Hirschhagen

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Lageplan Hirschhagen. Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf das Bild
Hirschhagen ist ein Gewerbegebiet und war Rüstungsstandort während der Zeit des Nationalsozialismus in Hessisch Lichtenau im Werra-Meißner-Kreis. Das Lichtenauer Werk gehörte zu den größten Sprengstoffproduzenten und war die zweitgrößte Sprengstoff- und Munitionsfabrik des Deutschen Reiches.[1] [2]

Aus Planung und Bau des Sprengstoff- und Munitionswerks

Die errichteten Gebäude und Maschinen waren feuerversichert bei der Berliner Versicherung Victoria. Für mehr Informationen klicken Sie auf das Bild
  • Das Sprengstoff- und Munitionswerk in Hirschhagen wurde 1935 geplant, 1936-38 gebaut.
  • Die Bauarbeiten waren bei der Stillegung 1945 nicht abgeschlossen. Etwa 233 Hektar waren auf 399 Gebäude verteilt. [3]
  • Die Dymnamit AG (D.A.G.) baute das Werk. Später gründete die DAG eine Gesellschaft zur Verwertung chemischer Erzeugnisse in Hessisch Lichtenau mbH. Dies sollte die Existenz des Sprengstoff- und Munitionswerkes verschleiern.
  • Der Bau kostete mehr als 100 Mio Reichsmark (Zur Einordnung: Bei damals 41 Pfennig Stundenlohn für Arbeiterinnen und 50 Pfennig Stundenlohn für Arbeiter, wäre das grob geschätzt heute 1 Milliarde Euro)
Monanschema. Eine vergrößerte Ansicht bekommen Sie durch einen Klick auf das Bild

Gründe für die Entstehung

  • Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden von der Reichsregierung bzw. vom Oberkommando des Heeres (OKH) möglichst günstige Standorte für neue Sprengstoff- und Munitionswerke gesucht. Der damalige Lichtenauer Bürgermeister Göbel bewarb seine Gemeinde als Rüstungsstandort. Die Gründe, die für Hirschhagen als Rüstungsstandort sprachen:
  • 1. Der Standort war von größeren städtischen Ansiedlungenweit genug entfernt und war im angrenzenden Wald gut zu tarnen.
  • 2. Es war die benötigte Wassermenge für die Sprengstoffherstellung verfügbar, sowie die Energieversorgung durch nahegelegene Braunkohlewerke (Zeche Hirschberg/Epterode) gesichert.
  • 3. Es waren anfangs genügend Arbeitskräfte im strukturschwachen Grenzgbiet zu Thüringen verfügbar.
  • 4. Der Standort lag verkehrsgünstig: Rohstoffe konnten per Bahn angeliefert, Fertigprodukte über Kassel günstig verteilt werden.

Gebäudekomplex und Infrastruktur

  • Die Fabrik nahm eine ovale Fläche von ca. 1,5 x 2,5 km = 233 Hektar ein.
  • In dem stacheldrahtumzäunten Gelände standen 399 Werksgebäude.
  • Es gab drei Haupt-Eingänge zum Werksgelände: den Haupteingang aus Richtung Fürstenhagen, den Eingang aus dem Lager Waldhof (Eschenstruth) und den, dem Haupteingang gegenüberliegenden Eingang aus Friedrichsbrück.
  • Es gab ein dichtes Straßennetz mit vorwiegend Kopfsteinpflaster. Vom Gleisanschluss der Bahn zweigten Gleise ab mit einer Gesamtlänge von 17 km.
  • Eine Seilbahn brachte Braunkohle vom nahen Bergwerk (Zeche Hirschberg in Epterode) in einen Kohlebunker,so dass die Fabrik in zwei weit auseinanderliegenden Kraftwerken ihren eigenen Strom erzeugen konnte.

