Henschelvilla

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Henschelruine am Weinberg - 2005
Henschelgewächshäuser am Weinberg - 2006

Auf dem Gelände der ehemaligen Henschelvilla entstand unter Einbeziehung der alten Remise das Museum für Sepulkralkultur (s. u.: linkes unteres Viertel des Luftbilds).

Gelände der Henschelvillen am Weinberg heute

Wer sich heute dem ehemaligen Villenstandort nähert, gewahrt am Rande des Parks der wieder freigelegten Überreste der „Villa Henschel“ und der doppelläufigen Treppenanlage mit Brunnen im Renaissance-Stil noch ein paar behauene Steine.

Teile von Säulen, Kapitelle, Steine mit Blattwerk-Ornamenten liegen noch heute dort im Gras, wo eine terrassierte Treppe der Villa Henschel einst hinabführte. Pfade ziehen sich in den wilden Teil des Henschelgartens.

Auch befinden sich an der Hanglage noch Reste der alten Gewächshäuser.

In Sicht kommen die Beton-Stützpfeiler der oben verlaufenden Straße "Am Weinberg", die zum Wohnstift führt. Wie eine Galerie öffnet sich unten das Straßenbauwerk. Toll der Ausblick nach Süden, über die Stadt hin zum Horizont. Verstreut dazwischen ältere Grabsteine, gut lesbar die Inschriften.

Auf einem steht:
"Ihr seid nicht tot - Solange man Eurer gedenkt."

Henschelvilla / Henschelgarten

Luftbild vom Weinberg vor 1932. Villa Henschel (Bildmitte), Haus Henschel (oben rechts). Foto & Copyright: Stadtmuseum

Am ehemalige Ort der Henschelvilla und des Henschelgartens ist heute das Museums für Sepulkralkultur untergebracht (s. linkes unteres Viertel des Luftbild).

Henschelgarten

Ende der 60-er Jahre des 19. Jahrhunderts kaufte die Fabrikantenfamilie Henschel (Slogan bis in die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts: Henschel ist Kassel, und Kassel ist Henschel) am Weinberg im Zentrum Kassels, Stück für Stück, Felsenkeller für Felsenkeller, Lokal für Lokal.

Von 1868 bis 1870 entstand im östlichen Bereich des Weinbergs die repräsentative Villa der Fabrikanten Oscar und Sophie Henschel. Wegen des abschüssigen Baugrundstücks gestaltete man eine imposante terrassierte Gartenanlage.

Unter Einbeziehung der großen alten Terrassenmauer gestaltete der Kasseler Gartenarchitekt Julius Eubell südlich unterhalb der "Villa Henschel" das 1887 hinzugekaufte Areal des ehemals Peilertschen Gartens als Henschelgarten, eine aus kleinen Terrassen, verbindenden Treppen, Steinsetzungen und Aussichtsplätzen bestehende Gartenanlage.

1901 wurde der Grundbesitz der Familie Henschel am Weinberg durch Ankauf des „Felsenkeller“-Geländes nochmals vergrößert.

Neben der Villa Henschel entstand hier auch das Haus Henschel.

Villa Henschel

Auf dem hinteren Teil des Geländes, dem 1867 erworbenen ehemaligen Schanerschen Garten (in Richtung des heutigen Museums für Sepulkralkultur), entstand 1868 bis 1870 in klassizistischem Stil mit seitlichem Turm, die "Villa Henschel", die sich Oscar und Sophie Henschel vom Architekten Richard Lucae errichten ließen, dem Mann, der auch die Alte Oper Frankfurt (Main) baute.

Haus Henschel

Villa Henschel (rechts), Haus Henschel (links)

Ab dem Jahr 1904, zur Zeit der höchsten Blüte des Lokomotiv-Herstellers Henschel, bauten die Architekten Anton Karst und Fanghänel für Karl Henschel, den Sohn von Oscar und Sophie Henschel, das Haus Henschel im vorderen Teil des Gebiets (oberes rechtes Viertel des Luftbildes), mehr zur Brücke über die Frankfurter Straße hin (die 1873 erbaut worden war).

Voraussetzung war die noch heute die Frankfurter Straße am Weinberg säumende gewaltige mit Bogenformen gegliederte Stützmauer; sie entstand 1903.

Zur Anlage des Areals musste auch die Weinbergstraße nach Norden verschoben werden.

Das "Haus Henschel", für sage und schreibe 1,6 Millionen Reichsmark, war noch größer und pompöser als die Villa Henschel der Eltern, ein voluminöser imposanter Palast mit dazugehörigen Stall- und Garagenbauten, Dienerhaus und Gärtnerei, abgegrenzt durch einen reichverzierten Zaun. Es hatte 24 Zimmer mit 4,50 Meter hohen Decken.

Es stand nicht allzu lange und wurde zur Zeit der Weltwirtschaftskrise 1932 abgerissen.

Reinhard Henschel, ein Enkel von Oscar und Sophie, schreibt: "Das Haus ... ließ mein älterer Bruder, der es geerbt hatte, Anfang der 30-er Jahre abreißen, da er die Steuern nicht mehr bezahlen konnte."

Eine andere Version lautet: Die Familie wollte in diesem bombastischen Bau nicht mehr wohnen. Schon allein von den Heizkosten war das Gebäude nur schwer zu bewirtschaften gewesen.

