Häuser in Korbach: Gymnasialturnhalle

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„Seltsame Kirche” mit Kreuz

Als 1918 der 1. Weltkrieg zu Ende ging und die Monarchie in Deutschland aufgelöst wurde, waren die Waldecker bemüht, das ehemalige Fürstentum als selbstständige politische Einheit zu erhalten. Der 1919 gegründete Freistaat Waldeck war aber für kritische Beobachter der Entwicklung seit seiner Gründung bereits ein „Auslaufmodell”. Bevor Preußen 1929 den Freistaat übernehmen konnte, musste man den Waldeckern diese Übernahme zunächst einmal schmackhaft machen. Es gab aus Berlin erhebliche finanzielle Zuwendungen, die von den Waldeckern dankbar angenommen wurden.

Zu den „Geschenken” Preußens gehörten neben dem Neubau eines Finanzamtes, des Amtsgerichts und des Eichamtes in der Hagenstraße auch die Gymnasialturnhalle Hinter dem Kloster. Seit Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Turnen in Mode gekommen. Er wollte, dass durch „Turnkunst” die physische und moralische Kraft des Volkes, besonders der Jugend, gestärkt wird. Natürlich erreichten die Ideen und Bestrebungen des Turnvaters auch Korbach. In einem in lateinischer Sprache verfassten Anstaltsprogramm wies einer der Lehrer des Fridericianums, der heutigen Alten Landesschule, schon 1830 auf die Notwendigkeit der körperlichen Ertüchtigung der Jugend hin, „ut in corpore sano sit mens sana literisque exculta” (damit in einem gesunden Körper ein gesunder und in den Wissenschaften gebildeter Geist sei). Offenbar war aber die Zeit noch nicht reif dafür, Turnunterricht in der Schule einzuführen. Zwölf Jahre später gab jedoch das Fürstliche Konsistorium die Erlaubnis, für die Schüler des Gymnasiums eine „Turnanstalt” zu errichten. Da aus finanziellen Gründen an den Bau einer Turnhalle nicht zu denken war, gab es einen Turnunterricht, den Subkonrektor Deiß freiwillig und ohne Entgelt im Sommerhalbjahr auf einem Turnplatz neben der alten Klosterschule erteilte.

200 Taler für die Halle

1863 und 1864 hatten die waldeckischen Landstände 200 Taler zur Errichtung einer Turnhalle für das Gymnasium bewilligt. Dieser Betrag reichte natürlich bei weitem nicht aus, so dass man schließlich eine andere Lösung finden musste. Die waldeckische Regierung gab 1866 der Stadt Korbach einen Zuschuss für die Errichtung einer Turnhalle im Schießhagen unter der Bedingung, dass dem Gymnasium vertraglich eine Mitbenutzung zugesichert wird. Im Winter 1869 konnte zum ersten Mal in der neuen Turnhalle geturnt werden. Über mehr als sechzig Jahre diente dann den Korbacher Gymnasiasten diese Turnhalle an der Enser Straße als Sportstätte. Da die Halle aber auch von der Bürgerschule, der Höheren Töchterschule und den Vereinen benutzt wurde, nahm im Laufe der Jahre die Inanspruchnahme derart zu, dass es immer wieder Unzuträglichkeiten bei der Verteilung der Unterrichtsstunden gab, zumal in der Halle wöchentlich nahezu 1000 Jugendliche und Erwachsene turnten. Aus diesem Grund wurde schließlich der alte Plan, für das Gymnasium eine eigene Turnhalle zu errichten, neu überdacht. Durch Unterstützung des letzten Landesdirektors, Präsident Dr. Schmieding, und des Waldeckischen Landtags, außerdem und vor allem durch Bewilligung der erforderlichen finanziellen Mittel durch das Land Preußen konnte der Plan verwirklicht werden. Oberbaurat Quehl hatte die schwierige Aufgabe, die Turnhalle so zu gestalten, dass sie auch als Festhalle benutzt werden konnte. Außerdem sollte in schoss ein Zeichensaal eingerichtet werden. Am 6. August 1928 der erste Spatenstich. Aus heimischem Kalkstein wurde im alten Katen und zum Teil auf einem von der Familie von Hanxleden erworbenen Grundstück ein repräsentativer Bau errichtet, der am 21. August geweiht wurde.

Um einen Zugang von der Kalkmauer aus zu erhalten, wurde die Stadtmauer durchbrochen. So entstand die heutige „Klosterpforte”. Ein Weg, der von der Straße Hinter dem Kloster östlich der Schule bis zur Klosterstraße führte, war schon früher eingezogen worden. Heute wird die Turnhalle von der Berufsschule und von verschiedenen Vereinen genutzt. Im alten Zeichensaal befanden sich nach dem letzten Krieg die Büroräume der Spruchkammer, die für Korbach und Umgebung die so genannte Entnazifizierung durchzuführen hatte. Später entstanden dort Übungsräume für die Schule. An der repräsentativen Giebelseite der Turnhalle brachte man ein großes Turnerkreuz an, bestehend aus den bekannten vier „F”, die den Wahlspruch des Turnvaters Jahn symbolisieren :„Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei”. Nicht selten wollen Touristen wissen, wenn sie vom Nachtwächter in der Prof.-Bier-Straße auseinen Blick durch das „Hinterkloster” auf die Giebelseite der Turnhalle mit dem großen Kreuz werfen, was denn das für eine seltsame Kirche sei.

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.