Größte Fehlinvestition der Stadt

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LAGERHÄUSER

An Mündens Fernhandel und Flußschiffahrt, jahrhundertelang die wirtschaftliche Grundlage unserer Stadt, erinnern nur noch wenige steinerne Zeugen dieser längst vergangenen Zeit. Die Fernhändler sind verschwunden, Schiffer, Schiffsknechte, Fuhrleute und Sackträger kennt niemand mehr. Sie alle belebten einstmals die Schlagden, wo der Warenverkehr stattfand. Der Schlagdvogt und der Güterbestäter, die für einen geregelten Ablauf des Treibens auf den Schlagden zu sorgen hatten, sind heute ganz unbekannte Berufe.

Übrig geblieben sind lediglich - baulich in neuerer Zeit stark verändert - die Schlagden, die früheren Schiffsanlegeplätze, und aus den letzten Jahren des Fernhandels die ehemaligen Lagerhäuser an der Bremer Schlagd. Das kleinere steht am Fuldaufer und soll nächstens zu einem Hotel ausgebaut werden. Das weitaus größere am Werraufer ist als der "Packhof" wieder wohlbekannt, seit das Gebäude vor einigen Jahren aus seinem Dornröschenschlaf geweckt wurde und in den Sommermonaten als Ausstellungsort genutzt wird.

Beide ehemaligen Lagerhäuser verdanken ihre nahezu gleichzeitige Entstehung nicht dem Mündener Stapelrecht, wie man leicht meinen könnte, sondern ganz anderen, allerdings sehr wohl mit dem Fernhandel verbundenen Zusammenhängen. Als sie gebaut wurden, war das Mündener Stapelrecht 1824 schon aufgehoben.

Der Anlaß zum Bau ergab sich aus der Aufhebung einer Regelung, die Regierung in Hannover 1814 wenige Monate nach dem Ende des Königreichs Westphalen eingeführt hatte. Zur Erleichterung des Mündener Fernhandels war damals festgelegt worden, daß für den Bereich der Stadt Münden und des Oberamtes (heute weitgehend der Bereich der Gemeinde Staufenberg) die Verbrauchssteuern und die Zölle mit einer Pauschalsumme abzugelten waren. Folgerichtig war dieser gesamte Bereich von der Regierung zum Zollausland gegenüber dem übrigen Königreich Hannover erklärt worden.

Für die Mündener Fernhändler hatte diese Regelung erhebliche Vorteile. Sie hatten zunächst keinen Zoll für ihre ankommenden Waren zu zahlen. Zoll war später nur für die Waren zu entrichten, die tatsächlich in das Königreich Hannover gingen. Außerdem brauchte man nicht zwischen Einfuhr- und Durchfuhrgütern zu unterscheiden, so daß jeder Fernhändler für seine Güter auf eigene Lagermöglichkeiten zurückgreifen durfte und anderweitige Lagerkosten nicht anfielen.

Für den Staat hingegen hatte der Status Mündens als Zollausland einen schwerwiegenden Nachteil: Es entwickelte sich nicht nur ein lebhafter Schmuggel in das benachbarte Kurfürstentum Hessen, sondern gleichermaßen in das übrige Königreich Hannover. Daß im kleinen Grenzverkehr nicht unerhebliche Mengen zollfrei von Münden in das Königreich Hannover eingeführt werden durften, änderte daran nichts. Als zudem in Münden Schwierigkeiten bei der Aufbringung der Pauschalsumme auftraten, wurden die zollfreien Mengen herabgesetzt, was den Anreiz zum Schmuggel nur steigerte. Der Schmuggel wurde, wie der Bürgermeister Friedrich Wilhelm Bodungen anmerkte, in Münden "gleichsam ein Geschäftszweig".

So wurde Mündens Stellung als Zollausland schließlich im Zuge der Bekämpfung des Schmuggels aufgehoben. Als der Deutsche Zollverein unter Preußens Führung, zu dessen Mitgliedern auch das Kurfürstentum Hessen zählte, mit dem ebenfalls 1834 gegründeten Steuerverein, dem das Königreich Hannover, das Herzogtum Braunschweig, das Großherzogtum Oldenburg und das Fürstentum Schaumburg-Lippe anhörten, am 1. 11. 1837 eine Übereinkunft "wegen Unterdrückung des Schleichhandels" abschloß, bestimmte eine Ausführungsverordnung der Regierung in Hannover, daß Münden ab dem 1.1.1838 zum Steuerverein gehören sollte.

Damit entfiel auch die jährlich zu zahlende Pauschalsumme und es mußten wie im übrigen Königreich Hannover die üblichen Verbrauchssteuern und Zölle entrichtet werden. Die sofortige Verzollung von Einfuhrgütern, die in das Ausland weiterverkauft werden sollten, war fortan nur zu vermeiden, wenn in Münden ein öffentliches Lagerhaus errichtet wurde. Auf diesen Fall war man in Münden schon seit Jahren vorbereitet, zumal das bestehende Lagerhaus am Fuldaufer der Bremer Schlagd schon seit Jahrzehnten baufällig war. So konnte man jetzt ohne längere Verzögerung zu einem Neubau schreiten. Andernfalls wäre zu befürchten gewesen, daß der Staat in Münden den Betrieb eines öffentlichen Lagerhauses übernommen hätte. Damit wären der Stadtkasse das Schlagdgeld und die Waagegelder verloren gegangen. Außerdem wollte man sich im Rathaus die Lagergeldern sichern.

Der Bau am Fuldaufer wurde zuerst in Angriff genommen. Am 26.9.1837 wurde das Richtfest gefeiert, so daß er vermutlich rechtzeitig bis zum Jahresende fertiggestellt war. Für den ganz erheblich größeren Neubau am Werraufer - den heutigen Packhof - mußte erst Platz geschaffen werden. Dazu mußten elf Wohnhäuser aufgekauft und abgebrochen werden. Das Richtfest für den Packhof fand erst am 8.9.1839 statt, so daß das Gebäude zum Jahresbeginn 1840 in Betrieb genommen werden konnte.

Die Kosten für den Bau der Lagerhäuser beliefen sich auf die ungeheure Summe von 50.000 Talern, die nahezu das Doppelte der regulären städtischen Ausgaben des Jahres 1838 ausmachten. Der Magistrat finanzierte diese Summe nahezu ausschließlich über Anleihen. Endgültig abgetragen waren diese Schulden erst 1918.

Mündens Geschichtsschreiber, der Schlachtermeister Wilhelm Lotze, merkte Jahrzehnte später an, die Stadt Münden sei durch den Bau der Lagerhäuser "in große drückende Schulden gerathen, so daß man gegenwärtig noch keine Aussichten hat, wie man sich ihrer entledigen kann".

Eisenbahn

Die Eröffnung der Eisenbahnen von Karlshafen nach Kassel 1848 und von Göttingen über Münden nach Kassel 1856 hatten zu einem raschen Niedergang des jahrhunderte alten Mündener Fernhandels geführt. Folglich waren auch die Lagergelder, die man zur Amortisation verwenden wollte, erheblich zurückgegangen. Damit erwies sich der Bau der Lagerhäuser als die wohl größte Fehlinvestition in der Geschichte der Stadt. Ob man dies den damals Veranwortlichen zum Vorwurf machen darf, hängt von der Beurteilung der Frage ab, ob man die radikalen Auswirkungen des Eisenbahnbaus auf die Mündener Wirtschaftsstruktur hätte voraussehen können.

Dr. Johann D. von Pezold