Heinrich Sohnrey (1859 - 1948)

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Sohnrey war ein Volksschriftsteller, Publizist und Sozialreformer, der am 19. Juni 1859 im südniedersächsischen Jühnde geboren wurde.

Heinrich Sohnrey (1859 - 1948)

Familie

Vermutlich war es das gesellschaftliche Umfeld, das schon früh über den Werdegang des Heinrich Sohnrey entschied. Er war unehelicher Sohn der aus einfachen Verhältnissen stammenden Rosine Luise Sohnrey und Freiherr Oskar Grote.

Jugend

Der Unterricht in der Dorfschule begeisterte Sohnrey wenig. Seine Schule waren das Leben und die Bücher. Er verschlang Robinson Crusoe ebenso wie die Bibel und Gesangbücher. In kleinbäuerlicher Umgebung wuchs er auf, lernte zugleich die vielgestaltige Welt des Gutshofes kennen. Die Spannungen zwischen beiden Lebenswirklichkeiten machten ihn für die sozialen Missstände auf dem Land sensibel.

Werdegang

Pastor Otto Giesecke entdeckte, dass Talente in dem Jungen schlummerten. Als Lehrer, so befand er, würden seine geistigen Fähigkeiten einen gesellschaftlichen Sinn stiften. Mit dem Geld seiner Großmutter Grote ging Heinrich Sohnrey 1873 als Präparand nach Ahlden/Aller. 1876 besuchte er das Lehrerseminar in Hannover, drei Jahre später stand er als Lehrer in Nienhagen (Solling) vor seiner ersten Klasse. Es war die Zeit, in der der junge Mann das Dichten begann und der Volkskundler in ihm erwachte. Die Menschen im Solling standen ihm nahe. Dies spiegelte sich bereits in seinen ersten Aufsätzen, die er in der Zeitung veröffentlichte, wider. Er lebte mit seinem Dorf, doch er fühlte immer klarer, dass er nicht nur das eine Dorf haben wollte, sondern das Dorf schlechthin, heißt es in einer Festschrift, die anlässlich seines 125. Geburtstag erschien. Um sich seinen Lebenstraum zu erfüllen - er wollte nun Volksschriftsteller und Kulturbahnbrecher für das deutsche Land werden - schrieb er sich an der Universität Göttingen ein. Er studierte Sprachwissenschaft, Literaturgeschichte, Geschichte und Botanik. Nach seinem Studium kehrte er zunächst in den Beruf des Lehrers zurück, um dann mit 30 Jahren als Schriftleiter bei der Freiburger Zeitung zu beginnen. Kritisch setzte sich der Jungschriftsteller nun mit wirtschafts- und sozialpolitischen Themen auseinander. Die Landflucht, so klärte er in Büchern, Aufsätzen und Gedichten auf, sei vor allem eine Folge der Aushöhlung der ländlichen Verhältnisse. Seine Veröffentlichungen stießen auf enormes Interesse.

Leben in Berlin

1894 wechselte er nach Berlin. Hier hob er den Ausschuß für Wohlfahrtspflege aus der Taufe, der später den Menschen auf dem Lande als Deutscher Verein für Wohlfahrts- und Heimatpflege geläufig war. Außerdem gab er das Jahrbuch Die Landjugend, das Wochenblatt Deutsche Dorfzeitung und den Dorfkalender heraus. Bald gründete Sohnrey den Verlag, die Deutsche Landbuchhandlung. 1907 war er Herausgeber der Monatsschrift Die Dorfkirche. Später kamen belletristische und lyrische Arbeiten hinzu, in denen er von der Landbevölkerung erzählte.

Werke

Einige seiner Bücher sind noch heute im Handel erhältlich, so etwa Im Reich des wilden Jägers, Friedesinchens Lebenslauf, Hütte und Schloss und Das lachende Dorf. Seine Veröffentlichungen zogen etliche Anerkennungen nach sich. Das Kultusministerium ehrte ihn mit dem Professorentitel; im Kulturdienst der NS-Kulturgemeinde Berlin stand zu lesen: "Heinrich Sohnrey war der einzige führende Kulturträger der Zeit vor dem 30. Januar [1933], den die [nationalsozialistische] Bewegung ohne jeden Vorbehalt ehren konnte."[1] Eine ausführliche Darstellung der nationalsozialistischen Tendenzen vieler seiner Schriften findet sich in der Wikipedia.[2]

Ehrungen

1919 verliehen ihm die Universitäten Königsberg und Tübingen den Doktorgrad h.c., die Universität Göttingen ernannte ihn zum Ehrenbürger (aufgrund der nationalsozialistischen und antisemitischen, zwischen schon 1899 und 1945 entstandenen Texte ist im November 2011 ein Verfahren zur Aberkennung des Titels eingeleitet worden).[3]

