Häuser in Korbach: Waldeccia

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die für die Errichtung des Denkmals nötigen finanziellen Mittel sollten durch Sammlungen, Spenden, Verlosungen und Benefizveranstaltungen aufgebracht werden.

Siegesstatue aus der Kaiserzeit

Was den Deutschen die Germania und den Bayern die Bavaria, das ist den Waldeckern ihre Waldeccia. Während ihre preußisch-deutschen und bayerischen Schwestern im deutschen Kaiserreich bald zur Dutzendware verkamen, existiert die Waldeccia nur in einem einzigen Exemplar. Sie steht seit mehr als hundert Jahren in Korbach, und zwar zwischen Stechbahn und Kilianskirche. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, der mit einem Sieg der deutschen Länder, der Gefangennahme Kaiser Napoleons und der Grün-dung des 2. Deutschen Reiches endete, schössen die Sieges- und Bismarckdenkmäler überall in Deutschland nur so aus dem Boden. Auch in Korbach erachtete man es als vaterländische Pflicht, ein Denkmal zur Erinnerung an den Sieg, aber auch als Ehrenmal für die in diesem Krieg gefallenen Soldaten zu errichten. 1881 wurde ein Komitee gebildet, in dem der Kriegerverein Korbach, die Bürgermeister des Eisenberger Kreises und Kreisamtmann Giesecke als Vertreter des Kreises vertreten waren. Die für die Errichtung des Denkmals nötigen finanziellen Mittel sollten durch Sammlungen, Spenden, Verlosungen und Benefizveranstaltungen aufgebracht werden. Die veranlagten 4500 Mark kamen tatsächlich bald zusammen.

Unter mehreren Angeboten entschied man sich schließlich für einen Entwurf des aus Adorf stammenden Bildhauers Ernst Paul, der in Dresden sein Atelier betrieb. Der Adorfer Lehrersohn hatte nach Schul- und Lehrzeit in Arolsen die Dresdener Kunstakademie besucht und war dort Schüler von Prof. Schilling, einem Rauch-Schüler, gewesen, bevor er in Dresden sein eigenes Atelier eröffnete. Er widmete sich zunächst vorwiegend der kirchlichen Kunst, wobei er Reliefs und Skulpturen für die Dresdener Kirchen schuf, dann aber auch Denkmäler für bekannte Persönlichkeiten wie Gutenberg, Fritz Reuter und andere. Eine seiner Luther-Statuen steht in der Adorfer Kirche. Pauls Entwurf sah eine gepanzerte Waldeccia vor, den Siegerkranz in der erhobenen Rechten, in der Linken ein Schild mit dem Waldecker Stern. Das den Korbachern im Entwurf etwas zu niedrig geratene Fundament musste nachgebessert, das heißt imposanter gestaltet werden. Auf ihm wurden schließlich die Namen der siebenundzwanzig Gefallenen, darunter fünf aus Korbach und zweiundzwanzig aus anderen Orten des Eisen-berger Kreises angebracht. Auf der Rückseite befindet sich die Inschrift: „Gewidmet den Kriegern des Kreises Eisenberg die ruhmvoll fürs Vater land starben”, und auf der Vorderseite „ Wer da fällt in seiner Pflicht fällt wenn Gott gebeut steht in Ewigkeit”. Da keine Satzzeichen gesetzt sind, fällt es heute schwer, den Sinn dieser Inschrift zu ergründen.

