Häuser in Korbach: Obere Stechbahn

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Es handelt sich hier um Bauten, die Ende des 19. Jahrhunderts auf Brandstätten aus dem Jahr 1885 errichtet wurden. Eine Brandkatastrophe hatte am 14. August 1885 mehrere Häuser in Schutt und Asche gelegt.

Anmutige Folgen eines Brandes

Wer vom Rathaus kommend die Stechbahn betritt, stellt fest, dass die Straße auf beiden Seiten von Häusern gesäumt wird, die nicht so recht zum übrigen Straßenbild mit den alten Fachwerkhäusern passen. Es handelt sich hier um Bauten, die Ende des 19. Jahrhunderts auf Brandstätten aus dem Jahr 1885 errichtet wurden. Eine Brandkatastrophe hatte am 14. August 1885 mehrere Häuser in Schutt und Asche gelegt. Der Aufbau neuer Häuser wurde unverzüglich in Angriff genommen. So entstanden hier Neubauten, die natürlich im Stil ihrer Zeit, der so genannten „Gründerzeit”, errichtet wurden. Durch nachträglichen Auftrag von Putz änderten die Backsteinbauten ihr Gesicht. Sie zeigen sich heute als ein anmutiges Ensemble im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Häuser mit den Hausnummern 10 und 12 bilden ein Doppelhaus. Wer auf dem Grundstück Nr. 10 beim großen Brand von 1664 sein Haus verlor, kann nicht mehr festgestellt werden. Als ersten Besitzer des Neubaus nach jener ersten großen Brandkatastrophe finden wir ab 1707 Johann Jost Bennecke, den Verwalter des Burggutes in Lengefeld. Das Haus Nr.12 bewohnte 1664 Balthasar Berthold. 1745 wohnte hier der Kaufmann Johann Wilhelm Pann, der 1783 das benachbarte Haus Nr.10 kaufte. Beide Häuser waren auch 1785 noch in einer Hand. Sie gehörten Friedrich Eichhorn. Die Porträts seines Sohnes Carl Friedrich Eichhorn und dessen 2. Ehefrau Anna Magdalene befinden sich noch heute im Korbacher Museum. Nach verschiedenen Besitzern sind unter Friedrich Löwenstein seit 1912 beide Häuser wieder vereint. Löwenstein hatte 1910 die Tochter des Vorbesitzers und Hauserbauers F. W. Lückel, Hut- und Mützenmacher, geheiratet. Sein Enkel Friedrich führt heute mit seiner Frau in beiden Häusern das alte Hutgeschäft, natürlich in modernem Gewände, fort. Im Haus Nr.14, Besitzer Adolf Runde, befindet sich im Erdgeschoß eine Gaststätte. Ab 1933 hatte es dem Kaufmann Alfred Völker gehört, der hier ein Schuhgeschäft betrieb. Völker musste nach dem letzten Krieg an die Erben des jüdischen Vorbesitzers Louis Schartenberg einen größeren Teil des Kaufpreises noch einmal bezahlen. Das Haus wurde nach dem Brand 1885 von Buchbinder Garl Hintzmann erbaut. Das Grundstück hatte er von seinem Schwiegervater, dem Bäckermeister Heinrich Hartwig, übernommen. Das 1885 abgebrannte Haus war nach dem Brand von 1664 von Unterbürgermeister Otto Henrich Waldecker errichtet worden. Auch das nächste Haus ist ein Bau aus dem Jahr 1885. Es war auf einer Brandstätte von Kaufmann Bernhard Löwenstern errichtet worden. Von seinem Sohn Oskar übernahm es 1940 Kaufmann Friedrich Sprenger. Auch er musste nach dem Krieg an die Erben des jüdischen Vorbesitzers einen beträchtlichen Teil des Kaufpreises nachentrichten. Ursprünglich stand hier ein nach dem Brand von 1664 errichtetes Fachwerkhaus des herzoglich-braunschweigisch-celleschen Obersten Johann Martin Jäger von Rumpheld, der aus amburg stammte und 1677 vor Stettin gefallen ist. Nachbesitzer waren Johannes Schumacher und später sein Sohn Abraham, beide Mitglieder des Rates der Stadt.

