Hessen in der Spätantike

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Über die Geschichte des Hessenlandes im Zeitraum der Spätantike gibt es nur wenige archäologische Bodenfunde. Daher ist hauptsächlich die röm. Literatur dieser Zeit die Basis unserer derzeitigen Geschichtsschreibung. Für Deutschland und Hessen war die „Germania“ des Cornelius Tacitus eine besonders wichtige Quelle. Generationen von Althistorikern und Sprachwissenschaftlern haben diese Germania ausgewertet und besonders für Hessen zum „Kampffeld“ ihrer unterschiedlichen Auslegungen, Thesen und Gegenthesen gemacht.

Die Ersterwähnung der Chatten

Es gibt über die Entstehung des Begriffes und der erstmaligen Nennung bis heute keine wirklich verlässlichen Angaben.

Als der römische Feldherr Julius Cäsar in 55 v.Chr. mit seinen Legionen erstmals einen Straffeldzug auf das Gebiet rechts des Rheines unternahm, hatte er lt. seinem Buch „ De Bello Gallica“ zwei Gründe. Erstens die Bestrafung aufsässiger Quaden, Sugambrer und Sueben und Hilfe für den bedrängten Stamm der befreundeten Ubier. Den Stamm der Chatten erwähnte er nicht, obwohl diese damals mit ziemlicher Sicherheit auch im dem Umkreis der betroffenen Gebiete siedelten, welche er 18 Tage lang durchzog und verheeren ließ.

Auch als er zwei Jahre später im Jahre 53 v. Chr. wieder über eine Pfahlbrücke und wieder um aufsässige Germanen zu strafen, ein noch größeres Gebiet durchzog, erwähnte er den Stamm der Chatten nicht!

Allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass es sich bei den Sueben um einen Stammes- und Heeresverband handelte mit einem Heerkönig, nämlich Ariovist.

Daher ist nicht sicher, welche Stämme sich innerhalb dieses Verbandes befanden.

Zudem hat Cäsar lediglich eine Machtdemonstration durchgeführt und ist nicht weit auf die rechtsrheinische Seite vorgedrungen.

Außerdem waren die Chatten, da richtig vermutet wird, dass diese von Norden einwanderten, zu dieser Zeit noch nicht so weit südlich vorgedrungen.

Die Brücken Cäsars lagen auf der Höhe Straßburgs, da war auch nicht zu erwarten, dass bei einer täglichen Marschleistung der römischen Truppen von ca.30 km das Gebiet der Chatten, was eben noch recht nördlich lag, innerhalb des genannten Zeitraumes überhaupt hätte erreicht werden können, selbst wenn Cäsar, was völlig absurd wäre, auf direktem Weg nach Norden marschiert wäre, wozu er keine Veranlassung hatte, da sein avisierter Gegner direkt vor ihm war.


Zur Zeit des Chattenkriegs des Domitian jedoch, hatten die Chatten bereits das Taunusgebiet erreicht. Auch das würde die Nichterwähnung durch Cäsar erklären können.


Beim Rückzug wegen Versorgungsproblemen errichtete er jedoch an der Pfahlbrücke rechts des Rheines eine Zeit lang einen Brückenkopf. Dadurch gab es mit Sicherheit zwangsläufig Handelskontakte zu den Germanenstämmen. Aber wieder gibt es keine Hinweise auf die Chatten, obwohl der Brückenkopf wahrscheinlich bis zum Abzug Cäsar im Jahre 49 Bestand hatte . Man muss an dieser Stelle auch auf die eigentlichen Gründe hinweisen, die Cäsar mit seinem Buch verfolgte. Er wollte den Senat mit seinen Erfolgen beeindrucken und er wollte beim Volk populär werden.

