Gottstreu

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Waldenserkirche in Gottstreu

Gottstreu ist ein Dorf in Nordhessen mit etwa 380 Einwohnern.

Zu dem ehemals selbständigen Ort gehörte der Ortsteil Weißehütte.

Gottstreu und Weißehütte gehören seit der hessischen Gebietsreform Anfang der 1970er Jahre zur Gemeinde Oberweser.

Im Zuge der Gebietsreform in Hessen schlossen sich damals die bis dahin selbständigen Gemeinden Arenborn, Gewissenruh, Gieselwerder, Gottstreu und Oedelsheim zur neuen Gesamtgemeinde Oberweser zusammen. Am 1. August 1972 kam Heisebeck hinzu.

Geografie

Gottstreu liegt nördlich von Kassel am Reinhardswald und links der Weser. Bis Hann. Münden (weseraufwärts) sind es etwa 25 Kilometer, bis Bad Karlshafen (weserabwärts) etwa 18 Kilometer.

Am Ort führt die Bundesstraße B 80 vorbei.

Die Städte Kassel im Süden und Göttingen im Osten liegen beide etwa 40 km entfernt.

Geschichte

Aus der Ortsgeschichte

Von frühen Spuren des Ackerbaus in der Gegend von Gottstreu berichtet ein Informationsblatt des Vereins Heimat und Kultur im benachbarten Gieselwerder (siehe dazu: www.oberweser.de).

Vor der Ansiedlung von waldenser Glaubensflüchtlingen befand sich auch eine Spiegelglashütte am Ort (Waldstraße), in der in den Jahren 1710 bis 1722 Glas produziert wurde.

Im Jahre 1722 wurden dann Glaubensflüchtlinge aus dem Piemont am Ort angesiedelt. Das Dorf wurde als eine von Landgraf Carl von Hessen-Kassel neu gegründete "Kolonie" angelegt, ebenso wie das weiter nördlich gelegene Dorf Gewissenruh. Der "Besiedelungsstein" in Gottstreu erinnert bis heute an die ersten Siedler.

Schon im Jahre 1698 wurden ca. 2.700 französischen Waldenser aufgrund des Ausweisungsediktes vom 1. Juli 1698 durch den Herzog von Savoyen aus ihrer Heimat vertrieben. Sie fanden zunächst Zuflucht in der Schweiz, wo nur wenige Möglichkeiten bestanden, die Flüchtlinge auf Dauer anzusiedeln.

Tafel zur Erinnerung an die ersten Siedler in Gottstreu

Die französischen Waldenser zogen weiter nach Hessen, andere Gruppen, wie die piemontesischen Waldenser aus dem Perosatal ins Herzogtum Württemberg oder in die Markgrafschaft Baden-Durlach. Sie trafen oft auf zerstörte und entvölkerte Landstriche: besonders der Dreißigjährige Krieg hatte mit Zerstörungen, Seuchen (Pest) und Hungersnöten viele Tote gefordert.

Die Zuwanderer in Gottstreu, die ihre Heimat in den Kottischen Alpen im Jahre 1698 verlassen hatten, trafen erst nach einer regelrechten Odyssee im Wesertal ein, die sie zuvor über Württemberg bis nach Berlin und Fredericia (in Dänemark) geführt hatte.

Die Dorfgründung in Gottstreu erfolgte im Jahr 1722 nach den Plänen des landgräflichen Baumeisters Johann Nicolaus Prizier, die Kirche in der Dorfmitte kam erst 1730 hinzu. Zunächst war für die Gottesdienste der Gemeinden in Gewissenruh und Gottstreu die Kirche in Gieselwerder vorgesehen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Waldenser das Gastrecht in der Kirche Gieselwerder niemals in Anspruch genommen haben.

Die spätere Planung sah vor, für die beiden Waldensergemeinden in Gewissenruh und Gottstreu eine gemeinsame Kirche nach den Plänen des Karlshafener Baumeisters Friedrich Conradi zu errichten. Für dieses Bauprojekt wurde am 18. Dezember 1729 eine kirchliche Generalkollekte erhoben (für "die beyde Frantzösische Colonien Gottestreu und Gewissenruh ohnweit Gieselwerder am Weeser=Strohm gelegen... ."). Fünfzig Jahre später erhielt aber auch Gewissenruh seine eigene Kirche.

Seit dem Jahr 2000 gibt es in Gottstreu eine Waldenserstraße und ab 2012 auch eine Landgraf-Carl-Straße.

An der Waldenserstraße (Haus Nr. 1) lag die ehemalige Schule des Orts aus 1826; heute ist hier das Waldensermuseum untergebracht. In unmittelbarer Nähe ist noch ein typisches "Kolonistenhaus" mit französischer Inschrift in der Giebelspitze vorhanden (Haus Nr. 3). In der Waldenserstraße befand sich auch das ehemalige Dorfgasthaus mit Poststelle und Gemischtwarenladen (Haus Nr. 7).

Waldenser

Die Waldenser sind eine christliche Bewegung, die bis zum 12. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Sie geht zurück auf den Kaufmann und späteren Laienprediger Petrus Waldus (auch „Valdus“ oder „Valdes“) aus Lyon, der Teile der Bibel in die Volkssprache übersetzen ließ. Die Bewegung breitete sich besonders in Südwest- und Nordostfrankreich sowie in der Lombardei aus. Ihre Anhänger verstanden sich zunächst als Mitglieder der katholischen Kirche, kritisierten jedoch deren Missstände. Im Jahre 1532 schloss sich die Glaubensgemeinschaft der Reformation an. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die deutschen Exilgemeinden den reformierten oder lutherischen Landeskirchen angeschlossen.

