HNA-Serie: Frauenleben im Solling

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Aus der HNA-Serie zur Sonderausstellung über Frauen im Solling:

Das harte Leben der Dienstmägde

Mädchen für fast alles

aus: www.hna.de - 20.05.10

Arenborn / Lippoldsberg / Uslar. Sie waren Mädchen für fast alles: Junge Frauen aus dem Weserbergland und Solling, die mit dreizehn oder vierzehn Jahren ihr Elternhaus verließen, um als Dienstmägde in den Bürgerhaushalten von Kassel, Göttingen, Hannover oder Hamburg in „Stellung“ zu gehen. Einige von ihnen arbeiteten auch auf den größeren Bauernhöfen, in Mühlen oder anderen Gewerbebetrieben der näheren oder weiteren Umgebung.

Dienstmädchen hatten kaum Rechte, aber zahllose Pflichten. „Gehorsam, Treue und Ehrerbietung“ verlangte die Dienstbotenordnung von 1844 von ihnen, die bis 1918 in Kraft blieb. Allein in fremden Städten wurden nicht wenige von ihnen Opfer gewissenloser Männer.

Freiwild für Studenten
In der vornehmen Universitätsstadt Göttingen zum Beispiel waren sie oft Freiwild der Herren Studiosi, denen sie „aufzuwarten“ hatten. Wurden die Mädchen schwanger, konnten sie zwar kostenlos in der „Königlichen Entbindungsanstalt“ am Geismarer Tor ihr Kind zur Welt bringen - allerdings unter den Augen der Medizinstudenten.

Viele Mädchen aus dem Solling machten von diesem Angebot Gebrauch. So gebar die unverheiratete Elise Rölke aus Lippoldsberg 1864 einen Sohn und zwei Jahre später ein Zwillingspärchen im so genannten Accouchierhaus. Ein paar Wochen nach der Geburt schickte die Göttinger Polizei die junge Mutter mit einem „Laufpass“ in ihren Heimatort zurück.

Die Arbeit der Dienstmägde begann meist in aller Herrgottsfrühe und ging bis in den späten Abend. Zu ihren Aufgaben gehörten alle Koch-, Abwasch-, Putz-, und Gartenarbeiten. Außerdem mussten sie ihrer „Herrschaft“ mit weißer Schürze die Mahlzeiten servieren. „Die Arbeitstage waren lang“, erinnerte sich die 1909 geborene Hermine Körner (geborene Krenzer) vor ein paar Jahren im Gespräch. „Unter der Woche musste ich von morgens sechs bis abends acht Uhr arbeiten. Sonntags konnte ich nach dem Mittagsaufwasch gehen. Dann hatte ich frei bis zum Abendbrot, wusch wieder ab und konnte noch ein oder zwei Stunden ausgehen. Im ersten Jahr verdiente ich 15 Mark im Monat, zum Schluss 35. Allerdings bekam ich relativ wertvolle Weihnachtsgeschenke, zum Beispiel einen Kleiderschrank und eine Kommode.“

Nur ein Viertel Lohn
In der Regel arbeiteten Dienstmädchen doppelt so lange wie die gleichaltrigen Männer in der Fabrik. Sie verdienten allerdings meist nur halb so viel wie diese.

Tarifverträge oder Mindestlöhne für die „Stützen“ gab es nicht. Trotz ihrer kargen Löhne sparten die Mädchen fleißig für ihre Aussteuer, denn die war Voraussetzung für eine Ehe. Einige Mädchen wechselten oft ihre Arbeitgeber, um ein paar Pfennige mehr zu verdienen. So arbeitete die 1896 geborene Hermine Klinge aus Allershausen in vier Jahren in sieben Haushalten. Johanne Klemme aus Schoningen war zwischen 1902 und 1913 in vier Familien tätig. „Verlässt den Dienst, um sich zu verheiraten. Sie war fleißig und ehrlich“, schrieb Hermine Klinges letzter Dienstherr, der Uslarer Kaufmann Lutz, in ihr Gesindebuch.


Info: Zum Thema gibt es auch eine neue Sonderausstellung im Museum in Uslar: „Die Arbeit nahm kein Ende. Frauenleben im Solling“, bis 30. Mai 2010 im Museum Uslar, Mühlentor 4, dienstags bis sonntags von 15 bis 17 Uhr, 05571/307142.

von Dr. Wolfgang Schäfer

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