Im Gegensatz zu den späteren römischen Berichten, auch einschließlich der wichtigen „Germania“ des Cornelius Tacitus waren die Aufzeichnungen Cesars jedoch in zweierlei Hinsicht bemerkenswert:

Der Hochgebildete Aristokrat konnte die Geschehnisse so sachlich und realitätsnah wie möglich einordnen und direkt vor Ort seinen eigenen Sekretär diktieren. Schon seit Cicero beherrschten die Römer eine Art Kurzschrift, und so konnte Cäsar auch die Berichte von Überläufern, Gefangenen und vielleicht auch von Händlern umgehend aufzeichnen lassen. Daher ist auch die Meinung des römischen Historikers Florus (98…117 n.Chr.), also cirka 150 Jahre später: Cäsar hätte die Chatten wegen der Ähnlichkeit germanischer Zivilisationgüter wie Häuser, Kleidung, Waffen, Aussehen u.ä. nicht als selbstständigen Stamm erkannt, sehr fragwürdig. Für Cäsars Buch waren ja viele Germanenstämme auch gleichzeitig: „Viel Feind, viel Ehr“ !

Wie bekannt, ging er im Jahre 49 v.Chr. nach Rom zurück und endete dort in 44 v.Chr.

In den folgenden, für Rom turbulenten Jahrzehnten sind keine schriftlichen Hinweise über den Stamm der Chatten bekannt geworden.

Wichtigster Schreiber dieser Zeit war Livius (59 v.Chr….17 n.Chr.). Der schreibfreudige Historiker hat 142 Bücher verfasst, von denen noch 35 und einige Fragmente erhalten sind, die alle keine Angaben bezüglich der Chatten enthalten bzw.bisher nicht entdeckt wurden!

Bei den verlorenen Büchern wird vermutet, dass sie wegen der republikanischen Gesinnung des Autors der kaiserlichen Bürokratie zum Opfer fielen. Im Verlauf des römischen Bürgerkrieges bis zur Zeitenwende ist als einer der wenigen Autoren der Grieche Strabon bzw. Strabo bekannt. Er lebte von 64 v.Chr. bis cirka 20 n.Chr.. In seinen bedeutsamen Hauptwerk „Geographika“ weist er im Buch VII, 1,3 den germanischen Stämmen ihre Siedlungsgebiete zu. Neben Cherusci, Usipetes und Sugambri erwähnte er erstmalig, überhaupt in römischen Schriften die CHATTI!

Leider ist das Ausgabejahr des Buches und damit auch das Jahr der Ersterwähnung nicht bekannt. Da der Autor den Stamm aber von „besonderer kriegerischer Disziplin“ bezeichnet, könnte es frühestens zwischen den Jahren 16 v.Chr. bis 8 n.Chr. gewesen sein, wo lt. der „Germania“ des Historikers Tacitus die römischen Feldzüge gegen die rechtsrheinisch wohnenden Germanen stattfanden.

Im Bezug auf die Ersterwähnung der Chatten sind zwei Hinweise wichtig. Zum Ersten: Die Schriften des Tacitus, mit umfangreichen Berichten über diesen Germanenstamm erschienen erst über 100 Jahre später zu Ende des ersten Jahrhunderts. Da hatten bereits andere Autoren diesen Stamm so benannt.

Zum Zweiten: Ähnlich wie vorher der Autor Strabo bezeichnete Tacitus ihre Kampftaktik zum Unterschied zu anderen Germanenstämmen als BLITZSCHNELLE, ÜBERFALLARTIGE UND MÖGLICHST GERÄUSCHLOSE ANGRIFFE MIT SCHNELLEM RÜCKZUG ! Diese Beschreibung kann nur von kämpfenden Legionären stammen!

Leider gibt es außer dem Bericht des Historikers Strabo keine Schriften im Bereich der Zeitenwende über die Chatten. Auch der im dieser Zeit lebende Militär- Historiker Villeius Paterculus (20 v.Chr. bis 35 n.Chr. ) erwähnt sie in den von ihm erhaltenen geblieben Schriften nicht. Dafür aber die über 100 Jahre später lebenden Schreiber Cassius Dio und Ptolomäus !


