofgeismarer Dekan Jochen Desel in verschiedenen Schriften festgehalten (vgl. etwa J. Desel, „Hugenotten und Waldenser in und um Hofgeismar“ in: Hessische Heimat – Sonderheft Hofgeismar, Marburg 1978, S. 70 ff.).

Bereits am 22. Februar 1686 wurde eine französisch-reformierte Gemeinde in Hofgeismar gegründet. Der erste Pfarrer der Gemeinde war der Waldenserpfarrer David Clément aus Villaret, der 1685 seine Heimat verlassen musste und über die Schweiz mit drei Flüchtlingsbrigaden nach Hessen gekommen war.

Hugenotten (aus dem französischen Staatsgebiet) und Waldenser (aus den französischen Alpentälern) siedelten sich aber nicht nur in Hofgeismar an. Neue Dörfer entstanden auch in der Umgebung der Stadt, als erstes Carlsdorf bereits im Jahre 1686, benannt nach Landgraf Karl. Die bis heute erhaltene, sehenswerte Kirche des Dorfs weihte David Clément am 19. Oktober 1704 ein. Auch in dem benachbarten und nur dünn besiedelten Dorf Hombressen wurden in den Jahren 1686 und 1687 französische Flüchtlinge untergebracht, denen - wie in Carlsdorf - Parzellen zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zugewiesen wurden.

Später entstanden (im Jahre 1699) die Hugenottendörfer in Kelze und Schöneberg, nachdem mit einer zweiten Flüchtlingswelle weitere Glaubensflüchtlinge aus Frankreich nach Hofgeismar gekommen waren. Als letzte Neugründung in der Nähe der Stadt entstand – bereits unter der Regentschaft des Landgrafen Friedrich II. – das Dorf Friedrichsdorf im Jahre 1775.


aus einem Beitrag des ehem. Hofgeismarer Dekans Jochen Desel im Kasseler Sonntagsblatt vom 18.7.1999:

"Es waren überwiegend Waldenser aus den savoyischen Alpentälern bei Torre Pellice und Hugenotten, die ihre südfranzösische Heimat schon 1686 nach der Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes verlassen hatten, die 1699 als "verspätete Hugenotten" nach Hessen kamen. Beide Gruppen hatten zunächst in der benachbarten Schweiz Asyl gesucht und auch gefunden. 1698 waren die schweizerischen Kantone nicht mehr bereit, die immer zahlreicher einwandernden französischen Réfugiés in ihrer Gesamtzahl zu behalten. Ein Teil von ihnen - vor allem die mittellosen Waldenser - wurde ausgewiesen und mußte das Land wieder verlassen.

Um ihre geplante Einbürgerung in Deutschland zu erleichtern, zahlten die Schweizer und die Niederländer beträchtliche Summen an die aufnahmewilligen deutschen Fürsten. Auch Landgraf Carl von Hessen erhielt Hilfszahlungen, weil er nach anfänglichem Zögern seine Bereitschaft zur Ansiedlung einer zweiten Flüchtlingswelle der Réfugiés in Hessen-Kassel erklärte. Die für Hessen bestimmten Glaubensflüchtlinge schlossen sich im Sommer 1699 in der Schweiz zu sogenannten Brigaden zusammen, um gemeinsam nach Deutschland zu reisen. Schweren Herzens verließen sie die Schweiz, eine ungewisse Zukunft vor Augen. Sie bestiegen in Bern und in anderen Schweizer Städten Schiffe, mit denen sie auf der Aare und dem Rhein über Basel bis Gernsheim fuhren. Von dort zogen sie über Frankfurt und Marburg auf dem Landweg weiter in das nördliche Hessen.

Die Flüchtlingskommissare des Landgrafen hatten schon vor der Ankunft der Flüchtlinge ihre Unterbringung vorbereitet und Details der Ansiedlung mit den Brigadeführern der französischen Réfugiés abgesprochen. Trotzdem waren die ersten Jahre der Flüchtlinge in der neuen hessischen Heimat schwierig für alle Betroffenen. Die Flüchtlinge hatten großzügigere Hilfeleistungen erwartet, die Einheimischen dagegen beneideten die Neuankömmlinge um ihre Privilegien und die Befreiung von Steuern und Abgaben. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Verhältnisse in den "neuen Dörfern" normalisierten und rund ein Jahrhundert, bis aus den Réfugiés Deutsche geworden waren."

Hugenottische Geschichte im Stadtmuseum Hofgeismar

Das Stadtmuseum Hofgeismar am Petriplatz 2 in Hofgeismar zeigt sehenswerte Ausstellungsstücke zur hugenottischen und waldensischen Geschichte, darunter eine der größten Sammlungen hugenottischer Bibeln und Psalmenbücher.

