Grenzbegehung

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Allgemeines

Im Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1600) wurden die Gemarkungsgrenzen durch besondere natürliche Landschaftsmerkmale wie z.B. Bäche, Hügel, Gräben, Wege etc., aber auch durch speziell gepflanzte und gekennzeichnete Bäume sowie Steinhaufen / Hecken definiert. Erst später folgte die Verwendung von Grenzsteinen. Es kam immer wieder vor, dass Nachbargemeinden diese einmal gemeinsam vereinbarten und gekennzeichneten Grenzen in "Nacht- und Nebelaktionen" zu ihren Gunsten verschoben.


Geschichte

Die sich daraus ergebenden Streitigkeiten führten dazu, dass jede Gemeinde in regelmäßigen Abständen ihre Gemarkungsgrenze überprüfen musste. Aus einer anfangs alle zwei bis drei Jahre durchgeführten "amtlichen" Begehung entwickelte sich im Laufe der Zeit - vor allen Dingen in Hessen und Nordrhein Westfalen - eine Art Volksfest. Sehr oft uferten die Grenzbegehungen in unmäßige Trinkgelage mit schwerwiegenden Tätlichkeiten aus. Dies bestätigt unter anderem auch die unten angeführte Aufzeichnung in der Dorfchronik Kleinern von Pfarrer Ludwig Schluckebier (geb. 20.12.1862 in Adorf, gest. am 25.02.1921 in Kleinern, Pfarrer in Kleinern vom 01.10.1887 bis 25.02.1921)


Schnadezug und Grenzbegehung am 3. Juli 1784 in Edertal-Kleinern

Auch die Schnadezüge oder Grenzbegehungen fanden um diese Zeit noch statt. Ein Gesetz von 1770 bestimmte, dass sie nur alle 10 Jahre ein mal und nur durch die Gemeindevertretung mit einigen Zeugen vorgenommen werden sollten. In Kleinern hatte man die letzte 1750 gehalten und dabei infolge eines unglücklichen Schusses ein Menschenleben zu beklagen gehabt. Erst 31 Jahre später, am 29. Mai 1781 ging von hier eine durch Lehrer Todenhausen aufgesetzte Bittschrift an Fürst Friedrich ab: Da nur wenige Mann am Orte die Grenzgerechtigkeiten noch wussten und man von den Nachbargemeinden an der Grenze vielen Schaden leiden müsse, so sei eine neue Feldschnade, die kurz nach Pfingsten stattfinden solle, durch die Not geboten; der Fürst mögen ihnen 3 Tage (statt wie sonst 2) gestatten, “weil wir den ersten Tag mit vielem Herumgehen und Strapazieren zubringen müssen, wovon wir dann den anderen Tag noch ermüdet und wenig von unserer kleinen Lustbarkeit auf alle beiden Tage genießen können“. Auch möge ihnen erlaubt sein, "um mehreren Ansehenswillen" das Gewehr mit hinauszunehmen. Der eigenhändige Randbescheid des Fürsten vom 1. Juni gestattet 2 Tage - in der gewissen Erwartung, dass alles beim Schnadeziehen ohne Unordnung vorgehe, wofür der Grebe (Vorsteher) zu haften hat.“ Gleichwohl kam die Festlichkeit erst 3 Jahre später zustande. Das vom Amtsschreiber verfasste Protokoll liegt uns nicht vor, wohl aber die am 3. Juli 1784 bestätigte Kostenrechnung. Auch sie gibt uns ein ziemlich getreues Bild von dem merkwürdigen Ereignis. Rat Brumhard und Oberjäger Schnedler ritten dem Zuge voraus; sie hatten ihre Pferde zu diesem Behufe erst anlernen müssen. 2 Trommler und etwa ein Dutzend Musikanten waren in Wildungen angeworben. Den vom “vielen Herumgehen und Strapazieren“ ermüdeten Menschenstrom nahm eine stattliche mit grünem Buschwerk verzierte Hütte auf; hier wurde bis spät bei Licht weidlich geschmaust und gezecht, und zum Schluss das Geschirr teilweise in Scherben zerschlagen nämlich 14 Biergläser, 3 Flaschen und für 8 Groschen Teller, Schüsseln und Töpfe. Das nötige Brot war vom Bäcker Knoll in Wildungen und vom Greben Simshäuser geliefert (letzterer gab auch Butter und Käse); außerdem hören wir, dass die Teilnehmer verspeisten: 34 Pfund Rindfleisch, 26 Pfund Hammelfleisch, 12 Pfund Schweinefleisch, 17 Rinderwürste, 5 rote Würste, 1 Schinken von 7 Pfund, 2 Pfund Speck zu Braten und Salat, 3 Bratwürste, dazu Kuchen und Torten für 1 Taler 12 Groschen und eine Portion Erdbeeren für mehrere Groschen. An Getränken ließ man draufgehen: 6 1/2 Maß Wein für 4 Taler 12 Groschen, 19 1/2 Maß Branntwein (von der Wirtin Pfeiffer) für 5 Taler 34 Groschen und an Bier (das Quantum ist nach Ohm und Maß nicht angegeben) für volle 48 Taler! Dabei waren Grebe (Vorsteher) und die "alten Gemeinsmänner" noch extra bewirtet worden. Um die immensen Bierschulden zu bestreiten, wurde eine eigene Anleihe auf die Gemeindewiese gemacht; die übrigen Kosten deckte man durch Beiträge der Ortseinwohner, wobei die Ackerleute je 1 Taler und die jüngsten Burschen 6 Silbergroschen zahlten; ferner wurde das Dienstkorn im Betrage von 2 Talern 30 Groschen mit verwandt, und der Rest fiel mit 2 Talern 5 Groschen 6 Pfennigen der Gemeindekasse zur Last. Pfarrer Ludwig Schluckebier, gest. 25.02.1921