Die Namensgebung der „Chatten“

Im Allgemeinen brachten die Germanen ihren Stammesnamen „mit“. Er war für das Bewusstsein und dem Zusammenhalt dieser wandernden Menschen m.E. sehr wichtig. Die Römer übernahmen in der Regel nach Kontakten mit ihnen den jeweiligen Stammesnamen. Daher ist es eigentlich nicht vorstellbar, dass sie ausgerechnet bei den Chatten deren Eigennamen nicht übernommen haben sollen. Ein Zweifel daran durch einen Historiker würde ohne eine fundierte Begründung sofort den Verlust seiner Reputation bedeuten. Als Laie hat man aber die Freiheit, in den nachfolgenden Punkten diese Zweifel zu äußern.

Ausgerechnet in den antiken Schriften direkt vor Ort, und zwar in denen des Julius Cäsar von 55 bis 49 v.Chr. wird der Stamm nicht erwähnt. Mit einiger Sicherheit aber müssten die Legionen auch deren Siedlungsgebiet durchquert haben. Dazu kommt ein langjähriger rechtsrheinischer Brückenkopf, welcher geradezu zu Informationen geführt haben musste !

Die Bücher Strabons aus der Kaiserzeit blieben der Nachwelt wahrscheinlich nur erhalten, weil sie keine politischen, sondern meist geografische Berichte enthielten. Daher ist es bemerkenswert, dass auch dieser Autor hierbei die besondere kriegerischer Disziplin „dieser Barbaren“ erwähnte.

Nun zur allgemein üblichen Angriffstaktik der Germanen. Diese beschrieben die römischen Historiker auch noch um 100 n. Chr. sinngemäß wie folgt: Die hoch gewachsenen Krieger griffen ihre Feinde auf breiter Front mit nacktem Oberkörper und unter furchterregenden Lärm an, indem sie ihre Speere dröhnend auf die Schilder schlugen!

Im Gegensatz dazu wies Tacitus bei den Chatten ausdrücklich auf ihre schnellen, überfallartigen, geräuschlosen Angriffe und ebenso schnellen Rückzüge hin. Anhand dieser Punkte erscheint folgende Frage erlaubt: Gab die kämpfende Truppe dem Stamm einen für sein abweichendes Verhalten typischen Beinamen?

Beinamen aller Art sind bis in die heutige Zeit bei kämpfenden Soldaten für ihre Feinde nicht unüblich. Kurzum: Der vom Historiker Strabo erwähnte Name Chatti kann deshalb auch von den Legionären stammen und muss nicht der Eigenname des Stammes gewesen sein!

„Chatti“ war übrigens im antiken Rom und zur Zeit Strabos die Bezeichnung für „Katzen“ und würde damit zu deren typischen Verhaltensmerkmalen passen. Chatti =Katzen wird auch lt.Reallexikon und „Pauli neu“ im antiken Rom als übliche Bezeichnung für das Haustier bestätigt. Obwohl diese Darstellung philologisch bestimmt sehr umstritten ist, kann sie durchaus zutreffen.


Der Eigenname des Hessenstammes

Geschichtsforscher und Archäologen gehen davon aus, dass die West- germanischen Chatten ab zirka 400 v. Chr. Gebiete des heutigen Hessens von Norden nach Süden allmählich besiedelten. Archäologische Beweise dafür sind zwar gering aber durchaus vorhanden.

Falls nun der römische Name Chatten nicht der Eigenname des Stammes gewesen war, stellt sich zwangsläufig die Frage: Welchen Namen hatten diese seit ca. 400 Jahren in Hessen siedelnden Germanen eigentlich? Eine alternative Deutung kann aber leider ausschließlich wieder nur aus römischen Berichteten abgeleitet werden. Dazu folgende Hinweise:

Wie bekannt, waren sowohl die Kelten wie auch die Germanen schriftlose Völker (griech.= Barbaren). Obwohl besonders die Kelten durch ihre zeitweilige Herrschaft über Griechen und Römer die Vorteile der Schrift kannten und aufgrund ihrer Fähigkeiten (lt. archäol. Funde) diese auch für die Schrift hätten anwenden können, haben sie das wahrscheinlich aus religiösen Gründen nicht genutzt. So blieben beide Völker bei ihren von Generation zu Generation weitergegebenen Sagen- und Heldenliedern! Damit haben sie der Nachwelt leider so gut wie keine bzw. nur vage eigene Beschreibungen ihrer Lebensformen hinterlassen.

