Hauptmann von Köpenick

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Der Gnadenerlass des Kaisers kam aus Kassel

1908 unterzeichnete Kaiser Wilhelm II. auf Schloss Wilhelmshöhe die Begnadigungsurkunde für Wilhelm Voigt. Als Hauptmann von Köpenick hatte der Schuhmacher 1906 Militär und Beamte zum Narren gehalten.

Ob der Kaiser geschmunzelt oder gar herzhaft gelacht hat, als er am 15. August 1908 an seinem Schreibtisch im Schloss Wilhelmshöhe die Akte des Reichsjustizministeriums durchblätterte, ist nicht überliefert. Unwahrscheinlich ist es nicht. Hatte sich der Monarch, glaubt man den Gerüchten, die bei Hofe kursierten, doch zwei Jahre zuvor wie ganz Deutschland köstlich über das Ereignis amüsiert, das für seinen Urheber allerdings ein gerichtliches Nachspiel hatte.

War es die wohlwollende Erinnerung an ein dreistes Gaunerstück oder war gar heimliche Bewunderung im Spiel? Wilhelm II. war jedenfalls milde gestimmt an jenem 15. August. Von seiner geliebten Sommerresidenz oberhalb der Stadt schickte der deutsche Regent noch am gleichen Tag eine Nachricht in die Reichshauptstadt. "Auf Ihren Bericht...will Ich dem Schuhmacher Wilhelm Voigt aus Berlin, zur Zeit im Strafgefängnis in Tegel, den nicht verbüßten Teil der ihm durch das rechtskräftige Erkenntnis des LandgerichtsII in Berlin vom 1. Dezember 1906 wegen unerlaubten Tragens einer Uniform, Vergehens wider die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung auferlegten Gefängnisstrafe von vier Jahren hierdurch in Gnaden erlassen".

Im Klartext bedeutete das: Kaiser Wilhelm hatte soeben den Mann begnadigt, der als Hauptmann von Köpenick einen Tag lang die tragenden Säulen des preußischen Staates, das Militär und die Beamtenschaft, vorgeführt und zum Narren gehalten hatte.


Tragikomische Figur

Die Geschichte des Wilhelm Voigt ist hinlänglich bekannt. [[wpde>Carl Zuckmayer]] setzte dem gestrauchelten Schuhmacher mit seinem Bühnenstück ein Denkmal; nachhaltig geprägt hat die tragikomische Figur indes der unvergessene [[wpde>Heinz Rühmann]] in Helmut Käutners Films aus dem Jahre 1956.

Daß der Geniestreich, der an einem nebligen Oktobermorgen des Jahres 1906 begann, in Wirklichkeit eine Verzweiflungstat war, wurde lange Zeit übersehen. Der aus dem ostpreußischen Tilsit stammende Voigt, der nie beim Militär war, hatte wegen zahlreicher kleinerer Vergehen bereits Jahre hinter Gittern verbracht. Irgendwann wollte er ein neues Leben anfangen. Und geriet einmal mehr in die Tretmühle, die da heißt "Keine Papiere - keine Arbeit - keine Wohnung - keine Papiere".

Der kleine Mann ("Ohne Uniform ist man kein Mensch") kaufte sich daraufhin einen ausgedienten Militärrock, Säbel und Mütze und machte sich auf den Weg zum Köpenicker Rathaus, in dem er - fälschlicherweise - eine Paßstelle vermutete.

Unterwegs brachte er zwölf Soldaten unter sein Kommando, mit deren Hilfe er das Rathaus besetzte, den Bürgermeister festnahm und die Stadtkasse konfiszierte. Vor der (zerschlissenen) Uniform verstummte jeder Widerspruch. Aus der Beute, wenig mehr als 4000 Mark, spendierte Voigt seinen Soldaten Bier und Wurst, bevor er sich aus dem Staub machte. Wenige Tage später stellte sich der steckbrieflich Gesuchte, am 1. Dezember wurde er dann in besagtem Verfahren verurteilt, das nach Aussagen von Zeitzeugen phasenweise einem Lustspiel glich.

Die Begnadigung durch Kaiser Wilhelm wurde im übrigen prompt vollzogen. Laut Justizministerium wurde Wilhelm Voigt am 16. August 1908 "nachmittags 3 Uhr 55 Minuten" aus dem Gefängnis Tegel entlassen. Während Bühnenstück und Film mit der Festnahme des falschen Offiziers enden, ging die Geschichte des Wilhelm Voigt in Wirklichkeit weiter.


Viele Auftritte

Inzwischen 59 Jahre alt, schlug der Mann mit dem Schnauzbart fortan aus seiner Berühmtheit Kapital. Zusammen mit einem der an der "Köpenickiade" beteiligten Soldaten trat er jahrelang in Festsälen und Bierhallen im In- und Ausland auf. 1922 starb er in Luxemburg. Wilhelm II. war damals längst kein Kaiser mehr.