Produktion

  • Trinitrotoluol (TNT) und Pikrin(säure)-Granulat.
  • TNT - in mehreren Arbeitsschritten hergestellt - wurde in heißem,flüssigen Zustand im "Gießhaus" in Bomben, Granaten und Tellerminen verfüllt.
  • 1938/39: 5,99 Tonnen TNT
  • 1942/43: 30.000 Tonnen (30 Millionen kg) TNT
  • 1939/40: 150 Tonnen Pikrin
  • 1944/45: 2000 Tonnen Pikrin

Arbeitsbedingungen und Zwangsarbeiter

Arbeitsbedingungen in Hirschhagen. Für mehr Informationen klicken Sie auf das Bild
  • Insgesamt sind im Sprengstoffwerk etwa 12 Unglücke nachgewiesen worden mit 180 unmittelbar Getöteten.
  • Gearbeitet wurde in der Fabrik rund um die Uhr in drei 8-Stunden-Schichten: Von 6 - 14 Uhr, 14-22 Uhr und 22-6 Uhr.
  • Jeder Arbeiter auf dem kürzesten, vorgeschriebenen Weg zu seiner Arbeitsstelle gehen. Bei einem etwa nötigen Gang zur Toilette musste er sich bei der Aufsicht ab und anmelden. So wurde vermieden, dass Mitarbeitersich einen Überblick über das Werksgelände verschaffen konnten, der etwa verraten werden könnte oder zu Sabotage genutzt werden könnte.

Arbeitskräfte

  • Arbeitskräfte April 1939: 750
  • Arbeitskräfte April 1941: 3100
  • Arbeitskräfte Anfang 1945: 2400
  • Dazu kamen noch bis zu 1.000 Angehörige des Reichsarbeitsdienstes (RAD) besonders für Erdarbeiten im Gelände
  • Darüber hinaus waren ca. 2.000 Bauabeiter verschiedener Firmen auf dem Werksgelände beschäftigt bei Erweiterungsbauten, die noch bis in die letzten Tage vor Auflösung der Fabrik bestanden und geplant waren.
  • Zuweisung von 1000 Jüdinnen aus Auschwitz: Da gegen Ende von 1944 die Zahl der deportierten Zwangsarbeiter und aus den eroberten und besetzten, aber wieder verloren gegangenen Gebieten immer weniger wurde, hat man arbeitsfähige Juden und Jüdinnen in den Vernichtungslagern selektiert, um fehlende Arbeitskräfte im Reich zu ersetzen, allerdings immer bedroht vom Ersatzprogramm der geplanten "Endlösung" durch das Programm "Vernichtung durch Arbeit."

Zitate

  • Zur Ernährung. Die Überlebende Zeitzeugin Trude Levi sagte: „Ich weiß heute nicht nur, wie Wanzen aussehen und stechen, sondern auch wie sie schmecken".

Literatur

  • Jürgen Jessen, Geschichtswerkstatt Hessisch Lichtenau (Hrsg.): Wie es war. Zeitzeugen des Holocaust in Schule und Öffentlichkeit, Witzenhausen 1994
  • Jürgen Jessen, Vortrag im April 2010 in Melsungen: „Hirschhagen zwischen gestern und morgen“ (Jürgen Jessen ist Studienrat in Ruhe aus Hessisch Lichtenau - juergen.jessen@web.de)
  • Gregor Espelage „Friedland“, Geschichte einer Stadt und Sprengstoffabrik in der Zeit des Dritten Reiches in zwei Bänden
  • Ulrich Schneider: Lernort "Hirschhagen". Munitionsfabrik, KZ-Außenkommando, ökologische Altlast. Unterrichtsmaterialien für die regionalgeschichtliche Behandlung der Sprengstoff-Fabrik Hirschhagen bei Hessisch-Lichtenau
  • Hessisches Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung (Hrsg.): Hirschhagen - Sprengstoffproduktion im „Dritten Reich“. Ein Leitfaden zur Erkundung des Geländes einer ehemaligen Sprengstoffabrik. 2. Aufl. Kassel, Wiesbaden 1991
  • Dieter Vaupel, Das Außenkommando Hessisch Lichtenau des Konzentrationslagers Buchenwald 1944/1945 - Eine Dokumentation, Hrsg.: Gesamthochschule Kassel FB 1 und 5. 2. Auflage Kassel 1984 (Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, H. 3)
  • Dieter Vaupel, Spuren, die nicht vergehen. Eine Studie über Zwangsarbeit und Entschädigung, Hrsg.: Gesamthochschule Kassel FB 1. Kassel 1990 (Nationalsozialismus in Nordhessen. Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, H. 12).
  • Wolfgang Schwert: Die Sprengstofffabrik in Hirschhagen. Vom Rüstungswerk des dritten Reiches zum modernen Gewerbegebiet, 2009
  • Aus historische-eschborn.de/Frankfurter Rundschau vom 8. Juni 2006:Ehemalige Zwangsarbeiterin berichtet von den Qualen in der Hirschhagener Munitionsfabrik / Sanierung der Rüstungsaltlasten dauert an

