Häuser in Korbach: Conti-Verwaltungsgebäude

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Nachdem Continental im Herbst 1945 die Produktion wiederaufgenommen hatte, wurde das Gebäude endlich dem ursprünglichen Zweck zugeführt, nämlich das Verwaltungsgebäude dieses Werks zu sein.


Auch Kino und Lazarett

Ein Bauwerk aus der neueren Geschichte der Kreisstadt Korbach ist das Verwaltungsgebäude der Continental AG und ContiTech GmbH. Der Bau wurde in den Jahren 1909/10 errichtet. Mehr als 90 Jahre später können wir heute auf eine bewegte Vergangenheit dieses repräsentativen Gebäudes zurückblicken. Nachdem 1907 eine Abordnung Korbacher Bürger den aus Alleringhausen stammenden Besitzer der Mitteldeutschen Gummiwarenfabrik in Frankfurt, Louis Peter, um Unterstützung bei der Schaffung eines Industriestandorts Korbach gebeten hatten, kaufte dieser am 2. Juni 1907 ein etwa 50 Morgen großes Gelände am Rande der Korbacher Bahnanlagen. Hierplante er den Bau eines Zweigwerkes seiner Frankfurter Gummifabrik. Bereits am 2. September 1907 konnte der Grundstein gelegt werden, die Produktion begann im April 1908. Mehrmals mussten in der Folgezeit die Fabrikanlagen erweitert werden. Während der Bauzeit entstand eine eigene Wasserleitung mit Pumpstation, ein Häuserblock mit 24 Wohnungen für Werksangehörige, außerdem 9 Doppelhäuser für je 2 oder 4 Familien, ein Kindergarten und eine Kantine. Auf dem Gelände nördlich des Hauptbahnhofs entstand 1908 auch der Brauereibetrieb „Kiliansbräu”, der allerdings wenig florierte. Er wurde fünf Jahre später wieder verkauft, nannte sich dann „Waldecker Brauhaus” und wurde schließlich 1918 aufgegeben. Die Gebäude wurden vom Verbandselektrizitätswerk Waldeck erworben, in dessen Besitz sie sich heute noch befinden.

Louis Peter war der Ansicht, dass er für seine Korbacher Unternehmen, den Gepflogenheiten jener Zeit folgend, ein repräsentatives Verwaltungsgebäude benötigt. Er ließ es aus eigenen Mitteln errichten, und es störte ihn auch nicht, dass es eigentlich um einige Nummern zu groß geriet. Das Gebäude wurde am 14. Oktober 1910 feierlich eingeweiht. Die Einweihung fand unter Mitwirkung von Peters Gesangverein und einer Kasseler Militärkapelle statt. Neben seinen Familienangehörigen, der Arbeiterschaft und den Korbacher Honoratioren konnte Kommerzienrat Peter auch die Arolser „Fürstlichkeiten” begrüßen. Leider musste Louis Peter im Alter erleben, dass er infolge einer Krise in der Gummiindustrie, die auch vor dem Korbacher Werk nicht Halt machte, aus dem Unternehmen, das er als sein Lebenswerk betrachtet hatte, ausscheiden musste. Außer seinen Anteilen an der Kiliansbrauerei verblieb ihm als persönliches Eigentum das Verwaltungsgebäude. Der Verwaltungsrat der Mitteldeutschen Gummiwarenfabrik, die sich später „Peters Union” nannte, lehnte einen Ankauf des Verwaltungsgebäudes ab. So musste Louis Peter schließlich für eine andere Verwendung sorgen. Mit der Unterbringung eines Kasinos war das Gebäude natürlich nicht ausgelastet, auch wenn eine 1912 hier stattgefundene Kunstausstellung ein großer Erfolg geworden war. Von 1915 bis 1919 wurde im Gebäude ein Reservelazarett untergebracht. Doch nach dem Krieg begannen die Schwierigkeiten von neuem. Der geplante Einzug einer Landwirtschaftlichen Winterschule konnte nicht realisiert werden. So blieb das Haus schließlich Wohn- und Geschäftshaus. Peters Erben verkauften 1925 das Anwesen. Aus der Idee, hier eine Möbelfabrik einzurichten, wurde nichts. Schließlich etablierten sich hier die „Corbacher Lichtspiele” und ein Möbellager. Inzwischen hatten zwei TöchterLouis Peters das Gebäude zurückgekauft, um es 1931 an die Continental Gummiwerke zu veräußern. Ab 1933 wurde das Gebäude von der NSDAP bezogen, die zunächst eine Sportschule einrichtete, später aber in einigen Räumen geflüchtete österreichische SA-Leute unterbrachte. Als diese nach dem Anschluss Österreichs in ihre Heimat zurückkehrten, richtete sich bis 1945 die Kreisleitung der NSDAP mit ihren Unterorganisationen hier ein.

Nachdem Continental im Herbst 1945 die Produktion wiederaufgenommen hatte, wurde das Gebäude endlich dem ursprünglichen Zweck zugeführt, nämlich das Verwaltungsgebäude dieses Werks zu sein. Anfang der sechziger Jahre erfolgte eine gründliche Renovierung, und durch einen Anbau wurden weitere Büroräume geschaffen. Wer heute das Gebäude durch den Haupteingang betritt, befindet sich zunächst in einer Vorhalle, in der auf beiden Seiten zwei Großgemälde beeindrucken: Rechts Schloss Waldeck und Umgebung, links Alt-Frankfurt, der Ursprungsort der Peter‘schen Unternehmen. Von der Eingangshalle gelangt man in ein beeindruckendes Treppenhaus, von dem aus die einzelnen Büros und im 1. Stock ein Sitzungssaal, das „Fürstenzimmer”, zu erreichen sind. Das Ganze macht heute einen repräsentativen, gepflegten Eindruck und nichts erinnert mehr an die zahlreichen Zweckentfremdungen in der wechselvollen Geschichte dieses Gebäudes.

Die Serie

Die Serie über markante Häuser in Korbach ist zwischen 1995 und 2000 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen. Im Jahr 2002 erschien die Serie zudem als Buch unter dem Titel: Korbacher Bauten erzählen Geschichte - meine Stadt.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer mehrere historische Serie geschrieben.