Sohnrey und der Nationalsozialismus

Wie Sohnreys Schriften beweisen, vertrat er schon lange vor 1933 nationalsozialistische Theorien. Die antisemitische Erzählung Wie die Dreieichenleute um ihren Hof kamen beispielsweise entstand bereits im Jahr 1899;[4] der Roman Wulf Alke (1933) ist dem nationalsozialistischen "Führergedanken" verpflichtet und wurde 1933 von Adolf Hitler beim Reichsparteitag der NDSAP als beispielhaft für die NS-Kulturpolitik zitiert.[5] Neben anderen Ehrungen während der NS-Zeit erhielt Sohnrey 1939 durch Adolf Hitler den "Adlerschild des Deutschen Reiches". Eine ausführliche Darstellung von Sohnreys Verhältnis zum Nationalsozialismus findet sich in der Wikipedia.[1]

Nicht mehr Namensträger

Der Schulausschuss des Göttinger Kreistags hat am 24. November 2011 einstimmig beschlossen, den Namen Heinrich-Sohnrey-Realschule in Hann. Münden aufzuheben.

Das Gremium war der Auffassung, dass der Sollingdichter durch seine Verstrickung mit dem Nationalsozialismus kein Vorbild sein kann für junge Leute in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Vor allem die Quellenanalyse des Göttinger Literaturwissenschaftlers Prof. Frank Möbus habe gezeigt, dass Sohnrey ein Wegbereiter des Nationalsozialismus gewesen ist.[6]

Mit diesem Beschluss folgte der Ausschuss einem Antrag des Mündener Bürgers Friedhelm Schäfer vom Mai 2011 sowie einem Antrag der Schulgemeinde vom September 2011.

Schäfer hatte den Anstoß gegeben mit der Bitte an den Landkreis Göttingen, die Schule umzubenennen. Er hatte das damit begründet, dass Sohnrey durch seine Nähe zum Nazi-Regime nicht Namensgeber einer demokratischen und freiheitlichen Schule sein könne.[7] Seit dem 1. Dezember 2011 heißt die Schule - bis zur Findung eines neuen Namens - "Realschule II" [8]

Auch die Sohnreystraße in Hann. Münden verlor ihren Namen und wurde im April 2012 nach einem einstimmigen Ratsbeschluss in Quantzstraße umbenannt.[9]


Ehrenbürgerschaft

Der Göttinger Historiker Dr. Dirk Schumann sprach im August 2013 der Leitung der Universität Göttingen in einem Gutachten zu Sohnrey folgende Empfehlung aus: Die Universität sollte sich von ihrem 1934 ernannten Uni-Ehrenbürger Heinrich Sohnrey distanzieren. Er sei kein ausgewiesener Nationalsozialist, aber Wirken und Schriften seien jahrzehntelang von eindeutig fremdenfeindlichen und rassistischen Tendenzen gekennzeichnet. Zudem seien keine besonderen Verdienste Sohnreys für die Universität zu erkennen, sagte Schumann vor dem Kulturausschuss.[10]

Tod

Am 26. Januar 1948 starb er im Alter von 90 Jahren in Neuhaus. Sein Grab ist neben der Kirche in seinem Heimatdorf Jühnde.


siehe auch

Artikel über Sohnrey

Quellen und Links

Quelle: 125 Jahre - Heinrich Sohnrey, Jühnde 1984, Heinrich-Sohnrey-Gesellschaft

Einzelnachwiese

  1. Zit. nach: Heinrich Sohnrey, Als wir zu der Liebsten gingen. Mit einem Nachwort von Wilhelm Stapel, Deutsche Landbuchhandlung Berlin, 1939, S. [173]
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Sohnrey
  3. http://www.hna.de/nachrichten/landkreis-goettingen/hann-muenden/prueft-sohnrey-ehrenbuerger-bleibt-1478832.html
  4. In: Heinrich Sohnrey: Die hinter den Bergen. Gestalten und Geschichten aus dem hannoverschen Berglande. 4., stark vermehrte Aufl. Berlin 1906, S. 197-236
  5. Vgl. Die nationalsozialistische Revolution 1931-1934. Sonderausgabe für den Gebrauch der Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden sowie für Schulen und Bibliotheken. Berlin: Vertrieb Amtlicher Veröffentlichungen 1934, S. 712
  6. In Sachen Heinrich Sohnrey. Gutachten zur nationalsozialistischen Vergangenheit des Solling-Dichters. Göttingen 2011. Download
  7. Aus HNA.de vom 24. November 2011: Sohnrey nicht mehr Namensgeber der Schule in Hann. Münden
  8. http://www.schulelternrat-muenden.de/aus-dem-schulleben/58-namensaenderung.html
  9. http://www.hna.de/nachrichten/landkreis-goettingen/hann-muenden/sohnreystrasse-name-quantzstrasse-2293428.html
  10. Aus HNA.de vom 27. August 2013: Sohnreys Ehrenbürgerschaft: Historiker empfiehlt Aberkennung