HNA-Artikel:

Nach 1945

Chronologie

  • Erst zwei Tage vor dem Einmarsch der US-Armee Anfang April 1945 wurde die Produktion im Werk eingestellt.
  • Die Gebäude wurden trotz eines 14 Tage vorher eingegangenen Führerbefehls nicht gesprengt, der vorhandene Sprengstoffvorrat aus Sicherheitsgründen nicht verbrannt ,wohl aber sämtliche Unterlagen zur unmittelbaren Herstellung und Produktion von Sprengstoff.
  • Beim Einmarsch suchten die Amerikaner nach Plänen der hiesigen "Raketenproduktion", dies wahrscheinlich der Grund, warum das den Engländern seit 1944 in Luftaufnahmen bekannte Werk nicht bombadiert worden war.Die Raketenpläne gab es hier aber nicht, sondern ca. 6o km weiter östlich in Nordhausen (Harz).
  • Das Lager Vereinshaus wurde ebenfalls zwei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner aufgelöst, die Überlebenden wurden wieder in Viehwaggons eingepfercht und in Richtung KZ Buchenwald deportiert. Im überfüllten KZ Buchenwald wurde jedoch die Aufahme verweigert und der Transport ging weiter in Richtung Osten.
  • Nach 14-tägigem Todesmarsch ohne Nahrung und mit unzureichender Kleidung wurden die Überlebenden der Shoah und Sklavenarbeit in Hirschhagen schließlich in Wurzen bei Leipzig (Sachsen) von den US-Amerikanern befreit.
Quelle: yaabaa.de [1]
  • In Hirschhagen hatten die Amerikaner unmittelbar nach dem Einmarsch zunächst alle für die Sprengstoffproduktion wichtigen Gebäude gesprengt, die übrigen Gebäude enttarnt, d.h. Erde und Bäume und Büsche von den Betonflachdächern entfernt.
  • Die von der DAG betriebene GmbH ( Gesellschaft zur Verwertung chemischer Erzeugnisse Hessisch Lichtenau) wurde liquidiert. Gemäß der ursprünglichen Rechtskonstruktion entfielen damit alle Rechtsansprüche wegen des verunreinigten Bodens und Grundwassers oder Entschädigung für entgangenen Arbeitslohn an den ehemaligen Betreiber, die DAG und deren Nachfolger, die Dynamit Nobel AG (und deren Aktienbesitzer)..., während die leitenden Angestellten ihre Rente bzw. Pension (natürlich) später von der weiter existierenden Muttergesellschaft Dynamit AG bezogen.
  • In die stehengebliebenen,dafür brauchbaren Gebäude (z.B. Verwaltungsgebäude, Kantine, Sanitätsstation) quartierten die Amerikaner zunächst das "Document-center" samt überprüftem, weiterbeschäftigtem deutschem Personal ein.
  • Die Grundstücke übernahm später die Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG), welche Liegenschaften im Besitz der späteren Bundesrepublik Deutschland verwaltete (=heutzutage als IVG AG privatisiert). Diese verkaufte schon bald Grund und Boden in Hirschhagen sowie erhaltene, frei gewordene Gebäude an interessierte Wirtschaftsunternehmen und Kleinbetriebsgründer (z.B. Auto-Reparaturwerkstättenbetreiber, Baustoffhändler...).
Quelle: yaabaa.de [2]
  • Die in und rund um Hessisch Lichtenau liegenden Unterkünfte und Lager wurden unterschiedlichen neuen Nutzungen zugeführt:Zunächst wurden darin Displaced Persons untergebracht, allso Ausländer Zwangsdeportierten und überlebende Jüdinnen und Juden, die nicht unmittelbar in ihre Heimatländer zurückkonnten oder wollten.
  • Dies waren die Anfänge der Entwicklung von Hirschhagen zum heutigen "Industriepark Hirschhagen" mit inzwischen 600 Arbeitsplätzen der zweitgrößte Gewerbesteuerzahler in Hessisch Lichtenau.
  • Bis 2006 war Hessisch Lichtenau zudem Standort der Bundeswehr (Blücher-Kaserne), was weitere (zivile) Arbeitsplätze für die örtliche Bevölkerung sicherte und z.B. den Erhalt des Gleisanschlusses der Bahn (Güterverkehr) bedeutete, ein neues Stadtviertel (am Himmelsberg) für Bundeswehrangehörige und die Mitgliedschaft von Bediensteten und angehörigen der Truppe in örtlichen Vereinen und Parteigliederungen.

