Georg Friedrich Grotefend (1775 - 1853)

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Es begann mit einer Wette

ENTZIFFERUNG DER KEILSCHRIFT

Georg Friedrich Grotefend (1775 - 1853)

Wohl kaum eine deutsche Stadt - und wahrscheinlich auch kaum eine in Europa - wird nicht auf eine berühmte, bedeutende oder zumindest bekannte Persönlichkeit verweisen können, die in ihren Mauern geboren wurde oder gewirkt hat. Zu den berühmt gewordenen Mündener Kindern gehört Georg Friedrich Grotefend, dem das Gymnasium seinen Namen verdankt. Er wurde am 9. Juni 1775 als sechstes Kind des Schuhmachermeisters Johann Christian und seiner Frau Sophie, geborene Wolff im Hause Ziegelstraße Nr. 39 geboren. Auch sein Großvater Ulrich Grotefend wie der Vater seiner Mutter, Johann Gregor Wolff, waren Schuhmachermeister. Johann Christian Grotefend muss sich eines gewissen Wohlstands erfreut haben, denn er konnte es sich leisten, zwei seiner Söhne, den schon 1766 geborenen Johann Gregor und Georg Friedrich, die Lateinschule in Münden besuchen zu lassen. Der ältere Bruder holte Georg Friedrich 1792 an das Pädagogium im damals noch hannoverschen, heute thüringischen Ilfeld am Südrand des Harzes, wo er seit 1789 Lehrer war. Georg Friedrich bereitete sich dort auf das Studium vor. Ein Pädagogium war zu jener Zeit eine Erziehungs- und Lehranstalt, häufig mit besonderem Schwergewicht auf der lateinischen Sprache. Georg Friedrich Grotefend schrieb sich am 3. Mai 1795 für die Fächer Theologie und Philologie in das Matrikelbuch der Göttinger Universität ein. Studiengebühren brauchte er wegen seiner Mittellosigkeit nicht zu bezahlen. Besondere Förderung erfuhr er durch den Professor für Klassische Philologie (Latein und Griechisch) und Direktor der Universitätsbibliothek, Christian Gottlob Heyne, der sich stark für die Verbesserung des Schulunterrichts einsetzte. Durch seine Vermittlung erhielt Grotefend noch als Student eine Anstellung an der Göttinger Stadtschule, wo er die Schüler der Unter- und Mittelstufe in Latein zu unterrichten hatte. Auch nach Beendigung seines Studiums blieb Grotefend als Lateinlehrer am städtischen Gymnasium in Göttingen. Wiederum durch Heynes Vermittlung ging Grotefend 1803 an das Gymnasium in Frankfurt am Main. Dort lehrte er Latein und Griechisch und unterrichtete in der Literatur der klassischen Antike. Während seiner Frankfurter Zeit gab er zwei lateinische Grammatiken heraus, eine größere zweibändige und eine einbändige für den Schulgebrauch. Außerdem spielte er im Frankfurter Geistesleben eine nicht unbedeutende Rolle. Er wurde 1817 Mitbegründer und Vorsitzender des Frankfurter Gelehrten-Verein für deutsche Sprache, dessen Zweck es sein sollte, beizutragen zur Fortbildung der Muttersprache. Die Schriftenreihe des Vereins eröffnete er mit einer Abhandlung über Dr. Martin Luthers Verdienste um die Ausbildung der hochdeutschen Schriftsprache. Zwei Jahre später gehörte er zu den Gründern der vom Freiherrn vom Stein angeregten Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde, deren Hauptaufgabe die Sammlung und Veröffentlichung der älteren Quellen zur deutschen Geschichte wurde ein Unternehmen, das unter dem Obertitel Monumenta Germaniae historica (Historische Denkmäler Deutschlands) noch heutzutage fortgesetzt wird. Georg Friedrich Grotefend verließ Frankfurt am Main 1821 nach erfolgreicher Bewerbung auf die Direktorenstelle des Lyzeums in Hannover. Dort setzte er neben seiner Tätigkeit im Schuldienst seine wissenschaftliche Wirksamkeit mit zahlreichen Veröffentlichungen fort. Als er 1848 sein 50-jähriges Dienstjubiläum beging, ernannte ihn die Stadt Hannover zum Ehrenbürger und das Unterrichtsministerium