Häuser in Korbach: Untere Stechbahn

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Auf der Stechbahn sollen früher Reiterturniere mit Lanzenstechen stattgefunden haben. Einige später hier gefundene Hufeisen, Sporen und Steigbügel weisen darauf hin. Die Fundstücke befinden sich heute im Museum.

Ein Spiegel der Stadtgeschichte

Die Stechbahn war im Mittelalter die Hauptstraße der Korbacher Altstadt. Sie nahm ihren Ausgang am alten Lengefelder Tor, das sich damals neben dem 1377 erbauten Rathaus befand, und endete am Altstädter Marktplatz. Das alte Tor hatte seine Bedeutung verloren, nachdem sich im Westen der Altstadt eine Neustadt gegründet hatte, die sich prächtig entwickelte, vor allem aber auch nach der Vereinigung beider Städte. Erst Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Tor abgebrochen. Auf der Stechbahn sollen früher Reiterturniere mit Lanzenstechen stattgefunden haben. Einige später hier gefundene Hufeisen, Sporen und Steigbügel weisen darauf hin. Die Fundstücke befinden sich heute im Museum.

Fast alle Häuser wurden beim großen Brand von 1664 ein Raub der Flammen. Einige wurden total, andere zum großen Teil zerstört. Der Brand war im unteren Teil der Stechbahn, im Haus neben der „Waage” ausgebrochen und breitete sich dann nahezu auf die ganze Altstadt aus.

In die einst im Mittelalter reiche und blühende Stadt war im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges allenthalben Armut eingekehrt. Erst nach und nach entstanden Neubauten, die allerdings nicht alle lange Bestand hatten. Einige Häuser an der unteren Stechbahn sind bereits die zweite Generation nach dem großen Brand. Das Haus Nord (rechts im Bild) entstand 1894. An gleicher Stelle war das Haus des Conrad Krösen (Krause) 1664 niedergebrannt. Hier baute um 1670 der Pfarrer Johannes Scriba ein neues Haus. Später gehörte es dem Stadtphysikus Dr. Henrich Varnhagen, dessen Sohn, der bekannte Erforscher heimatlicher Geschichte und spätere Kirchen- und Schulrat Dr. Joh. Adolf Th. Ludwig Varnhagen, 1753 hier geboren wurde. Ab 1851 hatte Wilhelm Nelle in diesem Haus ein Uhrmachergeschäft, das später in die Prof.-Kümmell-Straße verlegt und erst kürzlich aufgegeben wurde.

