Hans Staden

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Hans Staden
Hans Staden
war im 16. Jahrhundert ein Südamerika-Reisender, der 1557 in Marburg die Warhaftige Historia veröffentlichte, in der er über seine zwei Reisen nach Brasilien berichtete. Es war das erste ausschließlich diesem Land gewidmete Buch in Deutschland und Europa. Für Brasilien wurde es zu einer der wichtigsten Quellen zu Frühgeschichte des Landes, besonders durch die genaue, fast ethnografische Beschreibung der Gesellschaft der Tupinamba-Indianer an der Küste zwischen Sao Paulo und Rio de Janeiro.[1]

Leben

Um das Jahr 1525 wurde Hans Staden vermutlich in Homberg an der Efze geboren. Sein Vater stammte aus Wetter bei Marburg und war mindestens seit 1528 Bürger von Homberg. Es ist davon auszugehen, dass Hans Staden die bestehende Schule in Homberg besuchte. Die Tatsache, dass er 1548 als Büchsenschütze in Lissabon auf einem Schiff nach Brasilien anheuert, lässt vermuten, dass er bereits früher als ausgebildeter Soldat im Schmaldaldischen Krieg (1546/47) gegen Kaiser Karl V. diente. Nach der Niederlage des hessischen Landgrafen Philipp des Großmütigen und der damit verbundenen Entlassung aller Soldaten in Hessen dürfte für den jungen Staden die Zukunft in seinem Lande wenig verlockend gewesen sein. So mag er die Idee entwickelt haben als Soldat in die "Neue Welt" zu fahren.

Schiffsreisen nach Brasilien und Portugal

Sechsundfünfzig Jahre nach der Entdeckung der Neuen Welt durch Kolumbus gelangte Staden im Januar 1549 als Büchsenschütze auf einem portugiesischen Schiff nach Pernambuco (Recife)in Brasilien. Dort half er mit der Mannschaft seines Schiffes die Belagerung einer portugiesischen Siedlung durch Indianer zu beenden und kehrte dann nach Lissabon zurück.

Im April 1550 segelte er mit drei spanischen Schiffen in das Gebiet von la Plata. Nachdem alle Schiffe gesunken waren, konnte er sich in die damals bedeutende portugiesische Stadt Sao Vicente retten. Auf einer dem Festland vorgelagerten Insel erhielt er den Auftrag, als Kommandant einer kleinen Festung Angriffe der Indianer aus dem Norden abzuwehren.

Am Ende des Jahres 1553 nahmen ihn Indianern von Stamm der Tupinamba gefangen und verschleppten ihn zu ihrer Siedlung Ubatuba. Ihm drohte das Schicksal aller Gefangener: rituelle Tötung und Verspeisung. Doch sein unerschütterliches Gottvertrauen und seine Verhalten führten dazu, dass man ihn bald wie einen Schamanen akzeptierte und am Leben ließ. Nach neun Monaten befreite ihn der französische Kapitän de Moner und brachte ihn nach Europa zurück.

Zurück in Hessen

Im Juni 1555 kam Hans Staden wieder in seine Heimat Hessen. Er plante sofort die Veröffentlichung seiner Erlebnisse, um so Gott zu danken für seine Rettung. Mit Hilfe des Medizinprofessor Johannes Dryander aus Marburg konnte er sein Werk 1557 dort erscheinen lassen. Die Widmung an den hessischen Landgrafen Philipp den Großmütigen unterschrieb er 1556 mit "ytzt Burger zum Wolffhagen". Auch in zwei undatierten Empfehlungsschreiben an adelige Gönner, denen er sein Werk schickte, bezeichnet er sich als Bürger von Wolfhagen. Eine weitere Urkunde lässt erkennen, dass er 1558 von einem Meister aus Marburg im Salpetersieden ausgebildet wurde.

Ob Staden nach 1558 in Wolfhagen blieb oder nach Korbach zog, wo sein Vater inzwischen Bürger war, ist ungewiss. Dass er in Wolfhagen als Pulvermacher lebte und verheiratet war, kann ebenso wenig belegt werden, wie die Vermutung, dass er mit dem 1576 an der Pest verstorbenen Seifensieder identisch war. Über sein Leben nach 1558 wissen wir nichts, auch sein Todesdatum ist unbekannt. Im Juli 1976 ehrte die Stadt ihren berühmtesten Bürger durch die Aufstellung einer Reliefbüste in der nach ihm benannten Hans-Staden-Straße.

