Harry Kramer

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Das documenta-Lexikon
Buchstaben: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Index


Harry Kramer
Harry Kramer war ein deutscher Künstler (1925 - 1997), der an der documenta III teilgenommen hat.[1]

Werk

Kramer begann als Friseur, war Tänzer und arbeitete schließlich am mechanischen Theater, aus dem er mobile Drahtskulpturen entwickelte. Der vielseitige Aktionskünstler begründete in Kassel die Künstler-Nekropole, in der Künstler ihre eigenen Grabmonumente erbauen.

1964: Die Kunst gerät in Bewegung: Automobile Skulpturen

Der Katalog der documenta III enthält fünf Abteilungen. Die letzte nennt sich „Licht und Bewegung“ und präsentiert neun Künstler beziehungsweise Künstlergruppen. In kleiner Schrift war unter die Namen folgender Text gesetzt: „Verantwortung für die Auswahl der gezeigten Werke: Prof. Arnold Bode“. Das war ungewöhnlich für eine im Team erarbeitete Ausstellung. Der Grund für den Zusatz war denn auch, dass Bode außerhalb des gemeinsam erarbeiteten Konzepts diese Abteilung konzipiert und eingebracht hatte. Damit wollte er die aktuellen Tendenzen der optischen und kinetischen Kunst aufgreifen. Ob, wie gelegentlich unterstellt wurde, dahinter auch der Kunsthandel stand, ist wohl nicht zu klären.

Die Auswahl war treffsicher. Mit Jean Tinguely, Jesus Raphael Soto sowie den Zero-Künstlern Otto Piene, Günther Uecker und Heinz Mack vermittelt die documenta eine Vorstellung von einer Kunst, die das Statische überwinden wollte. Raffinierte Lichteffekte wurden ebenso erzeugt wie heiter-absurde Bewegungen.

Unter den eingeladenen Künstlern war der Deutsche Harry Kramer (1925-1997), der zu der Zeit in Paris lebte. Kramer hatte eine ungewöhnliche Biografie. Er hatte als Friseur angefangen und war durch den Tanz zur Kunst gekommen. In Paris hatte er sich einen Namen mit seinen Drahtskulpturen gemacht. Diese aus feinem Draht gefertigten Skulpturen waren Gegenbilder zu einer technikgläubigen Welt, in der alles glatt, perfekt und stabil wirken musste.

Die kugelförmigen Objekte erschienen dagegen unbeholfen und versponnen. Die Kreise und Räder waren nicht rund, sondern konnten nur in etwa andeuten, welche Form ihnen eigentlich zugedacht war. Sie imitierten Maschinen, ohne genau zu erkennen zu geben, was die Maschinen erreichen sollten. Kleine Elektromotoren sorgten für Antrieb. Aber sie erzeugten nur Leerlauf. Die Maschinenwelt war ins Absurde abgeglitten.

Die automobilen Skulpturen von Kramer sind zeitlos. Und doch sind sie unverkennbar die Geschöpfe einer Zeit, in der der technische Fortschritt unterlaufen werden sollte. In ihrer Zartheit und Zerbrechlichkeit entfalten sie einen poetischen Charme. Sie setzen den dramatischen Formen der Plastik lyrische Improvisationen entgegen.

Gleichzeitig mit Kramer war Günther Haese mit sehr ähnlichen Objekten eingeladen worden. Auch Haeses kleine Skulpturen waren aus dünnem Draht geformt. Aber ihnen fehlte der Reiz des Unbeholfenen und Unvollkommenen. Im Vergleich zu Kramers Arbeiten wirkten sie glatt und perfekt. Sie erreichten nicht diesen Ansatz zum Surrealen.

Rückblickend ist kaum vorstellbar, dass Kramer über Jahre an derart feinen Objekten arbeitete. Später nämlich liebte er den kraftvollen Auftritt, die Provokation, die Auseinandersetzung mit Gewalt und Tod. Trotzdem sind die Drahtobjekte die Arbeiten von Kramer, die sich am stärksten in der Erinnerung der Kunstgeschichte eingeschrieben haben. Mit einer automobilen Skulptur ist Kramer auch in der Neuen Galerie in Kassel vertreten.

Kramer war vielseitig begabt. Er war an der Kasseler Kunsthochschule ein inspirierender Lehrer, der seinen Studenten Selbstbewusstsein vermittelte und er entdeckte in seinen letzten Lebensjahren die Lust am Schreiben. Zu seinem großen Vermächtnis wurde die von ihm gegen viele Widerstände begründete Künstlernekropole im Habichtswald. Um der Skulptur im Landschaftsraum eine neue Bedeutung zu verleihen, entwickelte er das Konzept für einen Künstlerfriedhof. Grundbedingung war, dass jeder zur Mitarbeit bereite Künstler zu Lebzeiten sein eigenes Grabmonument schaffen sollte. Er sollte ferner bereit sein, sich nach seinem Tod bestatten zu lassen.


Aus: Meilensteine - documenta 1-12

siehe auch

Weblinks und Quellen

  1. Wikipedia-Eintrag zu Harry Kramer