Holzschiffe aus Gieselwerder

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In den waldreichen Regionen am Reinhardswald und am Solling wurde die Weser seit Menschengedenken auch als Wasserstraße genutzt, etwa um das hier geschlagene Holz in waldärmere Regionen zu flößen.Am Schifferplatz in Gieselwerder zeugen besipielsweise Anker und Schiffsschrauben noch von der Zeit, als viele Schiffer aus der Region im Haupterwerb die Weser befuhren.

Und etwa 150 Jahre lang gaben Werften in Gieselwerder den Menschen Arbeit.

Der Geschichte der Schifffahrt in Gieselwerder widmet sich dort das Schiffermuseum, das in der ehemaligen Grundschule (nahe dem Freibad "An der Klappe") entsteht.

Themen wie "Das Schiff als Arbeitsplatz und Lebensraum", "Lade-/ Löschstellen und Werften im Bereich der Oberweser", "Schiffe aus Gieselwerder und ihre Geschichte" und "Reedereien an der Oberweser" werden hier behandelt.


Artikel aus HNA-online vom 19.11.2009

Holzschiffe für die Region

Etwa 150 Jahre lang gaben Werften in Gieselwerder den Menschen Arbeit

von Antje Thon

Gieselwerder. Die Flut kam mit einem lauten Grollen und vernichtete alles, was sich ihr in den Weg stellte. Die Werft in Gieselwerder lag über einhundert Kilometer entfernt von der Edertalstaumauer, die von britischen Kampffliegern in der Nacht zum 17. Mai 1943 zerstört worden war. Aber auch sie war in Folge der Bombardierung von einer gewaltigen Welle erfasst worden. Sie spülte eine 150-jährige Schiffsbautradition die Weser hinab.

Gertrud Volle kann sich gut erinnern an den Untergang der Werft, die einst vielen Familien Arbeit gab. Ihr Vater, Heinrich Henne, hatte die Fabrik zuletzt geführt. Die Bilder von damals haben sich ihr ins Gedächtnis gebrannt. In den letzten Kriegstagen hatte die Wehrmacht die Brücke gesprengt, die das Dorf mit der Werft am anderen Ufer verband. "Alles war dahin", sagt die 80-jährige Volle. Von dem Schicksalsschlag sollte sich die Fabrik nicht wieder richtig erholen. Das letzte Lattenschiff baute Heinrich Henne 1956.

Holz gab es genug
Gertrud Volles Sohn, Hans-Georg, nimmt an, dass Ende des 18.Jahrhunderts mit dem Bau von Schiffen in Gieselwerder begonnen worden war. Allerdings hatte dieses Unternehmen nur wenig mit dem seiner Vorfahren zu tun. Als Tutenwerft taucht sie in den Annalen des Dorfes auf und gibt noch heute Hinweis auf die Namen der Firmenbesitzer. Neben der Familie Tute waren dies die Herren Storck (Werftgründer) und Arensburg. Etwa einhundert Jahre lang verabeiteten sie das Holz der umliegenden Wälder zu Schiffen.

Die Zeit für den Schiffsbau konnte günstiger nicht sein - die Flüsse waren damals Transportweg Nummer eins. Wer mit Waren handelte, verlud sie aufs Schiff. Der Kreis der Werft-Kunden erstreckte sich von Minden an der Weser bis Bad Wildungen nahe der Eder und von Treffurt an der Werra bis ins Leinetal nach Salzderhelden.

Gebaut wurden in Gieselwerder ausschließlich Holzschiffe. Bis zum Schluss. Volle geht davon aus, dass es sein Großvater Heinrich und dessen Bruder Georg, die Inhaber der zweiten Werft, versäumt hatten, Eisenschiffe zu fertigen, die von Kunden zunehmend mehr gefragt waren. Damit hatten sie wohl einen Anteil am wirtschaftlichen Niedergang des Betriebes. Die Geschichte der Werft, die nur wenige Meter neben der Tutewerft errichtet worden war, hatte Ende des 19. Jahrhunderts begonnen.

Fähren, Lastenschiffe, Personenschiffe und Lattenschiffe für die Fischerei wurden in Gieselwerder vom Stapel gelassen. Ihr Bau war zeitaufwändig. Allein 20 Jahre musste das Holz lagern, ehe es verarbeitet werden konnte. Da bot es sich an, zudem mit Holz zu handeln. Eine Dampfmaschine, so Hans-Georg Volle, habe die großen Sägen angetrieben. Bis zu 50 Mitarbeiter waren hier beschäftigt. Die Hennes bauten nicht nur Schiffe, sie reparierten diese auch. In den letzten Jahren der Werft nahm die Reparatur einen weitaus größeren Raum ein als der Schiffsbau. Für ein weiteres Standbein sorgte der Bau der Eisenbahn: Die Werft lieferte die Schwellen für die Hessische Nordbahn.


Traglast bis 500 Tonnen
Vor allem die Fertigung der Stevenbock, ein für das Ende des 19. Jahrhunderts innovativer Schiffstyp, forderte jeden Einzelnen der Belegschaft. Der Kahn konnte bis zu 500 Tonnen Güter transportieren. Aber auch kleine Schiffe mit einer Traglast von 100 Tonnen, wie die so genannten Bullen, fanden Absatz. Für die Firma Oppermann in Hedemünden wurden Kiesschiffe gebaut. Stolz muss die Mitarbeiterschaft auch auf den Bau eines Schwimmbaggers gewesen sein, der auf dem Landweg unter Zuhilfenahme einer Dampfmaschine an den Diemelsee gebracht wurde. Denn Bagger gehörten nicht ins Standardprogramm in der Produktpalette. (ant)


Stichwort: Lattenschiffe
Lattenschiffe waren der gängigste Schiffstyp, den die beiden Werften vom Stapel ließen. Ein letztes Exemplar hat Hans-Georg Volle in seinem Garten aufgestellt. Er hat es von Karl Ebel aus Gimte (Hann. Münden). Lattenschiffe haben sich vermutlich aus den Einbäumen entwickelt, mit denen seit dem 9. Jahrhundert die Flüsse befahren wurden. Die Lattenschiffe wurden gerudert oder gestakt. Als Volle das Schiff allerdings nach Gieselwerder holen wollte, war niemand mehr in der Lage, es zu steuern. So wurde es auf einem Lkw transportiert. (ant)

siehe auch