Häuser in Korbach: St. Nikolai

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Turm der Nikolaikirche

Die St. Nikolaikirche ist eine der beiden großen mittelalterlichen Kirchen in Korbach.

Sie war die Pfarrkirche der Neustadt und wurde anstelle der vorherigen St. Nikolauskapelle (1359 bis 1450) erbaut. 1359 wurde der Turm errichtet. Das Schiff und der Chor wurden erst 100 Jahre später errichtet und gegen 1460 vollendet.

Ex-„Filiale” mit schiefem Turm

Voller Neid mögen die Neustädter im Jahre 1335 zu ihren altstädter Mitbürgern hinüber geschaut haben, als diese sich anschickten, auf dem Hügel oberhalb ihres Marktplatzes eine größere Kirche zu errichten. Altstadt und Neustadt waren damals noch zwei durch eine Mauer voneinander getrennte Gemeinwesen, jedes mit einem eigenen Rat und Bürgermeister. Die Vereinigung beider Städte erfolgte erst 1377. Die Neustädter verfügten zu dieser Zeit zwar über ein Gotteshaus, eine dem hl. Nikolaus geweihte Kapelle, die aber den Anforderungen ihrer Zeit im Hinblick auf Größe und angemessene Repräsentanz nicht mehr entsprach. Man beschloss daher, an deren Stelle eine große Kirche zu bauen. Auch sie sollte dem hl. Nikolaus, dem Schutzpatron der Kaufleute, geweiht sein. Nikolaus war Bischof von Myra in Kleinasien gewesen. Der Überlieferung nach war er ein Freund der Kinder, die heute noch, auch in Korbach, an seinem Gedenktag, dem 6.Dezember, als kleine „Nikoläuse” verkleidet von Haus zu Haus gehen und dort Geschenke erbitten. Während man den Bau der Kilianskirche mit dem Chor begonnen hatte, wurde beim Bau der Nikolaikirche zuerst der Turm errichtet.

Beide Türme lassen unschwer eine enge Verwandtschaft erkennen, so dass man davon ausgehen kann, dass wohl derselbe Baumeister, Kurt Boles aus Köln, hier am Werke war. Sie haben ihr Vorbild zweifellos in der St. Patrokluskirche in Soest und entsprechen somit in ihrer Größe, Schwere und Wucht dem westfälischen Typus der Gotik. Eine Inschrift über dem Westportal des Nikolaiturmes „anno Domini MCCCLIX maria” (1359) nennt vermutlich das Jahr des Baubeginns. Nach Fertigstellung erhielt der Turm ein schlankes, achteckiges, spitzes Dach. Das heutige Dach ist nicht das ursprüngliche. Es musste zweimal nach Bränden, vermutlich durch Blitzschlag entstanden, erneuert werden. Das jetzige Dach stammt aus dem Jahr 1702.

„Warum ist der Turm schief?”, fragen nicht nur die Korbacher. Zweifellos hat man aus statischen Gründen dem Turmdach eine Neigung gegen Westen, der in Korbach vorherrschenden Windrichtung, gegeben, um dem Turm eine stärkere Standsicherheit zu verleihen. Der ursprünglich vorhandene Umgang unterhalb des Turmdaches wurde 1725 wegen Baufälligkeit abgenommen und nicht wieder ersetzt. Nachdem der Turm errichtet war, ruhte die Bautätigkeit an der Nikolaikirche für etwa 100 Jahre. Vermutlich hatte man sich finanziell übernom-men. Doch dann kam unerwartete Hilfe. Nach einer Stiftung der Gräfin Elisabeth, Witwe des Grafen Johann von Ziegenhain und Nidda, konnte der Bau des Chores und des Kirchenschiffs in Angriff genommen werden. Gräfin Elisabeth war eine Tochter des Grafen Heinrich VII. von Waldeck. Die Vollendung der Kirche, 1460, wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne eine weitere großherzige Stiftung. Der aus Korbach stammende Kölner Bürger Johannes Rinck stiftete 6000 rheinische Gulden, einen für damalige Zeiten sehr ansehnlichen Betrag.