Von den antiken Schreibern war außer Cäsar wohl selbst keiner in Germanien. Ihre Berichte stützten sich auf Erzählungen von Händlern und Legionären, oft aus dritter Hand und oft schon über 100 Jahre zurückliegend. Eigene Kenntnisse über Land und Leute waren das nicht! Das konnte, ja musste zu oberflächlichen Beurteilungen und nebensächlichen Wertungen führen.

Aber vor allem fehlte den Berichterstattern eine umfassende Kenntnis der schon damals unterschiedlichen Dialekte der Germanensprache, was dann zwangsläufig Fehler und Missverständnisse nicht ausschloss.


Das gilt auch mehr oder weniger für die „Antike Grundlage deutscher Geschichtsschreibung“! Gemeint ist die von einem Mönch aus Fulda im Jahre 1424 in den Vatikan gebrachte Abschrift der GERMANIA des römischen Historikers Tacitus. Die erste bekannte Abschrift davon soll aus dem Jahre 851 stammen. Die Anzahl der Abschriften aber bis zum ersten Buchdruck im Jahre 1470 ist unbekannt.

Aber trotz dieser Unzulänglichkeiten wurde dieses wichtige Buch ab dem 19. Jahrhundert die Basis unzähliger wissenschaftlicher Abhandlungen, Thesen und Gegenthesen. Vor allem wegen der detaillierten Erzählungen über Land und Leute Germaniens. Diese wirkten aber m.E. nicht immer glaubhaft, weil Tacitus wahrscheinlich seinen Römern „einen Spiegel“ vorhalten wollte.

Begründung: Die damals beschriebenen Germanen konnten uns entsprechend der heutigen Humanforschung nicht unähnlich sein, weil ca. 2000 Jahre für die Entwicklung des Homo Sapiens geistig und körperlich nur gering sein könnten! Dass beträfe auch das zwischenmenschliche Verhalten. Lediglich das wichtige Generationswissen wäre der wesentlichste Unterschied?

Für eine weitere Deutung des Stammesnamens erscheinen folgende Berichte aus der Germania von Bedeutung: Im Jahre 38 v.Chr. wird der Stamm der Ubier aus dem Lahn-Taunus-Gebiet auf die linke Seite des Rheins in das heutige Kölner Becken um- gesiedelt. Das nun freie Gebiet überlässt der Feldherr und Statthalter Marcus Agrippa durch Vertrag den MATTIAKERN, der ein Teilstamm der Chatten sein soll? Der Feldherr lebte von 63 v.Chr. bis 12 n.Chr. und hat seine militärischen Erfolge selbst zu Buch gebracht. Seltsamerweise berichtete er darin aber nicht über die obige Umsiedlung ? Der für die Geschichte Hessens verdienstvolle Autor Karl E. Demandt jedoch übernahm diese Version über die Mattiaker kommentarlos!

Im Jahre 10 v.Chr. kommt es durch den Feldherrn Drusus zu weiträumigen Besetzungen rechts des Rheines und zum Bau der Saalburg. Dadurch sollen sich auch die bisher mit Rom vertragsgebundenen Chatten bedroht haben. Gemeinsam mit den Sugambrern überfielen sie nun den Römerstandort Oberaden. Das veranlasste Drusus daraufhin, ihre Siedlungsgebiete zu verwüsten. Die Bewohner waren vor der Übermacht in die Wälder geflüchtet. Anschließend unterwarf er die in der Ebene wohnenden Mattiaker und stellte sie für lange Zeit unter römische Verwaltung.

Im Jahre 15 n.Chr. also 25 Jahre später überraschte der Feldherr Germanicus in einem Frühjahrsfeldzug mit 4 Legionen und Hilfstruppen die Germanen. Über die Wetterau und den Fluss Adrana (die Eder?) drang er schnell in das Siedlungsgebiet der Chatten vor. Die Römer verheerten das Umland und zerstörten den Hauptort MATTIUM!

