Georg Forster

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Georg Forster, Stich nach einem Gemälde von Anton Graff

Johann Georg Adam Forster (* 27. November 1754 in Nassenhuben bei Danzig; † 10. Januar 1794 in Paris) war ein deutscher Naturforscher, Ethnologe, Reiseschriftsteller, Journalist, Essayist und Revolutionär. Einen besonderen Stellenwert in seinem Leben nimmt die Teilnahme an James Cooks zweiter Weltumseglung ein. Er konnte wichtige Erkenntnisse zur vergleichenden Geographie und Ethnologie der Südsee gewinnen und schrieb den ersten wissenschaftlich fundierten Reisebericht, womit er zum Begründer der modernen Reiseliteratur wurde. Als deutscher Jakobiner war er am kurzen Aufflammen der Mainzer Republik mitbeteiligt.

Kindheit und Jugend

Georg Forster wurde am 27. November 1754 in Nassenhuben, einer verarmten Siedlung nahe Danzig, geboren. Er hatte insgesamt sechs jüngere Geschwister – zwei Brüder und vier Schwestern. Georgs Beziehung zu seiner Mutter Justine Elisabeth, geborene Nicolai, die eine Cousine seines Vaters war, war sehr eng. Ganz im Gegensatz zu der Beziehung zu seinem Vater Johann Reinhold Forster, einem Pfarrer und Naturforscher, der als unberechenbar galt und seine Kinder oftmals schlug. Der Vater unterrichtete Georg schon als kleines Kind in den Fächern Latein, Griechisch und Naturkunde. Der erste Besuch einer Schule fand für Georg erst Jahre später, im März 1766 in St. Petersburg, statt, wo er 8 Monate lang, wesentlich gründlicher als zuvor bei seinem Vater, lernte. Sein Lieblingsfach war dabei Statistik, die Lehre vom Staat, der Verfassung und der Wirtschaft.

Der Vater nutzte den begabten Georg schon in jungen Jahren als Gehilfen, den er nicht bezahlen musste und nahm Georg mit auf eine Reise zur Erkundung der Lebensverhältnisse der deutschen Siedler im Bereich der Wolgasteppe. Zum Zeitpunkt der Reise im Auftrag der russischen Regierung war Georg erst elf Jahre alt. Der Rest der Familie wurde in Nassenhuben zurückgelassen.

Während seiner gesamten Kindheit hatte Georg gegen seinen Vater anzukämpfen, einerseits gegen seine Launen, andererseits um aus dem Schatten seines Vaters hervorzutreten. Er selbst schrieb niemals über sein Aufwachsen und zweifelte oft an sich selbst.

Sein Vater verlangte unter anderem von ihm, dass er selbst Geld verdienen und zum Einkommen der Familie beitragen solle. So schrieb Georg sein erstes Buch, die Übersetzung der Geschichte Russlands von Michail Lomonossow vom Russischen ins Englische, mit 13 Jahren. Er zeichnete außerdem im Auftrag des Vaters mehrere Tiere und Pflanzen, die ihnen auf ihren Reisen begegneten. Georg wirkte zwischenzeitlich selbst als Lehrer für Kinder seines Alters in den Fächern Englisch und Französisch, bis er schließlich 1772 als Gehilfe des Vaters seine Reise mit James Cook antrat.

Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg, Gemälde (1780) von John Francis Rigaud

Unterwegs mit James Cook

Im Jahre 1772 bot sich Johann Reinhold Forster die Gelegenheit, an der zweiten Weltumseglung James Cooks als Naturforscher teilzunehmen, um später darüber einen Reisebericht zu publizieren. Dabei stellte er die Bedingung, dass er seinen Sohn Georg als Assistenten und Zeichner auf die Reise mitnehmen dürfe. Johann Forster war der Meinung, dass der achtzehnjährige Georg sich durch die Reise Fähigkeiten und Kenntnisse aneignen könne, die ihm beim Finden einer festen Anstellung als Gelehrter behilflich sein würden. Was Johann Forster jedoch nicht wissen konnte, war, dass ihm später die Admiralität den Auftrag für den Reisebericht entziehen würde und sein Sohn Georg die Geschichte dieser Reise aufschreiben würde, gestützt auf die Aufzeichnungen des Vaters.