des Königreichs Hannover verlieh ihm den damals äußerst seltenen Titel eines Schulrats. Erst ein Jahr später trat er 74-jährig in den Ruhestand. Er starb am 15. Dezember 1853 in Hannover. Georg Friedrich Grotefends Ansehen als Schulmann und die Vielzahl seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen hätten aber wohl nicht ausgereicht, die Erinnerung an ihn lange über seinen Tod hinaus und bis heute wach zu halten. Den ihm eigenen Scharfsinn soll er seit seiner Kindheit bis ins hohe Alter trainiert und zur Aufdeckung verborgener Zusammenhänge genutzt haben. So soll er auch eine besondere Vorliebe für die Lösung von Rätseln und von schwierigen Rechenaufgaben gehabt haben. Diesen Fähigkeiten verdankt er seinen fortdauernden Ruhm, an dessen Anfang eine Art Wette gestanden hat. Zusammen mit einem Freunde, dem Sekretär der Bibliothek in Göttingen, Rafaello Fiorillo, machte Grotefend an einem Julitag des Jahres 1802 einen Spaziergang. Beide gerieten in einen heftigen Wortwechsel über die Frage, ob es möglich sei, eine Inschrift zu entziffern, von der man weder weiß, in welcher Sprache sie abgefasst ist, noch wovon sie berichtet. Grotefend behauptete, dass dies möglich sei, worauf Fiorillo lebhaft erwiderte: Das kannst du mir am besten dadurch beweisen, dass du eine der Keilschriften entzifferst. Gemeint waren die Keilschriften, die in der Zeit seit etwa 2500 v. Chr. von den Sumerern, Babyloniern, Assyrern und anderen Völkern hauptsächlich im Bereich des heutigen Irak und des westlichen Iran verwendet wurden. Grotefend machte sich über die altpersische Keilschrift her, die der Perserkönigs Darius der Große 520 v. Chr. seiner Kanzlei zu erfinden befohlen hatte, weil die Perser seines Weltreiches noch keine eigene Schrift besaßen, als er zur Macht kam. Etwas hastig kam eine Buchstabenschrift von 37 Zeichen zustande, die allerdings auch noch Elemente einer Silbenschrift enthielt. Zur Grundlage für seinen Entzifferungsversuch machte Grotefend sehr schön gezeichnete Keilschriften aus dem gedruckt erschienenen Bericht des Forschungsreisenden Carsten Niebuhr, der 1761 - 1767 im Auftrag des dänischen Königs Friedrich V. den Vorderen Orient bereist hatte. Als Grotefend mit seinen Bemühungen begann, wusste man lediglich, dass ein allein stehender schräger Keil ein Wort-Trenner ist. Anhand des Studiums vieler Inschriften kam er zunächst zu der Erkenntnis, dass sie von links nach rechts zu lesen sind (was nicht selbstverständlich war, wenn man beispielsweise an das Arabische denkt). Danach konzentrierte er sich auf eine Inschrift aus Persepolis, die sich über dem Relief eines Königs befand. Er folgerte zutreffend, dass sie den Namen des Königs (alle, die mutmaßlich in Betracht kamen, waren allerdings in griechischer Schreibweise bekannt) und das Wort König enthalten müsse. Tatsächlich konnte Grotefend diesen Begriff identifizieren. Auch fand er heraus, dass vom Perserkönig Darius I. die Rede war. So gelang es ihm 1802 den Lautwert von zehn Zeichen zu ermitteln. Im Jahr 1815 kam noch ein Zeichen dazu. Zwar hatte Grotefend nur knapp ein Drittel der persischen Keilschriftzeichen bestimmen können, seine Hauptleistung bestand aber in dem von ihm gefundenen Verfahren, das es zehn weiteren Gelehrten ermöglichte, bis 1847 auch die übrigen 26 Zeichen der altpersischen Keilschrift zu entziffern. Da diese aus älteren orientalischen Keilschriften entwickelt worden war, konnten auch sie im Laufe der Zeit entschlüsselt werden. Dr. Johann D. von Pezold

Keilschrift: Sie war von etwa 3200 vor Christus bis zur Zeitenwende im vorderen Orient in Gebrauch, geriet dann aber in Vergessenheit. Grotefend entzifferte sie im Alter von nur 27 Jahren.