Soweit die erforderlichen Kurzauszüge aus der Germania des Tacitus für die nachfolgenden Betrachtungen  :


Der Hauptort Mattium

Stammesname und Hauptorte der Germanen waren üblicherweise identisch. Als Beweis dient dafür besonders der Stamm der Ubier. Auf Grund ihrer schon frühen Freundschaft mit Rom gibt es entsprechend viele Berichte über sie. Danach hieß ihr Hauptort auf rechtsrheinischer Seite Ubii bzw. Ubia. Auch nach ihrer Umsiedlung wird der Hauptort Ubia und Ubiorum genannt, bevor er später den Namen Colonia erhielt.

Wenn man diese Tatsache auf Mattium bezieht, dann wäre der Stammesname MATTI bzw. MATTIS! Die Endung „um“ in Siedlungsnamen wurde bei den Römern im ganzen Imperium sowieso oft angewendet. Daher könnte der Stammesname Matti oder Mattis durchaus in Betracht gezogen werden! Leider gibt es zu Mattium keinerlei Angaben über den Standort, die Größe und dem Zweck des Hauptortes. Wobei durch die bekannte Lautverschiebung Metze durchaus in Frage käme, zumal Maden und Gudensberg (Wotansberg), sowie die Büraburg, die Niedensteiner Fluchtburgen und die bekannte Historie des domitianischen Chattenkriegs durchaus auf das chattische Zentrum im Bereich dieser geographischen Senke hinweisen. Die endgültige semantische, historische und archäologische Beweisführung dürfte allerdings sehr schwierig werden.


Die Mattiaker und Mattiacäe

Auch hier sind wieder Stammesname und Hauptort identisch. Dass die Mattiaker ein selbstständiger Stamm waren, ist aber m.E. keinesfalls sicher und nicht bewiesen. Sinnvoller erscheint es, dass sie auf Grund ihres Namens zu den Mattis gehörten. Als Bewohner der Rheinebene wurden sie und ihr Hauptort Mattiacäe schon früh dauerhaft erobert und unter römische Verwaltung gestellt.

Dagegen konnte der andere Teil der Mattis, die ja in den schwierigen und für die Römer fast unzugänglichen Bergen wohnten, in langen Kämpfen ihre Freiheit verteidigen. Entsprechend ihren dabei schon erwähnten Kampfgewohnheiten könnten sie von den Legionären wie schon erwähnt als „Katzen“ bezeichnet worden sein! Erwähnenswert dazu ist, dass den Mattis der Rheinebene unter römischer Verwaltung ein „unfreies“ aber auch friedliches und modernes Leben zuteil wurde, während ihre Brüder in den Bergregionen die Strapazen und den Blutzoll langer Kriege auf sich nehmen mussten.


Von den „Mattis“ zu den Hessen

Nach bisheriger Lesart wurde der Name bzw. der Begriff „HIS und HES“ Anno 723 erstmals im einen Schreiben des Bonifatius an den Pabst verwendet. Er bezog sich eindeutig auf Hessen. Der Name muss aber schon viel früher im Gebrauch gewesen sein; denn lt. der Lexika „Pauli neu“ und „Reallexikon“ tauchte er schon in Klosterschriften des 5. und 6. Jahrhunderts auf. Zu den Sprachgewohnheiten des Mittelalters gehörte es auch, statt der heute üblichen und beliebten Abkürzungen nur die Endung eines Namens zu benutzen. Als Beispiel kann dazu „ Thüringen“ herangezogen werden. Aus dem Stamm der „Hermunduren“ entwickelten sich die „Duren“ zu den „Duringern“ und diese zu den Thüringern. Auf Hessen bezogen erscheint die sprachliche Entwicklung von Mattis zu Matthis und HIS durchaus sinnvoll, aber bewiesen ist es leider nicht.


Hessen und Franken

Aufgrund der vielen fränkischen Einflüsse in Hessen wie Ortsnamen, Baustile und weiterer Hinweise gingen noch im 20. Jahrhundert viele Historiker von einer Okkupation Hessens in der Spätantike durch die mächtigen Franken aus. Heute gilt es jedoch als erwiesen, dass die „alten Hessen“ sogar ein „Gründungsmitglied“ dieses Großstammes waren.