Das nächste Haus in dieser Reihe, das heutige Gasthaus „Kilian”, wurde Anfang der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts von Metzgermeister und Waagenwirt Henrich Wilhelm Range erbaut. Sein Sohn, Land- und Gastwirt Wilhelm Range, war zweimal Schützenkönig und spielte im öffentlichen Leben der Stadt eine bedeutende Rolle, bevor mit ihm 1918 diese geachtete Familie im Mannesstamm ausstarb. Im Haus der Gastwirtschaft befand sich früher ein Saal, der von mehreren Korbacher Vereinen als Vereinslokal benutzt wurde. Die älteren Korbacher erinnern sich gern an die gemütliche Altstadtkneipe, die hier von der Familie Schönhard-Steuber betrieben wurde. Das nach dem großen Brand an dieser Stelle errichtete Haus war um 1690 von Johannes Hennen erbaut worden. Die späteren Besitzer betrieben hier eine Metzgerei, Schmiede und Schreinerei. Das benachbarte kleinere Fachwerkhaus ist vermutlich 1736 von Adam Bornemann aus Stormbruch erbaut worden. Nach verschiedenen Vorbesitzern, darunter Schuhmachermeister Johann Leonhard Bohne, Postillion Johann Franz Schneider, Schieferdecker Wilhelm Daubert und dessen Sohn, der später nach Amerika auswanderte, erwarb der Lackierer und Tapezierer Friedrich Nordheim das Anwesen. Von ihm kaufte es Frau F. Heinemann, die hier ein Zigarrengeschäft betrieb. Das Malergeschäft übernahm 1893 der Malermeister Hermann Nieschalk. Kaufmann August Ellrich richtete 1933 in diesem Haus ein Lebensmittelgeschäft ein, das nach dem letzten Krieg aufgegeben wurde. A. Ellrich war schon früher als Lokführer zur Bahn gegangen. Heute ist das Haus nur noch Wohnhaus. Es ist im Besitz von Ellrichs Erben, der Familie Fiedel. Um 1740 ließ Catharina Elisabeth Unger, Witwe des verstorbenen Chirurgen und Feldschers Friedrich Unger, das heutige Haus Stechbahn 30 bauen. Ihre Tochter hatte 1734 den Advocaten Ernst Adam Bussius geheiratet, der allerdings schon im Alter von 39 Jahren verstarb. In zweiter Ehe war sie verheiratet mit dem späteren Hauptmann Johann Henrich Knippschild, der im 1. Fürstl. Waldeckischen Regiment in den Diensten der Vereinigten Niederlande stand. Im Korbacher Häuserbuch zitiert Hermann Thomas das Altstädter Kirchenbuch aus dem Jahr 1783, das diesen wackeren Kriegsmann so charakterisiert: „Ein Mann, der ohne Religion gelebet und der ohne Glaube und Vorbereitung zur Ewigkeit gestorben ist”. Immerhin überlebte er seine erste Frau und heiratete später Caroline Loessel. „Sie war Jungfrau bei da gräflichen Herrschaft in Bergheim”. Nächste Hauseigentümer waren Dorothea Lambrecht (1784), Advocat und Justizamtmann Karl Friedrich Waldeck (1808), Regierungs-Advocat und Gerichtsprocurator Carl Merle (1820) und schließlich Schlossermeister August Henrich Limperg (1869). Seit dieser Zeit ist das Haus bis heute im Besitz der Familie Limperg. Im Korbacher Museum kann man heute noch eine in der Maschinenfabrik Limperg hergestellte Waschmaschine aus dem Jahr 1891 bewundern. Das letzte Haus auf unserem Foto ist die heutige Altstadtbäckerei Tent. Dieses dreigeschossige Fachwerkhaus mit Zwerchhaus wurde um 1715 von Hofrat Philipp Henrich Gräffe erbaut. Gräffe war Landrichter des Amtes Eisenberg und Hofrat am Hofgericht in Korbach. 1744 erwarb Kaufmann und Ratsmitglied Jost Henrich Graf das Anwesen. Seine Schwiegermutter hatte vier Jahre zuvor das benachbarte Haus, das heutige Haus Limperg, erbauen lassen. Nur für ein Jahr war dann der Advocat Johann Justus Huge Besitzer. Von ihmübernahm 1751 der Buchdrucker Johann Henrich Lorich das Haus. Bereits sein Vater war Buchdrucker gewesen. Auch sein gleichnamiger Sohn setzte die berufliche Tradition fort. In seiner Druckerei wurden bedeutende Schriften gedruckt, so z.B. die Programme des Korbacher Gymnasiums, außerdem die älteste waldeckische Zeitschrift „Versuche in den schönen Wissenschaften, eine Monatsschrift von einigen Waldeckern”. Von der Zeitschrift „Waldeckische Beyträge zum Vergnügen des Verstandes und des Herzens” erschienen allerdings nur vier Hefte. Daneben wurden hier zahlreiche pädagogische, philosophische und sprachwissenschaftliche Schriften, außerdem der Waldeckische Kalender gedruckt. Nach dem Tod Johann Henrich Lorichs d.J. (1794) kaufte Hof- und Regierungsbuchdrucker Johann Jakob Weigel die Korbacher Druckerei und setzte die Tradition in seiner Mengeringhäuser Druckerei fort. Lorichs Witwe heiratete in zweiter Ehe den Silbermacher Wilhelm Postelmann. Er und sein Sohn sind die nächsten Besitzer des Hauses. 1892 kommt mit Friedrich Saake der erste Bäckermeister ins Haus. Haus und Bäckerei übernimmt 1901 Christian Schönhard. Von ihm kaufte es 1906 Karl Tent. Sein Sohn Walter war Besitzer und Betreiber der Bäckerei ab 1951. Heute werden Altstadtbäckerei und -cafe von dessen Sohn Gerhard und seiner Frau betrieben.

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.