Innenansicht

Der Kirchenbesucher findet heute ein fast unverändertes Gotteshaus vor. Es ist, wie auch die Kilianskirche, eine dreischiffige Hallenkirche. Während dort ein fast quadratischer Zentralbau beeindruckt, finden wir in St. Nikolai ein Langhaus mit eindeutiger Betonung der Längsachse. Die beiden Seitenschiffe sind im Verhältnis zum Mittelschiff außerordentlich schmal. Die Holzemporen in beiden Seitenschiffen sind erst nach 1602 eingebaut worden. Während die Kilianskirche ganz eindeutig ein gotischer Hallenbau vom westfälischen Typus ist, entspricht nur der Turm der Nikolaikirche diesem westfälischen Typ. Chor und Kirchenschiff hingegen müssen der hessisch-fränkischen Ausprägung der Gotik zugeordnet werden. Ursprünglich war die Nikolaikirche lediglich eine Filiale der Kilianskirche. Nach Einführung der Reformation wurden 1544 die Verwaltung des Kirchenvermögens sowie Schul- und Fürsorgeangelegenheiten in Korbach neu geordnet. Dabei änderte sich auch der Status der Nikolaikirche. Sie wurde der Kilianskirche gleichgestellt, der Pfarrer erhielt den gleichen Rang und es konnte am Sonntagvormittag zur gleichen Zeit ein Hauptgottesdienst gehalten werden. Berthold Cael, der bis dahin Pfarrer an St. Kilian war, wurde ab 1544 der erste evangelische Pfarrer an St. Nikolai. Erst 1967 wurde die Nikolaigemeinde in zwei Pfarrbezirke aufgeteilt.

Die Stiftungen des Johannes Rinck für Korbach

Altarraum

Der Korbacher Johannes Rinck wanderte An fang des 15 Jahrhunderts nach Köln aus. Als Kaufmann brachte er es dort zu hohem Ansehen und großem Vermögen. Sein Sohn Hermann und seine beiden Enkel Johann und Adolf waren im 15. und 16. Jahrhundert Bürgermeister in Köln. Über den späteren Verbleib der Familie ist in Köln nichts mehr zu erfahren. Johannes Rinck stiftete zunächst 6000 Gulden (1450), dann noch einmal 520 Gülden (1461). Die erste Stiftung war für die Fertigstellung der Nikolaikirche bestimmt, die zweite ein Geschenk an den Rat der Stadt Korbach. Diese Stiftung war von Erzbischof Dietrich von Köln als Administrator des Bistums Paderborn genehmigt worden. Von den anfallenden Zinsen sollte jedes Jahr einmal eine Seelenmesse für den Stifter und seine Familie bezahlt werden. Außerdem wurden Beträge für einzelne Priester und Lehrer sowie zur Ausbesserung der Glocken und Glockenseile festgelegt. Falls die Korbacher Priester der Verpflichtung, die jährliche Seelenmesse zu halten, nicht nachkommen, sollte diese in Flechtdorf gehalten werden. Der Stiftungsbetrag musste dann aber auch nach Flechtdorf überwiesen werden. Im Jahr 1467 gab es noch einmal 700 rheinische Gulden, diesmal für das Hospital in Korbach, dessen Plätze von sechs auf zwölf erhöht wurden. Diese Stiftung geht zurück auf eine letztwillige Verfügung. Sie wurde am 8. April 1467 von Bischof Simon III. von Paderborn bestätigt und von Johannes Sohn, dem Magister Peter Rinck, Doktor beider Rechte zu Köln, nach dem Tode des Vaters ausgeführt. Sie sollte vor allem den Korbacher Verwandten des Stifters zugute kommen. Zinsen aus dem Stiftungsbetrag waren für das Siechenhaus bestimmt. Das Korbacher Siechenhaus erfährt in Rincks Stiftungsurkunde seine erste Erwähnung. Vermutlich hatte es aber schon seit Jahren bestanden. Die mittelalterlichen Siechenhäuser standen wegen der hohen Ansteckungsgefahr, die von ihnen ausging, immer außerhalb der Stadt. Das Korbacher „Malatenhuys” für aussätzige Kranke befand sich vor dem Dalwigker Tor.

Hochaltar

Altarbild - Marienaltar

Das wohl augenfälligste Kunstwerk der Nikolaikirche ist zweifellos der Hochaltar. Während wir in der Kilianskirche einen Passionsaltar vorfinden, dessen Altarbilder das Leiden und Sterben Jesu darstellen, handelt es sich in der Nikolaikirche um einen Christgeburtsaltar mit Szenen aus der Weihnachtsgeschichte. Man bezeichnet ihn auch als Marienaltar, da auf dem Altarbild von 1518 Maria, die Mutter Jesu, eine hervorragende Stellung einnimmt.

Vom Maler beider Flügelaltäre, einem Mönch aus dem Korbacher Franziskanerkloster, stammen auch das ursprünglich in Korbach beheimatete Altarbild in der Kirche zu Niederwaroldern und die Kalvariendarstellung in St. Pantaleon zu Köln. Auch Altarbilder für westfälische Kirchen und drei weitere, die sich heute im Landesmuseum Münster befinden, werden dem Korbacher Franziskanermaler zugeschrieben. Seinen Namen allerdings kennen wir nicht.