Nach der Fertigstellung wurde das 350 Zentner schwere Denkmal aus französischem Kalkstein mit Fuhrwerken aus Korbach und umliegenden Dörfern vom Bahnhof Bredelar nach Korbach transportiert. Vor der Einweihung war es jedoch zu einem Streit um den Standort des Dankmals gekommen. Der ursprüngliche Plan, das Denkmal auf dem Eisenberg zu errichten, war schon bald verworfen worden. Bis kurz vor der Aufstellung war der Marktplatz als Standort vorgesehen. Erst im März 1878, also ein halbes Jahr vor der Einweihung, beugte man sich dem Bürgerwillen und einigte sich auf den heutigen Standort. Dieser Platz war Ende 1873 erst frei geworden. Bis dahin hatte hier die Contzen‘sche Apotheke gestanden, die im November 1873 mit einigen umliegenden Gebäuden abgebrannt war. Am 2. September 1878, am „Tag von Sedan”, der im Kaiserreich in Erinnerung an die siegreiche Schlacht von Sedan als Feiertag begangen wurde, fand die feierliche Einweihung des Denkmals statt. Der Festakt vollzog sich unter starker Anteilnahme der Bevölkerung und der Kriegervereine. Auch mehr als hundert Kriegsteilnehmer waren gekommen. Ein Festzug durch die Stadt mit Kapellen und Vereinen schloss sich an. Er führte zum Schmalz‘sehen Felsenkeller, wo man, wie die Zeitung schrieb, „bei gar froher Feststimmung in ungestörter Gemütlichkeit beisammen blieb”.

Seit 123 Jahren steht die Waldeccia auf ihrem Platz mit Blick zum Rathaus. Wiederholt gab es Stimmen, die ihren Abbau verlangten, da ein solches Denkmal in Form und Bestimmung nicht mehr dem Zeitgeschmack entspricht. Ob kommende Generationen der Waldeccia eine Chance einräumen, bleibt abzuwarten. Sie hat eine Zukunft, wenn wir sie als kunstgeschichtliches Zeugnis aus der „glorreichen” Zeit des Kaiserreichs sehen, nicht aber als ein Denkmal der Heldenverherrlichung, sondern als Mahnmal zu Frieden und Versöhnung. Im Sommer 2002 erlebte die Waldeccia eine gründliche Renovierung. Vom jahrzehntealten Schmutz befreit, strahlt sie nun wieder in ihrem alten Glanz.

Sprengung riss Waldeccia den erhobenen Arm ab

In den Jahren 1937/38 wurden die Häuser der Stechbahn an das öffentliche Kanalsystem angeschlossen. Die Tiefbauarbeiten wurden von der Korbacher Firma Fr. Fisseler ausgeführt. Wie später bei den Erdarbeiten für das neue. Museum stieß man auch damals in der unteren Stechbahn auf stark felsigen Untergrund. Während man heute mit starkem Baugerät dem Gestein zu Leibe rücken kann, gab es 1937 nur die eine Möglichkeit: Es musste gesprengt werden. Ob nun der Sprengmeister es mit der Ladung zu gut gemeint hatte, ob der Fels doch nicht so hart war wie zuvor angenommen, oder ob man es mit der Absicherung nicht so genau genommen hatte, lässt sich heute mit Sicherheit nicht mehr feststellen. Jedenfalls muss wohl die Explosion außer Kontrolle geraten sein. Sie wirkte sich aus wie ein mittlerer Bombeneinschlag, so dass die Gesteinsbrocken durch die Gegend flogen. Was die Waldeccia damit zu tun hat? Die Explosion hatte ihr den stolz gen Himmel gerichteten Arm mitsamt dem Eichenkranz zerfetzt. Das Entsetzen war groß und guter Rat teuer, denn Arm und Kranz waren unrettbar verloren. Es musste also etwas geschehen. Mit einer Waldeccia, die ohne Siegespose nur noch so dasteht, konnte man keinen Staat mehr machen. Hilfe kam endlich durch den bei der Korbacher Post beschäftigten Wilhelm Kaltenborn. Der gelernte Steinmetz nahm sich in seiner Freizeit der Sache an, und es dauerte nicht lange, bis der Waldeccia ein neuer Arm mit Eichen- kranz anmontiert werden konnte. Ob die Waldeccia bei diesem Unglück oder bei einer anderen Gelegenheit auch ihre ursprünglich vorhandenen Krone verloren hat, konnte nicht mehr geklärt werden. Wilhelm Kaltenborn musste im zweiten Weltkrieg noch Soldat werden. Er kam 1945 in ein Gefangenenlager in Rheinberg am Niederrhein, wo er schwer erkrankte. Am 8. August 1945 ist er in einem Lazarett in Kamp-Lintfort verstorben. Er wurde dort auch begraben.

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.