Häuser in Korbach: Kleine Altstadthäuser

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Fragt man einen einigermaßen stadtkundigen Korbacher nach dem kleinsten Wohnhaus in der Altstadt, so wird, wie die Erfahrung lehrt, auf das Haus im Tempel 3 verwiesen.

So groß wie ein Wohnzimmer.

Häuser sind wie Menschen. Es gibt repräsentative und unscheinbare, schmuckvolle und bescheidene, von kalter Sachlichkeit geprägte und urgemütliche, große und kleine. Unschwer könnte man solche Vergleiche fortsetzen. Natürlich glänzen nicht alle Häuser der Korbacher Altstadt durch Schönheit und große geschichtliche Bedeutung als erhabene Repräsentanten des Stadtbildes. Es gibt auch unscheinbare Häuser, die jedoch nicht minder interessant sind und doch auch zum Bild unserer schönen Stadt gehören. Fragt man einen einigermaßen stadtkundigen Korbacher nach dem kleinsten Wohnhaus in der Altstadt, so wird, wie die Erfahrung lehrt, auf das Haus im Tempel 3 verwiesen. Dies ist das schmale Wohnhaus in dem malerischen Winkel, wo sich die Straße zur Tränkestraße hin teilt. Es wirkt so zierlich, weil es an seiner schmälsten Seite nur wenig mehr als drei Meter breit ist. Der genaue Beobachter darf jedoch mutmaßen, dass es wohl noch kleinere Häuser in der Altstadt gibt. Nach einigem Suchen kann er tatsächlich fündig werden. Er stößt unter anderen auf Häuser wie Kilianstraße 8 oder Violinenstraße 8, die in der Tat noch kleiner sind als das vermutlich kleinste Haus im Tempel. Ein Blick in alte Katasterunterlagen gibt schließlich genaue Auskunft über die bebauten Grundflächen, die auf einem Lageplan des Stadtbauamtes ausgemessen und errechnet werden konnten. Wo in alten Unterlagen die Maße in „Fuß” angegeben waren, wurden sie in unser heutiges metrisches System umgerechnet, wobei ein „Fuß” etwa einer Länge von 0,31 Meter entspricht. Sicher zählten auch früher nicht alle Korbacher zu den betuchten Einwohnern. Es gab auch genügend Bürger, die sich beim Bau eines Hauses nach ihrem eher bescheidenen finanziellen Vermögen richten mussten. Zudem waren auch die räumlichen Möglichkeiten im ummauerten Teil der Stadt mitunter recht begrenzt. Das Haus im Tempel 3 gehört wohl zu den am meisten gemalten und fotografierten Häusern der Altstadt. Leider haben heute die Fotografen damit ihre Mühe, seitdem die Besitzer im kleinen Vorgärtchen einen Baum pflanzten, der, zumal im Sommer, einen großen Teil des Hauses verdeckt. Ursprünglich war dieses Haus mit seineretwa fünfzig Quadratmeter großen Grundfläche ein Anhängsel des Hauses im Tempel 1, mit dem es auch heute noch verbunden ist. Es diente als Wirtschaftsgebäude, vermutlich um 1662 als Schmiede des ersten nachweisbaren Besitzers Cunrad Schreuwangen, bis es 1741 zum Wohnhaus umgestaltet wurde. Besitzer war damals der Dechant der Schmiedeinnung, Schlossermeister Johann Leitig. Als Berufe der Nachbesitzer werden Schuhmacher, Schäfer, Wegewärter und Arbeiter angegeben. „Das Häuschen im Tempel” wurde 1825 unter Johann Christian Wilke, der aus Alleringhausen stammte, renoviert. Es genoss bis 1825 wegen „starker Reparatur Geschossfreiheit”. Eine weitere Renovierung erfolgte 1958. Der spätere Stadtverordnetenvorsteher Gustav Plutz hatte hier sein Zuhause. Das schräg gegenüberliegende Haus im Tempel 4 ist um ein weniges kleiner. Die Maße werden mit 24 mal 18 Fuß angegeben. Das entspricht einer bebauten Grundfläche von 42,4 Quadratmetern. Das Haus an der Nordseite der Kilianskirche, Kilianstraße 8, ist aber noch kleiner. Die