Für den jungen Georg begann die Reise, die sein späteres Leben und seine Werke prägte, am Montag, den 13. Juli 1772. Vater und Sohn wurde die Ehre zuteil, sich auf der Resolution, dem größeren der beiden Schiffe, unter Kommando von Kapitän Cook persönlich nieder zu lassen. Das andere Schiff, die Adventure, stand unter Befehl von Kapitän Tobias Fourneaux.

Die Reise dauerte von 1772 bis 1775, wobei die Mannschaften der beiden Schiffe eine Strecke zurücklegten, die der Länge vom dreifachen Erdumfang entspricht.Die Reise ging von Plymouth nach Madeira, zum Kap der Guten Hoffnung, dem antarktischen Zirkel, weiter nach Neuseeland und Tahiti. Es folgte eine zweite Fahrt in die südlichen Breiten, wobei u. a. Neu-Kaledonien entdeckt wurde. Schließlich ging es an Feuerland vorbei zurück nach England.

Von ca. 1100 Reisetagen waren nur etwa 200 für die Forschung an Land übrig. Vater und Sohn erforschten zusammen Regionen, die bisher noch kein Europäer zu sehen bekommen hatte. Die Forsters entdeckten neue Pflanzen und Tiere, sogar eine Pflanzengattung wurde nach ihnen benannt. Es handelt sich dabei um die Gattung forstera, aus der Familie stylidiaceae. Sie stießen auf Einheimische, die nie zuvor einen weißen Mann gesehen hatten. Georg schrieb in seinen Reiseberichten oft von den Eindrücken, die die Einwohner bei ihm hinterließen. So schrieb er z.B. über Tahiti es sei die Königin der tropischen Inseln, deren Bevölkerung sich den Seeleuten gegenüber besonders friedfertig und offen verhielt.

Am Ende ihrer Reise haben Georg und Johann Forster von über 270 neu entdeckten Tier- und Pflanzenarten berichten können. Sie hinterließen außerdem über 500 Zeichnungen von verschiedenen Exemplaren dieser Tier- und Pflanzenwelt. Ihre Reisebeschreibungen wurden für Generationen von Forschern und Schriftstellern ein Leitbild. So sagte auch Alexander von Humboldt: Forster ist der hellste Stern meiner Jugend, durch ihn habe ich eine neue Ära wissenschaftlichen Reisens begonnen.

Nach der Rückkehr erschien 1777 Georgs Reisebericht unter dem Titel A Voyage Round The World, leider jedoch ohne die Zeichnungen. Ein Jahr darauf wurde er in deutscher Sprache unter dem Titel Reise um die Welt herausgebracht.

Der Schriftsteller

Bereits im Alter von 13 Jahren machte Georg Forster mit der Übersetzung Lomonossows Kurze Russische Geschichte vom Russischen ins Englische, die auch eine eigens geschriebene Widmung enthielt, auf sich aufmerksam.

Ruhm und Ehre erlangte er schließlich im Alter von 22 Jahren mit dem ethnologischen Reisebericht A Voyage Round The World (dt.: Reise um die Welt), den er nach der zweiten Weltumseglung des James Cook anfertigte. Die bis dato typische Reiseliteratur war eine Auflistung von Daten. Doch Forster nahm durch seinen ethnologisch und geografisch verfassten Bericht im Prosa-Stil durch seine detailgetreue Darstellung den Leser mit auf eine Reise der Sinne. Mit diesem Bericht leitete er ein neues Kapitel der Reiseliteratur ein und übte starken Eindruck - vor allem auf Ethnologen - aus. Ihm war es schon in dieser Phase wichtig, mit Hilfe sachlich fundierter Beobachtungen, die Menschen und ihre Umgebung in ihrem räumlichen und zeitlichen Kontext darzustellen. Georg Lichtenberg schrieb 1791 über Forsters Ansichten vom Niederrhein: Ich lese es als ein Buch über den Menschen. Er selbst gab Die Darstellung des Idealschönen durch eine Auswahl von Ereignissen zur sittlichen Formung des Menschen als Ziel der Kunst aus. Dabei zielte er auf Selbstbestimmung und Selbstvervollkommnung des Individuums.