Eine weitere Variante:

Erst die Inflation, dann die Weltwirtschaftskrise. Die Firma Henschel war ein Spiegel der Entwicklung. Für Oskar Henschel war im Jahr 1931 ein Punkt erreicht, an dem auch im privaten Vermögen eine Zäsur nötig schien. Am 4. Dezember 1931 erschien im Kasseler Tageblatt eine Meldung, die für reichlich Gesprächsstoff sorgte: „Wir erhalten soeben die Nachricht, die den Wandel der Zeiten besser illustriert als tausend andere Dinge, die sonst an unser Ohr dringen. Wie wir hören, hat Herr Oskar Henschel den Antrag gestellt, seine große Villa, die seinerzeit von seinem Vater mit erheblichem Kostenaufwand gebaut wurde, abzureißen. Als Grund für die Absicht, dieses hervorragend schöne Gebäude dem Erdboden gleichzumachen, wird die übermäßig hohe Hauszinssteuer und die Unmöglichkeit, zur Zeit einen Käufer für das Grundstück zu finden, angegeben.“

Die Nachricht war ein Schock, denn immerhin ging es um das wohl prachtvollste Privatgebäude der Stadt. Doch Oskar Robert Henschel ließ sich nicht umstimmen. Er ärgerte sich über die steuerliche Belastung von 33 000 Mark im Jahr für eine Villa, in der nach dem Auszug seiner Stiefmutter ohnehin niemand mehr wohnte. Die Stadt wollte das Gebäude auch nicht übernehmen. Die hatte zu dieser Zeit ganz andere Sorgen. Wegen der Absatzschwierigkeiten für Lokomotiven hatte Henschel die Produktion vorübergehend komplett eingestellt, bei Credé und anderen großen Firmen sah es nicht besser aus.

Die Villa Henschel nebenan traf das Schicksal so vieler Häuser in Kassel: Alliierte Bomber radierten sie aus.

Prachtvolles Gebäude auf dem Weinberg war ein Symbol des wirtschaftlichen Niedergangs

Abriss der Henschel-Villa in der Krise

Artikel in HNA-online vom 7.6.2010

Erst die Inflation, dann die Weltwirtschaftskrise. Die Firma Henschel war ein Spiegel der Entwicklung. Für Oskar Henschel war im Jahr 1931 ein Punkt erreicht, an dem auch im privaten Vermögen eine Zäsur nötig schien.

Symbol für den wirtschaftlichen Niedergang: Mit der Henschel-Villa auf dem Weinberg wurde eines der schönsten Gebäude der Stadt abgerissen. Am 4. Dezember erschien im Kasseler Tageblatt eine Meldung, die für reichlich Gesprächsstoff sorgte: „Wir erhalten soeben die Nachricht, die den Wandel der Zeiten besser illustriert als tausend andere Dinge, die sonst an unser Ohr dringen. Wie wir hören, hat Herr Oskar Henschel den Antrag gestellt, seine große Villa, die seinerzeit von seinem Vater mit erheblichem Kostenaufwand gebaut wurde, abzureißen. Als Grund für die Absicht, dieses hervorragend schöne Gebäude dem Erdboden gleichzumachen, wird die übermäßig hohe Hauszinssteuer und die Unmöglichkeit, zur Zeit einen Käufer für das Grundstück zu finden, angegeben.“

Die Nachricht war ein Schock, denn immerhin ging es um das wohl prachtvollste Privatgebäude der Stadt. Doch Oskar Robert Henschel ließ sich nicht umstimmen. Er ärgerte sich über die steuerliche Belastung von 33 000 Mark im Jahr für eine Villa, in der nach dem Auszug seiner Stiefmutter ohnehin niemand mehr wohnte. Die Stadt wollte das Gebäude auch nicht übernehmen. Die hatte zu dieser Zeit ganz andere Sorgen. Wegen der Absatzschwierigkeiten für Lokomotiven hatte Henschel die Produktion vorübergehend komplett eingestellt, bei Credé und anderen großen Firmen sah es nicht besser aus.

Die Arbeitslosenzahlen in Kassel waren innerhalb weniger Jahre von 2500 auf 33 700 gestiegen. Hochkonjunktur hatten nur die Volksküchen. Vom Kaufmann, dem die Wirtschaftskrise die Existenz zerstört hatte, über den Handwerker, der keine Aufträge mehr bekam, bis zum Arbeiter, der nicht mehr gebraucht wurde, standen sie alle in der Schlange für die Essensausgabe an Bedürftige.

Der Abriss der Henschel-Villa im Jahr 1932 war ein Symbol für den wirtschaftlichen Niedergang.

Überreste des Hauses

Immer mal wieder tauchen Überbleibsel aus dem Haus Henschel auf. Im Kasseler Stadtmuseum sind etwa die Fenstergitter und Teile des Parkettfußbodens ausgestellt.

Einige Stufen der Treppe des ehemaligen Henschel-Hauses befinden sich in Großenritte vor dem Haus von Horst G. Bensch. Er verbaute 1972 die Stufen, die er für 90 Mark beim Betonwerk Kassel gekauft hatte.

Grafik weinberg.gif
  • HNA vom 9. November 2007: "Haus mit Henschel-Treppe", Autor: Sven Kühling

siehe auch

Weblinks