Häuser in Korbach: Zur Waage

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Hier übte die Stadt Korbach das mit der Verleihung des Soester Stadtrechts im Jahre 1188 erteilte Marktrecht aus.
Das Vergehen der üblen Nachrede wurde geahndet, indem der Delinquent, in diesem Fall oft auch Frauen, mit zwei gewichtigen Schandsteinen behangen durch die Straßen geführt wurde, wobei er dem Spott der Einwohner ausgesetzt war.

Wo Justitia ihres Amtes waltete

Am Marktplatz, dem einstigen Mittelpunkt der Altstadt, steht eines der größten Korbacher Fachwerkhäuser, das Gasthaus „Zur Waage”. Es wurde im Jahr 1730 an jener Stelle errichtet, an der sich vorher das Altstädter Rat-haus befand. Bauherr war die Stadt Korbach. Als sich 1377 Altstadt und Neustadt vereinigten, wurde auf der Grenze zwischen Alt- und Neustadt ein neues gemeinsames Rat-haus gebaut, das noch heute die Stadtverwaltung beherbergt. Das bisherige Altstädter Rathaus am Marktplatz stand aber weiterhin im Dienst der Öffentlichkeit. Nicht nur, dass wie seit jeher im Keller eine Gastwirtschaft betrieben wurde, es befand sich hier auch im 14. und 15. Jahrhundet das gräfliche Gaugericht. Später fanden hier auch die gräflichen Lehn- und Freigerichte statt. Auf diese Zeit weist die Inschrift am Quergebälk der Frontseite hin: KEINE PERSON SOLT IHR IM GERICHT ANSEHEN, SONDERN SOLLT DEN KLEINEN WIE DEN GROSSEN HÖREN FÜR NIEMANDS PERSON EUCH SCHEIDEN DENN DAS GERICHT AMT IST GOTTES: IM JAHR NACH CHRISTI GEBURT 1730, DEN 20.SEPT. Es liegt nahe anzunehmen, dass die Bezeichnung „Waage” zurückzuführen ist auf das bekannte Symbol für eine gerechte Jurisdiktion. Vorherrschend ist jedoch die Meinung, dass sich der Name herleitet aus der Tatsache, dass hier der städtische „Waagenmeister” sein Amt während der Markttage ausübte. Es ist bekannt, dass Korbach als Mitglied der Hanse im ausgehenden Mittelalter ein Umschlagplatz für Waren jeglicher Art war. Hier konnte bei Käufen und Verkäufen die Ware gewogen oder mit der Korbacher Stadt-Elle, die am Eingang des Hauses hing, gemessen werden. Der große Stadtbrand von 1664 entstand in unmittelbarer Nähe der Waage. Natürlich wurde auch dieses repräsentative Haus ein Raub der Flammen. Beim Bau des jetzigen Gebäudes blieben ein Teil des Kellergewölbes und der Grundmauern des alten Rathauses erhalten, ebenso die Erdgeschoss-Südwand. Auf dem Werksteinsockel wurde ein zweistöckiger Fachwerkbau mit zwei vorgekragten Giebelgeschossen errichtet. Mit den Maßen 25,7 Meter mal 14,1 Meter war es zu jener Zeit eines der größten Häuser in Korbach. Dr. med. Varnhagen berichtet um 1760, dass sich an einer Ecke des Hauses Halseisen befinden, „woran der öffentlichen Schau auszustellende Verbrecher geschlossen werden”. Mitte des 19. Jahrhunderts verkaufte die Stadt das Haus an den Gastwirt Louis Frese, der im Keller eine Bierbrauerei einrichtete. Als er 1889 starb, übernahm sein Sohn Georg Frese Bierbrauerei, Mälzerei, Wohnhaus und die dazu gehörenden Liegenschaften. Besitzer und Pächter des Gasthauses „Zur Waage”: 1901 Bierbrauer Oskar Greiner, 1905 Hopfenhändler Sauer aus Kassel, 0. Greiner bleibt jedoch Pächter, 1907 Gastwirt Ernst Metz aus Zennern, 1914 Berta und Karoline Becker aus Schweinsbühl, 1931 Gastwirt Friedrich Gerland aus Ersen, 1954 Gastwirt Karl Holzhaus aus Kassel als Pächter, 1967 Landwirt Hermann Schulze aus Korbach kauft das Gebäude, 1977 Hermann Schulze (jun.) führt den Betrieb bis heute.

Pranger für Bohnendiebin Die „Alte Waage”, auch „Altes Stadthaus” oder „Altes Weinhaus” genannt, ist das dominante Gebäude am Marktplatz, dem Mittelpunkt der Altstadt in Korbach. Hier übte die Stadt Korbach das mit der Verleihung des Soester Stadtrechts im Jahre 1188 erteilte Marktrecht aus. Gleichzeitig erlangte die Stadt für ihr Territorium auch die Gerichtshoheit. Viele Urteile der verschiedenen in der Alten Waage tagenden Gerichte wurden, wie damals üblich, auf dem Marktplatz vollstreckt. Das Vergehen der üblen Nachrede wurde geahndet, indem der Delinquent, in diesem Fall oft auch Frauen, mit zwei gewichtigen Schandsteinen behangen durch die Straßen geführt wurde, wobei er dem Spott der Einwohner ausgesetzt war. Andere kamen zum Gespött der Leute mit einem Halseisen festgebunden an den Pranger. Eine Nachbildung der Schandsteine, Schandmäuler darstellend, befindet sich an der dem Marktplatz zugewandten Front der Alten Waage. Der Pranger steht, nach altem Vorbild restauriert, wieder auf dem Marktplatz. Wer sich etwaszuschulden kommen ließ, wurde nach Verbüßung der Strafe nicht selten der Stadt verwiesen. Es war ihm bei Todesstrafe untersagt, jemals die Stadt wieder zu betreten. Damit er das sein Leben lang nicht mehr vergisst, wurde er vor dem Enser oder Lengefelder Tor von den Stadtknechten „mit Ruten gestrichen”. Er bekam also eine gehörige Tracht Prügel. Der Marktplatz war auch der Ort, an dem schwere Verbrechen gesühnt wurden. Alten Berichten zufolge wurde hier hauptet und verbrannt, vor allem Zeit der Hexenverfolgung Jahrhundert. Das letzte Urteil wurde im Jahr 1811 an einer Frau voll-streckt, die Bohnen gestohlen hatte. Sie wurde durch die Stadt geführt und anschließend für zwei Stunden an den Pranger gestellt.


Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.