Georg Forster umschrieb als detailorientierter Naturforscher immer wieder die Schönheit der Natur, aber rückte den Menschen in den Mittelpunkt und übertrug somit auch die Verantwortung für seine Welt und seine Freiheit in die Hände des Menschen. Der Staat sollte dabei lediglich die Funktion haben Hindernisse aus dem Wege zu räumen, welche der freien, willkürlichen, unbedingten Thätigkeit eines jeden Bürgers im Staate entgegen stehen.

Das Reisen spielte auch weiterhin eine eminent wichtige Rolle in Forsters Leben, so begeisterte er sich u.a. für eine Russlandexpedition, deren Leitung er übernehmen sollte. Die Expedition wurde jedoch 1787, noch vor Forsters Antritt, aufgrund des Ausbruchs des Russisch-Österreichischer Türken Krieg wieder abgesagt. Georg veröffentlicht regelmäßig Aufsätze über Forschungs- und Entdeckungsreisen, z.B. über die dritte Weltumseglung des James Cook, an der er selbst allerdings nicht teilnahm. 1790 unternahm er gemeinsam mit Alexander von Humboldt eine mehrmonatige Reise. Auf seiner Reiseroute lag der Schwerpunkt auf dem Niederrhein, aber auch Teilen Frankreichs, Englands und der österreichischen Niederlande. Aus den dort gesammelten Eindrücken ging das oben genannte Werk Ansichten vom Niederrhein hervor.

Auch beschäftigte er sich immer wieder mit Übersetzungsarbeiten, so z.B. des indischen Dramas Sakontala und verfasste Schriften zu politischen Geschehnissen, u.a. zur französischen Revolution. Er verfasste Aufsätze zur Naturkunde, sowie zur Kunst, Ästhetik, Sprache, Literatur, Philosophie und Zeitgeschichte.

Der Pfeil markiert Georg Forsters zweite Wohnung in der Waisenhausstraße, Stadtplan von 1803
Der Pfeil markiert Georg Forsters zweite Wohnung in der Waisenhausstraße, Luftaufnahme von 1935

Leben in Kassel

Am 1. Dezember 1778 traf Georg Forster, 24jährig, in Kassel ein[1]. Zwei Tage später begegnete er im Kunsthaus (heute Ottoneum) Landgraf Friedrich II., der ihn am 12. Dezember 1778 zum Ehrenmitglied der Société des Antiqués ernannte. Forster hielt am selben Tag seine Antrittsrede. Am 16. Dezember 1778 wurde er zum ordentlichen Professor und Lehrer der Naturkunde am Collegium Carolinum ernannt[2]. Er trat seine Stellung im April 1779 an[3]. Er lehrte Geographie und die deutsche Sprache und hielt Vorlesungen über Naturgeschichte. Im März 1780 übernahm er die Aufsicht am Naturalienkabinett[4]. Im Mai 1781 wird Forster Mitglied der Hessen-Kasselischen Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste. Im Gegensatz zu seiner Verbundenheit mit dem Société des Antiqués, was auch nach dem Verlassen Kassels nachgewiesen werden kann, soll Forster dieser Mitgliedschaft wenig Wert beigemessen haben[5]. Am 2. Januar 1784, wenige Monate bevor er Kassel für immer verließ, stieg er zum Prorektor am Collegium Carolinum auf[6]. Forster war Mitglied des Rosenkreuzer Ordens (Eintritt November 1779[7]) und der Freimaurerloge „Zum gekrönten Löwen“ (Eintritt Dezember 1778[8]). Er distanzierte sich jedoch ein halbes Jahr vor dem Ende seiner Kasseler Zeit von der Freimaurerei und den Rosenkreuzern. Am 12. Mai 1784 erhielt er vom Landgrafen seine Entlassungsurkunde[9]. Seine akademische Laufbahn in Kassel war vor allem dadurch geprägt, dass er einen großen Mangel an Fachliteratur beklagte und sich gezwungen sah, sehr oft nach Göttingen zu reisen, wo es eine relativ gut ausgestattete Bibliothek gab[10]. Hinzu kam eine Neuordnung der Kasseler Bibliothek im Jahr 1779, die ein regelrechtes Chaos hinterlassen haben soll[11].