Panik: Feuerregen über der Stadt

Brandkatastrophen hat es in alten Städten immer gegeben. Meist waren sie zurückzuführen auf unachtsamen Umgang mit offenem Feuer, mitunter auch auf Brandstiftung. Dass sie sich oft so verheerend auswirkten, hatte wohl mehrere Ursachen. In den mittelalterlichen Städten war die Anzahl der Baugrundstücke begrenzt. Da möglichst alle Bürger innerhalb der Stadtmauern einigermaßen sicher wohnen wollten, musste man eng zusammenrücken. Es wurde also so platzsparend wie möglich gebaut. In den alten engen Gassen stand Haus an Haus. Kein Wunder, dass sich der Brand eines Hauses, zumal bei starkem Wind sofort auf die ganze Straße, oft genug auch über einen ganzen Stadtteil ausbreitete. Bedenkt man, dass man für den Bau der Häuser vorwiegend Holz, Stroh, und Lehm verwendete, leuchtet ein, dass solche Häuser schnell ein Raub der Flammen werden konnten. Es gab zwar Vorschriften für den Umgang mit offenem Feuer, die jedoch oft genug nicht beachtet wurden. Alle Bürger waren verpflichtet, bei einem Brand unverzüglich Hilfe zu leisten. Das Bürgerrecht konnte man in Korbach nur erwerben, wenn man zuvor einen Ledereimer für den Transport von Löschwasser gespendet hatte. Löschwasserstand in den Kümpen zwar zur Verfügung, reichte oftaber nicht aus. Natürlich war die technische Ausstattung der Feuerwehr, gemessen am heutigen Standard, mehr als unzureichend. Der Waldeckische Anzeiger berichtet am 18. August 1885

„Von einem neuen Unglück, das unsere Stadt betroffen, habe ich zu berichten. Heute um V4 vor 10 Uhr Vormittag brach in der Scheune des Herrn Kaufmann Vesper, die allein mehr als 4000 Bunde Korn enthielt, auf bis dahin rätselhafte Weise Feuer aus, das bei heftigem Winde in kürzester Zeit auch die Nachbargebäude ergriff. Obgleich Hülfe schnell zur Hand war und mit Energie zugegriffen wurde, vermochte man doch der verheerenden Macht des so furchtbar entfesselten Elements nicht Herr zu werden. Ein wahrer Feuerregen ergoß sich über die halbe Stadt und die Aufregung der Bewohner steigerte sich zu wahrer Panik. Um 12 Uhr standen 14 Häuser, zum Theil entfernt von der ursprünglichen Brandstätte gelegen, in Flammen. Boten brachten die Schreckenskunde nach den benachbarten Gemeinden und auch der Telegraph spielte nach allen Richtungen, Hülfe herbeizurufen. Lengefeld, Lelbach, Berndorf, Nordenbeck, Ense, Mengeringhausen, Adorf, Goddelsheim, Eppe, Sachsenhausen und Itter eilten herbei (Die Rohder Spritze haben wir sonderbarer Weise nicht bemerkt). Nun erst war es möglich, den ausgedehnten Heerd des Feuers zu umstellen und dem Umsichgreifen Einhalt zu tun. Nachmittags traf zur Beruhigung manches besorgten Oemüths auch ein Offizier mit einem Commando Soldaten von 50 Mann aus Arolsen ein zur Aufrechterhaltung der Ordnung. In jedem Hause, in der Windrichtung gelegen, waren Wachen aufgestellt, etwa durch Flugfeuer entstehende Flammen im Keime zu ersticken. Eine ganze Anzahl Häuser sind auf diese Weise gerettet worden. Ein ungeheurer Trümmerhaufen zeichnet nun die Stelle, auf der noch vorwenigen Stunden schöne Häuser gestanden. 13 Familien beklagen den Verlust ihres alten, trauten Heims und des größten Theils ihrer Habe. Hart betroffen sind namentlich die, die nichts versichert hatten und denen schon der Hagel des Jahres Hoffnung vernichtet. - Menschenleben sind glücklicherweise nicht zu beklagen, doch haben einige, nicht unerhebliche Verletzungen davon getragen. ... Das war nun in einem Zeitraum von kaum 1 Jahr das sechste Brandunglück in den Mauern unserer sonst so friedlichen Stadt, und man möchte versucht sein an das Walten finsterer Mächte dabei zu glauben!”

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.