Hans Staden: Wahrhaftige Historia

siehe dazu den Artikel: Hans Staden: Wahrhaftige Historia

Das Werk, gewidmet Landgraf Philipp dem Großmütigen, wurde sofort beim Erscheinen ein großer Erfolg und noch drei Mal im selben Jahr nachgedruckt. Auch in den folgenden Jahrzehnten wurde es immer wieder verlegt, besonders oft die in Holland schon ein Jahr später entstandene Übersetzung. Es wurde ins Lateinische übersetzt und in große, kostbar mit Bildern ausgestattete Reisesammlungen aufgenommen. Seit dem 19. Jahrhundert erschien es in vielen europäischen Sprachen und bis heute sind fast 100 Ausgaben erschienen. Die internationale Bedeutung des Werkes wird durch eine Fülle wissenschaftlicher Untersuchungen belegt. Inzwischen liegt eine ausführlich kommentierte wissenschaftlich-kritische Textausgabe vor: Hans Staden: Warhaftige Historia. Zwei Reisen nach Brasilien (1548-1555 ... Herausgegeben von Franz Obermeier, Kiel Westensee-Verlag 2007 - (Die Ausgabe enthält u.a ein Faksimile des Orginals der Erstveröffentlichung und eine neue Übertragung des Textes in die Sprache unserer Zeit von Joachim Tiemann) Diese Ausgabe enthält eine sehr umfangreiche Bibliographie mit Quellenschriften und der wissenschaftlichen Literatur zur Warhaftigen Historia bis 2006.

Ältere Textausgaben sind: Hans Staden; Zwei Reisen nach Brasilien ... übertragen von Karl Fouquet, Marburg 1995 (Sie ist nur noch im Regionalmuseum Wolfhager Land erhältlich.) Hans Staden: Brasilien .... herausgegeben von Gustav Faber, übertragen von Ulrich Schlemmer, Edition Erdmann, 2006

Im Jahre 2007 wurde zum 450. Jahrestag der Warhaftigen Historia, zuerst in Wolfhagen und bis jetzt in 20 Städten in Deutschand und Brasilien, eine Wanderausstellung zur Rezeption des Werkes gezeigt. Im gleichen Jahr fand in Wolfhagen eine zweitägige internationale Stadenkonferenz statt, an der Wissenschaftler aus den Brasilien, den USA, Frankreich, Portugal, Holland, Dänemark und Deutschland teilnahmen. Die Vorträge wurden veröffentlicht in: Die Warhaftige Historia - Das erste Brasilienbuch ... herausgeben von Franz Obermeier und Wolfgang Schiffner - Westensee-Verlag 2008 (Nur erhältlich im Regionalmuseum Wolfhager Land)- Zur Ausstellung liegt vor:Untermenschfresser Leuthen - Beiheft zu Stadenausstellung, hrsg. von Sven-Hinrich Siemers und Wolfgang Schiffner 2007


Gedenkstein in Wolfhagen

Rede von Hermann Neumeyer

Auszüge der Rede des 2. Vorsitzenden Hermann Neumeyer zur Einweihung des Staden-Gedenksteines am Hospitalsplatz in Wolfhagen im Jahre 2005:

Staden-Gedenkstein

Im Namen des Heimat- und Geschichtsvereins Wolfhagen begrüße ich Sie als Zweiter Vorsitzender zur Einweihung des Gedenksteins für Hans Staden sehr herzlich.

Ja, liebe Gäste und Vereinsmitglieder, es geht heute um Hans Staden, den großen Sohn der Stadt Wolfhagen, dessen Leben nun zwar schon über 400 Jahre zurückliegt, dessen Wirken heute aber aktueller denn je ist. Seine „Wahrhaftige Historia und Beschreibung einer Landschaft der nackten, grimmigen Menschenfresserleute, in der neuen Welt Amerika gelegen, vor und nach Christi Geburt im Land zu Hessen bis auf das vergangene Jahr noch unbekannt“ ist das erste Buch über die Indianer Südamerikas in deutscher Sprache und heute noch eine Grundlage zur Erforschung der brasilianischen Ureinwohner. Es wurde in über 80 Auflagen in alle wichtigen Sprachen der Welt übersetzt.

Während es in Sao Paolo in Brasilien bereits seit 1938 die renommierte Hans-Staden Gesellschaft mit dem Hans-Staden-Institut gibt, fehlt eine derartige Einrichtung in Deutschland völlig. Lediglich in Homberg, wo Hans Staden geboren wurde, und in Wolfhagen, wo er starb, gibt es seit einigen Jahrzehnten eine Rückbesinnung und Würdigung seiner Lebensleistung. Hier war es vor allem der Wolfhager Heimatforscher Wilhelm Winter, der nach 1960 als Mitglied der Gesellschaft für Familienkunde Hans Staden in das Bewusstsein der Wolfhager Bevölkerung rückte. Die Stadt Wolfhagen setzte Hans Staden zu Ehren ein Denkmal unterhalb der Burg und benannte die dort vorbeiführende Straße in Stadenstraße um. Das Wolfhager Regionalmuseum richtete 1985 nach der Konzeption des früheren Museumsleiters Wolfgang Halfar eine Hans-Staden-Dauerpräsentation in der Zehntscheune ein. Dabei handelt es sich im Kern um die Sammlung des Oberkirchenrates Günter Bezzenberger, die dadurch als Hans-Staden-Stiftung zusammengehalten wurde.

Regionalmuseum würdigt Stadens Lebenswerk

Am 9. Juli dieses Jahres fand im Regionalmuseum eine wissenschaftliche Tagung speziell über Stadens Lebenswerk, über seine „Wahrhaftige Historia“ statt. Außerdem ist zurzeit noch in der evangelischen Kirche und im Regionalmuseum der Bilderzyklus „Hans Staden trifft Maria Rosa“ des Malers José De Quadros zu sehen. Die Indianerin Maria Rosa, letzte und heldenhafte Vertreterin ihres untergegangenen Stammes, und Hans Staden, der während seiner neun Monate Gefangenschaft bei den Menschen fressenden Tupinamba-Indianern nur überlebte, weil er in tiefer Gottesfurcht sich mit den Indianern in christlicher Nächstenliebe verband, werden in diesen Bildern mit ihren Wertvorstellungen zusammengebracht, obwohl doch fast 400 Jahre zwischen ihnen liegen. Ja, und am letzten Sonntag ist in der evangelischen Kirche sogar über Hans Staden in diesem Zusammenhang gepredigt worden.

Geschichtsverein stellte Gedenkstein auf

So ist es nun endlich Zeit, dass auch der Heimat- und Geschichtsverein seiner Verpflichtung nachkommt, Hans Staden im Bewusstsein der Wolfhager Bevölkerung wach zu halten und ihm ein würdiges Andenken zu gewähren. Dafür haben wir diesen Gedenkstein aufgestellt, harter, fest gewordener Buntsandstein, der sich während der fast 200 Millionen Jahre seines Bestehens bei allen Bewegungen und Veränderungen der Erdoberfläche, wie man sieht, gut behauptet hat. Ob dieser Stein weitere 200 Millionen Jahre überdauert, wissen wir nicht. Jedenfalls wünschen wir ihm, dass er seiner Aufgabe, auf Hans Staden an dieser exponierten Stelle und gut sichtbar hinzuweisen, noch lange nachkommen kann. Wir hoffen, dass er mit seiner Festigkeit Hans Staden und seinen festen christlichen Grundwerten symbolisch im übertragenen Sinn entspricht. An Gott hielt nämlich Hans Staden genauso fest, vor allem als er als Schiffbrüchiger im Sturm unterzugehen drohte oder mit seinem Fleisch auf dem Speiseplan der Tupinamba-Indianer stand, die ihn gefangen hielten. Diesen Stein hier an dieser Stelle vor dem Stadenhaus oberhalb der Stadenstraße aufzustellen, wäre aber nicht möglich gewesen ohne das großzügige Einverständnis der Gemeinschaft aller Eigentümer des Stadenhauses. Dafür danken wir ganz besonders.

Die Person Hans Staden

Ich möchte nun aber noch ein wenig auf Hans Staden selbst und sein einzigartiges Leben eingehen. Um 1526 wird Hans Staden in Homberg an der Efze geboren. Sein Vater stammt aus Wetter bei Marburg und erwarb durch die Verheiratung mit einer Homberger Bürgertochter 1525 ebenfalls das Homberger Bürgerrecht.

Versetzen wir uns nun in das Jahr 1547. Deutschland war mittlerweile zu 60% evangelisch geworden und Kaiser Karl V. sah seine Machtstellung gegenüber den im Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossenen evangelischen Landesfürsten gefährdet.

Im Schmalkaldischen Krieg bekämpfte er den Schmalkaldischen Bund, allen voran den hessische Landgraf Philipp I., den Großmütigen, der 1526 in Hessen die Reformation eingeführt hatte, und den sächsischen Kurfürst Johann Friedrich I., auf den Martin Luther sich als „seinen Kurfürst“ verlassen konnte. Aber nun im Jahre 1547 mit der Schlacht am Mühlberg an der Elbe ging dieser Schmalkaldische Krieg mit einer Niederlage des Schmalkaldischen Bundes zu Ende und das Heer der Landsknechte Philipps des Großmütigen, zu dem auch der junge Hans Staden gehörte, wurde arbeitslos. Wenn auch Hans Staden einerseits hochbegabt und andererseits körperlich sehr robust war, so ging doch mit der Entlassung als Landsknecht gleichzeitig auch seine Existenzgrundlage verloren, denn von zu Hause kam wenig materieller Rückhalt, wohl aber eine gute christliche Erziehung.

Aber Hans Staden war jung, neugierig, voller Unternehmungslust und Ideale. Dazu besaß er ein starkes Gottvertrauen, das die Menschen des 16. Jahrhunderts ohnehin in besonderem Maße auszeichnete und das bei ihm durch die noch frische Reformation unter seinem Landesherrn Landgraf Philipp besonders groß war. Und mit diesem Gottvertrauen machte er sich 1548 über Bremen und die Niederlande auf den Weg nach Lissabon, in die Hauptstadt der damals noch führenden Seemacht Portugal. Zwar wollte er ursprünglich mit einem Handelsschiff nach Indien fahren, aber da die Flotte nach Indien bereits ausgelaufen war, heuerte er, getrieben von seinem Unternehmungsdrang, kurzfristig als Büchsenschütze auf einem portugiesischen Kaperschiff an, das nach Brasilien segeln sollte.

Reisen des Hans Staden

Diese erste Reise nach Brasilien, die Hans Staden zur Ostspitze in das Gebiet der heutigen Stadt Recife führte, dauerte insgesamt 16 Monate. Hierüber schreibt er zu Beginn seiner „wahrhaftigen Historia“. Es ist die Zeit der ersten Kolonisationsversuche der Portugiesen und Franzosen. Das kommerzielle Ziel war in erster Linie der Handel mit Brasilholz. Dabei waren die Portugiesen und Franzosen Konkurrenten und hatten jeweils ihre Handelsniederlassungen und Befestigungen. Beide versuchten, sich gegenseitig die verschiedenen indianischen Stämme als Handelspartner abzuwerben. Die daraus entstandenen kriegerischen Konflikte übertrugen sich zwangsläufig auch auf die indianischen Stämme untereinander.

Das Buch beschäftigt sich jedoch überwiegend mit der zweiten Reise, die Hans Staden von 1549 bis 1555 unternahm, dieses Mal als Kanonier auf einem spanischen Schiff. Dieses Schiff gehörte mit zwei anderen Schiffen zum Vorkommando einer Expedition zur Eroberung und Besiedlung der La-Plata-Region, des heutigen Gebietes von Buenos Aires, im Auftrag der spanischen Krone. Nur zwei der drei Schiffe kamen an der Küste an. Aber auch diese beiden Schiffe gingen dort in heftigen Stürmen unter, noch bevor sie anlegen konnten. Die Schiffbrüchigen warteten an der Küste zwei Jahre vergeblich auf Rettung. Dann bauten sie sich selbst ein neues Schiff, um weiterfahren zu können. Aber auch dieses Schiff ging zu Bruch. So musste der Rest dieses Vorkommandos, darunter auch Hans Staden, zu Fuß an der Küste entlang weiterziehen.

Schließlich gelangte Hans Staden nahe der Küste auf die kleine Insel Santo Amaro zu einer kleinen portugiesischen Handelsniederlassung, wo er bei deutschen und niederländischen Kaufleuten Aufnahme fand. Trotz aller Widrigkeiten aber war sein Unternehmungsdrang weiterhin ungebrochen. Er wurde mit beispielhaftem Mut Kommandant der Insel Santo Amaro, natürlich auch mit der Aussicht auf eine großzügige Entlohnung durch den König von Portugal, befestigte das vorgefundene Fort Bertoga der portugiesischen Handelsniederlassung, um sich gegen den benachbarten Stamm der Tupinamba in den kriegerischen Auseinandersetzungen behaupten zu können. Dennoch aber nahmen die Tupinamba Hans Staden später gefangen. Und als ob er nicht schon genug härteste Herausforderungen hatte bestehen müssen, so nahmen doch mit dieser Gefangennahme erst die echten Bewährungsproben ihren Anfang, die für sein nachfolgendes Leben so entscheidend waren.

Wenn ich Ihnen jetzt aus seinem Buch in heutigem Deutsch vorlese, das er mit Unterstützung der evangelischen Landesherren Landgraf Philipp I., des Großmütigen zu Hessen und Graf Philipp III. zu Waldeck später in Marburg drucken ließ, werden Sie sicher staunen und diesen Menschen in seiner ethischen Größe und festen Religion bewundern. Sie werden sicher fragen: Welche geistigen Fähigkeiten muss dieser Mensch neben seinen handwerklich-technischen Fähigkeiten gehabt haben, dass er in den neun Monaten seiner Gefangenschaft bei den Tupinamba nicht nur die Wörter der Tupinambasprache lernen und sich damit verständigen konnte, sondern sie später auch in der Form eines Lexikons aufschreiben konnte und damit der späteren Erforschung der Indianersprachen einen großen Dienst erwies? Da nur die wenigsten seiner Zeitgenossen lesen konnten, ließ er von seinen wichtigsten Erlebnissen auch Holzschnitte anfertigen, die ebenfalls in seinem Buch enthalten sind.

Die Gefangenschaft

Hans Staden schreibt in seinem Buch über seine Gefangenschaft selbst: „Ende Dezember 1553 besuchte mich auf Santo Amaro mein hessischer Landsmann Heliodorus Hessus, der in einer Handelsniederlassung auf dem gegenüberliegenden Festland in Sao Vicente tätig war. Als ich für ihn im Wald Wildbret holen wollte, wurde ich plötzlich von Tupinambaleuten umringt, niedergeschlagen und in ein Boot gezerrt. ,Nun helfe Gott meiner Seele’, schrie ich, als die Tupinamba mich fesselten und mit mir davon paddelten, denn ich wusste, dass die Tupinamba ihre Gefangenen töten und aufessen.

Sie brachen mit mir zu ihrer 100 km entfernten Siedlung Ubatuba auf, ebenfalls auf einer Insel gelegen. Da diese Menschenfresser das Fleisch eines anderen Menschen essen, um mit der Verspeisung auch dessen Kraft und Fähigkeiten möglichst vollständig zu übernehmen, gehört jeder zum Verzehr anstehende Gefangene zunächst einmal einem Kannibalen ganz allein. Bald darauf begannen sie im Boot, um mich zu streiten: Der eine sagte, er sei als erster bei mir gewesen, der andere meinte, er hätte mich gefangen. Wieder andere schlugen währenddessen auf mich ein. Dieser Zank rettete mich aber davor, auf der Stelle getötet zu werden. Ich wurde nämlich zum Gemeinschaftsschmaus erklärt.

Jetzt erst kam mir zum ersten Mal in den Sinn, darüber nachzudenken, welch trauriges Jammertal unser irdisches Leben doch sein kann. Am nächsten Tag um die Vesperzeit erreichten wir schließlich das Dorf Ubatuba. Ich musste den auf dem Feld arbeitenden Frauen zurufen: ,Aju ne xe pee remiurama’, was soviel heißt wie: ,Ich komme, ich euer Essen’. Ich bekam jedoch noch eine Galgenfrist und sollte zunächst erst einmal aufgepäppelt werden“.

Uns überrascht bei diesem grausamen Geschehen doch auch eine gewisse heiter-amüsante Ironie, mit der Hans Staden seine Erlebnisse schildert, die im Übrigen allesamt von der Wissenschaft als „wirklich erlebt“ eingestuft werden. Im 16. Jahrhundert findet man diese Art, furchtbare Dinge mit einer gewissen Komik darzustellen, recht häufig. Auf diese Weise verloren traurige Ereignisse, zumindest äußerlich, etwas von ihrer Schärfe. Innerlich war der Mensch ohnehin in seinem irdischen Jammertal gefangen, mit der Hoffnung auf ein besseres Jenseits.

Aber nun wieder zurück zu den Worten Hans Stadens: „Die Portugiesen waren bei den Tupinamba sehr verhasst. Den Franzosen hingegen waren sie durchaus freundlich gesinnt, da sie mit ihnen Tauschhandel betrieben. Ich gab mich also von nun an immer als Freund der Franzosen aus, in der Hoffnung, dadurch dem Bratrost entgehen zu können. Einmal brach in Ubatuba unter den Indianern eine Seuche aus. Ich stellte sie als von Gott gesandte Strafe dar. Der Häuptling bat mich, zu meinem Gott um Gnade zu beten, damit die Menschen verschont würden. Ich stand nun vor dem Dilemma: Sollte ich Gott um Heilung bitten oder ihnen allen den Tod wünschen? Gott nahm mir die Entscheidung ab, indem er acht Indianer sterben ließ, den Häuptling und seine Frau jedoch genesen ließ. Plötzlich stieg ich im Ansehen der Indianer (zumindest des verschonten Häuptlings) und nutzte weiterhin sämtliche Krankheiten und Unwetter aus, um den Tupinamba Respekt vor mir und Gott einzuflößen. Am Ende hatte ich den Status eines Zauberers erlangt“.

Und wirklich, wie Gustav Faber in seinem Vorwort zur derzeit aktuellen Auflage der „Wahrhaftigen Historia“ schreibt, steht Hans Staden anscheinend mit Gott quasi auf du und du, wobei Gott in besonders kniffligen Lagen eingreift, wie seinerzeit die Götter des Olymp in das irdische Geschehen.

„Bald danach musste ich die Tupinambá auf einem Feldzug gegen die feindlichen Tupiniquin und die mit ihnen verbündeten Portugiesen begleiten. Auf diesem Feldzug wurden auch einige meiner portugiesischen Bekannten aus der Zeit auf Santo Amaro gefangen genommen. Ein Teil davon wurde sofort gebraten und gegessen, andere, meist unverletzte, kamen zunächst noch mit heiler Haut davon. Ich hätte zu den Portugiesen fliehen können, ließ aber ganz bewusst diese Fluchtchance aus, um die portugiesischen Gefangenen durch eine mögliche Rache der Tupinamba nicht zu gefährden“.

Wir erkennen hier Hans Staden wieder als wahren Christen, dem Nächstenliebe gegenüber jedermann wichtiger als das eigene Schicksal ist. Über seine Rettung durch ein französisches Schiff schreibt Hans Staden Folgendes: „Das französische Schiff ankerte vor Ubatuba und sandte ein Beiboot zum Einhandeln von Pfeffer, Meerkatzen und Papageien. Ich erfuhr davon, konnte aus Ubatuba entkommen und schwamm dem Beiboot entgegen. Als ich dort aber zur Flucht einsteigen wollte, stießen mich die Franzosen zurück, mit der Begründung, die Tupinamba könnten revoltieren, wenn sie nicht selbst über meine Abreise entscheiden könnten. Also schwamm ich traurig wieder zurück an Land und sagte den Tupinamba: ,Meintet ihr, dass ich weglaufen wollte?’ Ich war doch nur bei den Franzosen an Bord, um sie dazu zu bringen, viele kostbare Waren für euch zusammenzustellen. Das hörten sie gerne und waren zufrieden. Anschließend wurde meine Befreiung aus den Händen der Tupinamba im Tausch gegen Waren der Franzosen möglich“.

Die Heimkehr

Mit der Heimkehr Hans Stadens im Jahr 1555 endet der erste Teil der „Wahrhaftigen Historia“. In diesem ersten Teil schildert Hans Staden alle Begebenheiten aus seiner persönlichen Perspektive und Betroffenheit. Bei all dem Leid, das er bei den Indianern erfuhr, bleiben seine Beschreibungen doch ehrlich und werden nicht durch Hass verzerrt. Im Gegenteil, er scheint den Indianern im Grunde recht wohl gesonnen und beschreibt sie als lebensfrohe, lustige Menschen. Als Christ achtet Hans Staden die Indianer als Geschöpfe des einen Gottes, den ihn seine Eltern und die Reformation nahe gebracht hatten.