Nach seiner Ankunft in Kassel wohnte Forster zunächst in der Königsstraße in der Kasseler Oberneustadt[12]. Hier lebten vor allem die Gelehrten, die Künstler und bürgerliche Beamte. Auch das Palais der landgräflichen Familie sowie anderer Adeligen waren in der Nähe der ersten Behausung Forsters[13]. Sein engster Vertrauter in Kassel war der Anatom Samuel Thomas Sömmering[14], der im Neuen Anatomischen Theater eine Anstellung fand und im selben Gebäude wohnte. Man geht davon aus, dass Forster den Komfort und die bessere Lage seiner ersten Unterkunft aufgab, um in die Nähe Sömmerings zu ziehen. Seine zweite Wohnung in Kassel war das Haus Nr. 1008 in der Waisenhausstraße in der Unterneustadt. In diesem Stadtteil lebte vor allem die damalige „Unterschicht“[15].

Auf seiner Reise mit James Cook erkrankte er an Skorbut, was ihn während der gesamten Zeit in Kassel und sein restliches Leben plagte[16]. Zudem waren es die Schulden, die sein Leben in Kassel überschatteten[17]. Man kann seinen Schuldenberg auf mehrere Umstände zurückführen[18]: Da sind zum einen die Aktivitäten bei den Rosenkreuzern, die Ausgaben für Bücher, die Postgebühren, die Reisen zur Göttinger Bibliothek und zum anderen seine Unfähigkeit, mit seinem Einkommen richtig umzugehen, was er sich auch eingestand.

Georg Forster und die französische Revolution

Revolutionen wurden als Umwälzungen verstanden, die einen unumkehrbaren gesellschaftlichen Wandel einleiteten und erstrebenswerte Ziele wie Emanzipation, Freiheit und Fortschritt verwirklichten. So mag das auch Forster gesehen haben. Um die Fortschritte der französischen Revolution mit eigenen Augen zu sehen, unternahm er im Frühjahr 1790 eine Reise, die ihn fort aus Mainz und über verschiedene Stationen schließlich nach Paris führte. Dort legte Forster zuerst wie gewöhnlich sein Hauptaugenmerk auf das soziale Verhalten der Menschen: Bei den Franzosen meinte er eine besondere Leichtigkeit wahrzunehmen und eine Gleichgültigkeit gegenüber Bequemlichkeit und Luxus.

Zurück in Mainz ärgerte sich Forster sehr darüber, dass man im Fürstentum so strohdumm über die Revolution räsoniere, dass man sich mit Ekel wegwenden müsse.[19] Im Gegensatz zu anderen Gelehrten war er sicher, dass die Revolution andauern werde. Trotz seiner positiven Meinung über die Vorgänge in Paris hielt er an der Meinung fest, dass die Deutschen (wegen ihrer zurückgebliebenen sozialen Verhältnisse) nicht reif seien für eine Revolution.

