Henschel (1911-1960)

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Werk Mittelfeld der Henschel & Sohn AG 1916

Im August 1910 gab es Anlaß zur Freude bei Henschel. Das Familienunternehmen bestand seit 100 Jahren - in der fünften Generation - und die 10000. Lok verließ die Werkshallen. "Aus den kleinsten Anfängen hat es sich zu dem größten Werk seines Industriezweiges in Europa entwickelt", heißt es in der 147 Seiten dicken, großformatigen Festschrift.

Rüstungsschmiede im Ersten Weltkrieg

Eisenbahngeschütz von 1918

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Firma auch zur Rüstungsschmiede. Die Arbeiter produzierten Geschosse, Zünder und Munitionswagen. Da der Platz in den Fabrikhallen in Rothenditmold nicht ausreichte, baute Henschel eine neue Anlage für den Geschützbau, das Werk Mittelfeld. Die Rüstungsproduktion lief auf Hochtouren, die Arbeiter mussten Nachtschichten einlegen, um die Aufträge zu schaffen. Die Henschelaner – die Beschäftigtenzahl lag 1908 bei 6200 und hatte 1922 ihren Höchststand mit 10733 – fertigten neue Geschütze an, arbeiteten aber auch erbeutete Geschütze sowie Maschinenkanonen der Marine für die Fliegerabwehr um.

Der Lokbau wurde parallel dazu mit Hochdruck vorangetrieben. Henschel lieferte der Reichsregierung 798 Feldbahn-Lokomotiven und 1917 fuhr erstmals die Kriegs-Einheits-Lokomotive aus den Fabrikhallen. 433 Exemplare dieser Baureihe wurden ausgeliefert.

Der Dank des Kaisers für diese Anstrengung ist der Firma gewiß. Am 31. August 1918 kommt Wilhelm II. nach Kassel und zeichnet Carl Henschel und einige seiner Angestellten und Arbeiter mit dem Verdienstkreuz für Kriegshilfe aus.

Lokomotiv- und Waggonbau

Tenderlokomotive 1935

Das Ende des Kriegs im Jahr 1918 zwingt Henschel zur Umstellung: Die Maschinen für die Rüstungsproduktion müssen auf Druck der Siegermächte verschrottet werden. Andererseits ist der Neuaufbau der Eisenbahn-Infrastruktur notwendig.

Die Firmenleitung investiert, vergrößert das Werk Mittelfeld zum Bau von Lokteilen. Außerdem werden ein eigenes Dampfkraftwerk und eine Gießerei errichtet. Ab 1925 werden im Werk Mittelfeld 35 Jahre lang Lastkraftwagen und Busse hergestellt.

Die einseitige Ausrichtung auf den Lokomotiv- und Waggonbau führte dann allerdings während der Weltwirtschaftskrise zu harten Einschnitten. Ab Mitte 1930 baute Henschel die Zahl seiner Beschäftigten von 4000 auf 1500 Ende 1931 ab.

Eine Wende zum Positiven erfolgt ab der Mitte der 1930-er Jahre. Am 31. Mai 1935 übergaben Vertreter der renommierten Kasseler Firmen Henschel und Wegmann der Reichsbahn einen neuartigen Zug, der den Schnellverkehr zwischen den Großstädten revolutionierte. Die neue Baureihe 61, trotz ihrer großen Höchstgeschwindigkeit von offiziell 175 Stundenkilometern mit Dampf und nicht etwa mit der gerade aufkommenden Dieseltechnik betrieben, wurde einer der größten Erfolge der beiden Unternehmen.

Henschel-Busse - 1. Auslieferung im Jahr 1925

Die Deutsche Reichsbahn setzte in den 1930er-Jahre nicht nur auf die neue Dieseltechnologie; auch die gute, alte Dampflokomotive, nach wie vor das Rückgrat des Eisenbahnbetriebs, wurde auf Tempo gebracht. Und der neue Henschel-Wegmann-Zug war sehr schnell. Er erreichte 1936 mit vier leichten Schnellzugwagen im Schlepp sogar eine Höchstgeschwindigkeit von 185 Stundenkilometern.

Die stromlinienförmig verkleidetete Dampflokomotive der berühmten Baureihe 61 schaffte so fahrplanmäßig die 176 Kilometer lange Strecke von Berlin nach Dresden in 100 Minuten.

Mit dem Bau von Lastkraftwagen und Bussen wurde bei Henschel & Sohn im Januar 1925 begonnen.