In zweiten Teil berichtet Hans Staden über die Sitten und Gebräuche der Ureinwohner, über die Tiere, die Vegetation und vieles mehr. So erzählt er in Kapitel 34 „von einer Art Fledermäuse jenes Landes, die den Leuten nachts im Schlaf in die Zehen beißen.“ Insbesondere dieser zweite Teil ist für die Anthropologen von unschätzbarem Wert und auch heute immer noch aktuell. Durch seine Reisen, meist unfreiwillig, ist Hans Staden viel in Brasilien herumgekommen, lernte verschiedene Stämme kennen, die er alle auch detailliert beschreibt, wobei er die Eingeborenen manchmal im Eifer des Gefechts und als Zeichen der Verbundenheit mit ihnen sogar hessisch sprechen lässt. Hans Staden schließt sein Buch mit der Aufzählung einer Reihe von Zeugen, um seiner Geschichte von vornherein jeden Zweifel an Glaubwürdigkeit zu nehmen und schreibt: „Sollte es irgendeinen jungen Mann geben, dem meine Beschreibungen und meine Zeugen nicht genügen, so mache er, damit er vom Zweifel befreit wird, mit Gottes Hilfe diese Reise selbst.“

Bürger von Wolfhagen

Nach seiner Rückkehr wurde Hans Staden Bürger von Wolfhagen, war hier Seifensieder und betrieb auch eine Pulvermühle in der Fredegassen. Als Kommandant der portugiesischen Festung Bertioga auf Santo Amaro hatte er ja bereits Kenntnisse über das Schießpulver gewonnen. Während der Drucklegung seines Buches in Marburg lernte er dort auch noch bei einem Pulvermacher das Salpetersieden. Im Pestjahr 1576 starben er und seine Frau, die „Seifensiedersche“, in Wolfhagen, nachdem sie 21 Jahre dort gelebt hatten. Sie wurden auf dem Wolfhager Friedhof in der Pestecke begraben.

In Wolfhagen schrieb Hans Staden auch seine „wahrhaftige Historia“, sicher ein einmaliges Buch eines großen Mannes, den wir mit unserem heutigen Verständnis kaum begreifen können. Und wenn wir trotzdem eine Brücke zu ihm schlagen wollen, vielleicht versunken in einer Meditation, wie der Maler José De Quadros mit seinen Bildern in der Kirche und im Museum, dann hilft uns dabei vielleicht dieser Stein. Das Alles ist, auch wenn Wolfhagen mittlerweile mit der Märchenstraße in Zusammenhang gebracht wird, dieses Mal kein Märchen, sondern „wahrhaftige Historia“.

Quellen

  1. Dr. Paul Görlich: Wolfhagen – Geschichte einer nordhessischen Stadt, Wolfhagen 1980,
  2. Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha: A História Alemã do Brasil - Die deutsche Geschichte Brasiliens, São Paulo 2002,
  3. Hans Staden: Warhaftige Historia und Beschreibung eyner Landtschafft der Wilden / Nacketen / Grimmigen Menschfresser Leuthen / in der Newenwelt America gelegen, Marburg 1557
  4. Wolfgang Halfar: Hans Staden, Wolfhagen 1997, Schriften des Vereins Regionalmuseum Wolfhagen (Museumsführer Band 12)
  5. Unter Menschfresser-Leuthen. Entre as gentes antropófagas. O livro de Hans Staden de 1557. Hans Stadens Brasilienbuch von 1557; Regionalmuseum Wolfhager Land. Sonderausstellungen 5; Wolfhagen 2007
  6. Franz Obermeier, Wolfgang Schiffner (Hrsg.): Die Wahrhaftige Historia – das erste Brasilienbuch. Akten des Wolfhager Kongresses zu 450 Jahren Hans-Staden-Rezeption; Fontes Americanae 2; Kiel 2008; ISBN 3-931368-68-8.

siehe auch

Weblinks und Quellen

  1. Hans Staden auf brasilien.de

Wikipedia