Häuser in Korbach: Der untere Herrenhof

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Der Untere Herrenhof beherbergte die Landkanzlei bis 1687.

Wo der Kanzler verwaltete

Die Waldecker Grafen, die im Schloss auf dem Eisenberg residierten, hatten natürlich auch Besitzungen in der Stadt Korbach.

Ihr Korbacher Stadtschloss, der Obere Herrenhof, stand neben dem Wollweberturm an der heutigen Hagenstraße. Dieses Schloss war 1536 abgebrannt, unverzüglich wieder aufgebaut, aber schließlich von Fürst Friedrich Anton Ulrich, dem Erbauer des Arolser Residenzschlosses, in den Jahren 1715/16 abgebrochen worden.

Der Untere Herrenhof, unterhalb der Nikolaikirche gelegen, wurde 1564 von Graf Philipp V. erworben. Er war zuvor im Besitz der Familie Wolf von Gudenberg. Während der Obere Herrenhof der gräflichen Familie vorwiegend als Stadtwohnung diente, war der Untere Herrenhof ab 1621 Sitz der gräflichen Verwaltung.

Seit dem 14. Jahrhundert hielten sich die Grafen einen höheren Verwaltungsbeamten, den „Kanzler”, der für sie die Verwaltungsgeschäfte erledigte, sie mitunter auch bei wichtigen Verhandlungen vertrat, ja sogar während deren Abwesenheit die Regierungsgeschäfte übernahm.

Der Untere Herrenhof beherbergte die Landkanzlei bis 1687. In diesem Jahr wurde sie nach Mengeringhausen verlegt. Er lag an der heutigen Unterstraße, die ihren Namen, ebenso wie die Oberstraße und andere Straßen der Altstadt, erst Ende des 19. Jahrhunderts erhielt. Bis dahin waren diese kleinen Verbindungsstraßen ohne Namen. Dieser ehemals gräfliche Besitz wurde begrenzt von der Unterstraße, der Nikolaistraße und der Prof.-Bier-Straße. Hier standen einst das Fruchthaus, die Landkanzlei und die Zehntscheune.

Das Fruchthaus wurde später abgerissen. An seiner Stelle entstand das Korbacher Gerichtsgefängnis, das1926 in das neue, heute aber auch schon nicht mehr existierende Gebäude in der Hagenstraße verlegt wurde. Schreinermeisterwilhelm Heckmann übernahm 1926 das Gebäude, ließ es abreißen und als Wohn- und Geschäftshaus mit Schreinerei wieder aufbauen. Es ist noch heute im Besitz der Familie Heckmann, die hier ein Bestattungsunternehmen betreibt.

Die alte Landkanzlei beherbergte wohl immer Behörden und Ämter, auch nachdem das alte Gebäude wegen Baufälligkeit abgerissen und 1805/06 als Fachwerkhaus neu aufgebaut worden war. Hier befand sich dann das Kreisamt mit der Wohnung des Landrats, der damals noch „Kreisamtmann” hieß. 1907 zog diese oberste Kreisbehörde in ein neues Gebäude in die Prof.-Bier-Straße um. Die alte Landkanzlei wurde 1908 vom Domanium an den Schreinermeister Wilhelm Heckmann verkauft. Von ihm übernahm es 1932 sein Sohn, der Kornhausverwalter Ludwig Heckmann, der es 1958 an den Gerichtsvollzieher Fritz Mrwa veräußerte. Heute ist es im Besitz seiner Witwe Gisela Mrwa. Die Zehntscheune an der Nikolaistraße wurde später zum Backhaus der Bäckerei Welteke umgebaut. Heute befindet sich hier das Tapetenhaus Hartmann.

Auf dem Platz hinter der alten Landkanzlei, der an der Prof.-Bier-Straße liegt, entstand später das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Curtze. Die Geschäftsräume sind seit Jahren an die Firma Satex-Moden vermietet. Im Eckhaus Nikolaistraße/Prof.-Bier-Straße betrieb Dr. Fritz Curtze eine Zahnarztpraxis. Heute beherbergt es ein Textilgeschäft.

Steuerstreit: Stadt gegen gräfliche Familie

Im Jahr 1592 gerieten die Stadt Korbach und die gräfliche Familie wegen des Unteren Herrenhofes in Streit. Bürgermeister und Rat der Stadt bestanden darauf, dass die gräfliche Familie, die bis dahin für ihre Korbacher Besitzungen Steuerfreiheit genoss, für den Unteren Herrenhof keinerlei Freiheiten und Privilegien in Anspruch nehmen könne. Begründung: Der Hof sei früher in bürgerlichem Besitz gewesen. Eine Steuerfreiheit habe daher niemals bestanden. Wie der Streit damals ausging, ist nicht mehr bekannt. Die alten Kataster weisen jedoch aus, dass bis in die Mitte des 19 Jahrhunderts keine städtischen Steuern erhoben wurden. Die Stadt Korbach muss wohl aus diesem Steuerstreit nur als zweiter Sieger hervorgegangen sein.

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.