Holzkohlenmeiler

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Unser Bild zeigt einen Meiler des Solling-Heimatvereins bei Delliehausen.

Fronturlaub zum Meilerbau

Viele Menschen im Solling lebten einst von der Köhlerei. Im 20. Jahrhundert verlor das Gewerbe an Bedeutung und starb aus. Wie in allen Waldgebieten spielte der Rohstoff Holz auch in der Wirtschaftsgeschichte des Sollings eine zentrale Rolle. Landwirtschaft und Handwerk konnten nicht alle Menschen ernähren, so dass viele einer Beschäftigung in den Sollingwäldern nachgingen. Ein wichtiges historisches Waldgewerbe war die Köhlerei. Viele Jahrhunderte gehörten die dampfenden Holzkohlenmeiler zum Alltagsbild des Sollings. Ihre Kohlen gaben ganzen Familien Arbeit und Brot. Der Prozess der Holzverkohlung war zu allen Zeiten gleich: Unter Luftabschluss erhitzten die Köhler das Holz, bis es sich bei einer Temperatur von 280 Grad Celsius zersetzte und Holzkohle, Holzteer, Essigsäure sowie weitere organische Verbindungen entstanden.

Blütezeit

Das 17. und 18.Jahrhundert brachte dem heimischen Köhlerhandwerk die höchste Blüte. Die ehemaligen Hochofenbetriebe in Uslar, Dassel und Holzminden nutzten die Sollingkohlen ebenso wie die Salzsalinen in Sülbeck und Salzderhelden und die Eisen- und Silberhütten des Westharzes. Der Glanz dieser Epoche, in der das Köhlerrecht sogar landesfürstlich verbrieft war, verblasste im Laufe der Jahre aber zunehmend. Im ersten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts, machten steigende Holzpreise den Köhlern schwer zu schaffen. Die Preise der handwerklich produzierten Holzkohle stiegen mit dem teurer werdenden Rohstoff, so dass der Absatz stark zurückging. Neuen Schwung erlebte die Köhlerei im Ersten Weltkrieg. Den gestiegenen Stellenwert verdeutlicht, dass Köhler aus Delliehausen und Hilwartshausen Fronturlaub erhielten, um in den heimischen Wäldern Holzkohle für ihre Einheiten zu brennen. Diese wurde an die Westfront transportiert, wo sie in den Wintermonaten die Bunker der Schützengräben aufheizten. Andere Köhler mussten in den Wäldern der Etappe Meiler bauen. Viele Sollingköhler errichteten die Holzstöße in Frankreich. Ihre Kohlen gingen an Maschinenfabriken und Eisengießereien im In- und Ausland. Regelmäßige Lieferungen bezogen auch die Heeres- und Marineverwaltung, die die Kohlen zur Anfertigung von Schießpulver nutzten. Generationen von Köhlermeistern gaben ihr Wissen an Söhne und Enkel weiter. Allein zwischen Hilwartshausen und Delliehausen bestritten mehr als 100 Familien ihren Lebensunterhalt mit dem Köhlerhandwerk. Doch mit dem Krieg endete in weiten Teilen des Sollings auch die Köhlerei. Selbst in einstigen Hochburgen wie Hilwartshausen und Sievershausen dampften nur noch wenige Meiler. Vielerorts hatte man das alte Gewerbe eingestellt, da der höhere Heizwert von Braun- und Steinkohle erkannt und durch den stetigen Ausbau des Eisenbahnnetzes von den Unternehmen immer besser genutzt werden konnte.

Fremde Wälder

Während die meisten Köhler diese Entwicklung rechtzeitig erkannten und sich verstärkt um Arbeitsplätze in der Industrie bemühten, suchten vor allem ältere Meister ihr Glück noch einmal in fremden Wäldern. Doch auch in den benachbarten Waldgebieten Nordhessens oder im Harz zeigte sich, dass die herkömmliche Gewinnung von Holzkohle nicht mehr rentabel war und sich gegenüber der fabrikmäßigen Holzverkohlung nicht länger behaupten konnte. Der einst blühende Wirtschaftszweig war durch die preiswertere Retortenkohle, wie sie seit 1896 unter anderem die HIAG in Bodenfelde - später Degussa, dann Chemviron Carbon, jetzt proFagus- produzierte, zum Aussterben verurteilt. Nur dem 600 Einwohner Dorf Delliehausen, einem Ortsteil der Stadt Uslar, blieb es bis in die jüngste Gegenwart vorbehalten, das traditionelle Gewerbe aufrechtzuerhalten. Bis Ende der 30er Jahre waren in Delliehausen vier selbstständige Unternehmer tätig. Als in den Kriegsjahren von 1939 bis 1945 die Waffen sprachen, erloschen auch ihre Meiler. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen der damalige Delliehäuser Bürgermeister Heinrich Hillebrandt und sein Schwiegersohn Heinrich Koch die Köhlerei wieder auf. Bis 1959 verdienten sie ihr Brot mit dem alten Gewerbe, ehe sie ihre Arbeit aufgaben und mit ihnen die letzten Berufsköhler des Sollings vor der Industrie kapitulierten.