Hugenotten in Bad Karlshafen

Hugenottenmuseum und Hugenottenturm

In Bad Karlshafen gibt das im Jahre 1989 in einem ehemaligen Fabrikgebäude der Stadt (ehemalige Tabakfabrik) eröffnete Hugenottenmuseum Einblicke in das Leben der französischen Glaubensflüchtlinge, die ab dem Jahre 1701 in die neugegründete Stadt zogen. [1]

Oberhalb der Stadt auf einem steilen Berghang befindet sich der Hugenottenturm, der im Jahre 1913 im Auftrag des Kaufmanns Johann Joseph Davin aus Bremen errichtet wurde, dessen hugenottische Vorfahren in der Stadt Aufnahme fanden.

Stadtgründung für Hugenotten

Invalidenhaus

Sieht man von der Oberneustadt in Kassel ab, erfolgte die einzige Stadtneugründung für Hugenotten in Hessen in Sieburg, dem späteren Carlshafen. Der Name Sieburg wurde offenbar nach einer alten Fliehburg oberhalb der Stadt gewählt.

Nach dem Willen des Landgrafen Carl sollte eine neue Fabrik- und Handelsstadt entstehen, wobei der Capitän Friedrich Conradi, Ingenieur und Baumeister des Landgrafen, von 1699 bis 1750 als Bauleiter verantwortlich war. Die Planung des im Jahre 1717 in "Carlshaven" umbenannten Orts erfolgte durch den Hofbaumeister Paul du Ry.

An breiten Strassen entstanden ab dem Jahre 1699 zumeist zweigeschossige, weiße Häuser mit barocken Giebeln. Blickt man vom Hugenottenturm - auf den 205 m hohen Hessischen Klippen - auf die Stadt, erkennt man bis heute den denkmalgeschützten Ortskern mit den rund um den alten Hafen gebauten Häusern. In strenger Geometrie wurden etwa 120 Häuser in Carrées geordnet.

Schon bald kamen aber auch besonders ausgebildete Gebäude hinzu, wie das „Hotel des Invalides“, das Invalidenhaus für verletzte und ausgeschiedene hessische Soldaten, das in den Jahren 1704 bis 1710 entstand und in dessen Kapelle die ersten Gottesdienste für die angesiedelten französischen Glaubensflüchtlinge stattfanden.

Hinzu kamen die landgräfliche Mühle (1710) oder das Pack- und Lagerhaus am Hafen (1715 - 1719) mit seinem beachtlichen Laubengang, das ebenfalls von Conradi entworfen wurde und gelegentlich zum Aufenthalt des Landesherrn diente. Heute wird es als Rathaus der Stadt genutzt.

Die ersten hugenottischen Bewohner waren im Frühjahr 1701 in die Stadt gezogen, nachdem sie zunächst vorübergehend im nahen Helmarshausen untergebracht worden waren. Hinzu kamen ab dem Jahre 1708 zunehmend deutsche Familien, so dass bis zum Jahr 1745 insgesamt 131 Familien, darunter 37 französisch-stämmige Familien, in der Stadt wohnten.

Neben der Landwirtschaft entstanden Manufakturen, beispielsweise eine Blaufarbenfabrik oder eine Textilmanufaktur, die 1717 bereits 118 Arbeiter beschäftigte und auch Uniformstoffe für hessische Soldaten lieferte. Weiteren Aufschwung nahm die Stadt durch die 1730 von dem hugenottische Apotheker Jacques Galland entdeckten Solequellen.

In der jungen Hafenstadt entstanden durchaus repräsentative Bauten, wie das landgräfliches Gästehaus (heute: Hotel "Zum Schwan" ) an der Invalidenstraße oder das Gebäude der einstigen Thurn- und Taxis`schen Postverwaltung, ebenso eine Reihe stattlicher Bürgerhäuser an der Weserstraße, bevor die weitere wirtschaftliche Entwicklung nicht zuletzt durch die Napoleonischen Kriege wesentlich beeinträchtigt wurde.

Hugenottenfest

Zu einer festen Größe und zum Stadtfest von Karlshafen hat sich inzwischen das Hugenottenfest entwickelt, das an die ersten Siedler der Stadt, aber auch das hugenottische Erbe in Deutschland erinnern soll.

Hugenottentag

Im Jahre 1710 wurde in der Karlskirche in Kassel der erste französisch-reformierte Gottesdienst gefeiert. Aus Anlass dieses 300-jährigen Jubiläums fand der 47. Deutsche Hugenottentag in der Zeit vom 11. bis 13 Juni 2010 in Kassel statt. Er stand unter dem Motto Angekommen. Wie aus Fremden Freunde wurden.

siehe auch

Hugenottenkirche in St. Ottilien

Wie kam es zur "Glaubensflucht" der Hugenotten ?