Es dauerte allerdings noch bis Mitte der 1930er-Jahre, bevor der später bekannte sechszackige Stern mit einem großen „H“ in der Mitte als Firmenlogo auf den Fahrzeugen angebracht wurde.

Rüstungsbetrieb und Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg ist die Firma Henschel Bestandteil der Rüstungsproduktion. Der Einsatz von Kriegsgefangenen und ausländischen Zwangsarbeitern gehört zu den wenig rühmlichen Kapiteln der Firmengeschichte. Henschel war einer der drei größten Panzerhersteller des Reichs. Ab Mitte 1942 wurden in Kassel die von Henschel und Porsche entwickelten Kampfpanzer Tiger I und Tiger II gebaut. Der wichtigste Zulieferer war die als Waggonfabrik gegründete Firma Wegmann, die die Türme für den "Tiger" herstellte.

Tiger-Panzer 1944

Als Zentrum der Rüstungsindustrie war Kassel dann im Verlaufe der Krieges immer wieder das Ziel für die alliierten Luftangriffe. Die größten der insgesamt 21 Standorte waren die Fieseler-Werke, das Henschel - Flugmotorenwerk Altenbauna und das 1940 errichtete Zweigwerk der Firma Junkers in Bettenhausen.

Henschel trat während des Krieges aber auch weiterhin als Produzent von Lokomotiven hervor, die das wichtigste militärische Transportmittel waren. Für die Militärstrategen gaben diese Eckdaten offenbar den Ausschlag für den Einsatz der Bomberstaffeln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Einvernehmen mit den ameriksamischen Besatzungstruppen zunächst die "Hessische Industrie und Handelsgesellschaft “, kurz Hessia genannt, gegründet. Sie rüstete hauptsächlich amerikanische Armeefahrzeuge auf Henschel-Motoren um. Diese Fahrzeuge wurden deutschen Baufirmen zum Wiederaufbau übergeben. Erst 1948 erfolgte die Rückkehr von „Hessia“ zu Henschel.

Nach der Einstellung der Chassis-Produktion wurden im Altenbaunaer Werk zunächst Rührwerke und Mischer für die chemische Industrie hergestellt, danach Feldloks und Dampferzeuger für den industriellen Bereich.

Da die Alliierten nur den Bau von Lkws mit Motoren unter 100 PS zugelassen hatten, wurde in Altenbauna ein „BI Mot Lastkraftwagen“ entwickelt: es wurden zwei Motoren à 95 PS eingebaut. Somit konnte die Reglementierung umgangen werden.In Halle 13 wurde der Henschel HS 6 und später der HS 140 in kleinen Stückzahlen produziert.

Im Juni 1945 begann in Altenbauna, in Halle 13, der ehemaligen Lehrwerkstatt, auch wieder der Bau von Chassis für Oberleitungsbusse.

Die ersten drei Busse wurden im Dezember 1946 ausgeliefert, einer davon ging an die Kasseler Verkehrsgesellschaft. Es waren Entwicklungen aus dem Jahr 1939.

Henschel in Kassel

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Im Jahre 1958 formiert sich auch in Kassel der Protest gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr. Nach Pressemitteilungen demonstriert am 26. März die Hälfte der rund 10 000 Beschäftigten der Henschel-Werke in der Innenstadt gegen den Bundestags-Beschluß.

Führend im Lokomotivbau erreichte das Unternehmen nache dem Zweiten Weltkrieg auch mit Produkten im Lastwagen- und Panzerbau weltweiten Bekanntheitsgrad.

Mehr als 150 Jahre war die so genannte Henschelei, von Carl Anton Henschel gegründet, größter Arbeitgeber der Stadt Kassel und prägte damit das Leben in und die Gestalt von Kassel.

Das Familienunternehmen Henschel existiert seit 1957 nicht mehr. Das Unternehmen erfuhr im Laufe der letzten Jahrzehnte neben der Umwandlung der Unternehmensform verschiedenste Zusammenschlüsse, Übernahmen und Verkäufe unterschiedlicher Produktionsbereiche, wobei Industriestandorte zum Teil weitergeführt und zum Teil umgewidmet wurden.

Aus dem Kasseler Traditions-Unternehmen Henschel ist unter anderem die heutige Gesellschaft ThyssenKrupp Transrapid GmbH hervorgegangen, ein Unternehmen mit weltweitem Ruf als führender Lokomotivhersteller Europas.

siehe auch

Henschel-Wegmann-Zug 1943

Weblinks