Häuser in Korbach: Das Spukhaus

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Heute wird das „Spukhaus” vom Verein Freilichtbühne als Treffpunkt, Nähstube und Lager für einen umfangreichen Fundus genutzt.


Böser Geist lauert im Schrank

Eines der ältesten Häuser in Korbach ist das Steinhaus am Enser Tor, von den Korbachern das „Spukhaus” genannt. Korbach besaß im Mittelalter mehrere solcher Steinhäuser. Erhalten sind sie noch in der Violinenstraße, an der Kilianskirche (heute Museum) und in der Kirchstraße. Die Häuser im mittelalterlichen Korbach waren vornehmlich aus Holz, Lehm und Stroh gebaut und auch mit Stroh gedeckt. Es liegt auf der Hand, dass sie so bei den zahlreichen Feuersbrünsten leicht ein Raub der Flammen werden konnten. Ganze Straßenzüge und Stadtteile wurden mitunter in wenigen Stunden eingeäschert. Da in der Hansestadt Korbach, die das Markt und Stapelrecht besaß, oft hochwertige Ware gelagert wurde, baute man mehrere relativ feuerfeste Häuser aus Stein, um bei einem Brand den Schaden in Grenzen zu halten. Während einige Steinhäuser zugleich auch Wohnhäuser waren, diente das Steinhaus in der Enser Straße ausschließlich als Speicher. Es wurde um 1300 aus rohen Kalksteinquadern gebaut.

Ein sechsstufiger Treppengiebel zeigt zur Enser Straße, die Längsseite zum Katthagen. Das sehr steile Satteldach hat eine fast halbmeterdicke Bruchsteinauflage zwischen einer doppelten Schalung. Es ist mit Schiefer bedeckt. Über dem gewölbten Kellergeschoss erheben sich zwei Vollgeschosse und drei Dachgeschosse. Eine von Marie Schmalz überlieferte Sage, die in Korbach von Generation zu Generation weitererzählt wird,berichtet von einer früheren Besitzerin dieses Hauses, die durch ihren Geiz überall bekannt war. Als sie an einer grässlichen Krankheit gestorben war, erschien sie den Bewohnern und trieb als ein schwarzes Schwein ihr Unwesen. Den Mönchen des Klosters Korbach gelang es nicht, den Geist der bösen Frau zu bannen. Schließlich ließ der Abt des Klosters Corvey ihn in einen Schrank einmauern. Heute wird das „Spukhaus” vom Verein Freilichtbühne als Treffpunkt, Nähstube und Lager für einen umfangreichen Fundus genutzt. Es ist innen und außen in einem hervorragenden Zustand, ein Zeichen dafür, dass bei pfleglichem Umgang historische Bausubstanz auch heute noch sinnvoll genutzt werden kann.

Eng verbunden mit dem alten Steinhaus ist eins der ältesten Korbacher Fachwerkhäuser, das frühere Haus Wille. Es ist, wie eine Inschrift verrät, „gebawet 1606”. Beim großen Stadtbrand von 1664 muss es wohl stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein, doch konnte man offenbar einen Teil des Gebälks beim Neuaufbau wieder verwenden. Eine reichhaltige Ornamentierung des Längs- und Quergebälks gibt Zeugnis vom Reichtum der Erbauer. Vermutlich wurde es erbaut von der später im Mannesstamm in Korbach erloschenen Familie von der Mühlen, deren Mitglieder über Generationen wichtige öffentliche Ämter bekleideten.

Dreißigjähriger Krieg

Joachim von der Mühlen war zusammen mit Bürgermeister Samuel Uffeln während des Dreißigjährigen Krieges (1633) von dem schwedischen Oberst von Bönninghausen gefangen genommen worden, weil die Stadt den ihm feindlich gesonnenen Hessen Schutz gewährt hatte. Beide wurden sechs Jahre lang unter sehr misslichen Umständen in Attendorn (Westf.) gefangen gehalten und erst 1639 freigelassen, nachdem die Stadt ein Lösegeld von zwölftausend Reichstalern aufgebracht hatte.

Nach achtfachem Besitzwechsel gelangte das prächtige Fachwerkhaus 1835 in den Besitz der Familie Wille. Wilhelm Wille vererbte das Anwesen 1866 an seinen Sohn Carl Wille, der kinderlos starb. Von ihm kaufte es 1916 ein weitläufiger Verwandter, Fritz Wille, von dem es schließlich 1948 Walter Wille, sein Sohn, erbte. Walter Wille siedelte in den fünfziger Jahren mit seiner Landwirtschaft aus und baute einen neuen Hof in der Korbacher Feldmark. Fachwerkhaus und Steinhaus befinden sich seitdem im Besitz der Stadt Korbach. Fast in Vergessenheit geraten ist, dass in einer großen Stube diese Hauses seit 1881 die erste Kleinkinderschule in Korbach untergebracht war. Begründer war der Korbacher Hausfrauenverein. 1887/88 entstand in der Tränkestraße, Ecke Entengasse, ein neuer Kindergarten.

Corbacher Sonderling: Der „Blumenchrist” im Steinhaus

Die Corbacher Zeitung vom 10.1.1893 berichtet: „Ein Sonderling eigener Art, ein zufriedener Arbeiter, ist dahier vor 14 Tagen zur letzten Ruhe eingegangen. Christian Heine, auch „Blumenchrist” genannt, bewohnte seit etwa 25 Jahren den Keller des in der Enser Straße gelegenen Steinhauses, ein Überbleibsel vergangener Herrlichkeit. Alle Bemühungen der Behörden, ihn in ein Hospital zu bringen, waren vergeblich. Er hatte weder Herd noch Ofen. Seine Speisen bereitete er sich mitten im Keller selbst und trug das Holz dazu auf seinem Rücken aus den Wäldern auch selbst herbei. Er kaufte nur alte Kleider, machte erst einige Löcher darein und trug erst dann dieselben. In den letzten Jahren besuchte unser Sonderling die Kirche nicht mehr, dagegen sang und betete er, sobald die Kirchenglocken ausgeklungen, in seiner Wohnung. Abends um 6 Uhr legte er sich zu Bette und stand schon 3 Uhr morgens auf. Alsdann wurde bei Melchersteich Waschwasser und beim Marktbrunnen Kaffeewasser geholt. In seinem Nachlasse befindet sich ein großer Wagen voll Bücher aus allen Zweigen der Wissenschaft, ebenso ein großer Haufen Zeitungspapier. Dieser zufriedene Mensch, der letzte Sonderling Corbachs, ist im Alter von 83 Jahren gestorben.”

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.

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