Am 21. Oktober 1792 wurde Mainz durch die französische Revolutionsarmee unter Führung von General Custine besetzt. Schnell bildete sich ein Jakobiner-Klub und Forster, der bis zuletzt auf einen preußisch-französischen Kompromiss gehofft hatte, entschied sich nach umständlichen Überlegungen in Mainz zu bleiben und sich dem Klub anzuschließen.

Am 15. November 1792, zehn Tage nach seinem Beitritt zum Klub, hielt Forster dort seine große Rede Über das Verhältnis der Mainzer gegen die Franken, die ihn über Nacht zu einem der meist gehassten Menschen in Deutschland machte. Im Verlauf der Rede bezeichnete er u.a. den Rhein als natürliche Grenze Frankreichs ergriff generell stark Partei für die Franzosen.

Frei sein und gleich sein, der Sinnspruch vernünftiger und moralischer Menschen, ist nunmehr auch der unsrige geworden. [...] Dass wir diese Sprache reden, wem andern verdanken wir es als den freien, den gleichen, den tapferen Franken?[20]

Die Rede war Anlass dafür, dass viele Freunde sich von ihm abwendeten und brachte ihm auch die Missbilligung von Kaiser Wilhelm II. ein: er bezeichnete Forster als Verräter an Preußen. Forster konterte: Er ein Preuße? Er haben seinen Geburtsort in Polnisch-Preußen verlassen, ehe er unter königlich-preußische Botmäßigkeit geraten sei. Er habe in England gelehrt, in Kassel, in Wilna, in Mainz. Wo er jedes Mal war, habe er sich bemüht ein guter Bürger zu sein; wo er war, habe er gearbeitet für das Brot, das er erhalten habe. Ubi bene, ibi patria müsse der Wahlspruch des Gelehrten bleiben.[21]

1793 beteiligte sich Forster aktiv an der Gründung der Mainzer Republik – zwar ein Kleinstaat wie viele andere, doch der erste Staat der Deutschen, in dem die Menschenrechte gelten sollten. An seinen Vater schrieb er, er sei nun Untertan – nein, das Wort ist hier verbannt –, Bürger der französischen Republik und eine von neun Personen, welchen die Administration der neuen, eroberten Departements, von Speyer bis Bingen, anvertraut ist.[22] Am 17. März 1793 trat der erste frei gewählte rheinisch-deutsche Nationalkonvent erstmals zusammen und wählte Forster, der sein Amt zuvor provisorisch von der Besatzungsmacht erhalten hatte, nun auch offiziell zum Vizepräsidenten. Vier Tage später wurde vom ersten deutschen Parlament die Angliederung der rheinisch-deutschen Republik an Frankreich beschlossen. Eine Delegation von drei Männern, darunter Forster, wurde ausgewählt den Beschluss, sich brüderlich und unzertrennlich[23] mit den Franken zu vereinen, der Nationalversammlung in Paris vorzutragen. Am 30. März 1793, noch während Forsters Abwesenheit, wurde Mainz von den gegenrevolutionären Truppen zurückerobert und schon im Juli verschwand die Mainzer Republik, die nur 250.000 Menschen umfasst hatte, mit dem Abzug der Franzosen. Über Forster wurde durch Kaiser Franz II. die Reichsacht verhängt und Kopfgeld ausgesetzt, sodass er nicht mehr nach Mainz zurückkehren konnte. Abgeschieden von der Heimat verblieb Forster in Frankreich und beklagte sich in Briefen an seine Ehefrau Therese darüber, dass seine Reputation als Gelehrter und Schriftsteller in Deutschland nichts mehr gelte. Alles, was er unternommen habe, sei fehlgeschlagen. Er fange die Welt gleichsam von neuem an. Er würde alles annehmen, was die Franzosen ihm böten, sogar eine Mission nach Ost-Indien.

