Henschel (1961-2010)

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Die Affäre Goergen

Als regelrechten Wirtschaftskrimi stellt sich die sog. „Affäre Goergen“ in der Firmengeschichte der Firma Henschel dar. Der Generaldirektor der Henschel-Werke AG, Dr. Fritz Aurel Goergen, wird im Jahre 1964 verdächtigt, Rechnungen an die Bundeswehr manipuliert und Gewinne von 400000 Mark eingestrichen zu haben.

Wegen Verdunkelungsgefahr wird Goergen am 27. April 1964 verhaftet. Während der Henschel-Chef in Wehlheiden einsitzt, bangt die Öffentlichkeit um das Ansehen des traditionsreichen Unternehmens. Mit 13500 Beschäftigten und 500 Millionen Mark Jahresumsatz gehört es zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren Nordhessens.

Wenige Tage nach seiner Verhaftung erkrankt Goergen. Als sein Zustand sich im Mai verschlechtert, wird er nach Hohenapserg bei Stuttgart, später in ein Koblenzer Krankenhaus verlegt.

Anfang Juni ist Goergens Gesundheitszustand so alarmierend, dass die Staatsanwaltschaft die Haft aufhebt. Wenige Wochen später wird bekannt, daß Goergen bei Henschel aussteigen will. Das Bundesverteidigungsministerium hat das Ausscheiden des 54jährigen zur Bedingung für einen neuen Großauftrag gemacht. Goergen, mit 54 Prozent am Aktienkapital der Henschel-Werke beteiligt, verhandelt mit der Essener Rheinstahl AG. Auch der amerikanische Anteilseigner, der Morgan Guarantee Trust, will seine Beteiligung abstoßen.

Anfang August hat man sich geeinigt. Für einen Kaufpreis von 110 Millionen Mark gehen die Henschelwerke an die Rheinstahl AG über - für das Kasseler Unternehmen der endgültige Schritt zum Konzern-Werk. Die Ermittlungen gegen Goergen laufen weiter. Er wird erst 1975 rehabilitiert.

Führend im Lokomotivbau erreichte das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg auch mit Produkten im Lastwagen- und Panzerbau einen hohen Bekanntheitsgrad.

Der letzte Lastwagen der Firma Henschel verließ im Jahre 1974 die Werkshallen.

Das Unternehmen – bereits seit 1957 kein Familienunternehmen mehr - erfuhr dann im Laufe der Jahrzehnte neben der Umwandlung der Unternehmensform verschiedenste Zusammenschlüsse, Übernahmen und Verkäufe unterschiedlicher Produktionsbereiche, wobei Industriestandorte zum Teil weitergeführt und zum Teil umgewidmet wurden.

Aus dem Kasseler Traditions-Unternehmen Henschel ist unter anderem die heutige Gesellschaft ThyssenKrupp Transrapid GmbH hervorgegangen, ein Unternehmen mit weltweitem Ruf als führender Lokomotivhersteller Europas.

Die Zerschlagung von Henschel

Henschel wird zerschlagen

Artikel aus der HNA vom 19.8.2010

Dieselhydraulische Streckenlokomotive für die Deutsche Bundesbahn

1965 übernimmt Rheinstahl die Mehrheit am Unternehmen - Danach kommen Thyssen und andere

Von Thomas Siemon

Kassel. „Was hätten wir aus der Henschelei noch alles machen können.“ Diesen Stoßseufzer des ehemaligen Firmenchefs Fritz-Aurel Görgen, der 1986 starb, können heute noch viele alte Henschelaner nachvollziehen.

Unter dem Druck der Ermittlungen gegen ihn hatte Görgen 1965 seine Mehrheitsanteile an Henschel verkauft. Im 155. Jahr des Traditionsunternehmens war zum ersten Mal ein nicht ortsansässiger Konzern Eigentümer geworden. Die Rheinischen Stahlwerke Essen hatten von nun an das Sagen. Mit der Rheinstahl Henschel AG begann eine neue Zeitrechnung. Viele Henschelaner waren angesichts dieser Entwicklung besorgt. Sie sprachen von Fremdbestimmung durch einen ehemaligen Konkurrenten, der ähnliche Produkte herstellte.