Begründungen: Anfang des 3. Jahrhunderts standen alle Germanenstämme in einer großen Abhängigkeit zum römischen Imperium. Schon in 213 n.Chr. werden von den Römern die „Alemani“ erwähnt. Das war ein Stammesverband aus Sueben, Elbgermanen, Semnonen, Hermunduren und anderen verwandten Kleinstämmen. Damit wollten sie gemeinsam diese Abhängigkeit beenden. Nach Anfangserfolgen wurden diese Alemani (Alemannen) vorerst aber schon wieder in 260 n.Chr. von den Römern aufgrund verlorener Schlachten als abhängige „Dekumaten“ an Donau und Oberrhein erwähnt.

Die Bestrebung auf Unabhängigkeit war jedoch auch bei anderen Stämmen vorhanden. Um sich vom römischen Joch dauerhaft zu befreien, bildete sich etwa um die gleiche Zeit der Großstamm der FRANKEN = der FREIEN.

Auch hier ist zu bedenken, dass die ersten Merowingerkönige nichts weiter als Banden- und Clanchefs waren, die junge Männer um sich scharten. Allein die großräumigen Bewegungen der fränkischen Kleinkönige der Anfangszeit zeigen, dass es sich bei diesen keineswegs um klassische Stämme handeln konnte, da diese Bewegungen mit Tross, Frauen, Kindern und Alten unmöglich gewesen wären.

Neben Chamaren, Brukterern, Usipeter und Sugambrer, um nur einige der über 10 Stämme zu nennen, gehörte nach heutigen Erkenntnissen auch unser Hessenstamm schon auf Grund seiner Siedlungsnähe dazu.

Merwürdig ist auch, dass der Hermundurenkrieg mit dem Sieg der vereinigten Franken und Sachsen, der mit dem Sieg 531 über Hermenefried, endete, ohne die Zugehörigkeit der Chatten zum Frankenreich nicht erklärbar wäre, da die Franken hunderte von Kilometern durch Feindesland hätten marschieren müssen. Da die Chatten zu den Ursprungsstämmen der Franken gehörten, war das nicht nötig und erklärt zudem, dass das Chattenreich von den Franken nie erobert wurde, was ja auch nicht nötig war.

Erwähnt werden die „Franci“ erstmals in 250 n.Chr. wegen ihrer Raubzüge nach Gallien. Man kann davon ausgehen, dass es vorerst nur ein loser Verbund war, denn kein germanischer Stamm gab seine Selbstständigkeit so schnell und freiwillig auf.

Dazu muss man wissen, dass es bei den germanischen Stämmen Usus war, in Zeiten des überproportionalen Bevölkerungswachstums und/oder Missernten, junge Männer mit allen notwendigen Utensilien auszurüsten und sie "in die Fremde" zu schicken. So werden wohl auch, wie oben erwähnt, die ersten Merowinger Kleinkönige ihre Mannschaften rekrutiert haben.

Wie die Geschichte zeigte, bewährte sich der Verbund jedoch gegen die militärisch überlegenen Römer besser als die früheren kurzzeitigen Bündnisse einzelner Stämme nur in Kriegszeiten. Mit dem Erfolg rückten die Franken auch immer mehr in das Blickfeld der römischen Schreiber. Dadurch wurden Ende des dritten Jahrhunderts die einzelnen Kleinstämme von den Römern kaum noch erwähnt. Das betrifft auch unsere Chatten, von denen bis zum Ende des Imperiums so gut wie keine Berichte mehr vorliegen. Diese abrupt aufhörenden Berichte führten dabei zu nicht verifizierbaren Begründungen, welche leider auch heute noch in Schulgeschichtsbüchern zu lesen sind.

