Hohenzollernviertel

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Prachtbau der Gründerzeit an der Hohenzollernstraße, Ecke Kaiserstraße (heute Goethestraße)

Heute bekannt als "Vorderer Westen", erhielt das Hohenzollernviertel in Kassel seinen Namen von der ehem. Hohenzollernstraße, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße. Die Hohenzollernstraße wurde 1871 angelegt.[1]

Geschichte

Entwicklung des Stadteils

Es waren die „feinen Leute“, die seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Hohenzollernviertel wohnten. Einige waren der Enge der Altstadt entflohen, andere investierten hier Teile ihres Vermögens, um in repräsentativen, im Stil der Gründerzeit errichteten Gebäuden in angenehmer Umgebung unter ihresgleichen zu leben.

Im Hohenzollernviertel gab es wenig Gewerbe oder Industrie – seine Bewohner lebten ungestört in großen, hellen Wohnungen. Möglich gemacht hatte das der Kasseler Unternehmer Sigmund Aschrott, der ab 1860 landwirtschaftlich genutzte Flächen der Wehlheider Landwirte im Westen der Stadt erworben hatte, um sie für die Bebauung zu erschließen. Er trug auch das finanzielle Risiko für die Entwicklung des Viertels. Aschrott hatte seinerzeit verfügt, dass auf den von ihm verkauften Grundstücken keine Gewerbe betrieben werden dürfen, von denen "Lärm, Dampf oder übler Geruch ausgeht". Diese Verfügung ist Bestandteil der Grundbucheintragungen bis heute (2010). Aschrott wohnte in den 1880er-Jahren im Gebäude an der Annastraße 18 (heute Annastraße 10).

Obwohl sich das Hohenzollernviertel schnell zu einem begehrten Wohngebiet entwickelte, sah sich Aschrott vielen Anfeindungen ausgesetzt. Die Stadt Kassel stand seinen städtebaulichen Plänen skeptisch gegenüber und versuchte immer wieder, ihn mit Bauvorschriften zubehindern. Die Geschäftsleute der Innenstadt befürchteten durch das neue Viertel eine Abwertung ihrer Lage, die Gemeinde Wehlheiden ihre Eingemeindung durch die wachsende Stadt.[2]

Kasernenbau

1875 wurde an der ehemaligen Hohenzollernstraße - an der heutigen Samuel-Beckett-Anlage - eine neue Kaserne für das 83. Regiment gebaut. Eine Gedenktafel für das Regiment, die 1930 enthüllt wurde, befindet sich in der Treppenanlage in der Verlängerung der Bodelschwinghstraße.[3]

Gestaltung des Kaiserplatzes

1898 wurde ein Städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, der den Kaiserplatz zwischen Goethestraße und Murhardstraße analog zum Königsplatz zu einem Geschäftszentrum im Kasseler Westen umgestalten sollte. Damals standen nur drei Häuser in diesem Bereich (Nr. 15, 30 und 32). Das Ergebnis des Wettbewerbs: Am Kaiserplatz sollten ein Reithaus, eine Badeanstalt, ein Theater- und Konzertsaal, zwei Hotels, Cafes, Restaurants, elegante Läden und ein Kaufhaus entstehen. Umgesetzt wurden die Pläne allerdings nie. Die letzte Baulücke wurde 1967 mit dem Gebäude der Gartenbau-Berufsgenossenschaft geschlossen.[4]

Die ehemalige Hohenzollernstraße in Kassel, Ecke Querallee

Nach der Jahrhundertwende stand zudem ein Musikpavillon auf dem Kaiserplatz. Hier fanden sonntags Konzerte statt. Gestiftet wurde er vermutlich im Jahr 1906 vom Bauunternehmer Moritz Bollmann. [5]