angegebenen Maße von 21 mal 16 Fuß entsprechen einer Grundfläche von etwa 33 Quadratmetern, der Größe eines heutigen mittelgroßen Wohnzimmers. Als erster Besitzer wird um 1686 Metzgermeister Matthias Fredewald angegeben, dem auch das an der Stechbahn gelegene benachbarte Haus Nr. 13, das Haus „am altenstädter Kumpe” gehörte. Es ist zu vermuten, dass das kleine Haus in der Kilianstraße zunächst als Wirtschaftsgebäude diente. Sein Schwiegersohn Jeremias Happe unterhielt hier eine Schmiede. In der Nacht zum 12. September 1725 erstickten er und seine Frau durch selbstentzündete Schmiedekohle. Nach 1744 stand hier „die Schmitte von Jeremias Happen Kinder”. 1756 übernahm Johann Franz Berthold, Schuhmacher, das Anwesen. Seine Witwe ließ hier 1784 das heutige kleine Wohnhaus errichten. Deren Sohn, Besitzer seit 1794, fiel 1802 in der Scheune des benachbarten Apothekers Gontze von der Leiter zu Tode. Nach dessen Sohn Christian, als dessen BerufHutmacher und Schulpedell angegeben sind, kam das Haus nach sieben weiteren Zwischenbesitzern 1953 durch Einheirat an den aus Ostpreußen stammen-den Robert Kleta. Rechtzeitig zum Hessentag wurde das Haus in den Jahren 1996/97 von seinem Sohn Waldemar und dessen Frau liebevoll restauriert. Aufgrund alter Pläne wurde als vermutlich kleinstes Haus in der Altstadt das Haus Violinenstraße 8 ausgemacht. Die Fachwerkhäuser in der Violinenstraße wurden im 17. und 18. Jahrhundert, zum Teil auch erst im 19. Jahrhundet auf Plätzen erbaut, die zuvor als Hausgärten dienten. Nachdem die Stadtmauer ihre Bedeutung als Befestigungsanlage verloren hatte, durften die Häuser an die Stadtmauer gebaut werden. Auf der Rückseite sind sie direkt mit der Stadt- mauer verbunden. Nach einem gegen die Stadt geführten Prozess erhielten die Anwohner 1884 die Erlaubnis, Fensterdurchbrüche anbringen zu lassen. Für eventuelle Schäden, die dadurch an der Mauer entstehen könnten, wurden die Anwohner haftbar gemacht. Sie mussten daher ihre Gebäude mit einer Hypothek von zweihundert Mark zugunsten der Stadt belasten. Noch heute bezahlen die Hausbesitzer, die das Tageslicht für den rückwärtigen Teil ihres Hauses durch einen Fensterdurchbruch beziehen, aufgrund eines Gestattungsvertrages mit der jährliche Gebühr, gewissermaßen eine „Fenstersteuer”. Das zweieinhalbstöckige Fachwerkhaus Violinenstraße 8 wurde 1815, als die heutigen Namen noch nicht trug, als „Haus unter dem Heumarkt an der Stadtmauer” erbaut. Das Grundstück hat eine Größe von 39 Quadratmetern. Mit 30,25 Quadratmetern bebauter Fläche ist es wohl das kleinste Wohnhaus in der Altstadt. Es fiel deswegen so klein aus, weil der Garten des Musikanten Schneider (Violinenstraße 10), auf dem es errichtet wurde, nicht größer war. Seit wann es den Besitzern gestattet, war, vom Obergeschoss aus einen Teil der Stadtmauer zu überbauen und außerdem durch einen kleinen Anbau die bewohnbare Nutzfläche zu vergrößern, konnte nicht festgestellt werden. Man muss sich wundern, wie einst eine mehrköpfige Familie in solch beengten Verhältnissen miteinander leben konnte. Von den Nachkommen des Erbauers übernahm 1895 Heinrich Bohne, Klempner und Flurschütz, das Anwesen. Über neunzig Jahre blieb es im Besitz der Familie. 1986 kauften es die in Sachsenberg lebenden Eheleute Hans-Joachim und Elvira Dahlhaus. Durch Absenken des Fußbodens im Erdgeschoss gelang es Tochter Corinne in Eigenarbeit, das Haus für sie bewohnbar zu machen.


Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.