Schon vor und nach der Zeitwende taten sich zwei Germanenstämme in ihrem Freiheitskampf gegen Rom besonders hervor, den beide aber auch mit hohem Blutzoll bezahlten. Beide verband eine lange Hassliebe. Gemeint ist das Verhältnis der Sugambrer zu den Chatten. Die Fortsetzung ihres Kampfes gemeinsamen gegen Rom bis zur Gründung des fränkischen Königreiches erscheint daher besonders logisch. Auch als später die Sugambrer mit ihren Merowingerkönigen Childrich und Clodwig die Franken führten, blieben die Chatten ein wichtiger Teil des Stammes. In den Heldenliedern des 5. und 6. Jahrhunderts werden diese Franken- Könige als „wildeste Sugambrer“ besungen, was sie in ihren mörderischen Machtkämpfen untereinander ja auch bewiesen haben.

Sie zeigten aber auch eine kluge politische Weitsicht, denn nach dem Zusammenbruch Westroms übernahmen sie wie kein anderes Germanenvolk das Wissen, die Kulturgüter und sogar die christliche Religion der Römer. Nicht zuletzt deshalb wurden die Frankenreiche im Mittelalter zu bestimmenden Staatswesen Europas.

Zu erwähnen ist auch, dass besonders in Nordhessen der fränkische Hochadel bis in das 19. Jahrhundert präsent war. Am Anfang waren es die Grafen von Grüningen, die Grafen von Werner und von Giso, bis die in Thüringen residierenden fränkischen Ludowinger in Erscheinung traten. Auch unsere „ ungarische Königstochter Elisabeth“( genannt die Heilige), hatte einen fränkischen Vater als König von Ungarn. Und somit schließt sich vom „Kind von Brabant“ bis zu den letzten hessischen Landgrafen und Möchtegern -Kurfürsten der Kreis des fränkischen Hochadels in Hessen.


Franken und Deutschland

Auf dem Gebiet des Ostfrankenreiches begann im 8. Jahrhundert eine entscheidende Entwicklung von großer Tragweite. Obwohl die Franken die Vorteile der römischen Kultur wie kaum ein anderer Germanenstamm nutzten, wurde einem Großteil der Bevölkerung die Allmacht der römischen Sprache und Schrift immer mehr zum Ärgernis. Wahrscheinlich in Rückbesinnung auf ihre Vorväter wollten die selbst- bewussten „ Freien“ jetzt auch eine eigene germanische Sprachschrift. Das Latein als Monopol der Kirche blieb dem Volke ja weitgehend ver- schlossen.

Der erste Beleg für eine „Schrift des Volkes“ stammte aus einem Schreiben an den Papst im Jahre 786. Es ist zweisprachig abgefasst und beginnt mit den Worten: TAM LATINE QUAM THEODISC.

Frei übersetzt: Sowohl Latein als auch Volkssprache!

Aus dem germanischen Wort THEODISC = VOLK entwickelte sich dann sprachlich in etwa THEUDIS = DEUTSCH = DEUTSCHLAND! Das soll aber nur ein Hinweis und keine wissenschaftliche Herleitung sein.

Die Schrift des „Volkslandes“ setzte sich aber erst im 13. Jahrhundert gegen das Latein allmählich durch. Interessant ist, dass in den Schriften des Mittelalters zum Beispiel die Worte „ deutsches Heer = Volksheer“ oder „deutscher König = Volkskönig“ verwendet wurden. Das „ deutsche Volk“ aber erst in der Neuzeit, da es ja damals „Volksvolk“ bedeutet hätte ?

Die auch heute noch von vielen vermutete Beziehung zwischen Teutonen = Deutschland ist ein Irrtum.

Quellen

  • K. Demandt, Geschichte Hessens.
  • A. Bach, Chatti u. Hessi.
  • Keltoi –Geremann, de bello Gallico.
  • Pleticha /Schönberger, Die Römer.
  • Paul Kroh, Die antiken Autoren.
  • Emil Nack, Germanien
  • Felix Dahn, Die Völkerwanderung.
  • F.G. Franz, Die Chronik Hessens.
  • E. Zöllner, Geschichte der Franken.
  • Reallexikon + Pauli neu + Hessische Jahrbücher+ sonst Literatur

Artikel ursprunglich von Benutzer:Geleng


    Autor: Geleng.
Geschichte des Hessenlandes im Zeitraum der Spätantike

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