Hanomag-Henschel
Es dauerte nicht lange, bis die neuen Besitzverhältnisse im Nutzfahrzeugbau deutlich wurden. Die Schwestergesellschaft Rheinstahl Hanomag und das Kasseler Unternehmen wurden 1969 zur Hanomag-Henschel-Fahrzeugwerke GmbH zusammengelegt. Mehrheitsaktionär war damals schon die Daimler Benz AG. Schon ein Jahr später trat dann das ein, was viele befürchtet hatten. Rheinstahl verkaufte auch die restlichen Anteile, der Name Henschel verschwand im Lkw-Bau aus dem Firmennamen. Der kam lediglich noch da vor, wo Henschel als Markenname weiterhin Weltruf hatte: im Lokomotivbau.

1973 verkaufte Rheinstahl das veraltete Stammwerk am Holländischen Platz an das Land Hessen. Das Gelände ist heute zentraler Standort für die Universität Kassel und ein Beispiel dafür, dass viele zunächst schmerzhafte Einschnitte bei Henschel auch neue Entwicklungen angestoßen haben.

Bei Henschel ging unterdessen der Eigentümer- und Namenswechsel weiter. Nachdem die Thyssen AG (heute Thyssen-Krupp) die Mehrheit bei Rheinstahl übernommen hatte, taucht ab 1976 die alte Bezeichnung wieder auf. Das Unternehmen hieß jetzt Thyssen-Henschel.

ABB und Adtranz
Auch in der Traditionssparte Lokomotivbau gab es eine ganze Reihe von Veränderungen. 1990 gab es eine Neugründung. Damals bildeten der Henschel Lokomotivbau und die zu Thyssen gehörende Waggon Union zusammen mit Asea Brown Boveri (ABB) ein gemeinsames Unternehmen. Aus der ABB Henschel AG wurde sechs Jahre später die ABB Daimler-Benz-Transportation (Adtranz). Damals verschwand der Name Henschel im Lokomotivbau. Die Tradition, die 1948 mit der legendären Dampflokomotive Drache begonnen hatte, war damit allerdings noch nicht zu Ende. Seit dem Jahr 2001 produziert das kanadische Weltunternehmen Bombardier am Standort Mittelfeld Lokomotiven.


Hoffnung auf Transrapid begraben

Transrapid

Das letzte Kapitel der Henschel-Geschichte im Kasseler Lokomotivbau ging im März 2010 zu Ende

Es war das letzte Großprojekt, das zumindest teilweise noch unter dem Henschel-Stern realisiert werden sollte. Trotz aller Ausgliederungen gab es noch ein Projekt in der Verkehrstechnik, das unter dem Namen Thyssen-Henschel fortgesetzt wurde: Der Transrapid. 1974 hatte das Unternehmen mit der Entwicklung der Magnetfahrtechnik begonnen. Im Werk Mittelfeld wurde intensiv an dieser neuen Technologie gearbeitet. Die ersten Prototypen wurden auf einer eigenen Versuchsanlage getestet. Von der Internationalen Verkehrsausstellung 1979 in Hamburg erhoffte man sich einen Durchbruch. Der Transrapid 05, der eigens für diese Ausstellung gebaut wurde, beeindruckte zwar die Besucher, doch die Hoffnungen erfüllten sich damals ebenso wenig wie in all den Jahren danach.

Daran änderte weder die Teststrecke im Emsland etwas noch die vielen Pläne für eine Strecke in Deutschland. Eine Verbindung zwischen Hamburg und Berlin hielten die Befürworter für ideal, auch ein Metrorapid zwischen Dortmund und Düsseldorf war im Gespräch. Zuletzt scheiterten die Pläne für einen Transrapid-Flughafenzubringer in München. Die Technik ist gut, die Umsetzung aber zu teuer, lautete immer wieder das Urteil. Lediglich die Chinesen griffen beim Transrapid zu. Seit 2003 pendelt der Magnetzug zwischen dem Zentrum der Metropole Shanghai und dem Flughafen. Ein schwerer Unfall im Jahr 2006 auf der Teststrecke im Emsland mit 23 Toten gehört ebenfalls zur Transrapid-Geschichte. Für die 60 Beschäftigten am Standort Kassel kam im März 2010 die Nachricht vom Aus. Die Thyssen Transrapid System GmbH war 1996 aus Thyssen-Henschel hervorgegangen.

14 Jahre später und 200 Jahre, nachdem Georg Christian Carl Henschel die Firma gegründet hatte, war das letzte Kapitel der Henschel-Geschichte im Kasseler Lokomotivbau beendet. (tos) </div>

Galerie

siehe auch

Transrapid

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