Das Kruzifix mit einem überdimensionierten, triumphierenden Christus ist eine naturalistische Darstellung des Erlösers aus der Zeit der Spätgotik um 1500. Ein großflächig ausgeführtes Wandbild des hl. Christophorus befindet sich über der Empore an der Nordwand. Es stammt wohl aus der Entstehungszeit der Kirche. Die bildlichen Reliefs der Gewölbeschlusssteine zeigen in Mittelschiff und Chor den achtstrahligen Waldecker Stern, den Schlusssteinring, Christus als Ecce Homo, das Meisterzeichen O.T., das Wappen von Korbach sowie Christus als den Weltenrichter auf dem Regenbogen.

Die Schlusssteine in den Seitenschiffen stellen die Leidenswerkzeuge Christi dar: Dornenkrone, drei Nägel, Hammer und Zange, Rute und Geißel, Kreuz, Martersäule, Rohr mit Essigschwamm und Speer und schließlich den Beutel des Judas mit Silberlingen. Zur weiteren kunsthistorisch interessanten Ausstat-tung der Kirche gehören ein Wandbild mit Maria und Johannes unter einemaus Holz geschnitzten Kruzifix, außerdem die ebenfalls aus der Entstehungszeit der Kirche stammende Kanzel mit einer Tür aus dem Jahr 1567, in die ein Bibelwort in lateinischer Sprache eingeschnitzt ist: Domine, quis credidit auditui nostro, Jes.53,1 (Herr, wer glaubt unserer Predigt?). Zu erwähnen ist auch die Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts renovierte Orgel mit ihrem Prospekt aus dem Jahre 1744.

Gruft

Grabmal in St. Nikolai

Wenig bekannt ist, dass die Nikolaikirche, die sich ja in unmittelbarer Nähe des gräflichen Stadtschlosses befand, im 16. und 17. Jahrhundert als gräflich und fürstlich waldeckische Begräbnisstätte diente. Bei einer Neuplattung des Chores und der Anlage von Heizungskanälen stieß man im August 1895 auf die Gewölbe der Gruft. Prof. Albert Leiß berichtet in den Geschichtsblättern für Waldeck, Jahrgang 1928, von mehreren Begehungen dieser 1640 ange-legten und um 1700 nach Aussterben der neueren Eisenberger Linie wieder geschlossenen Gruft. Über eine kleine Treppe in der Nähe des kleinen Altars sei man auf zwei Grabgemächer mit Tonnengewölben gestoßen. Gefunden wurden dort zahlreiche Zinnsärge, aber auch zum Teil verfallene Holzsärge, sowie mehrere Kindersärge. Durch die Auffindung beigegebener vergoldeter Erkennungsplatten, vor allem aber durch die Inschriften der Särge konnten diese den Verstorbenen zugeordnet werden. „Es war eine mühevolle Arbeit, in der düsteren Gruft, bei mangelhafter Beleuchtung, die Inschriften und bildlichen Darstellungen der Särge aufzunehmen, während gleichzeitig Arbeiter diese reinigten und neu verlöteten. Nachdem alles instand gesetzt war, wurde im Herbst 1895 die Gruft wieder geschlossen und die Platte über dem Eingang mit Gement verschmiert.” Durch ihre Größe und Schönheit fielen damals die Särge des Fürsten Georg Friedrich und seiner Gemahlin auf, „die auf Kugeln in Adlerkrallen ruhen und neben den Wappen auch eingravierte reiche Darstellungen anderer Art aufweisen.” (Leiß)

Das auffallendste Zeugnis barocker Bildhauerkunst befindet sich an der Nordwand des Chores. Es ist das Grabmahl für den wohl bedeutendsten waldeckischen Regenten, Fürst Georg Friedrich von Waldeck (1620 -1692). Das kurz nach dem Tod des Fürsten von Heinrich Papen in Giershagen (Westfalen) geschaffene und von dem Mengeringhäuser Goldschmied und Graveur Heinrich Esau entworfene Denkmal reicht fast bis zum Deckengewölbe des Chores. Es zeigt in seinem Zentrum den Fürsten als Feldmarschall hoch zu Ross. Als Verstorbener ruht er auf einem wuchtigen Sarkophag. Neben üppigen barocken Ausschmückungen finden wir vier weibliche Figuren, die Tugenden Hoffnung, Klugheit, Gerechtigkeit und Treue darstellend, Palmbäume mit den Namen verstorbener Familienmitglieder des Fürsten und Statuen von Soldaten, darunter auch Türkenkrieger. Das in Marmor, Alabaster und Sandstein ausgeführte Grabdenkmal wurde noch im Todesjahr des Fürsten von seiner Gemahlin Elisabeth Charlotte von Nassau-Siegen in Auftrag gegeben. Schon zwei Jahre später wurde sie an seiner Seite in der Gruft der Kirche beigesetzt.

Literatur

  • Peter Witzel, Der Marienaltar in der Nikolaikirche zu Korbach, Museumshefte Waldeck-Frankenberg - Heft 23

Serie und Autor

Orgel

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.

siehe auch