Aus tausend Ritzen dampft der Rauch

Das Köhlerhandwerk hat eine besondere Stellung in der 1200-jährigen Geschichte Delliehausens. In der Blütezeit der Köhlerei ernährten die dampfenden Holzkohlenmeiler große Teile der Dorfbevölkerung. So ist es kein Zufall, dass das Wappensymbol des weithin als Köhlerdorf bekannten Ortes eine Köhlerhütte ist. Als in Delliehausen 1959 die letzten Berufsköhler des Sollings ihre Arbeit aufgaben, nahmen sich zunächst einige Dorfbewohner der Köhlerei an. Sie errichteten ein- oder zweimal jährlich an der Köhlerhütte im Rehbachtal einen Meiler, um die für den Ort einst so bedeutsame Tradition zu wahren. Seit 1978 hat der Solling-Heimatverein diese Aufgabe übernommen. Publikumsmagnet sind dabei stets die feierlich begangenen Entzündungen. Mehrere tausend Besucher nutzen die seltene Gelegenheit, der traditionellen Holzkohlegewinnung beizuwohnen. Winfried Müller, Vorsitzender des Vereins, gibt den Besuchern fachkundige Erklärungen und Informationen über die Geschichte des 800 Jahre alten Handwerks, das auf diesem Wege auch im Internet-Zeitalter nicht in Vergessenheit gerät.

Weiter Weg

Bei einem Besuch in Delliehausen erfährt man schnell, dass es vom Anlegen einer Kohlstelle bis zum Ernten der fertigen Kohlen ein weiter und beschwerlicher Weg war. Zunächst musste der ausgewählte Platz von Grassoden befreit und mit einer Schaufel eingeebnet werden. Das Fassungsvermögen der Meiler erreichte eine Größe von bis zu 120 Raummeter Holz. Verkohlt wurden hauptsächlich Buchen- und Eichenholz, das die Köhler mit Pferdewagen oder Schiebekarren zum Meilerplatz brachten. Das Richten des Meilers begann mit dem Aufstellen der Quandel, die den Mittelpunkt des Holzstoßes bildeten. Hierzu nahm man zwei Holzstangen, deren Zwischenräume mit trockenem Tannenreisig, Fichten- und Buchenholz gefüllt wurden. Um den Quandel herum kam das Holz. Dabei galt es, mehrere tausend Klafter so dicht und fest wie möglich aneinander zu reihen, damit der Meiler beim weiteren Bearbeiten gefahrlos bestiegen werden konnte. Je nach Größe und Holzmenge stapelten die Köhler drei bis vier Schichten übereinander.

Luftloch

Der holzfertige („holtraie“) Meiler wurde mit Laub, Rasenplaggen und Erde abgedeckt. Um das Feuer später in Gang zu bringen, mussten beim Bedecken mehrere Windlöcher am Boden sowie ein großes Luftloch in der Spitze offen gelassen werden. Die Entzündung war dem Meister vorbehalten, da sie Routine und Erfahrung erforderte. Eine dünne Holzstange, an deren Ende getrocknete Birkenrinde oder ein mit Petroleum getränktes Stück Sackleinen befestigt waren, diente als Lunte. Durch einen beim Bau geschaffenen Feuerkanal schob der Köhlermeister die brennende Lunte bis an den Quandel und entzündete den Holzbau vom Tannenreisig aufwärts. Je nach Rauchentwicklung wurde der Luftschacht nach zwei bis drei Stunden mit Erde oder Resten eines bereits ausgebrannten Meilers (Stübbe) geschlossen.

„Wildes Feuer“

Beruhigt war ein Köhler immer, wenn ein Meiler die erste Nacht hinter sich hatte. Dann galt es, die Spitze vorsichtig zu öffnen, um einen durch wildes Feuer entstandenen Hohlraum zu verfüllen. Begleitet von den wachenden Augen der Köhler, schwelten die Meiler acht bis zwölf Tage. Die Kunst des Köhlers bestand darin, die Verkohlung im Inneren so zu lenken, dass das Feuer gleichmäßig bis in den Fuß des Meilers hinab zog. Dies geschah über die Regulierung der Luftzufuhr. Hierzu benutzten die Köhler Stangen, mit denen abwechselnd Löcher in die Meilerdecke gestoßen oder mit Erde verschlossen wurden. Aus tausend Ritzen dampfte der Rauch, dessen farbliche Entwicklung dem erfahrenen Meister zeigte, wann der Verkohlungsprozess beendet war. Der ausgebrannte Meiler blieb einige Tage unberührt, damit die größte Hitze abklingen konnte. Danach begann man, die fertige Holzkohle zu ernten und einzusacken. Aus einem Raummeter Buchenholz gewannen die Köhler rund 80 Kilogramm Holzkohle. Wenn die Kohlen leicht zerbrachen, die Hände nur wenig färbten und auf dem Bruch stark glänzten, galt das als Beweis für gute Qualität. Leiterwagen brachten die Ware zum Weitertransport auf den nächsten Bahnhof oder zum Direktverkauf in große Lagerschuppen. Die Zubringerdienste erledigten in der Regel Landwirte, für die der Transport ein lohnender Nebenverdienst war. Mehrere tausend Wagenladungen Holzkohle wurden jährlich im Solling hergestellt. Im nördlichen Solling ging der Großteil der Kohle an die Firma Wöhler, deren Sitz in Vorwohle bei Stadtoldendorf war. Zu den Hauptabnehmern im südlichen Solling gehörte die Firma Siebrecht in Uslar, die sich auf Meilerholzkohlen, Holzkohlenbrikett und Holzkohlenkörnungen spezialisiert hatte. Sie dehnte sich über weite Teile des Sollings aus und unterhielt Meilerköhlereien in den Forstämtern Knobben, Uslar, Neuhaus, Selzerturm, Dassel und Hardegsen.