Die Unterschiede zwischen der idealistischen Theorie und der grausamen Praxis der Revolution erkennend schrieb Forster an Therese: Oh, seitdem ich weiß, dass keine Tugend in der Revolution ist, ekelt mich´s an.[24] Wenn man nicht verfolgen, denunzieren und guillotinieren lassen kann, ist man nichts. Kurz, zum ersten Mal in meinem Leben helfen mir alle meine Hilfsmittel nichts und ich stehe so verlassen da wie ein Kind, das keine Kräfte hat sich selbst zu ernähren.[25] Zuletzt nahm Forster die Arbeit an seiner Darstellung der Revolution in Mainz wieder auf, die jedoch unvollendet blieb, denn er schreibe, was er nicht mehr glaube.[26] Georg Forster starb am 10. Januar 1794 allein und mittellos in Paris, nachdem er, wie bereits während seiner Reise mit James Cook, erneut an Skorbut erkrankt war. Wo er begraben wurde, ist nicht bekannt.

Nachwirken

In Kassel erinnern die Georg-Forster-Straße (seit 1985) auf dem Campus und die Georg-Forster-Gesellschaft (seit 1989) deutlich an diese bedeutende Persönlichkeit. Doch warum sind die Beobachtungen, die Forster im 18. Jahrhundert machte und in Form von Reiseliteratur festhielt, selbst im 21. Jahrhundert noch so bedeutend? Es finden fast jedes Jahr Tagungen oder Vorträge in Kassel statt, in denen Historiker und Ethnologen sich mit den umfangreichen Reise-Dokumentationen Forsters beschäftigen. Es liegen außerdem eine Reihe von Tagebüchern und persönlichen Briefen dieses ersten Südsee-Experten vor.

Es gibt zwei Ausgangsrichtungen aus denen man sich mit Forster beschäftigen kann: Sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus persönlich nachvollziehender Sicht haben Historiker und Ethnologen versucht, sich den Aufzeichnungen einer der aufregendsten Persönlichkeiten des späten 18. Jahrhunderts anzunehmen.

Einerseits als Künstler und Mensch seiner Zeit, andererseits als Kulturwissenschaftler (Naturforscher, Völkerkundler) und schließlich als philosophisch denkender Revolutionär verfasste Georg Forster ein Werk, dessen Reiz sich auf Forsters herausragende weltgeschichtliche Stellung als Pionier und seine besondere einfühlsame Weise gründet, mit der er in die „Neue Welt“ intellektuell vordrang und sie aus Sicht eines Europäers, aber stets aus abwägender und nachdenklicher Distanz, analysierte.

Bei seinen Erfahrungen handelte es sich um für seine Zeit erstaunliche, neuartige Dinge: eine fremd erscheinende Kultur, undurchschaubare kulturelle Zusammenhänge, die es zu verstehen oder zumindest einzuschätzen und richtig einzuordnen galt, um reflektiertes (bzw. gerechtfertigtes) Handeln und Entscheiden möglich zu machen.

Die Frage nach dem Eigenen und Fremden ist für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts maßgeblich. Georg Forster war ein Verfechter der Demokratie. In dieser Hinsicht war er ein Revolutionär, aber kein Aktivist. Ihn interessierten mehr die theoretischen und philosophischen Hintergründe einer anderen Politik als der bewaffnete Widerstand. Ihn beschäftigte die Frage nach einer Legitimation von zivilisatorischer Gewalt. Heute kann diese Frage aufgegriffen werden, indem man zum Beispiel versucht zu erörtern, ob kultureller Fortschritt unausweichlich an Gewalt gekoppelt ist.

Forsters produktive Kraft bestand in dem ständigen Wechsel seiner Perspektive, die ihn auch für heute noch interessant macht. Er fühlte sich ständig hin- und hergerissen zwischen einer Durchsetzung der für seine (die europäische) Gesellschaft wichtigen Ideen (wie die Legitimation von zivilisatorischer Gewalt) und der moralischen Rechtfertigung dieser im Hinblick auf die Rechte der Ureinwohner: Wer sind denn nun die Barbaren? Die Südsee-Indianer oder die europäischen Weltensegler?