Verbot der Grenzbegehungen

Vorfälle der oben angeführten Art zwangen das preußische Innenministerium zum Handeln. Am 06. Juli 1817 wurden Grenzbegehungen jeglicher Art untersagt. Hier der Erlass:

"Die an einigen Orten noch üblichen Grenz- und Schnadeumzüge haben in der neueren Zeit, zur Verübung mehrerer grober Exzesse Veranlassung gegeben. Da derartige Züge in der jetzigen Zeit keinen Nutzen mehr gewähren, weil bei der vollendeten Katastrierung des Grund und Bodens eine Verdunklung der Grenzen nicht leicht möglich ist, eintreten falls aber ohne Teilnahme der einzelnen Gemeindeglieder von den Behörden gehoben werden kann, so werden diese bisher an einigen Orten noch übliche Grenzzüge, in Folge Bestimmung des Königlichen Ministerium des Innern und der Polizei ganz untersagt, und sämtliche Ortsbehörden sowie die Königlichen Landräte unseres Bezirks hierdurch angewiesen, Niemanden zur Veranstaltung eines Grenzzuges, welcher die Begehung einer Jagd-, Gemarkungs- oder Gemeindegrenze durch die Gemeindeglieder oder sonstiger bei Feststellung der Grenzen nicht interessierter Personen zum Zweck hat, die Erlaubnis zu erteilen."


Grenzbegehungen heute

Grenzbegehung Kleinern

Die durch das Verbot lange Zeit in Vergessenheit geratenen Grenzbegehungen erfreuen sich in jüngster Zeit - überwiegend in Dörfern und kleineren Städten - wieder einer großen Beliebtheit. Der alte, fast vergessene Brauch lebt erneut auf. Exzesse wie in den zurückliegenden Jahrhunderten sind bisher nicht bekannt geworden. Der Mensch ist doch - so scheint es - lernfähig.

In Edertal-Kleinern findet die Grenzbegehung immer am Jahresende statt und wird von der örtlichen Jagdgenossenschaft in drei Etappen ausgerichtet:

  • Start am Dorfplatz. Von dort Wanderung bis zum ersten Rastplatz (Frühstück mit Frikadellen, Getränken etc.)
  • Wanderung vom Rastplatz zum Ziel der Grenzbegehung (geselliges Beisammensein mit "Bier und Wein")
  • Marsch zurück ins Dorf zum "Waldecker Hof" (Eintopf, Getränke aller Art, Musik)

Weblinks