Kreuzkirche

Am 7. November 1906 wurde die nach den Plänen von Anton Karst und H. Fanghänel gebaute Kreuzkirche an der Luisenstraße 15 eingeweiht. Die "Zeitschrift für moderne Baukunst" beschrieb sie 1907 als „Modern und eigenartig in Grundrißanlage und Aufbau“.[6] Die Grundsteinlegung hatte am 2. August 1904 stattgefunden. Am 22. Oktober 1943 wurde die reformierte Kreuzkirche in der Kasseler Bombennacht zerstört. Von dem damaligen Gebäude ist lediglich ein Sandsteinrelief erhalten, das eine biblische Szene zeigt und sich einst über dem Eingangsportal befand. [7]

Gebäude der Oberzolldirektion

Von 1911 bis 1914 entstand auf dem Grundstück Kaiserplatz 43 das Gebäude der Königlichen Oberzolldirektion nach den Plänen des Regierungsbaumeisters Dr. Ing. Gessner. Hier war bis 2008 auch das Finanzamt untergebracht.[8][9]

Wintershall siedelt sich an

1920 wurde an der Hohenzollernstraße 139 (zwischen Hohenzollernplatz/heutigem Karl-Marx-Platz und Hindenburg-Platz/heutigem Bebelplatz) ein Firmensitz von Wintershall gebaut. Das Verwaltungsgebäude wurde unter Leitung von August Rosterg errichtet. 1938 kaufte Rosterg das heutige Wintershall-Gelände.[10]

Heute

Obwohl auch dieses Stadtviertel von den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges nicht ganz verschont blieb, hat es sich seinen Charme erhalten. Es ist noch immer geprägt von großzügigen Architektur der Gründerzeit. Noch heute gilt der Vordere Westen als bevorzugte Wohngegend.

siehe auch

Quelle

Einzelnachweise

  1. Homepage der Stadt Kassel "Historische Entwicklung des Stadtteils Vorderer Westen"
  2. Aus dem Portal www.vorderer-westen.net "Sigmund Aschrott"
  3. Aus dem Portal www.vorderer-westen.net "Den 83ern"
  4. Aus dem Portal www.vorderer -westen.net "Kaiserplatz"
  5. Aus dem Portal www.vorderer-westen.net "Musikpavillon"
  6. Aus dem Portal www.vorderer-westen.net "Kreuzkirche"
  7. Aus dem Portal www.vorderer-westen.net "Kreuzkirche"
  8. Aus dem Portal www.vorderer-westen.net "Finanzamt"
  9. pdf-Dokument zur Geschichte des Finanzamt-Gebäudes
  10. Aus dem Portal www.vorderer-westen.net "August-Rosterg-Haus"

Zum Weiterlesen

  • Baetz: Aufzeichnungen über den Geheimen Kommerzienrat Sigmund Aschrott (1826 - 1915) und dessen Bedeutung für die wirtschaftliche und städtebauliche Entwicklung von Kassel (Kassel, 1952)
  • Demme, Roland: Der jüdische Kaufmann, Verleger und Stadtplaner Sigmund Aschrott - eine Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts. Handlungsraum Hohenzollernviertel - Ausdruck einer epochal beachtlichen Raumgestaltung. Kassel 2006
  • Siemon, Rolf: Der „Vordere Westen“ von Kassel. Die Entwicklung eines gehobenen Wohngebietes seit dem 19. Jahrhundert (Göttingen, 1988)
  • Werkstatt Geschichte an der Albert-Schweitzer-Schule; Vom Markt zum Bebelplatz (Kassel, 2001)
  • Werkstatt Geschichte an der Albert-Schweitzer-Schule; Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen - Straßennamen, Geschichte und „Geschichtspolitik“ (Kassel, 2005)
  • Werkstatt Geschichte an der Albert-Schweitzer-Schule; Plätze im Vorderen Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils (Kassel, 2010)
  • Wiegand, Thomas: Kulturdenkmäler in Hessen: Stadt Kassel II. Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Wiesbaden, 2005)
  • Bildarchiv Vorderer Westen