Hitler als Überraschung

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Hitler als Überraschung - Der Landkreis Northeim im Dritten Reich - Was geschah in den ersten Tagen?

Letzte Meldung: "Hitler zum Reichskanzler" ernannt, berichtete die NNN am Mittag des 30. Januar 1933.

Von Uli Hagemeier [Northeim]. Januar 1933. „Das Wetter war kalt und feucht und drang einem eisig bis ins Mark. Für die Arbeitslosen müssen die kahlen Äste der Bäume und der gefrorene Boden der Felder geradezu ein Symbol ihrer Lage gewesen sein: ausgestreckt auf dem Folterbett der Verzweiflung, eingefroren im Sumpf end- und sinnlosen Nichtstuns“, heißt es in William Allens Buch „Das haben wir nicht gewollt“. Am Monatsende erwachten viele aber aus der Lethargie: Adolf Hitler war am 30. Januar Reichskanzler geworden.

Telegramm in der NNN

Die Northeimer Neuesten Nachrichten (NNN), damals eine Mittagszeitung, druckten die Meldung noch am gleichen Tag unter der Rubrik „Letzte Telegramme“. Die Anhänger der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in Northeim traf die Mitteilung so überraschend, dass sie an diesem Montag nicht einmal einen Aufmarsch organisieren konnten. An den Tagen danach gab es in der Rhumestadt aber Anzeichen der Veränderung. So stand am 3. Februar in den NNN: „Hausdurchsuchungen aus politischen Gründen fanden gestern, wie im gesamten deutschen Reiche, auf höhere Anordnung auch in Northeim bei verschiedenen Kommunisten statt. Irgendwelche verbotenen Schriften usw. wurden jedoch nicht gefunden.“ Die preußische Landesregierung hatte am 2. Februar die Auflösung sämtlicher kommunaler Körperschaften und Neuwahlen für den 12. März verfügt, schreibt Northeims Stadtarchivar Ekkehard Just in seinem Buch „Northeim 1848 - 1948“. Das war das Ende des bisherigen Kreistages und der Gemeindeverwaltungen.

Fackelzug mit 1000 Menschen

Am Ende dieser Woche zog die NSDAP gemeinsam mit dem Bund der Frontsoldaten (Stahlhelm) doch noch durch Northeims Straßen: Etwa „800 Nationalsozialisten und 200 Stahlhelmer“ beteiligten sich laut Allen an dem Fackelzug. „Die Formation hinterließ einen tiefen Eindruck“, hieß es zwei Tage später in den NNN: „Die Straßen waren von dichten Menschenmassen umsäumt, während auf dem Marktplatz, wo der (...) Fackelzug endete, sich eine große Menschenmenge sammelte, wie sie hier bisher wohl kaum gesehen wurde“.

Jüdisches Mädchen im Marsch dabei

Auch ein jüdisches Mädchen marschierte bei diesem Umzug mit: „Wir mussten teilnehmen“, sagt Lotte Seidel-Oppenheim, 1921 geboren und damals Richenza-Schülerin. Heute lebt sie in einem Seniorenheim der israelischen Stadt Haifa. Und sie kann sich auch noch an die Angst erinnern, die ihre Eltern damals hatten - niemand wusste, was jetzt für eine Zeit anbricht. Nach dem Fackelzug zogen die Braunhemden zu einem „Deutscher Abend“ in den Saalbau der 1910er Schützen. Eine Kapelle spielte dort Märsche und der Bruder des Heidedichters Hermann Löns sprach über dessen Schaffen. Die erste Woche von Hitlers Kanzlerschaft endete in Northeim mit einem Parteitag der NSDAP. Alle Ortschaften des Kreises hatten Abgeordnete in den Saalbau entsandt. Und der Göttinger Rechtsanwalt Muhs verlangte „von jedem Einzelnen unbedingte Gefolgschaft und Arbeit im Sinne des Führers“.

erschienen in der HNA/Northeimer Neueste Nachrichten am 31. Januar 2008