Häuser in Korbach: Enser Tor

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Galt es damals, die Stadt verteidigungsbereit zu halten, geht es heute darum, ein Zeugnis der Stadtgeschichte der Nachwelt zu erhalten.

Himmelfahrt war‘s geschafft

Wir schreiben das Jahr 1414. Am Tag vor Himmelfahrt, es ist der 16. Mai, haben die Korbacher Bürger Veranlassung, ein besonderes Fest zu feiern.

Nach jahrzehntelanger Gemeinschaftsarbeit hatte man endlich die Arbeiten an der Korbacher Stadtbefestigung zu einem vorläufigen Abschluss gebracht. Fertig geworden ist die Korbacher Stadtmauer mit ihren zahlreichen Türmen nie. Bei einem Bauwerk dieses Ausmaßes waren ständige Reparaturarbeiten vorprogrammiert - bis auf den heutigen Tag. Galt es damals, die Stadt verteidigungsbereit zu halten, geht es heute darum, ein Zeugnis der Stadtgeschichte der Nachwelt zu erhalten.

Im Laufe der Zeit wurden leider Teile der Befestigungsanlagen niedergelegt, da sie im Wege standen oder der Zerfall drohte. Der Sinn für eine Erhaltungswürdigkeit war wohl noch nicht ausgeprägt. Dennoch sind beachtliche Mauerreste erhalten geblieben, die heute für die Stadt Korbach einen unschätzbaren Wert darstellen. Welche finanziellen Opfer und welch eine Arbeitsbelastung wurden doch den mittelalterlichen Bürgern abverlangt, damit ihre Stadt im Notfall verteidigungsbereit war! Kein Wunder, dass man aufatmete, als 1414 die Arbeiten als abgeschlossenerachtet werden konnten. Der Kilianstein, ein beschrifteter Wappenstein, sollte an dieses Ereignis erinnern. Das Original befindet sich im Museum.

Eine Nachbildung wurde am ursprünglichen Ort am Enser Tor angebracht. Die Inschrift lautet: Sanctus Kilianus anno domini MCCCCXIIII in vigilia ascensionis (Heiliger Kilian bei der Vigil zur Himmelfahrt 1414). Zahlreiche Türme, die heute noch zum Teil erhalten sind, dienten den wehrhaften Bürgern als Verteidigungbastionen.

Fünf Tore in der Stadtmauer

Durch fünf Tore, vier davon waren Doppeltore, konnte man die Stadt betreten oder verlassen. Die Torwächter wohnten in den Torhäuschen neben oder auf dem Tor. Sie hatten vor allem die Aufgabe, die Tore morgens zu öffnen und abends zu schließen. Tagsüber hatten sie den Torverkehr zu überwachen. Heute ist die Stadtmauer noch zum großen Teil erhalten. Für die Korbacher gehört sie zum gewohnten Stadtbild, für die zahlreichen Besucher ist sie eine Touristenattraktion. Die Stadtverwaltung muss nicht unerhebliche Mittel zur Erhaltung dieser mittelalterlichen Anlage aufbringen. Nachdem ruhigere Zeiten eingekehrt waren und die Stadtbefestigungen ihren Zweck verloren hatten, bereiteten die verbliebenen Stadttore den Korbachern mitunter großen Kummer. Die Anlagen verfielen allmählich und verkamen zu gefährlichen Verkehrshindernissen. So verfügte die fürstliche Regierung in Arolsen ihren Abriss. Auslöser dieser Verfügung war unter anderem auch ein Bericht des Landesbaumeisters Lößel vom Oktober 1836 an die fürstliche Regierung: „Am 6 ten d.M. trug sich wieder zu, daß der Fuhrmann Sauerwald aus Hallenberg mit einem Fuder Wolle, welche er von Corbach nach Aachen zu fahren hatte, in dem Berndorfer Thore stecken blieb und den Wagen mit zwölf Pferden gewaltsam hindurchreißen mußte”.