Eingang zum Hugenottenmuseum in Bad Karlshafen

Die frz. Gesellschaft des Ancien Régime war bis ins 18. Jh. hinein in drei Stände gegliedert (Klerus, Adel, Dritter Stand), von denen aber jeder einzelne nochmal vielfach unterteilt war und nach hierarchischen Prinzipien funktionierte. Der Dritte Stand z.B. umfasste in aufsteigender Linie Tagelöhner, Bauern, Handwerker, Kleinhändler, dann die Advokaten, Ärzte, Großkaufleute, und Reeder. Schließlich gehörten auch noch die niederen, mittleren und hohen Amtsträger in Finanzverwaltung und Justiz zum Dritten Stand, für die ein Aufstieg in den Adel jedoch nicht selten war. Ein junges Staatswesen begann zu keimen, Selbstverwaltungen und autonome Gruppierungen formten sich. Über allem herrschte der König von Gottes Gnaden..

Gleichzeitig fand in fast allen Provinzen Frankreichs und bei Angehörigen aller drei Stände die Lehre Luthers viele Anhänger. Es gab ja nur den Katholizismus, und man darf annehmen, dass Fortschrittssehnsucht eine Motivation zur Konvertierung war. So war es auch kein Wunder, dass bereits 1521 durch die Sorbonne diese Lehre zur Ketzerei erklärt wurde, 1539 gab es das erste Ketzeredikt, und schon bekamen die frz. Protestanten einen Hauch Illegalität - nächtliche Zusammenkünfte, geheime Gottesdienste, Heimlichtuerei... Doch diese Stigmatisierung konnte nicht verhindern, dass 1536 der frz. Reformator Johann Calvin von der Schweiz aus eine theologische Grundlage publizierte, die 1541, also nach dem ersten Ketzeredikt, in französischer Sprache erschien. Das Grundsatzpapier war von Strenge und religiöser Autorität geprägt und trug entscheidend zur Entwicklung einer geschlossenen Organisation bei und damit zu einer gemeinsamen Kirchenverfassung ("confessio gallicana") der zwölf großen protestantischen Provinzialkirchen im Jahr 1559. Dennoch blieben die Protestanten immer eine religiöse Minderheit (ca. 5% der Franzosen), für die sich seit etwa 1560 der Begriff "Hugenotten" durchsetzte (ein in Ausschreitungen verwickelter Reformierter, Hugo Capet, wurde unter den Gegnern zum Inbegriff für die gesamte Bewegung und somit zum Namenspaten).

Die Reformation ging unaufhaltsam voran. Nach 8 Bürgerkriegen zwischen 1562 und 1598 (grausamer Höhepunkt: Bartholomäusnacht, 24. August 1572, bekannt als Verfilmung mit Isabelle Adjani u.a.) und der Erkenntnis, dass weder der Katholizismus noch der Calvinismus (die Hugenotten) jemals die Oberhand gewinnen konnten, wurde 1598 das Toleranz-Edikt von Nantes das entscheidende Papier zur Wiederherstellung des inneren Friedens, erlassen von König Heinrich IV (Inhalt unter anderem die Regelung der gemischt-konfessionellen Zusammensetzung der Gerichtskammern, eigene Militäranlagen, Festungen, Sondergarnisonen uvm.) Für die Hugenotten wurde das Vertrauen in die Monarchie als den ordnenden gerechten Staat eine prägende Kraft und die Verehrung für ihre obersten Häupter, damals Heinrich IV.(Henri quatre) war groß.

Da jedoch der absolutistische Staat mit dem König als Zentrum und der (kath.) Kirche als legitimierender Kraft überhaupt nicht mit der Existenz einer autonomen Organisation wie der der Hugenotten, wie auch der Existenz ständischer, partikular-regionaler Kräfte und autonomer Herrschaftsträger vereinbar war, wurde bereits zu Anfang des 17. Jh. das Edikt von Nantes unterwandert. Während man es noch hochhielt, wurde die politisch-militärische Organisation der Protestanten 1629 zerschlagen, damit einhergehend wurden viele Protestanten wieder aus ihren Ämtern gedrängt. Eine rezessive Entwicklung in der Wirtschaft setzte ein und als 1660 Louis XIV den Thron bestieg, standen die Weichen schon auf Repression und Unterdrückung mit dem offiziellen Ziel der religiösen Einheit. Waren bis dahin schon viele wieder aus Angst um Leib und Leben zumindest äußerlich vom Protestantismus abgesprungen (Verfolgung, Einschüchterung, Berufsverbote), gab es doch z.Z. der Aufhebung des Ediktes von Nantes im Jahr 1685 entgegen der Annahme Ludwigs XIV, das Königreich wäre praktisch frei von Reformierten, immer noch viele Hugenotten, und von diesen trat ein großer Teil die Flucht an. Ausrotten jedoch konnte man die Protestanten in Frankreich nicht, ein Teil blieb unter schwierigsten Bedingungen in Frankreich. Der Landgraf Karl jedoch handelte sehr weise und umsichtig, modern und fortschrittlich damals, denn so selbstverständlich war es nicht, sie aufzunehmen.

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. HNA-online vom 19.7.2013: Auf den Spuren der Hugenotten in Bad Karlshafen

Weblinks

Ausschnitt eines Ausstellungsplakats des Hugenottenmuseum in Bad Karlshafen aus dem Jahre 2011