Gewerbegebiet Hirschhagen

  • Heute ist es ein Gewerbegebiet. Auf dem Gelände sind Gebäude verteilt. Dazwischen stehen Ruinen. Es gibt abgesperrte Bereiche und Relikte im Wald. [4]
  • Eine positive Entwicklung des Industrieparks, mit weiterer Industrieansiedlung und der Schaffung weiterer Arbeitsplätze erhofft sich die Stadt Hessisch Lichtenau besonders durch eine verbesserte Verkehrsanbindung nach erkämpfter Fertigstellung der Richtung Osten führenden Autobahn A 44.
  • Im Mai 2010 wurde mit der Erweiterung der Autobahn begonnen.

Beseitigung von Giftstoffen in Hirschhagen

  • Das Land Hessen übernahm die aufwendige Beseitigung von Giftstoffen im Boden von Hirschhagen:Diese "Altlastensanierung" wurde mit Kosten von über 106 Mio ibeendet, das versickernde Regenwasser muss in einer rund um Hirschhagen gelegten Ringleitung auf Jahrzehnte hinaus gesammelt und mit eingeblasenem Sauerstoff von darin gelösten Metallen befreit werden, bevor es, so vorgereinigt, wieder ins Bach und Flussystem der Umgebung abgeleitet werden kann (geschätzte jährliche Betriebs-Kosten ca. 500.000 Euro).

siehe auch

Zur Geschichtsaufarbeitung und Erinnerungskultur

  • Gedenksteine vor dem ehemaligen „Lager Vereinshaus“ (heute Schulhof)
  • Gedenkstein mit Originallaterne aus NS-Zeit in der Hofauffahrt zum Haupteingang Hirschhagen
  • Erinnerungstafel am ehemaligen Wachhäuschen, das damals der Haupteingang zum Werksgelände war.
  • Wissenschaftliche Arbeit von Gregor Espelage „Friedland“.
  • Historischer Themenweg durch das Gelände: "Ehemalige Sprengstofffabrik Hirschhagen"
  • Vorträge von Jürgen Jessen aus Hessisch Lichtenau (juergen.jessen@web.de)

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. blauer-sonntag.de vom 22.August 2010: Ehemalige Sprengstofffabrik Hirschhagen
  2. suite101.de vom 25.August 2009- Wolfgang Schwert: Vom Rüstungswerk des dritten Reiches zum modernen Gewerbegebiet
  3. blauer-sonntag.de vom 22.August 2010: Ehemalige Sprengstofffabrik Hirschhagen
  4. blauer-sonntag.de vom 22.August 2010: Ehemalige Sprengstofffabrik Hirschhagen

Weblinks

HNA-Artikel: