Häuser in Korbach: Wittgenstein-Stiftung

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Jakob Wittgenstein verfügte bereits fünf Jahre vor seinem Tod in einem Testament, dass er seine Vaterstadt Korbach als Universalerbin einsetzt mit der Auflage verbunden, daß das Erbe als städtisches Sondervermögen verwaltet wird und von dem Geld ein Heim für alte, mittellose Leute geschaffen wird.

Ein großherziger Stifter

Neben der Hospitalstiftung und der Krankenhausstiftung (Rüdiger-Bangert-Stiftung) gibt es in Korbach noch eine dritte größere Stiftung, die „Jakob-Wittgenstein-Altersversorgungsanstalt”. Der am 1. April 1819 in Korbach geborene Jakob Wittgenstein, der zuletzt als Kaufmann in Berlin lebte, hatte einen beträchtlichen Teil seines Vermögens von seinen Eltern Simson und Rebecca Wittgenstein geerbt, aber auch im Laufe seines Lebens selbst erwirtschaftet. Er war das einzige Kind seiner Eltern. Da sein eigenes Kind früh verstorben war, hatte er bei seinem Tod am 3. Juni 1890 keine leiblichen Nachkommen. Bereits fünf Jahre vor seinem Tod verfügte er in einem Testament, dass er seine Vaterstadt Korbach als Universalerbin einsetzt. Diese letztwillige Verfügung war mit der Auflage verbunden, dass die Stadt Korbach das Erbe als städtisches Sondervermögen verwaltet und von dem Geld ein Heim für alte, mittellose Leute schafft.

Gern nahm die Stadt das Erbe an, zumal es sich nach Abzug einiger Legate und der Steuer um den für damalige Zeit recht ansehnlichen Betrag von etwa einer halben Millionen Mark handelte. Bürgermeister Meinecke fuhr nach Wittgensteins Tod selbst nach Berlin, um die Erbschaft in Empfang zu nehmen. Nachdem Gerichtsrat Dr. Waldeck der Stadt einen Bauplatz in der Enser Straße zur Verfügung gestellt hatte, konnte der Bau des Altersheims 1892 nach den Plänen des Baurats Queisner begonnen und 1894 vollendet werden.

Wittgenstein, der jüdischen Glaubens war, hatte bestimmt, dass entgegen damaliger Gepflogenheiten Geistliche bei der Verwaltung des Heims nicht mitwirken sollten. Zum Vorstand sollten ein Verwaltungsbeamter des Kreises, der Bürgermeister der Stadt Korbach, der Vorsitzende des Gemeinderats und zwei Bürger gehören. Letztere sollten alle fünf Jahre neu gewählt werden. Das Heim hatte zunächst zwanzig Plätze, später erhöhte sich die Zahl auf über vierzig. Die Betreuung übernahmen ein Diakonenehepaar und eine Pflegerin. Während die Bewohner des Hospitals, Enser Straße 9, zuihrer Betreuung einen eigenen Beitrag leisten mussten und auch konnten, kamen die des „Stifts”, Enser Straße 10, aus den ärmeren Bevölkerungsschichten und lebten weitgehend unentgeltlich in ihrem Heim. Die kostenlose Unterbringung war allerdings nicht mehr möglich, nachdem die Stiftung während der Zeit der Inflation in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Großteil ihres Kapitalvermögens verloren hatte.

Während des „Dritten Reiches” wurden auf Anordnung der Regierung die Satzungen der Stiftung geändert. Nichtarier durften nicht mehr aufgenommen werden. Der Name des jüdischen Stifters wurde nicht mehr genannt. Das Heim hieß jetzt „Städtisches Altersheim”. Erst nach dem 2. Weltkrieg erhielt die Stiftung ihren ursprünglichen Namen wieder zurück. An- und Ausbauten führten nach dem letzten Krieg dazu, dass die Belegung auf nahezu achtzig alte Menschen erhöht werden konnte, die in vierundfünfzig Zimmern untergebracht waren. Nach fast neunzigjähriger Benutzung des Hauses erwies sich die Unterbringung als nicht mehr zeitgemäß. Die Bewohner zogen gemeinsam mit denen des Hospitals 1984 in das neu eingerichtete Altersheim am Nordwall um. Während im Hospital die Jugendherberge eine neue und bessere Unterkunft fand, stand das Wittgenstein-Haus zunächst leer. Erst nachdem die Stiftungssatzung, die ja eine Nutzung als Altersheim bestimmte, geändert worden war, konnte das Haus einer neuen Zweckbestimmung zugeführt werden. Es wurde festgelegt, dass das Haus der Wittgenstein-Stiftung künftig für „Zwecke des Allgemeinwohls” zur Verfügung stehen soll. Seitdem befindet sich hier die Verwaltung der städtischen Hessen-Klinik. Nach einer Renovierung und baulichen Umgestaltung zogen 1997 außerdem zwei Gruppen eines neuen Kindergartens ein.

Wohltätige Familie Wittgenstein

Nicht nur Jacob Wittgenstein tat sich als wohltätiger Stifter für die Stadt Korbach hervor. 1821 stiftete sein Großvater, der Hofaktuar Moses Meier Wittgenstein, 100 waldeckische Taler. Die Zinserträge sollten alljährlich amJahrestag seiner Beerdigung an Arme verteilt werden. 1884 stifteten die Eltern des Jacob Wittgenstein, Simson und Rebecca Wittgenstein, 15 000 Mark. Die Zinsen kamen bedürftigen Schülern des Korbacher Landesgymnasiums zugute. Schließlich vermachte 1906 die Cousine Jacobs, Johanna Rosenbaum, geb. Wittgenstein, der Wittgenstein-Altersversorgungsanstalt einen ansehnlichen Betrag.

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.