Weiterhin hinterließ Forster als Mensch seiner Zeit und Gelehrter des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine Einsicht in die Kulturlandschaften seiner Zeit, wie z.B. das Geistesleben in Kassel.

Einzelnachweise

  1. Casselische Policey- und Commercien-Zeitung 1778, St. 49, 7. Dezember, S. 763
  2. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 116
  3. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 118
  4. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S.124
  5. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 32
  6. Hessische Beiträge zur Gelehrsamkeit und Kunst, Bd. 1, 1785, St. 1, S. 182
  7. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 90
  8. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 88
  9. Hessische Beiträge zur Gelehrsamkeit und Kunst, Bd. 1, 1784, St. 3, S. 371
  10. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 18ff
  11. Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 5, 1885, S. 309-43
  12. Hochfürstlicher Hessen-Casselischer Staats- und Adreß-Calendar auf das Jahr Christi 1781, Kassel 1781, S. 9
  13. Bödecker, Hans Erich: Strukturen der Aufklärungsgesellschaft in der Residenzstadt Kassel. In: Mentalitäten und Lebensverhältnisse. Beispiele aus der Sozialgeschichte der Neutzeit. Rudolf Vierhaus zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Mitarbeitern und Schülern. Göttingen 1982, S. 61
  14. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 11
  15. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 13f
  16. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 9
  17. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 17
  18. Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754 – 1794). Die Kasseler Jahre: Texte – Materialien – Dokumente, S. 18ff
  19. Harpprecht, Klaus: Georg Forster oder die Liebe zur Welt. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1990. S.459
  20. Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich: Georg Forster. In: Kasseler Universitätsreden. Heft 6. Kassel: o.V. 1988. S.41
  21. Harpprecht, K.: Georg Forster oder die Liebe zur Welt. S.507-508
  22. Harpprecht, K.: Georg Forster oder die Liebe zur Welt. S.518
  23. Harpprecht, K.: Georg Forster oder die Liebe zur Welt. S.546
  24. Schmied-Kowarzik, W.: Georg Forster. S.47
  25. Harpprecht, K.: Georg Forster oder die Liebe zur Welt. S.564
  26. Harpprecht, K.: Georg Forster oder die Liebe zur Welt. S.580


Quellen- und Literaturverzeichnis

  • Harpprecht, Klaus: Georg Forster oder die Liebe zur Welt. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1990.
  • Kasseler Hochschulbund: Kasseler Hochschulwoche 15. Georg Forster (1754-1794). Die Kasseler Jahre. Texte - Materialien - Dokumente. Kassel: Jenior&Preßler 1990.
  • Prinz, Alois: Das Paradies ist nirgendwo. Die Lebensgeschichte des Georg Forster. Weinheim: Beltz&Gelberg 1997.
  • Rasmussen, Detlef: Der Weltumsegler und seine Freunde. Tübingen: Gunter Narr 1988.
  • Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich: Georg Forster. In: Kasseler Universitätsreden. Heft 6. Kassel: o.V. 1988.
  • Steiner, Gerhard: Georg Forster. Stuttgart: J.B. Metzler 1977.



Artikel und Pressemitteilungen aus dem Archiv der HNA

  • Georg Forster, 04.05.1985
  • Fortschrittliches Denken, Pressemitteilung, 02.10.1995
  • Vortragsreihe: Einheit der Menschen, Vielheit der Kulturen, Pressemitteilung, 27.04.1996
  • Scherenschnitt im 20. Jahrhundert, 20.06.2000
  • Mit Captain James Cook um die Welt, 25.06.2001
  • Ein Pionier, der gerne verdrängt wurde, 27.11.2004
  • Vortrag über Naturforscher Georg Forster, Pressemitteilung, 18.04.2005
  • Komplexe Forscherpersönlichkeit (aus dem Archiv, ohne Datum)

siehe auch

Weblinks