Abbruch nur zum Teil erfolgt

Nachdem vier der fünf Stadttore abgerissen waren, beschloss der Stadtrat am 15. März 1845, auch das noch verbliebene, allerdings stark beschädigte Enser Tor abbrechen zu lassen. Dieser Abbruch muss jedoch wohl nur zum Teil erfolgt sein. 1858 musste man sich erneut mit dieser Angelegenheit befassen. Gegen einen totalen Abbruch wehrte sich der Korbacher Bürger F.W. Müller. Er richtete ein Gesuch an den Gemeindevorstand: „Da der Abbruch des Enser Thores vom hiesigen Gemeinderath beschlossen worden, so ist es mein Wunsch, den Thurm desselben, welcher an meinen Garten gränzt, als fast letztes Denkmal der Befestigungswerke unserer Stadt, in seiner jetzigen Gestalt zu erhalten. Zu dem Ende stelle ich den Antrag, mir gedachten Thurm nebst einem Theile des Thores, den ich der vom Gemeinderath bezeichneten Commission bereits näher angegeben habe, für ein billiges Geld zu überlassen und bitte, diesen meinen Vorschlag dem Gemeinderath zur Beschlußfassung vorzulegen.” Vom Gemeindevorstand erhielt F.W. Müller folgenden Bescheid: „Herr Kaufmann F.W. Müller erhält den am Enser Thore befindlichen Thurm nebst dem ersten und zweiten Gewölbe, welche an denselben stoßen bis vor das eigentliche Thorgewölbe, wo mit Kreide durch Strich die Bezeichnung schon an der Mauer rauf nach seinem Garten hin stattgefunden hat. Derselbe bezahlt dafür einen Betrag von fünfzehn Thaier und über-nimmt es, aufseine Kosten einen Pfeiler von Quadersteinen, wie solche am Lengefelder Thor sind, herzustellen und hinsetzen zu lassen. ... Sodann erhält Herr Müller die auf dem Enserthore befindlichen 13 Stück oberen Gesimssteine a Stück zu 15 Pfennig, dagegen den sogenannten Kilianstein gratis, beide Steintheile müßen von ihm auf seine Rechnung und Gefahr abgenommen werden”.

F.W. Müller erwarb die Reste des Tores und den Torturm und machte sie zum Teil seines Gartens. Eine Fotografie aus dem Jahr 1906 zeigt eine Gartenlaube, die er auf dem Torbogen errichten ließ. Längst sind Gartenlaube und die 1866 an der Innenseite des Tores erbaute städtische Turnhalle verschwunden. Nur noch eine Gedenktafel des Turnvereins von 1850 für die im 1. Weltkrieg gefallenen Mitglieder erinnert an die alte Halle. Die Tafel befand sich früher in der Turnhalle und wurde nach dem Abriss am zugemauerten Torbogen angebracht. Außerdem wurde hier zum Gedenken an Turnvater Jahn eine Eiche gepflanzt. Die Männer der Korbacher Schützengilde von 1377 nahmen sich 1995 des sanierungsbedürftigen Torturms an, renovierten ihn und nahmen ihn zur weiteren Pflege in ihre Obhut.

Eine der ersten deutschen Städte mit eigenem E-Werk

Der „Retter” des Enser Tores, Friedrich Wilhelm Müller, entstammte einer alten Korbacher Kaufmannsfamilie. Dr. Medding nennt ihn in seiner Stadtgeschichte einen „von Heimatliebe und Verständnis für die Schönheiten seiner Vaterstadt erfüllten Korbacher Bürger”. Er wurde am 7. April 1810 gebo| ren und starb am 29. Juni 1876. Verheiratet war er seit 1841 mit Luise Waldeck. Er führte das elterliche Geschäft an der Ecke Marktplatz/Kirch\ platz. F.W. Müller war Mitglied des Gemeinderats. Seine Tochter Luise-Wilhelmine heiratete 1875 den Bürgermeister Albert Steinrück.

Zur Familie gehörte auch der 1852 in Sachsenberg geborene Dr. Adolph Müller, der Begründer der Akkumulatorenfabrik A.C. Hagen-Berlin. Er war beteiligt an der Gründung des Korbacher Elektrizitätswerkes. Die Leitung des E-Werkes hatte sein Vetter Fritz Müller, der Besitzer der Rammelsmühle in Dorfitter. Fritz Müller, in Korbach „Funken-Müller” genannt, war der Sohn von F.W. Müller, dem die Erhaltung des Enser Tores zu verdanken ist.

Korbach war eine der ersten Städte Deutschlands mit einem eigenen EIektrizitätswerk. Seit 1893 gab es eine elektrische Straßenbeleuchtung. Die Akkumulatorenstation, von der aus der Strom verteilt wurde, befand sich ander Kalkmauer. 1917 ging das Privatunternehmen in den Besitz der Stadt Korbach über. Die „Stadtwerke” befanden sich dort, wo nach ihrem Abriss der Parkplatz neben der Kreisvolkshochschule in der Klosterstraße angelegt wurde. Sie sind längst an den Stadtrand umgezogen. Auch heute noch versorgen sie die Stadt mit Strom.

Wiederaufbau

Bis zum Jahr 2012 soll das Enser Tor wiederaufgebaut werden. Das hat sich die Korbacher Schützengilde 1377 zur Aufgabe gemacht. Weitgehend in Eigenleistung soll das Bauwerk komplett rekonstruiert werden - und das ganz ohne historisches Vorbild. Denn vom Enser Tor existieren keine Aufzeichnungen oder Baupläne. Das stellte die Initiatoren zunächst vor eine schwierige Aufgabe.[1]

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.

Quellen

  1. HNA.de vom 01. Mai 2011: http://www.hna.de/nachrichten/kreis-waldeck-frankenberg/korbach/enser-wird-rekonstruiert-1224843.html