Kirche

Die Kirche in Gottstreu

Waldensertafel am Museum Gottstreu

Der kleine Saalkirchenbau in Gottstreu - aus verputztem Wesersandstein - wurde im Jahre 1730, dem Todesjahr von Landgraf Carl zumindest weitgehend erstellt.

Die endgültige Fertigstellung dauerte allerdings noch Jahre. So soll im Jahre 1779 noch immer die Glocke gefehlt haben.

Eine Orgel aus der Werkstatt Euler in Gottsbüren kam erst im Jahre 1859 hinzu.

Die Kirche entstand nach der Planung durch den Ingenieur-Capitaine Friedrich Conradi im Mittelpunkt des Straßendorfs als Predigtkirche mit rechteckigem Grundriss.

Die Inschrift über dem Eingang verweist sowohl auf Landgraf Carl (Carolus Hassorum Landgravius) als auch seinen Nachfolger Landgraf Friedrich I., der gleichzeitig König von Schweden war (Fridericus Rex Suedorum).

Auch das Innere des Kirchengebäudes ist nach französisch-reformierter Tradition als schlichte Predigtkirche gestaltet.

Innenansicht der Waldenserkirche

Im Kircheninnern befindet sich an der westlich gelegenden Seite - hinter dem aus Balken gefertigten Altartisch - die erhöhte Kanzel (etwa aus dem Jahr 1730), auf der gegenüber gelegenen Seite die Orgelempore über dem Eingangsbereich der Kirche.

Auf dem Dach der Kirche wurde ein viereckiger, schiefergedeckter Dachreiter mit Wetterfahne errichtet. Die ursprüngliche Dacheindeckung aus Sandstein wurde im 20. Jahrhundet durch Ziegel ersetzt.

Noch bis zum Jahr 1825 feierte die Waldensergemeinde in Gottstreu die Gottesdienste in französischer Sprache, die aber zunehmend weniger verstanden wurde.

Danach wurde die Kirchengemeinde in Gottstreu der deutsch-reformierten Pfarrei in Oedelsheim als Filialgemeinde angeschlossen.

Restaurierung der Kirche 2008

Im Juni 2008 begann die aufwändige Restaurierung der Kirche, zu einem Grossteil in Eigenleistung durch Einwohner des Ortes. Nach Abschluss der Bauarbeiten erfolgte am 30. August 2009 die offizielle Wiedereinweihung der Waldenserkirche durch Dekan Wolfgang Heinicke.

Die Waldenserkirche vor der Restaurierung
Die eingerüstete Kirche in Gottstreu im Sommer 2008
Planung der Neugestaltung


Literatur

  • Jochen Desel, Hugenottenkichen in Hessen-Kassel, Hofgeismar 1992, S. 100 ff.
  • Thomas Ende u.a., Waldenserdörfer Gottstreu und Gewissenruh 1722-1997, Oberweser 1997, S. 503
  • Thomas Ende, 275 Jahre Waldenserkirche Gottstreu, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 2006, S. 109 ff.
  • Region Kassel Land e.V. (Hrsg.), Unterwegs im Reinhardswald - 52 Wege und Ziele, Wolfhagen 2011

Museum

Waldensermuseum in Gottstreu

Das Waldenser-Museum in der Waldenser Str. 1 im ehemaligen Schulhaus von Gottstreu (gegenüber der Kirche) informiert über den langen Weg der waldenser Glaubensflüchtlinge vom Val Cluson (in den Cottischen Alpen) bis an die Oberweser und die Geschichte der 1722 gegründeten "Franzosendörfer" Gewissenruh und Gottstreu.

In der Zeit von Mai - September ist das Museum jeweils sonntags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Zu dieser Zeit kann auch die benachbarte Kirche besichtigt werden. Besuchergruppen können sich außerhalb der regulären Öffnung auch unter Tel. 05544/912159 anmelden.

Dem Verein der "Waldenserfreunde Gottstreu/ Gewissenruh e. V." (gegründet 1993) ist es besonders zu verdanken, dass die waldensische Tradition am Ort lebendig geblieben ist.

Radwandern und Wandern

Radwandern

siehe auch:

Wandern

Wegzeichen in Gottstreu

Hugenotten- und Waldenserpfad

Die Route des ca. 1800 Kilometer langen Kulturwanderwegs führt von Südfrankreich über Italien und die Schweiz nach Südwestdeutschland und weiter bis nach Bad Karlshafen in Nordhessen. Verbindendes Element ist die Geschichte der Hugenotten und Waldenser, die als französische Protestanten Ende des 17. Jahrhunderts ihr Heimatland Frankreich bzw. Piemont aus Glaubensgründen verlassen mussten.

In Nordhessen verläuft der Pfad durch den Burgwald, den Kellerwald und das nordhessische Bergland.

Er verläuft im Bereich der Eder über Wiesenfeld und Louisendorf, weiter über Leckringhausen nach Hofgeismar (mit den Dörfern Carlsdorf, Friedrichsdorf, Kelze und Schöneberg) und über Gottstreu und Gewissenruh nach Bad Karlshafen.

Wandern im Reinhardswald

Der an Gottstreu angrenzende Reinhardswald bietet zahlreiche interessante Ausflugsmöglichkeiten.

Zwei Etappen des Märchenlandwegs führen von und nach Gottstreu.

siehe auch

Vereine

Das Dorfgemeinschaftshaus in Gottstreu
  • Waldenserfreunde Gottstreu - Gewissenruh | Link

Weblinks




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WappenLkKassel.jpg

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